Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 816 Br. VLoch's Wochenschrift. Nr 45 monie. Und diese Stimmung begann sich auch dem Schlachziz mitzutheileu. „Und was lehrt er dort?" fragte er mit unwillkürlich achtungsvoll gedämpfter Stimme. „Was er lehrt? Das, was jeder Fromme am Samstag Nachmittag zu lesen verpflichtet ist. Pyrke Aboth . . ." „Ja, aber was bedeutet das? Könnte mir e- Niemand erklären?" „Im Gegentheil", erwiderte hervortretend, der junge Mann im halblangen Rock. „Ich höre ganz genau, was Reb Jankiel sagt, und kann es Ihnen übersetzen. Jetzt sagt er: „Rabbi Elieser spricht: Die Ehre Deine- Nächsten sei Dir so theuer wie Deine eigene; sei nicht geneigt zum Zorne, und bekehre Dich einen Tag vor Deinem Tode." So spricht de Rabbi. Die Heilige Schrift sagt nur: „Liebe Deinen Nächsten; er geht noch weiter. Er befiehlt, daß man die Ehre und Würde des Menschen, die Würde des Menschthums achten solle. Wer seinen Nächsten erniedrigt, der versetzt dessen Seele einen Schlag ins Gesicht. Wer hinwieder in Zorn geräth, — der beleidigt seine eigene Ehre, erniedrigt seine eigene Würde. Daran — so befiehlt der Rabbi — sollen wir denken jeden Augenblick unseres Lebens. Denn was heißt das: sich bekehren einen Tag vor dem Tode? Wissen nur doch nicht, welchen Tag . . . darauf werde ich Euch antworten: Der Tod kann uns jeden Augenblick überraschen, jeden Augenblick also müssen wir unsere Sünden bereuen und bereit sein, das Böse, das wir verübt, wieder gut zu machen. Und wie das zu thun, das wißt Ihr schon: durch Reue, Gebet und gute Werke. . ." Der junge Mann sprach langsam, es war ihm sichtlich schwer, sich auszudrücken. Eine Weile schwieg der Gutsherr; endlich fragte er leise: „Solche Dinge also lehrt Jankiel?" Und der arme, verachtete Makler, an dessen Seele er einst gezweifelt hatte, begann in seinen Augen zu wachsen, bis er riesengroß' vor ihm dastand. Helle, warme Strahlen strömten nieder auf das kleine, ärmliche Zimmer und die darin Versammelten. Und der Schlachziz glaubte noch andere Handwerker und Hausirer, noch viele Arme und Elende vor sich zu sehen, und Alle streiften sie den irdischen Schmutz von sich ab, lehrten, daß man die Ehre des Nächsten schonen, ihm Sanftmuth und Güte erweisen und jeden Augenblick bereit sein solle, vor den Vater aller Menschen zu treten. Und Jankiel, der Makler, ist em Nachkomme dieser Männer und anderer, die für ihre Gedanken den Flammentod des Scheiterhaufens erleiden mußten, oder von Schwerterspitzen durchbohrt wurden. Und dabei geht er umher aus der Welt — in zweifacher Gestalt: bald winzig und klein wie ein Wurm, bald ein Lehrer seines Volkes, denn er erklärt, daß man die Ehre seines Nächsten achten müsse. „Und theuer sei Dir die Ehre Deines Nächsten ..." Nein, das ist doch sonderbar ... Der Gutsherr hatte einst die Vorlesungen berühmter Professoren besucht, den Worten frommer Prediger gelauscht, er hatte viele literarische Werke gelesen und war in allen Ehrensachen bewandert, niemals und nirgends jedoch war ihm so kategorisch gesagt worden: „Theuer sei Dir die Ehre Deines Nächsten..." Erst dieser finstere, uncivilisirte, elende Jude .. . Sonderbar. Und schwerfälligen Schrittes, von einem neuen Gedanken bedrückt, verließ der Schlachziz das Haus, ohne sich nach irgend Jemandem umzusehen. Ul. Tags darauf stand Jankiel in aller Frühe vor ihm. Er bückte sich, wie immer, tief und demüthig vor dem Herrn. Sein gelbes, kleines Gesicht sah aus wie eine zusammengeschrumpste Citrone. Der Hut, dessen Stoff nicht mehr erkennbar war, und der eine Mosaik von Farben und Geweben bildende Rock ließen ihn noch elender und obendrein lächerlich erscheinen. „Ich bitte Ew. Gnaden um Verzeihung," sagte er, seinen gerundeten Rücken zu einer Reihe tiefer Bücklinge zwingend, .aber den Samstag müssen Euer Gnaden mir schon überlassen. Euer Gnaden wissen vielleicht nicht, daß wir am Samstag eine andere Seele haben. . . und diese andere kann ich keineswegs zu Geschäften einspannen ... so wahr ich meiner Frau und meinen Kindern Gesundheit wünsche ... ich kann nicht ..." Forschend und seinen schönen Schnurrbart drehend, blickte der gnädige Herr ihn an. Herausgeber und verantwortlicher Redacteur: „Sag' mir, Jankiel", begann er endlich, mit einem bei ihm ungewöhnlichen Ernst, „was bist Du eigentlich? Seit gestern denke ich darüber nach und kann es noch immer nicht begreifen. Was bist Du eigentlich, und womit erklärt es sich, daß Du gestern ein Anderer warst und heute wieder ein Anderer bist?" „So reden Ew. Gnaden zu mir? Solche Dinge wollen Ew. Gnaden wissen?" Der magere, kleine Jude richtete sich empor, in seinen Augen flammte ein eigenartiges Feuer, seine Stimme nahm einen tiefen, feierlichen Klang an. „Was ich bin? Ich bin Jankiel, der Makler ... Ich bin ein Jude . . . Darum diene ich Ew. Gnaden und lasse mich zerren von den Hunden, und wenn ich mich befreunde mit ihnen, springe und tanze ich, um die Herrschaften zu amüsiren, und bin lustig und guter Dinge, obgleich' mir Matthäus und Walek immer versetzen Rippenstöße. Und wieso sich das erklären läßt? Wenn ich würde Herkommen und vorlesen hier Pyrke Aboth, man würde mich hinauswerfen und meine Familie hätte nichts zu essen. Darum verhalte ich mich so, wie ihr wollt. Darum spreche ich zu euch in einer Sprache, an die ihr gewohnt seid; und meine eigene Sprache ..." „Jankiel!" Die zarte, schöne Altstimme erklang aus einem der offenstehenden Fenster des Palastes. Mit einem Sprung befand sich Jankiel vor dem Fenster. „Und mein Kleid? wart ihr schon bei der Schneiderin?" Im Nu hatte der Schlachziz seine Besinnung wieder erlangt. Er griff sich an den Kopf. Gott, dieses Kleid! Wo sollte er nur das vermaledeite Geld zum Bezahlen desselben hernehmen? „Jankiel!" rief er, wie gewöhnlich mit dröhnender Stimme. „Zu Befehl, Euer Gnaden!" Ende. Briefkasten. Dr. K. Der Israelitischen Allianz in Wien können auch Nichtjuden als Mitglieder beitreten M. Braun in N. Die Erörterung und Erledigung der angeregten Fragen gehören nicht in den Rahmen einer Zeitschrift. M. B. Wir sind nicht in der Lage, Ihrem Wunsche zu entsprechen. M. W. Es ist wohl kennzeichnend für die Auffassung jener Zeit, daß Leopold Dukes im Jahre 1844 das Wort zu seiner „Rabbinischen Blumenlese" mit den Worten schloß: Vielleicht daß verständige Leser, deren geistiges Auge an ererbten Judenhaß — bei vielen Christen leider das einzig Christliche — noch nicht ganz erblindet ist, dadurch eine Ansicht über Talmud und Judenthum erhielten, welche der geschichtlichen Wahrheit sowohl als der ch r i st l i ch e n Liebe würdiger ist. Justus. Ein altes talmudisches Sprichwort lautet: „Fehlt es dem Diebe an Gelegenheit, so hält er sich auch für ehrlich " Das paßt auch für gewisse Antisemiten. Anton W. (ll.Bezirk > Sie fragen, wieso Dr. Lueger, dessen Anhang den Kampf gegen die Großindustriellen als das Arcanum für alle Schäden erachtet, sich dazu entschließen konnte, vor den Industriellen seine Reverenz zu machen . . . Dr. Lueger meint wohl, daß er es mit seinen Worten nicht so genau nehmen müsse, da er doch auch es nicht so genau mit seinem Worte nimmt. n W. Es ist eine dreiste Lüge der antisemitischen Presse, den zum Tode verurtheilten Kakuschka als den Sohn einer Jüdin zu bezeichnen. Er stammt von christlichen Eltern und war eifriger Anhänger der christlich-socialen Partei. A. b. Der christlich-sociale Armenvater, der die bedauernswerthe christliche Gattin des verurtheilten Kakuschka mitleidlos, ohne ihr eine Unterstützung zu gewähren, von sich wies, hat ganz gut antisemitisch gehandelt. BÜCHERKRACH! Wir versenden infolge Uebernahme grosser Bücher- Jager in Leipzig eine ganze Hausbibliothek für den Spottpreis von fl. 4 75. — Dieselbe kostete bis jetzt fl. 46— und besteht aus 40 tadellos neuen Werken der allerbesten Schriftsteller. Seltener Gelegenheitskauf für Jedermann! Verlangen Sie sofort kostenfrei Verzeichniss. „Verlags-Institut Weingarten“. 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