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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Sir. 45 Jb>x. Lünh's WochenschrlfL- Seite 807 Heinrich Sienkiewir;. Heinrich Sienkiewicz, der größte polnische Dichter der Gegenwart, feiert heuer das dreißigjährige Jubiläum seinen schriftstellerischen Thätigkeit, und nicht nur das polnische Vom, sondern die gesummte Culturwelt huldigt bei diesem Anlasse delk genialen Künstler, dessen Werke in alle Sprachen übersetzt wurder und der neben Zola und Tolstoi wohl der gelesenste Schriftsteller der Gegenwart ist. Neben den vielen kleinen Novellen, Erzählungen, Skizzen, Reiseberichten, die er seit dem Jahre 1870 in allen polnischen Tagesblättern veröffentlichte, hat Sienkiewicz eine Reihe hochbedeutender Romane geschaffen, von denen außer dem monumentalen Werke „üWit Feuer und Schwert" dem deutschen Lesepublicum der historische Roman „Quo Vadis?" wohl am bekanntesten sein dürfte. Besonders der letztgenannte Roman ist der Gegenstand häufiger und lebhafter Besprechungen geworden, sah man doch in ihm nicht nur die Arbeit eines hervorragenden Künstlers sondern vielmehr ein streng kirchliches Werk, eine Verherrlichung des Christenthums und seines Stifters und vergaß fast die sonstigen Vorzüge des Romanes neben seiner apologetischen Bedeutung. Inwieweit dies den Absichten und Zielen des Dichters entsprach, läßt sich nicht gut entscheiden, daß aber in „Quo Vadis?" noch manch Anderes zum Ausdruck gebracht wird, als der Triumph des Kreuzes, daß man in diesem Werke allerlei finden kann, was es nicht zu einer bloßen Apologie des Christenthums stempelt, wird in einem intereffanten Artikel einer französischen Zeitung „La Paix" erörtert, wo der Herausgeber G. Barbezieux Folgendes ausführt : „Quo Vadis?" welcher sich mehr und mehr als ein großer buchhändlerischer Erfolg erweist, ist ein Roman aus der Zeit Nero's. Er ist das Werk eines hervorragenden polnischen Schriftstellers, Heryjk S i e n k i e w i c z, von welchem schon häufig in dieser Zeitung die Rede war. „Quo Vadis?" ist von der Verlagsgesellschaft der „kevue blanche“ herausgegeben und von B. Kozakiewicz und I. L. de S a n o z bewundernswerth übersetzt. Es ist nur bedauerlich, daß in dem Bestreben, das Werk von einigen Längen zu befreien, mehrere Stellen des Originals gestrichen wurden. Die Handlung an sich hat dadurch ohne Zweifel an Interesse gewonnen, sie ist lebendiger und zugespitzter geworden, aber die Meinung des Autors kommt nun weniger genau und deutlich zum Ausdruck, und nach der Lectüre der Uebersetzung, die uns der treffliche Herausgeber der „Kevne blanche“ bietet, weiß man nicht, ob Quo Vadis? wirMch die Apologie des Christenthums ist, die Einige darin sehen wollen, oder die respectvolle Kritik einer Lehre, die dem Leben gegenüber Verzicht und Verachtung predigt, hingegen für das Jenseits eine Fülle von Heilsversprechungen bietet. „Ohne Zweifel erweckt das Christenthum in der Seele dieser neubekehrten Heiden Gefühle und Ideen, welche ihnen ohne das gewaltige Wort Peters und Pauls wohl ewig fremd und verschloffen geblieben wären. Die Familie des Plautius, in welcher Lygie, die Heldin Sienkiewicz', herangewachsen ist und erzogen wurde, unterscheidet sich auffällig von den anderen Patrieier- Familien. Pomponia Graecina, die Frau des Plautius, ist eine musterhafte Gattin; ihrem Gatten treu, was in Rom zur Zeit der Cäsaren eine Seltenheit war, einfach, gut, sieht sie in den Untergebenen Diener und nicht Sclaven und weist den groben und leichtsinnigen Aberglauben zurück, welcher die ganze Religion einer Menge bildete, die trunken war von blutigen und ausschweifenden Spielen. „Aber das Christenthum hat nicht allein dies Wunder bewirkt. Das Judenthum, von dem es herstammt, war bereits mit seiner Erkenntniß des einzigen schöpferischen und schützenden Gottes ein Fortschritt gegenüber dem römischen und griechischen Heidenthum und es predigte wenigstens nicht die Gleichgiltigkeit und Unthätigkeit, aus welcher einige Jahrhunderte später das Mönchthum hervorging und die bösartigen Erzeugniffe des düsteren Fanatismus der katholischen Christen im Mittelalter. „Man kann sich also fragen, ob das Christenthum wirklich eine Wohlthat bedeutet und ob der einfache Monotheismus, der, sich weiter entwickelnd, das politische und sociale Leben beherrscht und beseelt hätte, sich verallgemeinernd anstatt sich abzusondern, sich festigend anstatt sich zu zersplittern, nicht ein weit mächtigerer Factor des Fortschrittes gewesen wäre, als die sanfte und passive Lehre des Galiläers. „Wenn das Judenthum an Stelle seiner wilden Propheten und Patrioten, Aposteln und Bekehrer geboren hätte, würde die wundervolle Jesuslegende niemals entstanden sein, aber der Menschheit wäre viel Schande, viel Unheil, viel bittere Erfahrungen erspart geblieben. „Was man auch über diesen Gegenstand schon seit so vielen Jahrhunderten geschrieben hat, es war, weit weniger die christliche Lehre, die über das Heidenthum triumphirt hat, als der Monotheismus, der die einfachste Form des Rationalismus bildet und welcher, ohne die gesunde Vernunft und die Logik zu verletzen, mit allem Fortschritt, mit allem Wissen übereinstimmt, das Menschenherz bewegt und unsere Kräfte zu dem Schönen und Guten lenkt. „Dies ist so wahr, daß die Bibel vor den Evangelien steht, und daß zur Zeit, da der katholische Clerus sich dem Laster des Fanatismus ergab und sich in den Tyrann der Menschheit verwandelte, das Christenthum unter den Anstrengungen der Diffidenten-Secten einem düsteren Ende entgegen ging und nur durch Hinrichtungen und Maffacres den Sieg davontrug, die es als officielle Staatsreligion, der brutalen Kraft gebietend, insceniren konnte. „Der P.otestantismus ist noch christlich, aber die Bibel trägt den Sieg über die Evangelien und Luther davon und ist der Vorläufer der rationalistischen Philosophen. „In dem Romane von Sienkiewicz bewirkt die Rede der Apostel Wnnoer; aber Pomponia Graecina sagt, als sie von Petrone gefragt wird, ob sie an die Götter glaubt: „Ich glaube an Gott, der einzig ist, gerecht und allmächtig." „Die Rede Peter's uns Pauls fesselt vor Allem die Demüthigen, di- Einfältigen im Geiste, diejenigen, die einen Rest von Aberglauben bewahrt haben und die sich die Gottheit nur auf der Grundlage einer groben Mythologie vorzustellen vermögen. Dazu gehört Bincius, ein Soldat, mehr von militärischem Ruhm als von Philosophie eingenommen, dazu gehört Ursus, ein Barbar, Ccispus, Glaucus und endlich Lygie selbst. „Petrone, gescheidter und gewitzigter, vermag die Legende des zum Menschen gewordenen Gottes nicht anzunehmen. „Ich glaube nicht an den Olymp" sagt die liebenswürdige Skeptikerin zu Bincius. „Woher kam es nur, daß man überhaupt an diese neue Gottheit, an Christus glaubte und auf das einfache Wort von dem Fischer Peter oder Paul? „Daher, vaß das Christenthum sich nicht an die Vernunft wendet', sondern an den Glauben. Es wird die Religion der Menge sein und zu Religion der Elite erst nach Jahrhunderten werden, wenn es durch die Gewohnheit geheiligt ist, und selbst da noch mit welchen Veränderungen! „Der Roman von Sienkiewicz, den wir nur aus einer willkürlich gekürzten Uebersetzung kennen, schien mir eher eine Apologie des Skepticismus zu sein, der in Petrone wunderbar verkörpert ist, als eine Verherrlichung des Christenthums. „Hat sich der Autor geirrt? Habe ich schlecht gelesen? Ich weiß es nicht. Aber beim Nachdenken erschienen mir der Fanatismu s des Crispus, das gewöhnliche Ende von Bincius und Lygie, die Entmuthigung Peters armselige apologetische Mittel. „Beim Schließen des Buches fand ich, daß Petrone gegen Alle Recht behält, wenn sie Bincius schreibt: „Sei nicht zu sparsam mit den Opfern für Christus. Prometheus hat sich zwar auch für die Menschen geopfert; aber Prometheus, scheint es. ist nur eine Erfindung der Dichter, indessen glaubwürdige Leute Christus mit eigenen Augen gesehen haben. Wie Du. glaube auch ich. daß von allen Göttern er noch der anständigste ist ..." „Warum hat Sienkiewicz, wenn er wirklich, wie ihm einige unserer freisinnigen Mitarbeiter vorwerfen, die Ueberlegenheit des Christenthums über alle Religion und Philosophie zeigen, wenn er wirklich ein kirchliches Werk schaffen wollte, uns zu erkennen gezwungen, daß Petrone der Wahrheit am nächsten ist.

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