Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 810 Dr. Bloch's WochrnschrifL. Nr. 45 wir nicht die Macht haben, nichts anderes übrig, als das richtige Wort zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Ist dieses Wort gesprochen worden oder nicht? — Redner erinnert an die Monstre-Protestversammlung, in der Oberrabbiner Dr. Güdemann und er in kräftigen Worten der Blutmärchen-Agitation entgegengetreten seien. Als der jüdische Volksverein sich an den Vorstand mit dem Ersuchen wandte, in Angelegenheit der jüdischen Unterlehrer bei den Behörden zu interveniren, habe er und kais. Rath Pollak, nachdem der Vorstand das Ersuchen abgelehnt, sich dem vom jüdischen Volksverein eingesetzten Comitö angeschloffen. In einem dritten Falle, als es sich um einen Beschluß der Commune handelte, solchen Vereinen keine Subvention zu gewähren, welche ihre Wohlthaten auch jüdischen Kindern zuwenden, sei Redner zum Statthalter gegangen. Sigmund Mayer: Dr. Steger hat als Vertheidiger gesprochen, er hat sich vertheidigt, obwohl ihn keiner anklagte. Haben doch er und kais. Rath Pollak sich als Oppositionsmänner bekannt! In den Sitzungsprotokollen der Cultusgemeinde finde ich aber unter den Abwesenden stets Herrn Dr. Steger. (Dr. Steger: Wir bekommen als Opposition keine Referate!) Was die Vertheidigung des Vorstandes betrifft, so habe ich im Vorstande der Union stets den Standpunkt vertreten, nicht an den Cultuswahlen zu rühren, da der Cultusvorstand eine administrative Körperschaft ist. Dr. Rappoport betont zur thatsächlichen Berichtigung, daß jene in Angelegenheit des Lehrerelends entsandte Deputation mit dem Vorstande als solchem nichts zu thun hatte. Director Simon erklärt das Vorgehen des Vorstandes damit, daß man die jüdischen Lehrer — etwa 8 — nicht von der Rückwand scheiden wollte, die durch die sogenannten „Jungen" der Wiener Lehrer, deren Zahl 1600 beträgt, gebildet werde. Eine Action zu Gunsten dr jüdischen Lehrer wäre ein Schlag ins Wasser gewesen. Kais. Rath Wilhelm Pollak bemerkt gegenüber Herrn Mayer, man dürfe nicht die Thätigkeit eines Cultusvorstehers aus den in der „Oesterreichischen Wochenschrift" erscheinenden Protokollen beurtheilen. Man müsse die nichtöffentlichen Sitzungen berücksichtigen, um ein ganzes Bild solcher Thätigkeit zu gewinnen. Dr. Ascher berichtigt gegenüber Director Simon, die Zahl der jüdischen Unterlehrer und Lehrerinnen betrage das Sechs- bis Siebenfache der von demselben genannten Zahl. Es gebe darunter solche, die nach 16-jähriger Dienstzeit ohne Beförderung blieben. Präsident RuLiöka stellt den Antrag auf Fortsetzung der Debatte und den zweiten Punkt der Tagesordnung auf den nächsten Samstag zu vertagen. Es müsse aber ein anderer Ton in die Debatte kommen. Man habe von einzelnen Herren Worte gehört, die die ganze Wirksamkeit der Union nur beeinträchtigen können. Der Antrag auf Schluß der Sitzung wird angenommen und die Fortsetzung für S a m st a g den 10. N o v e m b e r 1900, Abends 8 Uhr, vertagt. Schluß 11 Uhr Abends. Politischer Volksverein. Plenarversammlung vom 31. Oktober 1900. Vorsitzender: Vereinspräsident Herr Dr. Fialla. „Unter dem bedeutsamen Zeichen zweifacher Wahlen, welche sich innerhalb der nächsten Wochen vollziehen sollen" — also begrüßt der Vorsitzende Herr Dr. Herrmann F i a l l a die überaus zahlreich besuchte Plenarversammlung — „eröffnet der Politische Volksverein in der beginnenden Campagne seine Thätigkeit: Die allgemeinen Reichsrathswahlen rufen uns zur Ausübung und Bethätigung unserer staatsbürgerlichen Rechte und Interessen in der großen, das ganze Reich umfassenden Gemeinde, — die Wahlen in den Cultusvorstand der Gemeinde Wien mahnen uns an die Neubestellung unseres engeren, unseres gemeinsamen F a m i l i e n h e i m s, das glücklicher Weise von der Wuth unserer Feinde noch nicht erreicht, von ihrem Geifer noch nicht besudelt werden konnte. Während jene Wahlen uns heute des Näheren beschäftigen sollen, mögen den Cultuswahlen nur einige Worte, dagegen in den nächsten Tagen eine specielle Versammlung gewidmet werden. Wie vor vier Jahren unter dem Regime des neuen Ge- meindestatuts, so erfolgen die diesmaligen Cultuswahlen unters der Herrschaft einer neuen Wahlordnung, welche das erste-A mal zur Durchführung gelangt; sie umfassen zunächst im Wege» der Ergäuzungs-, Ersatz- und der Neuwahlen die Vergebung von» nicht weniger als 21 Mandaten, somit die Neubildung von nahezu zwei Dritteln des erweiterten Cultusvorstandes, der nunmehr aus 36 Mitgliedern bestehen wird und überdies die Bildung der der bisherigen Verwaltung neu einzufügenden Bezirks-Cultusausschüsse, welche eine Erleichterung und Vereinfachung der Administration zu bewirken bestimmt sind. Getreu seiner Tradition und analog dem Verhalten in den Wahlperioden der Jahre 1896 und 1898 ist der Vorstand des Politischen Volksvereines soeben im Begriffe, sich als provisorisches Wahlcomite zu constituiren und alle anderen politischen, wirthschaftlichen, dem Cultus und der Wohlthätigkeit gewidmeten Corporationen zur Bildung eines Central-Wahlcomites einzuladen, welches unsere Interessen wahrzunehmen und der Wählerschaft die geeigneten Vorschläge zu erstatten berufen wäre. (Allseitige lebhafte Zustimmung.) Und bezüglich der Reichsrathswahlen? Ich betone, so sehr auch das Gegentheil vielfach behauptet und mangels gründlicher Unterscheidung auch geglaubt werden mag: Auf denk Gebiete der allgemeinen öffentlichen Politik haben wir keine specifisch-jüdischen Interessen (lebhafter Beifall), denn wir wollen und suchen im Staatsleben keine von allen anderen Mitbürgern unterschiedene Sonderstellung. (Allseitige Zustimmung.) Als Juden sind wir nicht C zechen, die ein jüdisches Staatsrecht, nicht Polen, die eine jüdische Autonomie, nicht Italiener, die ein jüdisches Trentino für sich reclamiren — ja, die centrifugalen Bestrebungen aller Nationalitäten, denen jedwedes politische G e s a m m t gefühl, jegliches Staatsbewußtseiu völlig abhanden gekommen ist, haben nachgerade bewirkt, daß ihnen gegenüber das bekannte politische Dichterwvrt nur noch auf uns anwendbar ist: „In unserem Lager ist Oesterreich!" (Stürmischer Beifall.) Uns ist allzu lange schon die bittere Aufgabe aufgeuöthigt, uns gegen Unrecht und Vergewaltigung, gegen politische Verdrängung und sociale Erniedrigung zu schützen, unsere staatsbürgerliche und gesellschaftliche Stellung auf den Boden der allen Staatsbürgern gemeinsamen Staats gru ndgesetze zurückzuführen und um so entschiedener für diese Ziele zu kämpfen, als uns täglich und immer wieder die Vorkommnisse des öffentlichen Lebens in empfindlichster Weise die Wahrheit des von Montesquieu ausgesprochenen Satzes zu Gemüthe führen: „Die grausame Tyrannei ist die, welche man unter dem Schutze der G es e tz e und unter der Fahne der Gerechtigkeit ausübt". (Anhaltender Beifall.) Indem wir sonach unentwegt für Recht, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung eintreten, die uns beharrlich versagt werden, vertreten und verfolgen wir kein specifisch-jüdisches, vielmehr ein allgemein politisches, öffentlich-rechtliches Interesse, das Niemanden gegenüber verletzt werden darf und welches die Grundlage aller Freiheit bildet. (Bravo! Sehr richtig!) Wenn wir nun unter diesem principiellen Gesichtspunkte die Frage erfassen, worin unsere Aufgabe gegenüber der durch die bevorstehenden Reichrathswahlen gegebenen politischen Situation bestehe, so lautet die Antwort ebenso einfach als sachgemäß: Ueberall dort und bei jenen Parteien mitzuwirken, deren Grundsätze und Ziele, deren Actionen und Verhalten in der ausnahmslosen Verwirklichung und Bethätigung der Gleichberechtigung, in der Ausgestaltung der Freiheit bestehen. Wie diese Parteien ansonsten heißen und wo sie zu finden sein mögen, könnte hiebei gleichgiltig sein, — und ich knüpfe an das Wort an, welches der Ministerpräsident gestern auf dem Jndustriellentage gesprochen: Während er sagte, daß er den „emsig arbeitenden, rüstig vorwärts strebenden Verfassungsstaat" wolle und alle Parteien gleichen Zieles als seine Parteien begrüße, erklären wir, alle Parteien, welche für Gerechtigkeit, Wahrheit, Fortschritt und Freiheit eintreten, seien unsere Parteien und wir ihr e Bund es genoss en. (Anhaltender Beifall.) Allerdings hemmt unseren Weg auf diesem Gedankengange die bange Erwägung, ob wir denn in unserem politischen Leben dermalen uns des Bestandes solcher Parteien zu rühmen und zu erfreuen vermögen, welche unseren idealen Voraussetzungen ent- sprechen? . Entmuthiget und schier hoffnungslos überschauen wir die s bisherigen Wirkungen wüsten Rechtsbruches, blinder Nationali- »täten-, giftiger Racenhetze: die Entstehung und Macht neuer,