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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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«eite 806 Dr. Bloch's Wochensttzrifk. Sir. 45 Gräßliche Zustände in Justiz und Verwaltung herrschten unter Michael VII. (1071—1078), der seinen Favoriten, einen Eunuchen, nach Willkür schalten ließ. Ein Getreidemonopol wurde eingeführt, die ganze Ernte aufgekauft und dem Volke das Getreide um viel höheren Preis verkauft, so daß eine Hungersnoth entstand. Um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts war fast das ganze Volk verarmt, dagegen ungeheure Reichthümer im Besitze einiger Vornehmen und Mächtigen. Kantakuzen, eines der Häupter des von 1341 bis 1347 wüthenden Bürgerkrieges, besaß zahllose Städte und Dörfer, über hunderttausend Stücke Vieh, ungeheure Mengen von Getreide, Gold und Silber in Barren und geprägten Münzen u. i. w. *) Daß unter solchen Verhältnissen die Widerstandskraft des Reiches gegen auswärtige Feinde immer mehr abnahm, ist leicht begreiflich. Und an solchen Feinden — Hunnen, Avaren, Serben, Bulgaren, Russen, Petschenegen, Kroaten, Perser, Araber, Normänner, Türken u. s. w. — hat es dem byzantinischen Reiche nie gefehlt. Aber die beste Kraft des Volkes ging in den endlosen Religionsstreitigkeiten verloren, der Patriotismus wurde dem Volke durch die Mißregierung der Herrscher ausgetrieben. „Gibt es irgend eine Schlechtigkeit im Menschen", fragt Fallmerayer, „sei es Treubruch, Lüge, Verrath, Mitleidlosigkeit, Betrug, Trägheit, Hochmuth, Widerstreben gegen alle menschliche Ordnung, Undankbarkeit, Habsucht, Hinterlist, Feigheit und Tücke jeglicher Art, worin man nicht die Byzantiner des Mittelalters, besonders in den sogenannten höheren Clafsen als abschreckendes Beispiel für andere Völker hinstellen könnte? Hat es irgendwo eine schlechtere Verwaltung, diebischere Obrigkeiten, nichtswürdigere Archonten, verkäuflichere Justiz und weniger Sinn für öffentliche Moral gegeben als bei den Griechen jener Zeit?" * 2) Mit der Wurzel war jeoe Anhänglichkeit der Unterthanen an den Herrscher ausgerottet. Die Gleichgiltigkeit war gegenseitig. Dem Volke, das stets die Beute gieriger Monarchen blieb, ward es am Ende gleichgiltig, wer dieser Monarch, wer dieser Bedrücker war. Und wenn der Monarch sich durch das äiviäe et iwpera zu helfen suchte, Hunnen gegen Slaven, Magyaren gegen Bulgaren, Türken gegen Normänner zu Hilfe rief, da zog er nur neue Verwüster ins Land oder die fremden Völker setzten sich fest und bildeten besondere Nationalstaaten. Wie von einem faulenden Leibe Stück für Stück abfällt, so gingen dem byzantinischen Reiche nach und nach die Besitzungen in Afrika und Asien, in Italien und auf den griechischen Inseln, die Donauländer u. s. w. verloren, bis von dem verwesenden Staatskörper nur noch das angstvoll Pochende Herz — Constantinopel — ein Lebenszeichen gab. Und als auch dieses stillstand, als nur noch einige losgelöste Stücke sich in krampfhaften Zuckungen wanden, da waren die edlen Griechen noch immer nicht klüger oder besser geworden. Nach der Eroberung Constantinopels fristete noch kurze Zeit eine griechische Dynastie in Trapezunt ihr elendes Dasein. Der Herrscher, David Comnenus, hatte sich nach Ermordung seines Neffen und Mündels des Thrones bemächtigt. Von den Türken bedrängt, trat er ihnen das Land ab, unter der Bedingung, daß der Sultan ihm anderswo Güter mit dem Einkommen, das er bis dahin genoffen hatte, anweisen und seine Tochter in den Harem aufnehmen sollte. Um sein Volk hat sich der letzte rechtgläubige byzantinische Monarch nicht weiter gekümmert. Das war das würdige Ende des arisch - christlichen Musterstaates. Und ein verdientes Ende. Einzelne bessere Kaiser, die ja im Laufe einer mehr als tausendjährigen Geschichte hin und wieder vorkamen, haben nur vorübergehende Linderung schaffen können. Das Uebel war zu sehr mit dem ganzen Staatswesen, mit dem Glauben und Aberglauben, mit der Eitelkeit und Zuchtlosigkeit des Volkes verwachsen, um geheilt werden zu können. Ein Staat, dessen Monarchen sich für mehr als Menschen halten und arger als Bestien hausen, ein Staat, deffen Volk von keinem Patriotismus, von keinem Gefühl der Zusammengehörigkeit beseelt ist, muß zu Grunde gehen, Herrscher und Volk mögen noch so bigott und intolerant sein, noch so viele Kirchen und Klöster erbauen, noch so fest auf den Erfolg gedankenlos von Tausenden von Mönchen hergesagter Gebete, auf wundervolle Hilfe des Himmels vertrauen — als die Türken schon in Constantinopel eingedrungen waren, erwarteten noch die Griechen, einer alten Prophezeiung vertrauend, das Erscheinen des Engels, der mit feinem Schwerte die „Ungläubigen" vernichten sollte. ') Le Bean L. 80. ch. 3, L. 110, ch. 54. 2) Geschichte der Halbinsel Morea II 453. Auch andere Staaten sind zu Grunde gegangen, auch andere Völker haben politisch und militärisch Schiffbruch gelitten und ihre Selbstständigkeit verloren, sind von Herrschenden zu Dienenden geworden; aber sie haben mitunter in der Unterdrückung und Zerrissenheit auf den Gebieten von Wiffenschaft, Kunst und Literatur Großes, Ewigdauerndes geschaffen. — Die orthodoxen Griechen haben in ihrer ganzen tausendjährigen Geschichte, weder in den Zeiten des „großen" Constantin noch des „siegreichen" Justinian oder der gerühmten Komnenen, etwas geschaffen, wyfür ihnen die Nachwelt und andere Völker zu danken hätten. Das Gesetzbuch Justinians war nur eine Zusammenfassung und Neuordnung römischer Gesetze, und das römische Recht wird von den modernen Völkern schon gar nicht als Wohlthat betrachtet. Uebrigens ist der große Gesetzbüchermacher mit der praktischen Justiz höchst willkürlich umgesprungen. Die Verfolgung der freien Wissenschaft hat eben dieser Justinian begonnen, als er die Gelehrtenschulen in Athen schloß und die Professoren brotlos machte. In dem cäsaropapistischen Staat, in dem Despotismus mit Rebellion abwechselte, stets aber engherzige Bigotterie herrschte, war kein Raum für die freie Wissenschaft. Das kostbare Erbe der griechischen Poesie ward entweder als Heidenwerk verachtet oder diente nur als Grundlage zu Compilationen, Commentaren und Wörterbüchern. Auf dem Theater sah man nicht die unsterblichen Tragödien der Aeschylos und Sophokles, sondern die lasciven Tänze der Dirne Theodora, die dann auf dem Throne die fast anbetende Verehrung von Clerus und Adel genoß. Die Lieblingsunterhaltung der hauptstädtischen Bevölkerung waren die Wettrennen, wofür sich die Byzantiner so lebhaft interessirten, wie für theologische Fragen, und die zu ebenso leidenschaftlichen Parteikämpfen führten. Schon Constantin, der erste christliche Kaiser, hat als, er Byzanz zur Hauptstadt machte, dort einen Circus für Pferderennen erbauen lassen und Kaiser Theophil (829—842) hat sich selbst in blauer Jockeykleidung auf einem mit Schimmeln bespannten Wagen am Rennen betheiligt. Ein noch eifrigerer „Herrenfahrer" war Michael III., sein Sohn und Nachfolger.'Zwei Parteien, die „Blauen" und die „Grünen", machten einander stets den Sieg im Circus streitig, beschränkten aber ihren Wetteifer nicht auf die Rennen. Auch außerhalb des Circus dauerten die Parteikämpfe fort, und die Partei, welche die kaiserliche Gunst genoß, unter Justinian war es die „Blaue", durfte sich ungestraft die ärgsten Ausschreitungen erlauben, rauben, morden und schänden. Einmal aber, im Jänner 532, machten beide Parteien gemeinsame Sache gegen den Kaiser und es kam zu einer furchtbaren Rebellion, wobei der kaiserliche Thron stark ins Wanken gerieth. Länger als eine Woche war Constantinopel in Händen der Aufständischen; es wurde gemordet, geplündert und Feuer angelegt, viele Paläste, Kirchen, Spitäler mit den Kranken wurden verbrannt. Erst dem Feldherrn Belisar gelang es, mit den herbeigerufenen Garnisonen - der benachbarten Städte des Aufstandes Herr zu werden. Mehr als dreißigtausend Menschen sollen dabei das Leben verloren haben und Constantinopel sah wie eine vom Feinde erstürmte Stadt aus?) Nur einer Erfindung konnten sich die byzantinischen Griechen rühmen 2) — der des „griechischen Feuers", einer Art von Raketen. Wie wir jetzt, da so viel Christenthum und Friedensliebe geheuchelt wird, fast jeden Tag von neuerfundenen oder vervollkommneten Waffen und Zerstörungswerkzeugen hören, so haben auch die frommen, stets über theologische Fragen disputirenden Griechen nur ein Zerstörungsmittel erfunden, das ihnen auch hin und wieder im Kampfe gegen barbarische Völker gute Dienste leistete. Aber gegen die innere Fäulniß half dieses Feuer nicht und keinen Fortschritt eignen sich die Völker so schnell an, wie den des Waffenhandwerks. Sultan Mohammed hatte nicht blos tapferere und tüchtigere Soldaten, sondern auch bessere und weitertragende Geschütze als Constantin Paläologus, der letzte Kaiser von Byzanz. So fand nach langer Agonie das oströmische Reich sein verdientes Ende. Und so bietet uns die Vergangenheit das Bild des Zukunftsstaates der Antisemiten. L. ') Evagrius, Kirchengeschichte VI, 31, Gibbon eh. 40, H. Le Beau L. 41 ch. 59—70. 2) Nach manchen Angaben soll aber der eigentliche Erfinder ein Egypter oder Syrer gewesen sein. (Gibbon oh. 52.)

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