Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 818 Nr. 46 Dr. Blvch's Wochenschrift. Wahlbesprechung der israelitischen Culkusgemeinde von Wien. Vorsitzender: Präsident kaiserl. Rath Heinrich Klinger: Mittwoch, den 14. Novembe, Abends 6 Uhr, fand im Musikvereinssaale aus Anlaß der bevorstehenden Cultuswahlen eine vom Vorstande einberufene Versammlung der Wähler der israelitischen Cultusgemeinde zum Zwecke der Wahlbesprechung statt. Die Versammlung verlief äußerst stürmisch, Parteien und Gegensätze stießen auf einander, es gab überaus heftige Scenen, und nur der hohen Verehrung, welche man in allen Parteilagern dem Präsidenten entgegenbringt, seiner bewunderungswürdigen Ausdauer und Energie ist es zu danken, daß die Versammlung nicht einen frühzeitigen Schluß gefunden und ihre Aufgabe zu Ende führen konnte. Bei aller leidenschaftlichen Erregtheit waren nicht blos die Wortführer der Parteien, sondern sämmtliche Theilnehmer der Versammlung beflissen, dem Vorsitzenden ihre Liebe und Anhänglichkeit oftentattv zu bekunden, sein Name wurde wiederholt mit stürmischem Beifalle acclamirt, damit er die Bürde des Amtes, welches er seit Jahren mit bewunderungswürdigem Tacte und mit stets opferfreudiger Hingebung an der Spitze dieser Großgemeinde ausübt, auch für die Zukunft, trotz seines schwankenden Gesundhettszustandes, wieder übernimmt. Gemeinderath Lucian Brunner wünschte, daß die Versammlung aus ihrer Mitte ein Präsidium für den heutigen Abend bestimme und einstimmig wurde Herr kaiserl. Rath Heinrich Klinger zur Leitung der Versammlung gewählt. Mit kurzen Dankesworten für die einhellige Wahl begrüßte er die erschienenen Gemeindemttglieder, und als er in die von vielem Beifalle unterbrochenene Ansprache die Bemerkung einflocht: Es sei wohl zum letzten Male, daß er als Präsident der Wiener Cultusgemeinde in einer Wählerversammlung seiner Glaubensgenossen den Vorsitz führe — da bemälyttgte sich der Herzen Aller eine tiefe Bewegung. „Sechzehn Jahre", so fügte er hinzu, „sei er bereits im Vorstande thätig, seit vier Jahren fungire er als Präsident, wahrlich er schätze diese Ehre nicht gering, allein sein vorgerücktes Aller und seine schwankende Gesundheit zwingen ihn zu der Erklärung, daß er um das Mandat sich nicht mehr bewerbe. (Lebhafte Ohorufe.) Er befinde sich da in einem Widerstrett der Gefühle, da einerseits Gesundheitsrücksichten es ihm versagen, sich um ein Mandat zu bewerben, andererseits aber Freunde der Gemeinde ihm als Pflicht Vorhalten, die begonnene Reorganisation durchführen zu helfen. (Lebhafte Zustimmung.) Der Präsident sprach sein tiefstes Bedauern aus über die traurige Indolenz und Theilnahmslosigkeit, welche ein bedeutender Theil der Gemeinde den allgemeinen jüdischen Jntereffen gegenüber an den Tag legt, und in eindringlichen Worten richtete er an die Parteien die Ermahnung, angesichts der ernsten Zeiten, in denen wir leben, der Gefahren, die von allen Seiten uns bedrohen, einig zu bleiben und die Eintracht zu bewahren. Der Präsident betont, daß er, weil lange Zeit im öffentlichen Leben stehend, eine maßvoll gehaltene Kritik gewiß nicht scheue, und nichts sei so sehr beklagenswerth, als Indolenz. Darum habe er, als er im Herbste des vorigen Jahres unter Zustimmung der Vorstandscollegen anläßlich der Finanzlage der Gemeinde mit hervorragenden Gemeindemitgliedern Enqueten abgehalten und es ihm dabei , gelungen sei, diese bisher fernstehenden Herren für das Gemeindeintereffe zu erwärmen und deren Zusage entgegenzunehmen, daß sie nicht nur materiell, sondern persönlich thatkräftig mitzuwirken bereit seien, dies als einen Erfolg betrachte. (Lebhafte Zustimmung.) Der Präsident gedenkt dankbar der thatkräftigen Mitwirkung seiner Vorstandscollegen, die pflichteifrig dem Dienste der Gemeinde sich gewidmet, und fügt hinzu, indem er auf den Rechenschaftsbericht verweist, daß die Leistungen nur möglich waren unter Zuhilfenahme unserer hochansehnlichen Tempel- und Humanitätsvereine, und ich bin ihrer Zustimmung gewiß, wenn ich all den Männern und Frauen den Dank ausspreche, welche unentwegt in opferfreudiger Weise der Humanität in unserer Gemeinde sich widmeten. Ich bin überzeugt, daß Sie Ihren Dank diesen Unermüdlichen nicht versagen. (Lebhafte Zustimmung.) Danken muß ich aber auch unserem eigenen Bethausvorstand, der in erfolgreicher Weise seines Amtes waltet, und nicht zuletzt dem wackeren Beamtenkörper, obenan unserem kaiserl. Rath Dr. Lieben und Amtsvorstand Wiener. (Beifall). Indem der Präsident die Abwesenheit des wegen Unwohlseins ferngehaltenen Vicepräsidenten Herrn Dr. Gustav K o h n entschuldigt und bemerkt: „Sie können sich, meine Herren, wohl denken, wie schmerzlich es dem Manne, der opferwillig und hingebungsvoll für die Gemeindeintereffen unentwegt arbeitet, sein mag, am heutigen Abend nicht anwesend sein zu können" (Beifall), läßt er hierauf ein Schreiben des zweiten Vicepräsidenten k. k. Landesschulrath Dr. Gustav K o h n zur Verlesung bringen, in welchem dieser sein Fernbleiben von der heutigen Versammlung wegen Unwohlsein entschuldigt und die Erklärung beifügt, daß, wenn die Wähler ihn neuerdings mit ihrem Vertrauen beehren, er wie bisher bereit sei, dem Rufe zu folgen und dem Dienste des Judenthums sich zu widmen. (Lebhafter Beifall.) Cultusvorsteher Emanuel Hosfmann stellt sich den Wählern vor, um in wenigen Worten seine neuerliche Bewerbung um das Mandat — mit dem Hinweise auf seine zehnjährige Thätigkeit als Mitglied des Wiener Cultusvorstandes und seine 24jährige Thätigkeit im Vorstande der Gemeinde Währing — zu empfehlen. Cultusvorsteher Dr. Berger: Als ich vor vier Jahren durch Ihr Vertrauen in den Cultusvorstand berufen wurde, war ich keinen Augenblick darüber im Zweifel, welchem Zweige der Verwaltung ich meine Thätigkeit widmen solle. War ich doch stets der Ansicht — und bin es noch heute — daß die Pflege von Cultus und Unterricht zu den vornehmsten Aufgaben jeder Cultusgemeinde gehört. Getreu dieser Anschauung habe ich meine schwachen Kräfte in den Dienst der I. und ll. Section gestellt, über deren Wirken ich in Kürze Bericht zu erstatten mir erlaube. Der I. Section obliegt die Fürsorge für die rituellen Institutionen der Gemeinde. Daß es diesfalls bei uns nicht zum Besten bestellt ist, ist ein öffentliches Geheimniß. Dank der Initiative unseres ehrwürdigen Rabbinates wurden nach eingehender Berathung Beschlüsse gefaßt, welche die Behebung der obwaltenden Uebelstände bezwecken. Diese Beschlüsse wurden vom Plenum sanctionirt — allein der Durchführung stehen derzeit noch Hindernisse — theils technischer Natur — entgegen. Es sind jedoch Verhandlungen im Zuge, welche die Beseitigung der Hindernisse bezwecken. Hoffentlich wird es dann gelingen, die schon allzulange bestehenden Uebelstände zu saniren. Der weitaus größte Theil der Sectionsthätigkeit umfaßt das Gebiet des öffentlichen Cultus. Die Verwaltung der Gemeindebethäuser — die Obsorge über die Vereinsbethäuser — die Bewilligung neuer Andachtsstätten — die Förderung von Tempelbauten — all' dies stellt an die Arbeitslust der Sectionsmitglieder nicht unerhebliche Anforderungen. Die Vereinsbethäuser bilden bekanntlich einen nicht unerheblichen Factor des öffentlichen Cultus. In den Vereinsbethäusern wird für alle in der Gemeinde üblichen Ritualformen Sorge getragen — ihre Leitung hat es verstanden, den Sinn der Gemeindemitglieder für Religionsübung zu wecken und wach zu erhalten. Es ist daher nicht blos ein Act der Dankbarkeit, sondern eine Forderung der Gerechtigkeit, daß der Cultusvorstand die Vereinsbethäuser nach Kräften fördere. Die Förderung erfolgt hauptsächlich durch Subventionen, deren Höhe von Jahr zu Jahr im Steigen begriffen ist. Ebenso wurden für Tempelbauten in der abgelaufenen Periode erhöhte Subventionen bewilligt, womit den besonderen Verhältnissen der betreffenden Bezirke Rechnung getragen wurde. Neben den ständigen Bethäusern wird an den hohen Feiertagen für die Errichtung temporärer Andachtsstätten gesorgt. Die notorischen Uebelstände, welche mit der Ueberlassung derartiger Andachtsstätten an Privatunternehmer verbunden sind, haben nothwendig die Anschauung gezeitigt, daß es Sache der Cultusgemeinde sei, diese gauze Action selbst in die Hand zu nehmen und für die Befriedigung des diesfalls auftauchenden religiösen Bedürfnisses selbst zu sorgen. Die Ausführung dieser Idee wird dem künftigen Cultusvorstande überlassen bleiben. In der Unterrichtssection wurde auf Grund der Vorarbeiten hervorragender Fachmänner ein neuer Lehrplan verfaßt und durch Einführung einer neuen Instruction die Durchführung den Intentionen des Cultusvorstandes entsprechend gesichert. Es wurde ein Lehrercurs ins Leben gerufen, welcher pädagogisch geschulte Religionslehrer heranzubilden berufen ist; es wurde eine neue Prüfungsordnung beschlossen, welche Garantien dafür