Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021377--10347-3034824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 45 Dr. Bwch's Wochensüicrft. Seite 799 Vom Jahrmarkt des Lebens. Zu den Cultuswahlen. Den geänderten Statuten der Cultusgemeinde entsprechend werden die jüdischen Wähler am 25. November und 4. December d. I. nicht weniger als 21 Vorstandsmitglieder zu wählen haben. Dieser ansehnlichen Ziffer gegenüber erheischt die obige Frage eine wohl überdachte Antwort. Die unentbehrlichste Qualification für einen Vorstandscandidaten liegt selbstverständlich darin, daß derselbe mit Kopf und Herz Jude sei. Man solle dies wohl bei Jedem voraussetzen, der überhaupt geneigt ist, sich wählen zu lassen. Da Orden oder sonstige Vortheile nicht aus dem Vorstandsmandate herauswachsen, so scheinen doch Streber, die nur ad hoc ihr jüdisches Herz entdecken, ausgeschloss n. Man sollte dies glauben, allein die Erinnerung an frühere Beispiele lehrt, daß man gut thue, in dieser Hinsicht genau zuzusehen, zumal das moderne Judenthum sehr elastisch ist. Auch diejenigen, welche für die Assimilation mit den Ariern geschwärmt haben, nannten sich emphatisch Juden; nichtsdestoweniger beeilten sie sich, alles Jüdische zu demoliren. Solche, welche unter dem Schlagworte der Aufklärung nur zu zerstören, aber nichts aufzubauen verstehen, wären heutzutage im Vorstande bedenklicher als je. Wir brauchen Juden, denen die jüdische Tradition und das Gefühl der Zusammengehörigkeit kein leerer Schall ist und die sich bereit finden, dafür einzustehen. Eine weitere Qualification ist im bürgerlichen Berufe zu finden. Von den derzeitigen Mitgliedern des Cultusvorstandes sind: 7 Advocaten, 5 Großindustrielle, 5 Kaufleute, 4 Techniker, 1 Rentier, 1 Schuldirector. 1 Arzt. Hieraus erhellt negativ, daß für Advocaten und Tech' niker hinreichend gesorgt ist — ein Mehr ist aus Erfahrungsgründen nicht anzustreben. Dagegen wären einige Aerzte und Gewerbsleute erwünscht, auch scheint im Hinblick auf den Rückgang unserer liturgischen Musik seit Sulzer der Zuwachs eines kunstverständigen Mitgliedes zum Vorstand nicht überflüssig. Noch ein Umstand - wäre wohl zu beachten. Die jüdische Wissenschaft zählt leider in unserer Gemeinde nicht allzuviel Vertreter. Um über Cultus- und Schulsachen zu beschließen, wäre die Mitarbeiterschaft einiger Schriftgelehrten erforderlich, allerdings solcher, die zugleich mit dem jüdischen Wissen auch die moderne Bildung in sich ausgenommen haben. Mögen die Wähler die vorstehenden Anregungen sich zu Gemüthe führen. Omega. Der Kronzeuge Peschak. Die „Politik" bringt die Meldung, daß Dr. B a x a sich in strafgerichtlicherVoruntersuchung wegen versuchter Verleitung eines Zeugen zum Meineid vor Gericht befindet. Es hat sich nämlich eine Person erboten, welche bezeugen will, daß in einem Gespräche zwischen Dr. Baxa und den Kronzeugen Peter Peschak, welches in Tabor stattgefunden hat, Peschak zu Dr. Baxa gesagt habe: Ich werde also aussagen, wie Sie es mir gelehrt haben/ Wir haben bereits in Nr. 51 des vorigen Jahrganges erwähnt, daß der Kronzeuge, der Schlosser Peschak, fünf Monate bedurft, um sich über seine Wahrnehmungen klar zu werden. Fünf Monate trug er das Geheimniß bei sich und auf die Frage des Präsidenten und des Angeklagten, warum er nahezu ein halbes Jahr geschwiegen, ohne sich zur Zeugenschaft zu melden, trotzdem ein Preis von 150 fl. auf die Eruirung des Mörders gesetzt war, antwortete der Kronzeuge Peter Peschak: er müsse schweigen aus Furcht, Brot und Arbeit bei den Juden zu verlieren. Dabei hat dieser Zeuge in den letzten drei Jahren Alles in Allem von einer Frau Henriette Hitschmann fünfundzwanzig Kreuzer, von einem Jacob Schiller vierzig Kreuzer, von einem Emanuel Basch 1 fl. für Reparaturen erhalten, also Alles in Allem seit mehreren Jahren circa fl. 1.70, während für die Eruirung des Mörders 150 fl. zu verdienen waren. Von anderer Seite wird uns geschrieben: Der Kronzeuge Peschak erklärte in der Verhandlung vom 29. October 1900, daß er am 29. März 1899, um 5 Uhr Nachmittags, den Hilsner mit zwei fremden Männern im Walde von Brezina, gerade an der Stelle, wo die Hruza ermordet aufgefunden wurde, stehen sah, beschreibt sowohl die Fremden als auch Hilsner und erklärt zugleich, daß die Sonne bereits hinter den Bergen war. Das Letztere ist möglich, da kalendarisch an diesem Tage die Sonne um 6 Ubr 26 Minuten untergehen soll und der Wald nicht hoch gelegen ist, daher nicht mehr beschienen wurde. Die Entfernung der beiden Punkte, woher Peschak die Gesellschaft gesehen haben will und wo sich diese befunden haben soll, ließe sich, sobald beide Stellen bekannt sind, durch eine direkte Messung im Felde, oder eine Messung auf den in jeder Grmeindekanzlei vorhandenen Katastralkarten (Maßstab 1 :2880) genau bestimmen, wodurch die Streitfrage über diesen Abstand sehr genau gelöst werden könnte. Schwieriger gestaltet sich bei Peschak die Ermittlung des Sehvermögens zur Zeit der das Hauptmoment bildenden ungenügenden Beleuchtung an der beobachteten Stelle. Es ist möglich, einen Gegenstand, der von der Sonne beschienen Mrd, aus gewisser Entfernung zu erkennen und zu unterscheiden, während dies bei geringer Beleuchtung desselben schwer oder ganz unmöglich ist. Eine Erfahrung hierüber besitzen die vermöge ihres Berufes im Freien beschäftigten Landleute, Forstmänner, Ingenieure u. dgl. Daß man von der Einvernahme solcher praktischer Fachleute ganz abstrahirt und sich mit gelehrten Theoretikern begnügt hat, ist im Interesse der Aussage des Peschak sehr zu bedauern. Wenn ich als Ingenieur mit vieljähriger Praxis, unter Eid erfahrungsgemäß erklären sollte, ob bei einer Entfernung von 790 Schritten (5 Schritte 2 Klafter 3'80 Meter), das sind 600'4 Meter, mein Meßgehilfe, wenn er auch ein noch so vorzügliches Sehvermögen besitzen würde, sobald die Sonne hinter den Bergen ist und mich nicht beleuchtet, zu erkennen vermag, ob ich den linken oder rechten Arm wagrecht ausstrecke oder in die Höhe hebe, was in der Praxis bis zu einer gewissen Entfernung je nach der Tageszeit und Beleuchtung geübt wird, so müßte ich dies nach bestem Wissen und Gewissen entschieden verneinen. Ich halte daher die Aussage Peschak's, ohne auf die Beweggründe desselben weiter zu reagiren, als beeinflußt und einer Correctur durch einen neuerlichen Localaugenschein dringend bedürftig. Eine Univerfitäts-Affaire. An das Unterrichtsministerium, den akademischen Senat der Wiener Universität, sowie an das Decanat der philosophischen Facultät wurde unter dem gestrigen Datum eine Eingabe eines Doctors der Philosophie gerichtet, der die Einleitung einer Disciplinaruntersnchung gegen Hofrath Professor Schipper verlangt. Die Eingabe wirft dem Hofrath Schipper vor, daß er den Candidaten zwar bei der theoretischen Doetorsprufung approbirte, ihm aber, als er sich zur Lehramtsprüfung für Mittelschulen meldete, von vornherein sagte, er werde die Prüfung bei ihm nie bestehen, und wenn er hundert Jahre wartete. Er sei für das Lehrfach zu häßlich und solle — der Herr Hofrath ist seit dem vorigen Jahre den Zeitungen nicht sehr gewogen — Journalist werden. (ProfefforSchipper war bekanntlich Präsident des Neuphilologentages. Als dieser von Dr. Lueger im Rathhause empfangen wurde, hielt Professor Schipper eine Rede, in der er das antisemitische Regime begrüßte und sich mit demselben einverstanden erklärte. Die in Folge dessen geführten publicistischen Angriffe machten Professor Schipper zu einem Feind der Presse.) Der Hofrath habe das Elaborat des Candidaten, so heißt es in der Beschwerde ferner, der als Elektrotechniker in dem Lande lebte, über dessen Landessprache er nun seine Kenntniß erweisen sollte, für nicht genügend erachtet, i'.' t:.