Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 798 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 Berührungspunkte zu gemeinsamer Arbeit, daß Mittel und Wege gesucht werden sollten, diesen Zweck wenigstens annähernd zu erreichen. Was diese Vereine leisten, wird in den Jahresberichten wohl verzeichnet; genug gewürdigt wird es aber doch nicht, sonst müßten alle die genannten Vereine nicht nur einen viel größeren Mitgliederstand, sondern was noch mehr in die Wagschale fallen würde, eine viel intensivere Förderung erfahren. Der Handwerkervereiu hat zwar unter seiner jetzigen Leitung einen Aufschwung genommen, der den Beweis liefert, wie viel durch nachdrückliche konsequente und zielbewußte hingebungsvolle Thätigkeit bewirkt werden kann, nichtsdestoweniger müssen wir unsere Glaubensgenossen dringend darauf verweisen, daß sie gar nie genug thun können, um diesen Verein in seinem Blüthezustand zu erhalten und für seine Ausbreitung und Ausweitung Sorge zu tragen. Was nun dieser Verein für jüdische Knaben schon seit Jahren wirkt und bewirkt, hat der unter der Leitung der Gemalin des kaiserlichen Rathes Dr. Kohn stehende Mädchen-Arbeitsförderuugsverein sich zur Aufgabe gestellt. So jung der Verein ist, so viel Gutes hat er schon geleistet. Er bildet alljährlich eine Anzahl Mädchen für tüchtige Arbeit und selbstständigen Erwerb aus und befähigt jeine Zöglinge, eine ehrenvolle Existenz durch eigenes Können zu erlangen. Aber dieser Verein — dessen moralische Bedeutung gewiß nicht hinter dem Handwerkervereiu zurücksteht und dem unter den jetzigen Erwerbsverhälinissen sicherlich noch eine erhöhte Bedeutung beigelegt werden muß — führt doch nur ein bescheidenes Dasein. Znnr läßt es seine Präsidentin und Leiterin in ihrem aufopferungsvollen Wirken an keinem Mittel fehlen, um die Vereinsthätigkeit immer mehr auszuweilen und sie findet auch maucherseits verständuißvolles Entgegenkommen, aber wir dürfen es nicht verhehlen, daß die großen Zwecke dieses Vereines nicht in jenem Unfauge und in jener Tiefe von der jüdischen Bevölkerung erfaßt und demgemäß auch unterstützt werden, wie er es verdiente. Sollen wir die Nothwendigkeit der Mädchenausbitdung auseiuandersetzen? Die jüdischen Mädchen und Frauen widmen sich der Arbeit mit jener Begeisterung, die das jüdische Weib in allen Lagen ihres Lebens auszeichnet. Für sie brauchte die „Frauenfrage" nicht erst eine Anregung. Im Hause, in der Familie, in der Werkstatt und in dem Geschäfte war und ist die Jüdin die treue, verstäudnißvolle, arbeitstüchtige und willige Gefährtin des Mannes und das jüdische Mädchen, mag es in welchen Beruf immer gedrängt werden, ist ebenso geschickt wie pflichtgetreu. Aber Vielen fehlt es an Vorbildung und an Gelegenheit, eine Ausbildung zu erhalten, und diese Vielen, die nach Tausenden zählen, gehen physisch uud moralisch zugrunde, wenn man sich ihrer nicht annimmt, wenn man nicht dahin wirkt, daß sie befähigt werden, in dem schweren Kampf ums Dasein, der dem Judenmädchen schwerer gemacht ist als jedem Anderen, ehrenvoll zu bestehen. Wir unterschätzen die Mädchenunterstützungs- und Fortbildungsvereine gewiß nicht und anerkennen gerne ihre Leistungen, allein jene großen Ziele, wie sie in einem Vereine — ähnlich dem Handwerkerverein — in systematischer und umfassender Weise durchgeführt werden müssen, Ziele, die sich eben der von uns genannte Verein zur Aufgabe stellt, bedürfen einer weitausgreifenden Organisation und einer so reichhaltigen Förderung, daß eigentlich keine jüdische Frau im ganzen weiten Reiche fehlen sollte, ihr Schärflein, au Rath, an Mitwirkung, an Geld — jede nach ihren Kräften — beizutragen und die Mädchenunterstützungsvereine sollten sich freiwillig in den Dienst einer so großgedachten und so gesundenJdee stellen. Vereine, wie der erwähnte Mädchenarbntsverein, sollen nicht wie Veilchen im Verborgenen blühen, sondern von Allen gekannt, von Allen gefördert, von Allen unterstützt werden. Dann wird dieser Verein zu gleich segensvoller Größe sich entfalten, wie der Handwerkerverein. Ist in der jüdischen Gemeinschaft keine großherzige Frau, keine hochsinnige Familie, kein opferfreudiger Wohlthäter, die etwa aus eigenen Mitteln ein Haus einrichten und die Mittel zur Erhaltung beistellen, nun, so mögen die wohlthätigen, einsichtsvollen Frauen und Mädchen aus allen Städten und Städtchen Stein auf Stein Zusammentragen, und es wird aus ihrer vereinten Kraft jener herrliche Bau sich aufrichten, der der Mädchenarbeit gewidmet werden soll. Handwerkervereiu und Mädchenarbeitsverein schaffen, die Grundlagen, sie erziehen zur Arbeit. Damit ist der Bau noch nicht vollendet. Der Arbeitsnachweisverein ist die weitere Stufe des Ausbaues, die unbedingt nothwendige Ergänzung, der unentbehrliche Vermittler, um den Arbeitswilligen auch die Gelegenheit zur Arbeit zu verschaffen, wenn er sie aus eigener Kraft etwa nicht finden kann. In welchem Maße der Arbeitsnachweisverein diese Aufgabe erfüllt, wird in der in den nächsten Tagen stattfindenden Generalversammlung des Vereines ziffermäßig dargethan werden. Hier sei hervorgehoben, daß es die Mitglieder des Vereines an Pflichterfüllung nicht fehlen lassen. Wir werden aber an unsere Glaubensgenossen die Frage nicht richten, ob jeder auch diesem Vereine gegenüber seine Pflicht thut? Wir wollen keine Strafpredigt halten und nicht einen Tadel gegen jene aussprechen, die sich gleichgiltig oder gar abwehrend verhalten, nur das Eine möchten wir ihnen sagen, daß sie nicht vermeinen sollen, es gehe sie nichts an, weil sie selbst die Roth nicht spüren, die die Anderen schon schwer bedrückt. Es kommt die Zeit, in der auch sie empfinden werden, was es heißt, daß jüdische Arbeit zurückgedrängt, mißachtet wird, und daun würde für sie die Reue zu spät kommen. Eine dritte Stufe des Ausbaues unserer Arbeitsförderungs-Organisationen sind die Vereine zur Hebung der Gewerbe und zur Unterstützung der Gewerbetreibenden. Auch sie bilden ein so wesentliches Glied der Organisation, daß man sie schaffen müßte, wenn sie nicht vorhanden wären. Da sie aber Dank hochherziger Initiative schon bestehen, müßten sie nicht eine „bescheidene" Existenz führen, sondern eine impouirende Kraft entwickeln können, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Dazu gehört aber nicht blos, daß man von ihrer Existenz Kenntniß nehme, sondern daß man, sich vertiefend in die außerordentlich werthvollen Dienste, die sie der Förderung der jüdischen Arbeit angedeihen lassen und vielmehr noch angedeihen lassen könnten, sie in die Lage versetzte, dies zu thun, und zwar in einer viel extensiveren und intensiveren Weise zu thun, als sie es jetzt vermögen. Der Verein zur Unterstützung jüdischer Gewerbetreibender und Handwerker gibt Darlehen zum Zwecke, die Eristenzen zu erhalten. Das ist ein so segensreiches Beginnen, daß Keiner, der es versteht, was es heißt, Existenzen zu retten, ihm ferne bleiben sollte. Es war ein Act richtigen Erkennens und zugleich guten Herzens, als in der letzten Generalversammlung dieses Vereines Herr Salo Cohn diesem Vereine 5000 K zuwendete. Allein diese That ist vereinzelt geblieben, das gute Beispiel hat noch keinen Nachahmer gefunden. Nun gibt uns die Betrachtung über die in Wien bestehenden Vereine zur Arbeitsförderung unter den Juden Gelegenheit, wieder einmal auf diesen Verein hinzuweisen und seine Nützlichkeit unseren Glaubensgenossen ans Herz zu legen. Liest man in dem Buche der Wohlthätigkeitsvereine, so bekennt man gerne, wie viel des Guten gethan wird, aber es bleibt doch noch immer zu thun übrig, und wir glauben im Voranstehenden darauf hingewiesen zu haben, in welcher Richtung sich die Wohlthätigkeitsaction bewegen sollte. A. Wiener.