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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Ut. 45 Dx. Blocht WochenschriN. Seite 915 wohntes. Ist es doch allgemein bekannt, daß der Jude am Samstag „Kugel" essen und im B'tt liegen muß. Das ist eine Thatsache, und galt dieselbe für ebenso natürlich, wie Jankiel's Anwesenheit und Dienstbeflissenheit an den übrigen sechs Tagen der Woche. Das ist nun einmal der Lauf der Welt, und war die ganze Lebensweise der Herrschaften danach eingerichtet; insofern nämlich, als Jankiel alle möglichen Bestellungen und Geschäfte am Freitag Nachmittag zu erledigen pflegte. Indessen sind elementare Katastrophen nicht vorauszusehen, und so ereignete es sich an einem Samstag, daß der Gutsherr Plötzlich eine größere Summe Geldes haben mußte. Er konnte sich nicht anders helfen: er ließ anspannen, und fuhr in das Städtchen, Jankiel aufzusuchen. Es war um die vierte Nachmittagsstunde, — das Städtchen war wie ausgestorben. Der Marktplatz, auf dem es sonst von langen, schwarzen Röcken und bunten Bauernanzügen zu wimmeln Pflegte, war verödet; nur hie und da saßen auf den Schwellen der Häuser jüdische Frauen und unterhielten sich halblaut miteinander; in ihrer Nähe spielten, sorgsam bewacht, ihre Kinder. Stille und Leere herrschte überall. „Das ist mal," dachte der Schlachziz. „die Canaillen geni«ßen das Leben. Essen sich satt mit Fischen und „Kugel", singen „Majufes", und wollen dann unter ihren Federbetten nicht hervorkriechen . . ." Er ließ sich in eine der ärmsten, schmutzigsten Seitengassen fahren — Walek kannte den Weg vorzüglich — und vor einem verfallenen Häuschen blieb der Wagen stehen. Dort wohnte Jankiel. Doch auch hier war die Thür geschlossen und kein Laut ließ sich aus dem Innern vernehmen. „He!" rief der Kutscher, mit einer Stimme, welche sonst die Schänke erzittern machte, „Ist Jemand da?" Keine Atltwort. An jedem anderen Tage Pflegte sich um den herrschaftlichen Wagen eine Menge Inden und Jüdinnen zu versammeln, insbesondere eine schreiende, schmutzige, gegenseitig sich stoßende Kinderschaar; aus dem Häuschen stürzte Jankrel's Frau mit einem halben Dutzend hoffnungsvoller Sprößlinge, — heute rst es öde und still. Einige Jungen starren den Wagen von Weitem an, einige Frauen blicken neugierig zu den Fenstern hinaus; im Uebcigen macht das Gefährt gar keinen Eindruck, und die Thür von Jankiel's Haus bleibt verschlossen. Sogar das eigenhändige Klopfen des gnädigen Herrn erzielt nicht das Oeffnen derselben. „Haben sich mit ihrem Rosinenwein betrunken, oder sonst was!" brummt der im höchsten Grade aufgeregte Schlachziz. Die Möglichkeit, daß Jankiel einmal nicht zu seiner Verfügung sein sollte, konnte er gar nicht fassen. „Gnädiger Herr," redete ihn plötzlich ein sauber gekleideter Knabe an, „Jankiel ist jetzt nicht zu Hause." „Wo ist er denn, mein Lieber?" fragte der erstaunte Herr. „In der Synagoge." „In der Synagoge?" Das Erstaunen des Herrn steigerte sich, mehr noch seine Aufregung. Er fand es sehr respectwidrig, daß Jankiel in der Synagoge war, wenn er, er! seiner bedurfte. „Und könntest du mich nicht zu ihm geleiten? fragte der Gutsherr, ungeduldig, sein Geschäft zu erledigen. „Warum nicht?" ' Der Schlachziz befahl Walek, er solle mit den Pferden in der Schänke warten, und folgte seinem Führer. Nachdem sie durch einige schmutzige, winkelige, verödete Straßen gegangen waren, blieb der Knabe vor einem Hause stehen, das sich durch nichts von den anderen seiner Umgebung unterschied. Der von den Mauern stellenweise herabfallende Mörtel ließ häßliche, rothgelbe Wunden sehen, die Fensterscheiben waren blind, das Dach war mit verschiedenfarbigen Schindeln, sogar mit Stroh gedeckt. Dieses niedrige, baufällige, mit Mühe und dem letzten Ueberrest des Willens aufrecht erhaltene Gebäude sprach von dem unendlichen Elend eines Volkes, welches selbst für dasjenige, was es am heißesten liebte, wofür es so häufig sein Herzblut vergossen hatte, keine andere Stätte finden konnte. „Das ist euer Gotteshaus?" Der Schlachziz konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Sehr schön, reizend... Warum aber ist es hier so still, so ruhig.. In der That, warum? Ist doch der Höllenlärm, der immer aus der Synagoge dringen muß, schon sprichwörtlich geworden. Der Knabe antwortete nicht. Er führte den Gast in den Flur und fragte: „Soll ich Jankiel rufen?" „Ich bitte." Der Gutsherr griff in die Tasche und reichte dem Knaben einige Geldstücke. Der Knabe trat einen Schritt zurück. „Ich danke, gnädiger Herr. Ich darf heute kein Geld nehmen." Noch hatte sich der Schlachziz von seinem Erstaunen nicht erholt, als sein Auge von einem ungewohnten Anblick gefesselt wurde. Durch die offengebliebene Thür sah er eine dichtgedrängte, in Nachdenken und Andacht versunkene Menge. In der Tiefe des niedrigen Zimmers, unmittelbar am Fenster, saß, durch einen Halbkreis von seinen Geführten getrennt, dieselben gleichsam beherrschend, — Jankiel. Jetzt war sein Haupt nicht gebückt, die Augen hatten nicht den Ausdruck eines geschlagenen oder schmeichelnden Hundes, die ganze Gestalt machte nicht den Eindruck, als ob sie ein schweres Joch trüge. Inmitten seines gelben Gesichtes flammten die Augell wie zwei Sterne, die magere Hand strich über den schwarzen Bart und hob sich, beweisführend, in die Luft, den Lippen entströmten eigenartige, unbekannte Worte, mit einem eigenartigen, unbekannten Ton. Es klang wie Musik, und daun wieder wie ein mächtiger, keinen Widerspruch duldender Befehl. Die Thür wurde geschlossen. Der Schlachziz stand da. wie festgewurzelt. Er traute seinen Augen nicht. „Ist das ... aber das kann nicht sein .. ." dachte er. „Mein Makler... und doch nicht er... Wie? Ist er vielleicht Rabbinergehilfe?" Plötzlich brach er in lautes, dröhnendes Lachen aus. r:.;> „Das ist ja eine helle Pracht!", lautete der ungesprochene Text zu diesem Lachen. „Mein Makler tritt hier als Lehrer oder Prediger auf! Er lehrt wahrscheinlich, was er selber nicht versteht, oder vielmehr, was er zu gut versteht! Und einen Augenblick später wird er sich vor mir bücken, und dieselben Lippen, die soeben edle Sätze ausgesprochen, werden den Staub vor meinen Füßen wegkeyren! Und habe ich da nicht Recht, wenn ich das ganze Gelichter so behandle?!..." Diese Gedanken wurden durch die Rückkehr des jungen Burschen unterbrochen. Er trat aus dem Bethause und sagte leise : „Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, aber Jankiel wird nicht kommen." „Was soll das heißen?", rief der Schlachziz empört mit dröhnender Stimme. „Er... er will am Samstag nicht von Geschäften sprechen. Und will auch das Bethaus nicht verlassen. Er... lehrt jetzt dort. „Das ist gelungen. Was lehrt er denn, wenn er selbst nichts kann?" Mittlerweile hatte sich eine ziemlich zahlreiche Menge, angelockt von dem Anblick des selten hier erscheinenden Gastes, um den Gutsherrn geschaart. Die gerirchschätzenden Worte desselben riefen einen einmüthigen Widerspruch hervor. „Sagen Euer Gnaden das nicht," begann einer der jüngeren Männer, der einen halblangen Rock und eine Brille trug, „der Makler Jankiel kann sehr viel und ist sehr bewandert in nnsereu Büchern." „Wieso ist er denn zu dieser Weisheit gekommen?" „Wieso? — Durch Arbeit. Wenn die Sonne aufgeht, sitzt Jankiel gebückt über unseren Büchern, und die Sterne sehen noch zu später Stunde, wie er lernt. Des Tages über lauft er umher, quält sich und arbeitet, um seiner Familie ein Stückchen Brod zu schaffen; dann lebt er für den Dienst Gottes. Ein gelehrter, ein gerechter Mann; ein „Chacham" und „Lamdon". Darum versammeln sich am Samstag die einfachen Leute um ihn und er erklärt ihnen die Heilige Schrift." fei »®ie Thür wurde wiederum geöffnet und der Schlachziz konnte abermals das Innere des Raumes überblicken. Und er sah eine Schaar Unglücklicher, die mit dem täglichen Gewände auch das Elend des täglichen Lebens abgestreist hatten und jetzt gleichsam verwandelt schienen. Ihre Züge spiegeln tiefes, inneres G?fühl und ernste Gedanken wieder. Und gerade der Aermste, Elendeste unter ihnen ragt, der Well und aller Kleinlichkeit drs Daseins entrückt, mit mächtigem, magnetisch feffelndem Wort übr seine Genossen empor und erhebt ihre Herzen in ein hehres Land, wo nicht hindringt das Echo des täglichen Treibens, nicht der Widerschein des täglichen Schmutzes, wo eine eigenartige Feierlichkeit herrscht, eine festliche Geistesstimmung, überirdische Har-

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