Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Ar. 45 Drv Dloch's WochenfUlrift. «eile 809 den Cultusvorstand und insbesondere die jetzt ausgelosten und zur Wiederwahl berechtigten Mitglieder desselben, von denen übrigens mehrere gerade in dieser Frage mehr oder weniger in unserem Sinne eingetreten sind, nicht nach der Statutenreform, sondern nach ihrer gesammten, mehrjährigen Thätigkeit beurtheilen und an der Wahlurne vor Allem jener historischen Wahrheit, die zu beherzigen uns Juden mehr als irgend welchem Volk und unter den heutigen Verhältnissen mehr als je das vitalste Interesse und die heiligste Pflicht gebietet, eingedenk sein mögen, der Wahrheit, meine Herren: in der Eintracht liegt die Macht! (Allgemeiner anhaltender Beifall.) Präsident eröffnet die Debatte über diesen erstatteten Bericht. Dr. L i f c z i s meint, das Wahlreform-Statut der Cultusgemeinde sei ein Abklatsch des antisemitischen, ja, in Betreff der Berücksichtigung von Jntelligenzwählern noch schlechter. Auch die Verwaltung der Cultusgemeinde weise Mängel auf. Insbesondere sei das Armenwesen desorganifirt. Redner führt den Fall eines Almoseniers der Gemeinde an, der ohne Vermögen nach Wien gekommen sei, seine Verlassenschaft beim Bezirksgerichte Leopoldstadt betrage aber K 300.000. Es sei bekannt, daß arme Wöchnerinnen diesem Manne Empfangsbestätigungen über X 50 unterschreiben mußten, obwohl sie blos K 20 erhalten hatten. Solche Beschwerden liefen viele ein. Zu tadeln sei ferner das Trinkgelder - Unwesen, unter dem besonders die Armen zu leiden haben. Der Präsident erklärt, die von dem Redner angeführten concreten Fälle, für die er sich vom Sprecher die Thaten erbitte, dem Cultusvorstaude officiell zur Kenntniß bringen zu wollen. Der nächste Redner, Herr Markus, empfiehlt, den Steuerkataster der Gemeinde, der noch lange nicht vollständig sei,?u verbessern, um dem Deficit zu begegnen. Es werden Leute mit K 2400 Jahresgehalt zur Steuerleistung herangezo'gen. während weit besser Situirte der Gemeinde nicht einmal dem Namen nach bekannt seien. Herr Markus lenkt sodann die Aufmerksamkeit des Vorstandes auf gewisse Minjanim im zweiten Bezirke, deren ein peinliches Aufsehen erregender Gottesdienst einer Reform bedürftig sei. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Elias bedauert, daß seinerzeit kein Einfluß auf das Wahlstatut geübt wurde. Nun aber bestehe die Wahlreform in Kraft, und man müsse abwarten, ob die Hoffnungen des Cultusvorstandes, die jüdischen Größen zur Antheilnahme an den Cultusgeschäften heranzuziehen, sich erfüllen werden. Die an dem Vorstande geübte Kritik mag zum Theil berechtigt sein; gewiß sei aber, daß viele Vorstände Zeü, Geld und Mühe im Dienste ihres Amtes opferten. Was die Cultuswahlen betreffe, so würden, was immer die „Union", der Politische Volksverein, der Jüdische Volksverein rc. beschließen, ja doch die Männer gewählt werden, die von dem im Schoße des Vorstandes bestehenden Wahlcomitä dazu bestimmt werden. Bisher wurden immer zwei bis drei Männer ihrer aufreibenden Thätigkeit willen gewählt, die anderen kamen aus der privilegirten Claffe. Das wird jetzt nicht viel anders sein. Präsident stellt die Frage, ob der Bericht des Vorstandes genehmigend zur Kenntniß genommen wird. — Die eingeleitete Abstimmung ergibt einstimmige Annahme. Vicepräsident Professor Dr. E h r m a n n über* nimmt den Vorsitz und leitet die Verhandlung über die bevorstehenden Cultuswahlen ein. Herr K a n i tz vertheidigt das Armenwesen der Cultusgemeinde. Man tadle die zu straffe Centralisation. Um den diesbezüglichen Wünschen entgegenzukommen, sei im Statut die Bildung von Bezirkscomites vorgesehen worden. In denselben werden Bezirksvorstände, Armenräthe, Mitglieder der Chewra und Lehrer Platz haben. Daß die Leichendiener Trinkgelder beanspruchen, sei zwar eine Unsitte, die der Vorstand selber in einzelnen Fällen gerügt hat.- Anderseits komme es aber auch vor, daß die Leichendiener unter sich Geld sammeln, um es unterstützungsbedürftigen Hinterbliebenen einzuhändigen. Gegenüber Herrn Markus betont der Redner, daß gerade in jenen Kreisen, deren Ritus Herrn Markus nicht gefalle, die Stützen des zukünftigen Judenthums großgezogen werden. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Adolf Skr ein ermahnt, gegen die Cultusvorsteher, denen ihre Würde oft genug eine schwere Bürde bedeutet, nicht undankar zu sein. Man solle zuerst die Candidaten anhören. Redner beantragt Schluß der Debatte. Der Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. Es sind noch mehrere Redner vorgemerkt. Kaiserlicher Rath R u 2 i L k a : Einzelne der gegen die Thätigkeit des Vorstandes und die Einrichtungen der Gemeinde vorgebrachten Einwendungen mögen berechtigt sein. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, allgemeine Beschuldigungen zu erheben, sondern concrete Thatsachen vorzuführen. Der Vorstand weiß selber, daß Vieles verbesserungsfäaig ist, und hat z. B. oft genug den Wunsch geäußert, daß das jetzige Sectionswesen aufgehoben werde, weil, wie mir versichert wird, mitunter Actenstücke monatelang in einzelnen Händen eingesperrt und unerledigt liegen bleiben. Wenn Dr. Elias behauptet, es werden nur Diejenigen gewählt, die dem Vorstande genehm sind, so geht er mit dieser Behauptung zu weit. Ich glaube nicht an die ^istenz eines Wahlcomites im Vorstände. Sollte es aber im Geheimen bestehen, dann hätte er meines Erachtens alle Ursache, mit den Corporationen, in denen die jüdische Bevölkerung sich zumeist vorfinde, in Fühlung zu treten, da die Einzelagitation nicht seine Aufgabe sein dürste. Wir können mit dem Vorstande der Gemeinde Hand in Hand gehen, wenn er auf die hier geäußerten Wünsche und Beschwerden eingeht. Und er wird auch darauf gewiß eingehen, wenn diese Wünsche in maßvoller, vornehmer Form auftreten. — Es sind bekanntlich 12 Mitglieder auf Grundlage des Pluralsystems zu wählen, 0 nach dem alten System. Wir haben nicht Ursache, blos die 9 ins Auge zu fasten. Die Union ist vielmehr geeignet, auf jene Mehrheit Einfluß zu üben, aus welcher die anderen Candidaten hervorgehen. Kaiserlicher Rath Wilhelm Pollak will als einziger Anwesender von den ausgelosten Mitgliedern des Vorstandes viele von den angegriffenen Einrichtungen der Gemeinde in Schutz nehmen und bedauert, dies nicht in allen Fällen mit voller Wärme thun zu können. Der Vorstand war jahrzehntelang blos eine administrative Körperschaft, die Neuerungen nicht leicht zugänglich war. Auf den jetzigen Präsidenten dürfen wir stolz sein; er hat Energie und Schaffensfreudigkeit, und wenn er bei den nächsten Wahlen die ihn unterstützenden Männer findet, so können wir von ihm Gewaltiges, Reorganisatorisches erwarten. Jetzt hängen sich einige Collegen bleiern an seine Rockschöße und hindern ihn oft, seinen Jntensionen zum Durchbruch zu verhelfen. Die neue Wahlordnung ist ein Wechselbalg; ich habe mich trotzdem dafür eingesetzt, weil sie noch praktischer ist als die frühere. Ich dachte mir die Wahlen nach den zusammengepaarten Bezirken durchgesührt, so daß die Bezirksvorstände mit Sitz und Stimme an den Berathungen des Vorstandes theilnehmen, um die Wünsche ihrer Wähler vertreten zu können, um auf diese Weise die jetzt herrschende, nicht segensreich wirkende, stramme Centralisation aufzuheben, damit nicht die Verhältnisse der angrenzenden Bezirke stets durch die Brille der Seitenstettengaste beurtheilt werden. Man hat auch hier im Verein das Wahlkörpersystem leider arg bekämpft, und es ist jetzt ein weit schlechteres an dessen Stelle getreten. Ich bin stets für die Fünfguldenmänner eingetreten, weil in diesen Schichten der Nachwuchs des Judenthums zu finden ist. Ich bin auch für die Beibehaltung der Sectionen eingetreten, um dem absoluten Regime nicht Thür und Thor zu öffnen. Es ist noch so Vieles zu reorganisiren, zum Beispiel bezüglich des Religionsunterrichtes rc. Als Mitglied der Friedhof-Section kann ich bestätigen, daß auch auf diesem Gebiete der Verwaltung wirklich Vieles reformbedürftig ist. Es ist auch das lebhafteste Bestreben des jetzigen Vorstandes, hierin Wandel zu schaffen und zum Beispiel es zu verhindern, daß die sociale Ungleichheit selbst im Tode, selbst auf dem Gottesacker noch fortdauere. Ich habe es, schließt der Redner, als Oppositionsmann im Vorstand zu keinem bedeutenden Einfluß gebracht und bin oft überstimmt worden, woran man sich, als im parlamentarischen Leben stehend, gewöhnen muß; sollten Sie einen besseren Mann finden, so bin ich gerne bereit. Ihnen mein Mandat zur Verfügung zu stellen. Architekt Oskar Marmorek tadelt insbesondere die Art, wie die Interessen der Judenheit nach Außen vertreten werden. Der Vorstand verstehe es nicht, die moralische Führung der 130.000 Juden Wiens zu übernehmen. Die papierenen Proteste nützen nichts. Redner erinnert an die Anwesenheit der rumänischen Juden in Wien und fragt, warum der Vorstand so kurze Zeit vor den Wahlen noch keine Versammlungen einberufen habe. Regierungsrath Dr. Sieger tritt dem Vorredner entgegen. Derselbe hält nichts von papierenen Protesten. Solange wir Juden uns als Staatsbürger fühlen, bleibt uns aber, da