Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 45 Br. Vloch's Wochrnschrrfl. Sette 608 Wucher sei das einzige Geschäft, zu dem sie taugten; es fehlten ihnen alle höheren und liebenswürdigen Gesinnungen. So, meine Herren, haben stets nur die Fanatiker gesprochen. Sie verfehlen nie, zur Rechtfertigung der Verfolgung auf die Laster hinzuweisen, welche die Verfolgung erzeugt hat. England ist den Juden weniger als ein halbes Vaterland gewesen, und wir schelten sie, weil sie für England nicht mehr als halbe Liebe fühlen. Wir behandeln sie als Sclaven und wundern uns, daß sie uns nicht als Brüder betrachten. Wir zwingen sie zu niedrigen Beschäftigungen und werfen ihnen dann vor, daß sie keinen ehrenvollen Berufszweig wühlen. Wir untersagen ihnen lange, Land zu besitzen, und klagen, daß sie sich vorwiegend mit dem Handel beschäftigen. Wir schließen sie von allen Pfaden des Ehrgeizes aus und verachten sie dann, daß sie in Geldgeschäften ihren Unterhalt suchen. Während vieler Menschenalter haben wir in unserem ganzen Verkehre mit ihnen unsere Ueberlegenheiten gemißbrancht, und nun widert es uns an, daß sie zu jener List greifen, welche die natürliche Waffe des Schwachen und Unterdrückten ist. Aber waren sie denn wirklich und immer das nur geldwechselnde, geldsuchende, geldsammelnde Volk? Niemand weiß es besser, als mein ehrenwerther Freund, das Mitglied für die Universität Oxford, daß in ihrem Volkscharakter nichts liegt, was sie für die höchsten Pflichten des Bürgers untauglich machte. Er weiß auch, daß in der Kindheit der Cultur, als unsere Insel noch so wild, wie Neu-Guinea war, als Athen weder Künste noch Wissenschaften kannte, als sich kaum eine mit Stroh gedeckte Hütte da erhob, wo später das stolze Rom stand, daß da dieses verachtete Volk seine ummauerten Städte und seine Cedernpaläste hatte, seinen glänzenden Tempel, seine Flotten von Handelsschiffen, seine Schulen heiliger Gelehrsamkeit, seine großen Staatsmänner und Krieger, seine Naturforscher, seine Geschichtsschreiber und seine Dichter. Welches Volk kämpfte je männlicher gegen überw ä l 1 i g e n d e U e b e r m a ch 1 für s e i n e Unabhängigkeit und seinen Glauben? Welches Volk bewies je in seinem Todeskampfe so ausgezeichnet, was männliche Tapferkeit vermag? Wenn nun in dem Laufe von vielen Jahrhunderten die unterdrückten Nachkommen von Kriegern und Weisen in den Eigenschaften ihrer Väter entartet sind, wenn sie, während sie von den Segnungen des Gesetzes, ausgeschlossen waren und sich unter das Joch der Sclaverei beugen mußten, mehrere der Laster von Geächteten und Sclaven angenonnnen haben, dürfen wir ihnen daraus einen Vorwurf machen? Sollten wir nicht vielmehr darüber Scham empfinden? Lassen Sie uns ihnen Gerechtigkeit gewähren; öffnen wir ihnen weit die Thüre des Unterhauses. Lassen Sie uns ihnen jede Laufbahn wählen, in der man Geschick und Thatkraft zeigen kann. Bis wir dies nicht gethan habe«, dürfen wir aber auch nicht sagen, es gebe unter den Landsleuten des Jesai's kein Genie und unter den Nachkommen der Maccabäer keinen Heldenmuth. Meine Herren! Indem ich den Antrag der Regierung unterstütze, hege ich die feste Ueberzeugung, daß ich die Ehre und die Interessen auch der christlichen Religion vertrete. Ich würde diese Religion zu beschimpfen glauben, wenn ich sagte, daß sie ohne unduldsame Gesetze nicht bestehen könne. Die ganze Geschichte des Christenthums beweist, daß es die Verfolgung als Feind sehr wenig, aber als Freund stark zu fürchten hat." . So sprach und wirkte ein freisinnig und edeldenkender Mann im Interesse des Judenthums vor siebzig Jahren. Ehre seinem Andenken! Eine „nothleidende" Grotzgememde. Die Verwaltung unserer Berliner Gemeinde ist, wie Jedermann weiß, gut jüdisch, aber sie hat „heidenmäßig" viel Geld. Die jüdische Gemeinde von Berlin arbeitet seit Jahren mit hohen Ueberschüssen, deren sie sich gar nicht erwehren kann. An dieser Stelle ist vor einiger Zeit bereits ausgeführt worden, daß die Cultusabgaben bei nns lächerlich gering sind; sie werden aber noch von Jahr zu Jahr geringer. Es wurde früher erhoben 0-55 Percent vom staatlich eruirten Einkommen. Diese Quote ist vor zwei Jahren auf 0-50 Percent, und jetzt gar auf 0 45 Percent herabgesetzt worden. Zweifellos wird sich auch dieser Steuersatz in der Folge als zu hoch erweisen und herabgesetzt werden müssen. Dabei haben die Gemeindeausgaben bei uns in der letzten Zeit eine bedeutende Erhöhung erfahren. Es wurde eine neue Synagoge im Westen erbaut, und ein Theil der Baukosten ist, wie sich es gehört, durch eine Anleihe gedeckt worden. Die Gemeinde hat also für Verzinsung und Amortisation des Anleihecapitals (dreiviertel Millionen Mark) zu sorgen. Im letzten Jahre haben wir auf einmal drei neue Rabbiner bekommen, den bereits früher angestellt gewesenen Geistlichen ist ihr Gehalt wesentlich erhöht worden. Auch den anderen Beamten ist das Einkommen aufgebessert worden. Die Synagogen und die privaten Veranstaltungen der Gottesdienste erfordern bedeutende Zuschüsse; die Religionsschulen sind in den letzten Jahren vermehrt worden. Und doch nichts als Ueberschüsse, die sich auf mehrere Hunderttausend Mark belaufen! Wie kommt nun das? Der Gemeindevorstand ist an diesem lästigen Nebel unschuldig, da er im Gegentheil eher dafür sorgt, daß die Einnahmen sich nicht erhöhen. Sonst verstünde man nicht das fossile Abgabesystem, das keine Progression kennt, während die Staats- und Communalsteuern von 1 Percent des Einkommens (bei einem Einkommen von über 1500 Mark, das bei unserer Betrachtung maßgebend ist) allmählich bis zur höchsten Quote von 4 Percent steigen. Die meisten Gemeinden in Preußen bemessen auch ihre Abgaben in der Form eines Zuschlages zu der Staatseinkommensteuer, wodurch die Progression mit zum Ausdruck kommt. Berlin bleibt aber bei der nicht progressiven Steuer, und die Herren bilden sich mit ihrer Weisheit noch sehr viel ein. Dadurch aber, daß unsere Gemeindeverwaltung die staatlichen Steuerlisten zur Einsicht bekommt, ist es ihr ernstlich gelungen, viele neue Censiten, von deren Existenz sie bisher nichts gewußr, heranzuziehen. Auch können sich die reichen Leute nicht mehr drücken, da die staatlichen Steuerlisteu bekanntlich auf der Selbsteiuschätzung beruhen. Die Steuerbehörde geht jetzt gegen falsche Fassionen streng vor, und mit der Erhöhung der Einschätzung für Staat und Commune erfolgt auch eine solche für die jüdische Gemeinde. Auf diese Weise ist unser Vorstand in die größte Verlegenheit gerathen, aus der er durch die Herabsetzung der Steuerquote nur zum Theil herauskommen kann. Im nächsten Verwaltungsjahr dürfte der Ueberschuß ein viel höherer sein, und man ist schon jetzt in der Gemeindestube in großer Verlegenheit, wohin man nur mit dem vielen Gelde käme. Mein Vorschlag, einen Theil dieses Ballastes mir zu überlassen — in einer patriotischen Anwandlung wollte ich mich für die Gemeinde opfern — fand merkwürdigerweise keine Zustimmung. Da sieht man auch, wie schlecht unser Gemeindevorstand berathen ist. Ich will mich auch nicht mehr aufdrängen. Nicht wahr, man beneidet allerorts unsere Gemeinde? Nun muß man aber wissen, wie diese Ueberschüsse zu Stande kommen, indem nämlich die dringendsten Culturaufgaben gröblich vernachlässigt werden. Vor Allem die Kenntnisse des Judenthums! Wird es Jemand für möglich halten, daß die Gemeindeverwaltung vor einiger Zeit den Text des