Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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stt. 45 Dr. Block's WmtzLNMrrist^ TeUc 805 aus einer Pantomimin zur Kaiserin gemacht hat. — Auf welche Weise und in welchem Costüm sie auf dem Theater auftrat, das erzählt ihr Zeitgenosse Prokopius unter anderen erbaulichen Geschichten aus ihrem Leben. Aber was er auf griechisch berichtet, läßt sich hier auf deutsch nicht wiedergeben. In den Mosaikbildern der Kirche San Vitale zu Ravenna ist sie noch mit ihrem Hofstaat zu sehen — in anständiger Kleidung. „Sie war bigott ohne Religion, stolz ohne Ehrgefühl, baute Kirchen und verfolgte die Priester, gründete Spitäler und machte viele Menschen unglücklich, verfolgte die Kinder Jener, die sie zu Grunde gerichtet hatte; sie war die Hauptursache alles Nebels in Staat und Kirche," sagt von ihr ein französischer Historiker?) An Theodora und Irene schloffen sich Zoe und Eudoxia würdig an. Doch kehren wir zu den männlichen Scheusalen zurück. Kaiser Leo V. wurde (a. 820) von Verschwörern überfallen und ermordet, der von ihm zum Feuertode verurtheilte Michael H., der Stammler, auf den Thron gesetzt. Dieser ließ, gleich nachdem er in der Sophienkirche vom Patriarchen gekrönt worden war, die Söhne seines Vorgängers verschneiden. Der jüngste starb während der Operation, die drei andern wurden in ein Kloster gesperrt. Theophilius, der Sohn und Nachfolger dieses Michael, scheint kein schlechter Monarch gewesen zu sein. Er nahm sich des von den corrupten Beamten ausgebeuteten und bedrückten Volkes an, ging aber in Bestrafung der Schuldigen barbarisch vor. Besonders häufig ließ er höhere Beamte, einmal sogar einen Erzbischof auspeitschen. Charakteristisch für die damaligen Zustände ist es, daß die Ausgepeitschten manchmal nicht abgesetzt, ja sogar zu höheren Stellen befördert wurden.* 2) Basil der Macedonier ermordete den Kaiser Michael lll. und bemächtigte sich der Alleinherrschaft (a. 867). Bei der Krönung durch den Patriarchen hatte er die Frechheit, auszurusen: „Herr Gott, Du hast mir die Krone gegeben, ich lege sie Dir zu Füßen und widme mich ganz Deinem Dienste!" Und Geistlichkeit und Volk jubelten ihm zu. Während seiner Regierung wurden im Kriege gefangene Christen, die zum Islam übergetreten waren, auf die grausamste Weise getödtet. Man warf sie in Kessel mit siedendem Pech, schnitt ihnen Riemen aus der Haut oder schund sie vollständig.3) Im Einverständniß mit ihrem Liebhaber Johann Zimisces, ließ Kaiserin Theophano (a. 969) den Kaiser Nikephorus zu Tode martern. Kaiser geworden, verbannte Johann sie aus Constantinopel. Einige Jahre später wurde er vergiftet. Kaiser Basilius II. wird als tapferer kraftvoller Monarch gerühmt, der die zerrüttete Wehrkraft des Staates wiederherstellte. Nach einem Siege über die schon längst zum Christenthum sich bekennenden Bulgaren ließ er fünfzehntausend Gefangenen die Augen ausftechen, nur je einen von Hundert wurde e i n Auge ausgestochen, damit er den Andern als Führer dienen sollte. So schickte er sie (a. 1014) dem Bulgarenczar zurück, der vor Gram starb. Die ganze Regierungszeit der Kaiser Romanus, Michael Vll. und Nikephorus lll. (1068—1081) ist eine fast ununterbrochene Reihe von Aufständen und Militärrevolten. Romanus ward geblendet und starb an den Folgen der Operation. Das ärgste, freilich wohlverdiente Schicksal, traf aber ein Jahrhundert später den Andronikus Comnenus, von dem wir bereits erzählt haben, auf welche schändliche Weise er Kaiser geworden ist. Auf Anstiften des Jsaac Angelus brach im Jahre 1185 ein Pöbelaufstand in Constantinopel aus, die Gefängniffe wurden erbrochen, die Gefangenen befreit, Jsaac zum Kaiser ausgerufen, der Kaiserpalast erstürmt und geplündert, ja vollständig ausgeleert; selbst kostbare Heiligenbilder und Reliquien wurden geraubt. Der entflohene Andronikus wurde eingeholt und nach Constantinopel zurückgebracht, wo er mit Halseisen und schweren Ketten an Händen und Füßen auf Befehl des frischgebackenen Kaisers Jsaac öffentlich ausgestellt wurde. Das souveräne christliche Volk der Hauptstadt, besonders dessen weiblicher Theil, mißhandelte den Mann, vor dem es noch einen Tag vorher gezittert hatte. Man schlug ihn mit Fäusten ins Gesicht, riß-ihm den Bart aus, schlug ihm die Zähne ein und ') 1^6 Beau, £ 41, ch 5 und noch schärfer in L. 47, ch. 40 Scandalöse Abenteuer Theodora's erzählt Gibbon im 40. Capitel seiner Geschichte. a) Le Beau L. 68. ch. 26; L. 69, ch. 4. 5. 16. 3) ib. L. 71, ch. 1, 52; Fleury L. 53, ch. 50. haute ihm eine Hand ab. Dann warf man ihn in den Kerker, wo man ihn zwei Tage ohne Nahrung ließ. Am dritten Tage wurde er auf ein elendes Kameel gebunden, in der Stadt herumgeführt, neuen Mißhandlungen ausgesetzt und eines Auges beraubt. Eine Frau goß ihm siedendes Wasser ins Gesicht. Dann wurde er im Circus an den Füßen aufgehängt und weiter gequält, bis endlich ein Italiener, aus Mitleid, mit einem Degenstoß seinen Leiden ein Ende machte. Constantinopel hatte einen Patriarchen, zahlreiche Prälaten und Pfarrer, eine sehr große Zahl frommer Mönche, aber wir finden nicht, daß auch nur einer von ihnen versucht hätte, diesen Scheußlichkeiten ein Ende zu machen. ‘) Der Kaiserwechsel brachte den Griechen keinen Bortheil. Jsaac war zwar kein Tyrann wie sein Vorgänger, aber ein ganz nichtsnutziger Monarch. Er verbrachte seine Zeit mit Comödianten und Lustigmachern und war ein wahnsinniger Verschwender — viertausend Pfund Silber täglich kostete sein Haushalt, in dem 20.000 Menschen, darunter viele Eunuchen, dienten.") Um nicht zu viel Gräuel zu häufen, müssen wir ein Jahrhundert überspringen. Wir gelangen so zu Michael Paläologus, der sein Mündel, den rechtmäßigen Kaiser Johann Laskaris, dem er in feierlichster Weise Treue geschworen hatte, des Thrones und des Augenlichts beraubte (a. 1261). Der Art, wie er zur Regierung gelangt war entsprechend regierte er auch. Den Theodor Muzalon, einen höhern Beamten, der sich sein Mißfallen zugezogen hatte, verurtheilte er zur Bastonnade und zwang dessen eigenen Bruder, die Strafe an ihm zu vollziehen, bis er zwei Stöcke an ihm zerbrochen hatte. Sonst ließ er den Leuten mit Vorliebe die Nasen abhauen. (3) Michaels Sohn und Nachfolger, Andronikus 11., ward (a. 1328) von seinem eigenen Enkel. Andronikus lll, des Thrones beraubt, aber am Leben gelassen. Ueb 'r die Behandlung, welche dann dem Abgesetzten zu Theil wurde, widersprechen die Angaben der Chronisten einander. Unter Johann, dem Sohne und Nachfolger des dritten Andronikus, wüthete (1341—1347) ein sechsjähriger Bürgerkrieg, in dem beide Parteien Bulgaren, Serben und Türken zu Hilfe riefen und die ärgsten Gräuel verübten. Und nicht weniger als die fremden Verwüster haben die eigenen Herrscher zum ökonomischen Ruin, zur Verarmung des Volkes durch Steuerdruck, Verschwendung und Habsucht beigetragen. Unter Kaiser Nikephorus, am Anfänge des neunten Jahrhunderts, wurde eine Menge neuer Steuern eingeführt, und Steuereinnehmer überschwemmten die Provinzen. Man hob die Armen für die Armee aus und zwang die Wohlhabenden, eine enorm hohe Wehrsteuer zu zahlen. Von seiner Vorgängerin Irene erlassene Steuern ließ Nikephorus wieder eintreiben. Selbst Klöstern und Spitälern nahm er ihre Güter weg und zwang die Kaufleute, sie zu dem von ihm bestimmten Preise zu kaufen. Den Unterthanen verbot er den Wucher, um ihn selbst in schamlosester Weise zu betreiben. Wir sagten, Kaiserin Irene habe Steuern erlassen, aber sie hat es nicht aus Liebe zum Volke gethan, sondern weil die Steuern, von denen der größte Theil in die Taschen der Beamten floß, ganz unerschwinglich geworden waren und den Verkehr ganz lahm zu legen drohten. Der enorme Steuerdruck hatte schon unter Konstantin 1 begonnen, und besonders drückend war die alle vier Jahre eingetriebene Erwerbsteuer. „So oft das vierte Jahr herannahte", sagt ein Historiker des fünften Jahrhunderts, „erfüllte Jammer und Wehklagen die Städte; Peitsche und Folter wurden häufig gegen die gebraucht, welche aus Armuth nicht zahlen konnten; Väter gaben ihre eigenen Töchter der Schande preis, um von dem Gewinne die Steuereinnehmer befriedigen zu können". 4) In Folge der unfinnig hohen Zölle hatte der auswärtige Handel fast ganz aufgehört, Fischer und Jäger fanden keinen Antrieb zur Thätigkeit, da sie ein Drittel ihrer Beute als Steuer abliefern mußten, die Handwerker mußten so viel Steuer zahlen, als den gierigen Beamten beliebte, und schließlich fanden fich drei Viertel der Bevölkerung als Bettler auf den Steuerlisten eingetragen.3) ') Le Beau, L. 91, ch. 42- 45; Fleury L. 73, ch. 61; Gibbon ch. 48. *) Gibbon, ch. 60. 3) Le Beau L. 100, ch. 8, L. 101 ch. 69—71. l) Zosimns, Neue Geschichte II 38, citirt von A. F Gfrörer, Byzantinische Geschichten, Graz 1872—3. II S. 292. •’) Le Beau L. 66, ch. 58; L. 67, ch. 24.