Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 811 extremer, schädlicher, unwirthlicher Parteigebilde und die Schwächung, ja Zerstörung des entwicklungsfähig Guten, das vordem bestanden. Gleichwohl müssen wir in richtiger Erkenutniß der für uns maßgebenden „Zweckmäßigkeitsverhältnifse" dort anknüpfen, wo noch Reste geminderter Größe oder Keime neuer Gestaltung vorhanden sind, wir müssen, allein nicht stark und zahlreich genug, nicht derart compact und einheitlich politisch Zusammenhängen, um einer Stütze und eines Anschlusses entrathen zu können, die Stärkung dort suchen und geben, wo unter den obwaltenden Verhältnissen die relativ besten Ergebnisse für uns zu gewärtigen sind. In diesem Sinne hat der Vorstand des Politischen Volksvereines die Einladung des aus der deutsch fortschrittlichen, der socialpolitischen und der demokratischen Partei gebildeten vereinigten Reichsraths-Wahlcomites für den I. Bezirk der Stadt Wien zum Beitritte angenommen und hiermit, zunächst soweit es Wien betrifft, den Standpunkt gekennzeichnet, den er seinen Mitgliedern und Gesinnungsgenossen zu empfehlen willens ist. (Allgemeiner lebhafter Beifall.) Der Vorsitzende erklärt, alle weiteren Mittheilungen und Details, insbesondere auch bezüglich der Wahlverhältnisse in den Provinzen, dem dritten Punkte der Tagesordnung, D i sc u s s i o n über die Reichsrathswahlen, Vorbehalten zu müssen und ladet den Schriftsteller Herrn Dr. Paul W e i s e n g r ü n ein, den auf dem Programme stehenden Vortrag über das Thema: „Industrie und Politik in Oesterreich" erstatten zu wollen. . Redner erörtert in instructiver Weise die Wechselbeziehnng zwischen Industrie und Politik, sowie zwischen den ökonomischen und politischen Interessen, insbesondere seitdem die rein politischen Parteien sich, wie die Agrarier. Kleingewerbetreibenden in ökonomische Körper umgewandelt haben, die naturgemäß sich und ihre Vortheile zur Geltung zn bringen bestrebt sind. Rach eingehender Betrachtung der österreichischen Verhältnisse findet Redner den Grund der unzulänglichen Vertretung der Industrie im Parlamente in den gegensätzlichen Strömungen der Landwirthschaft, der agrarischen Interessen und zumal des feudalen Großgrundbesitzes, der nirgends so mächtig geworden sei, wie in Oesterreich. Nach einem Vergleiche mit den Verhältnissen anderer Culturländer gelangt Redner zn der Schlußerklärung, daß auch die Industrie ihre parlamentarische Vertretung anstreben, am politischen Kampfe sich betheiligen müsse, um nach und nach, wie etwa die Agrarier im Bunde der Landwirthe, als eigene Partei sich geltend machen zu können. Redner zieht nun eine Parallele mit der Stellung der Juden in unserem Reiche: Auch diese seien ökonomisch stark und politisch sehr schwach, sie müssen sich als verfolgte Partei organisiren, jüdische Realpolitik schaffen, da es allerdings der specifisch jüdischen Interessen in der Politik genug zu vertreten gebe. Der Vorsitzende Herr Dr. F i a l l a dankt dem geehrten Redner und Gaste für dessen instructiven Vortrag, glaubt jedoch aus dessen polemische Schlußbemerkungen mit wenigen Worten reagiren zu müssen. Ich frage — sagt Dr. Fialla — ganz direct und klar und möchte präcise Auskunft erbitten, welches sind diese ungenannten, specifisch-jüdischen politischen Interessen, die uns zu einer Besonderheit gestalten und zur Absonderung im Staatsleben verpflichten sollen? Ich sage „politischen" Interessen — doppelt unterstrichen? Ich kenne nur ein einziges und das ist die energische Abwehr des uns zugefügten Unrechtes im Ganzen und im Einzelnen. (Lebhafte Zustimmung) Selbst unser Verein hier dient zuvörderst diesem hohen Zwecke. Jnsolange es diesen verbrecherischen Antisemitismus nicht gab, gab es auch keine jüdisch-politischen Vereine. Sie entstanden in dem Drange der Abwehr, zur Vereinigung der Kräfte, zum Schutze unserer Gesammtheit und des Einzelnen. Wir werden den Tag segnen können, an welchem mit dem Wegfalle der bedauerlichen Gründe und Voraussetzungen ihrer Entstehung auch die Nothwendigkeit ihres Bestandes entfallen sein wird. *) (Rauschender Beifall.) *) Schon in seiner bekannten Programmrede vom 18. April 1895 sprach D r. Fialla die nachfolgenden Worte: „So erscheinen diese unsere jüdisch-politischen Vereine als G ebilde der Noth und Nothwehr, entsprungen der von unseren Feinden uns gegenüber unternommenen Verneinung der staats- Man gebe uns t h a t s ä ch l i ch die volle Gleichberechtigung mit unseren Mitbürgern, trotzdem wir Juden sind, und wir werden keinerlei Sonderwünsche besitzen, obgleich wir Juden sind, — wo anders also, denn in diesem Kampfe um Gerechtigkeit liegt unser specifischjüdisches, politisches Interesse? Wollen wir nicht selbst uns schädigen in diesem Kampfe der Nothwehr, so dürfen wir diese einzige Grundlage und Aufgabe desselben absolut nicht verletzen und müssen, um halbwegs erfolgreich zu kämpfen, Anschluß und Stütze suchen dort, wo mindestens ähnliche Grundsätze eine Bundesgenossenschaft ermöglichen. In der bekannten A'enie von Schiller heißt es : „Bist Du selber kein Ganzes, schließ' als dienendes Glied an ein Ganzes Dich an", — schließen wir uns an unter Wahrung unserer Rechte und Selbstständigkeit. (Lauter anhaltender Beifall.) Hiermit erschien die den dritten Punkt der Tagesordnung bildende Discussion eröffnet, und es ergriff das Wort der ehemalige Reichsrathsabgeordnete Herr Dr. Bloch, welcher unter Hinweis auf die Zustände in Galizien und in der Bukowina erörterte, wie sehr die ökonomische Ohnmacht die politische zur Folge habe, dermaßen, daß man Wahlbezirken, in welchen die Juden 45 und noch mehr Percente der Wählerschaft ausmachen, mit Erfolg sogar a n t isemitische Candidaten zu präseutireu wagen darf! (Entrüstung.) Redner pflichtet der Auffaffung des Vorsitzenden unbedingt bei, daß wir im Kampfe für das Recht ein Allen gemeinsames Gut vertheidigen, daß wir Privilegien nicht brauchen und im Kampfe für Gerechtigkeit die nationalst e, echt jüdische Idee vertreten, welche schon zur Zeit unseres wirklichen Nationalstaates gleiches Recht für Alle, selbst für den Fremdling gewährte. lAllieitiger Beifall.) Nochmals ergriff Herr Dr. Weisengrün das Wort, um als die von ihm betonten specifisch-jüdischen politischen Interessen die Besserung der ökonomischen Verhältnisse, die Pflege der Gemeinsamkeit, die Erziehung zur politischen Reife und eine Organisation zu bezeichnen, worauf Herr Dr. Fialla erörterte, daß dies durchaus keine neuen Momente oder Bestrebungen, gewiß aber keine politischen Momente, vielmehr Aufgaben sind, die die Juden, wie jede Volksgruppe oder Partei, für sich und in ihrem Interesse zu lösen berufen sind; auch hierin liege kein Grund zur Absonderung, da wir vielmehr nur im Besitze der Gleichberechtigung und im gemeinsamen allgemeinen Kampfe gegen die den Antisemitismus nährende und züchtende R e a c t i o n diese Aufgaben zu lösen im Stande sind. An der weiteren Discussion betheiligten sich noch die Herren Advocat Dr. K o r e f. Bezirksrath W a l d st e i n, Dr. Jacob K o h n und Dr. K a d i s ch, welch Letzterer den Nachweis führte, daß jüdische Realpolitik durchaus nicht im Widerspruche stehe mit allgemeiner freiheitlicher, mit moderner Reichspolitik und daß der Vorsitzende wie der Politische Bolksverein die Frage sehr richtig stellen und beantworten: Zusammengehen mit Jenen, welche die Reaction und die Antisemiten zu besiegen trachten. In vorgerückter Stunde schloß der Vorsitzende die Versammlung mit dem Bemerken, daß, wenn auch Divergenzen in der Auffaffung der Methode und in der Wahl der Mittel sich zeigten, doch alle durch „eine Gemeinsamkeit des Gefühles" verbunden werden, aus welcher „das Gefühl der Gemeinsamkeit" kraftvoll entstehen möge. Lemberg. Für die Praxis des Staatsgrundgesetzes in Galizien ist nachstehender Erlaß am besten illustrirend: Z. 2479. Gorlice, am 17. October 1900. An Herrn Thaddäus Tokarski, in Gorlice. Mit Beschluß vom 16. October 1900 hat der Bezirksausschuß Ihre Offerte aus die Pachtung der Mautheinuahmen bürgerlichen Gleichheit und bestimmt, der letzteren wieder zum Siege und zur Geltung zu verhelfen." Ein B e r e i n i g u n g su n d K a m p f e s m i t t e l sollen sie uns demnach sein, auf welches Feindseligkeit und bürgerlicher Unfriede uns angewiesen hat und welches gerne und dankbar von uns preisgegeben werden soll, wenn die Voraussetzungen seiner Nothwendigkeit, je eher je lieber, entfallen sind. Möge, so können wir nur innigst wünschen, die Zeit nicht ferne sein, in welcher diese, dem Gedanken der staatsbürgerlichen Gleichheit widerstrebenden confessionellpolitischen Vereinigungen, die wir derzeit nicht genug herausbilden und entwickeln können, ihre b e k l a g e n s w e r l h e Existenzberechtigung verlieren! Die Red.