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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 45 Br. Vloch's Wochrnschrip Seite 813 geworden zu sein scheint, kam es unlängst wieder zu einem übrigens lange vorher sorgsam vorbereiteten Scandal. Der jüdische Hauptmann Coblentz wird von den antisemitischen Blättern seit Wochen beschuldigt, die Versetzung mehrerer Officiere der Militärschule von Fontainebleau veranlaßt zu haben, die mit ihm nicht verkehren wollten. General Perboyre, der die Schule dirigirte, ist bekanntlich zur Disposition gestellt worden. Bor einigen Tagen verlautete, Hauptmann Coblentz werde in Auteuil an den Officiersrennen theilnehmen. Die ganze antisemitische Presse forderte ihr Publicum auf, Coblentz auszupfeifen. Hauptmann Coblentz stand nun vor dem Rennen neben seinem Pferde, das gesattelt wurde, als eine Gruppe von Personen herantrat, die ihn zu belästigen suchte. Die antisemitischen Bandenführer, der Municipalrath Evain und Mery, ein Redacteur der „Libre Parole", die natürlich eigens zu diesem Zwecke nach Auteuil gekommen waren, hetzten das Publicum auf. Als Hauptmann Coblentz sein Pferd bestieg, ertönte ein allgemeines ironisches Ah! Hauptmann Coblentz zog ruhig ein Dutzend Visitenkarten hervor und hielt sie nach allen Seiten hin, indem er sagte: Wer wünscht seine Karte mit mir auszutauschen? Niemand rührte sich, aber als er fortgeritten war, brüllte ihm das Gesindel nach. — Der Vorfall wurde auf den Tribünen bekannt, und die Gesellschaft der Clubleute, Zuhälter und Kokotten begrüßte Hauptmann Coblentz mit Pfeifen und Hohnrufen. Die Polizisten mußten ihn auf die Bahn geleiten. Er startete infolge dessen als letzter, von ironischen Bravorufen begrüßt. An einigen Stellen des Rennplatzes kam es zu Prügeleien, Evain wurde verhaftet, aber wieder freigelaffen. London. Die Anglo Jewish Affociation hielt Ende October ihre erste Monatssitzung nach den Ferien ab. Zunächst erstattete Mr. Moritz Cohen, Director der jüdischen Schule zu Bagdad, Bericht über die Einwirkung der von ihm geleiteten Schule auf die dortigen Juden. Bei dieser Gelegenheit gab Mr. Cohen die Zahl der in Bagdad wohnenden Juden auf 30.000 an und fügte hinzu, daß die jüdische Bevölkerung Bagdads durch beständigen Zuzug aus Persien im raschen Wachsen begriffen ist. Darauf berichtete das Executivcomitä, daß es für die rumänischen und beffarabischen Juden 1800 Pfd. St. gesammelt habe. Die Sammlung für Bessarabien sind dann auf Informationen der Alliance als nicht mehr erforderlich eingestellt worden, während für Rumänien weiter gesammelt wird. Mr. Henriques stellte darauf den Antrag, der Vorstand der Anglo Jewish Affociation möge dem englischen auswärtigen Amte über die traurige Lage der Juden in Rumänien Bericht erstatten und dasselbe gleichzeitig ersuchen, bei der rumänischen Regierung dahin vorstellig zu werden, daß allen Juden Rumäniens endlich das Bürgerrecht verliehen werde. In Begründung seines Antrages erinnerte Mr. Henriques zunächst an einen Ausspruch des Vorsitzenden, Mr. Claude Montefiore, wonach die Lösung der rumänischen Judenfrage in Rumänien selbst erfolgen müsse. Redner theilt zwar keineswegs diese Ansicht, wenn aber das Schicksal der rumänischen Juden nicht außerhalb Rumäniens entschieden werden soll, so müßte doch in erster Reihe versucht werden, den rumänischen Juden in Rumänien das Bürgerrecht zu verschaffen. Im Unterhause hat Mr. Brodrick auf eine betreffende Anfrage erklärt, die Regierung ihrer Majestät habe keine Beschwerde über Judenverfolgungen in Rumänien erhalten und könne daher der rumänischen Regierung keine Vorstellungen machen. Die Anglo Jewish Association ist daher verpflichtet, die englische Regierung aufzuklären, widrigenfalls noch Jahre vergehen könnten, ohne daß Mr. Brodrick von den Mißhandlungen der Juden in Rumänien etwas erfährt. Mr. Schloß meinte, daß die Antwort Mr. Brodrick's auf die Unthätigkeit der englischen Juden ein trauriges Licht werfe. Mr. Nathan: Es gab eine Zeit, wo Bescheidenheit eine Zier war, heute heißt es männlich aufzutreten und fest zuzugreifen. Die englischen Juden, welche volle Gleichberechtigung genießen, müssen zeigen, daß sie im Glücke auch ihrer minder glücklichen Brüder nicht vergessen. Der Antrag wurde, nachdem er auch von Mr. Leopold Schloß und Lucian Wolf noch empfohlen wurde, einstimmig angenommen. London. (Der Board of Guardians) hielt Ende v. M. unter dem Vorsitze des Mr. Leonard L. Cohen eine Sitzung ab. Vom 1. Juni bis zum 24. September wurden vom Board 455 rumänische und 416 russische Juden mit einem Kostenaufwande von 1830 Pf. ßSt. in die eben verlaffene Heimat zurückbefördert gegen 188 russische Juden in dem correspondirenden Zeitraum des Vorjahres. Einen plausibelii Grund für die verstärkte Einwanderung russischer Juden in London vermag Redner nicht zu erkennen. Nebst der ökonomischen Krise und der Hungersnoth in Bessarabien mag vielleicht noch das ansteckende Beispiel der rumänischen Juden dazu beigetragen haben. Gegenwärtig hat die Einwanderung rumänischer Juden in London aufgehört, allein der Board hat noch mit den Nachwehen der Emigration zu kämpfen, da noch 200 Seelen aus Rußland und Rumänien ihrer Repatriirung harren. Durch die großen an den Board gestellten Ansprüche ist das Deficit, welches schon im Juli die Höhe von 2400 Pf. St. erreicht hat, auf ca. 4200 Pf. St. gestiegen und wird bis Ende des Jahres vermuthlich noch weiter steigen. Er richte daher an die Mitglieder des Boards, welche mit der Beförderung der Flüchtlinge zu thun haben, die ernstliche Mahnung, sehr streng mit diesen zu verfahren und einen Theil der Reisekosten ihnen selbst aufzuerlegen. Dieses sei umso berechtigter, als viele von ihnen ganz ohne Grund die Heimat verlassen hatten. Die Einnahmen des Board betrugen für die 9 Monate 11.500 gegen 10.027 Pf. St. für den gleichen Zeitraum des Vorjahres und 8227 Pf. St. der ersten 9 Monate des Jahres 1898. Die Ausgaben betrugen 11.028 gegen 8997 Pf. St., resp. 9074 Pf. St. der beiden Vorjahre. Dazu kommen noch die Verwaltungskosten mit 2226 gegen 2122 und 2071 Pf. St. der Jahre 1898 und 1899, so daß der Board im nächsten Jahre voraussichtlich mit großen Geldschwierigkeiten zu kämpfen haben wird Vermischtes. Wien. Mittwoch den 14. November 1900, Abends 6 Uhr, findet eine Wählerversammlung der Mitglieder der israelitischen Cultusgemeinde im kleinen Musikvereinssaale, L, Künstlergaffe 3, statt. — Der Eintritt in die Wählerversammlung ist nur gegen Vorweisung der Wahllegitimation zulässig. Wien. (Oesterreichisch-JsraelitischeUnio ».) Am 10. November d. I., präcise 8 Uhr Abends, findet eine Plenarversammlung in der Restauration Khuner statt. Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Discussion über die Wahlen in den Cultusvorstand. 2. Stellungnahme zu den Reichsrathswahlen. Wien. Der „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten" in Wien (II., Untere Augartenstraße 17) verdient es wohl, daß wir für ihn in der Oeffentlichkeit eine Lanze einlegen und bei unseren Glaubensgenossen hier, in der Provinz und im Auslände rege Teilnahme wachrufen. „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten!" Die Thätigkeit des Vereines besteht vorwiegend darin, den im hiesigen Allgemeinen Krankenhause internirten, armen israelitischen Kranken, ohne Unterschied, ob sie Hiesige oder Fremde, Oesterreicher oder Ausländer sind, rituell zubereitete Kost zu verabreichen und hiermit diesen Unglücklichen, vom Schicksal so hart Betroffenen, die Heilung oder doch wenigstens Linderung ihrer Leiden suchen, in den schweren Slunden der Prüfung, ja nicht selten in den letzten,Stunden ihres Lebens Gelegenheit zu bieten, dem Glauben und den heiligen Vorschriften der Religion treu und ergeben zu bleiben. Seit seinem Jnslebentreten fortwährend mit finanziellen Schwierigkeiten und Kalamitäten kämpfend, fast jährlich mit einem namhaften Deficite abschließend, hat es der Verein in letzterer Zeit, dank der rastlosen Thätigkeit und Opferwilligkeit seines Vorstandes, dank der Munisicenz der löblichen Cultusgemeinde und dank der Theilnahme seitens humaner Menschenfteunde endlich dahin gebracht, den an ihn gestellten Anforderungen seitens der Spitalspfleglinge zum großen Theile gerecht zu werden und in seiner Cassagebahrung einigermaßen das Gleichgewicht herzustellen. Allem das Ziel ist noch lange nicht erreicht und dem Bestreben des Vereines, in der Zahl der mit Koscherkost zu betheilenden Kranken keinerlei Einschränkung eintreten zu lassen und seinen Wirkungskreis auch auf die übrigen hiesigen öffentlichen Spitäler auszudehnen, stellen sich immer noch, infolge unzureichendem Beitrags- und Spendenzuflusses, ernste, unliebsame Hindernisse und Störungen entgegen. Bei dem bekannten Wohlthätigkeitssinne und der bewährten Hochherzigkeit unserer Glaubensgenossen in Fällen, wo es sich um die Förderung edler, gemeinnütziger Zwecke handelt, wird hoffentlich dieser kurze, aber eindringliche Appell genügen, um sie auch für dieses Gebot der Menschenliebe. das der „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten" erfüllt, zu erwärmen. D. Sk.

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