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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 44 Dr. BLoch's WochrnfttzrizL. Sette 795 „Nun. zum Teufel, warum stehst Du dann noch hier, Du Lumpenkerl? Mach' daß Du fortkommst und wage nicht, mir ohne Geld unter die Augen zu treten!" Der kleine, dürre, in Lumpen gekleidete Jude neigte sich in unzähligen tiefen Bücklingen fast bis zur Erde. „Ich falle Euer Gnaden zu Füßen. Ich gehe schon . . ., ich gehe . . . Warum soll ich nicht gehen?" Ec schürzte seinen langen Rock, setzte den Hut auf und wollte davonstürzen. „Jankiel!" Die zarte, schöne Altstimme erklang aus dem fitzten Fenster des Palastes. Mit einem Sprunge befand sich Jankiet vor diesem Fenster. Den Hut hielt er in der Hand und die seinen Kopf bedeckende, vor Fett und Schmutz glänzende Mütze erzitterte in einer neuen Serie tiefer, rasch auf einanderfolgender Bücklinge. „Wenn ihr in die Stadt geht, Jankiel, so macht doch einen Abstecher bei der Schneiderin. Und sagt ihr. daß sie zu meinem Kleide nicht Perlenbesatz verwenden soll, sondern Spitzen .... und zwar echte . . . Könnt ihr die Spitzen hier bekommen, oder soll ich ihretwegen nach Wien schreiben?" „Ai, soll der liebe Herr Gott geben Euer Gnaden solche Gesundheit, wie ich werde bringen feine Sp-tzm. Nach Wien? Wozu nach Wien? Warum nach Wien? Zn was nach Wien? Jankiel kann alles besorgen, allein. Was wäre Jankiel für ein Makler. . ." „Also denkt daran. Und am besten wär's, er bringt mir die Spitzen, daß ich sie ansehe. Aber gleich gute und hübsche, denn wenn die Schneiderin dadurch mein Kleid nicht rechtzeitig ausfertigen sollte ..." „Werde ich Dich mit Hunden aus dem Hofe hetzen lassen!" schloß der auf der Veranda stehende gnädige Herr. Gleichzeitig ließ er einen lauten Pfiff ertönen. Sofort tauchte aus irgend einem Winkel ein großer, schwarzer Hund auf, und treu seiner Hundenatur stürzte er, ohne einen Befehl abzuwarten oder nach einer Ursache zu fragen, mit lauten» Knurren auf den Juden los. „Ai, ai, ai! Euer Gnaden! Gewalt! Was ist das? Er wird mich verwunden, er wird mich beißen, er mordet mich schon!" Der Jude schrie und lief rund um die Veranda umher, der Hund verfolgte ihn und sprang an ihm in die Höhe und der gnädige Herr lachte so, daß die Thränen in seinen schönen, eines Schlachzizen würdigen Schnurrbart hinunterperlten. Wenn dem Makler wirkliche Gefahr gedroht hätte, würde der gnädige Herr nicht gelacht haben, denn sein Herz war nicht schlecht; aber diese Angst war zu komisch . . . Und sie wurde immer größer, und der Anblick immer lächerlicher. Jankiel empfand nämlich im Grunde gar keine Furcht vor dem Hunde, sondern wollte mit diesem Schauspiel den Schlackziz in gute Laune versetzen. Das pflegte manchmal sehr lohnend zu sein. „Aber Stas, meine Sp'tzen, mein Kleid . . ." In der That, es war schade, die Zeit einer Pantomine halber zu verlieren, die oft schon gespielt worden war und manchmal noch gespielt werden würde. „Karo, hierher!" Nachdem Jankiel noch einige forschende Blicke und tiefe Bücklinge zu den Herrschaften entsendet hatte, eilte er raschen Laufes auf das Thor des Palastes zu. „Jankiel!" Das ist die Beschließerin. Untersetzt gebaut, dick, mit rothen Backen, steht sie vor der Küchenthür und kaut etwas. Wie immer. „Jankiel, bringt mir einen Hut Zucker ..." „Sogar zwei, wenn die Frau Beschließerin es befehlen." „Was? Was? Das ist doch aber eine Strafe Gottes mit diesem Juden! Tausendmal schon habe ich ihm gesagt, daß man mich nicht ..." „Frau Wirthschafterin. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich habe vergessen. Soll der liebe Herr Gott so geben Gesundheit und Leben der Frau Wirthschafterin, wie ich habe vergessen. Ich bitte ..." „Meinethalben könnt Ihr vergessen, ob Ihr lebt oder nicht, aber wie man Jemanden seiner Würde gemäß anzureden hat, das muß gedacht werden. Wirklich, das gefällt mir! Zehn Leute werd' ich anstatt seiner finden, die auf allen Vieren vor mir springen und mich nicht beleidigen werden ..." Demüthig, tief sich bückend, stand Jankiel vor ihr. Sein gelbes, kleines, gerunzeltes Gesicht sah wie eine alte zusammengeschrumpfte Citrone aus. „Seien Sie nicht böse, Frau Wirthschafterir». Ich bitt, um Verzeihung, ich ... ich ... Und vielleicht darf ich der Frau Wirthschafterin Rosinen und Mandeln anbieten?" Bei den letzten Worten zog er eine mit Mandeln und Rosinen gefüllte Düie aus der Tasche. Dieselben bildeten nämlich im Verein mit Würden und Ehren eine unerläßliche Lebensbedingung der obersten Befehlshaberin der herrschaftlichen Küche. „Nun, dieses eine Mal noch," rief sie besänftigt. „Ja, was ich doch sagen wollte ... Immer müßt Ihr so etwas einrichten, daß man das Wichtigste vergißt. Also ..." „Ein Hut Zucker ..." „Aha! Und ein Pfund Kaffee und zwei Kilo Kerzen Werdet Ihr das denken?" »Hi, hi, hi! Warum sollte ich vergessen? Und wie noch werde ich es denken! Soll ich so gesund hierher zurückkommen. . ." Er zog den Hut grüßend fast bis zur Erde, dann begann er wieder die zum großen Einfahrtsthor führende Allee entlang zu laufen. Der Schmutz spritzte mrter seinen Füßen in die Höhe und befleckte seinen langen Rock, der, einst aus gutem Rips, gegenwärtig eine Mosaik der verschiedenartigsten Stoffe und Farben bildete. Ain Thor standen Walek der Kutscher, und Matthäus der Jnsp ctor. Elfterer bestellte bei Jankiel Nägel und Tabak, Letzterer eine Flasche guten Schnapses. Geld gaben sie zwar nicht zu diesen E nkäufen, statt dessen jedoch versetzte Walek, der in vorzüglicher Laune »var, dem Juden einen Stoß, daß er taumelte und auf den Jnspectoc fiel. Dieser, auf den Spaß eingehend, wollte die Antwort nicht schuldig bleiben, sondern stieß seinerseits Jankiel zurück auf Walek. der wiederum, zum höchsten Ergötzen, ihm einen Faustschlag auf den Kopf versetzte, so daß dem Juden die Mütze über die Augen fiel. „Und jetzt, marsch, marsch!" rief er. Jankiel verschwand so rasch, daß er kaum eine Antwort hervorstottern konnte, und die beiden Würdenträger stemmten die Arme in die Seiten und wollten sich ausschütten vor Lachen. „Das ist mal ein ungeschickter Kerl," rief Walek, „wackelt mit dem Bart, zittert wie ein Espenblatt und versteht sich nicht zu wehren". „Was kann er dafür, wenn ihn Gott schon so geschaffen hat", bemerkte der Inspektor mit philosophischer Ruhe. „Er gab ihm Verstand, die Leute zu betrügen, aber keine Kraft und keine Spur von Muth. . ." . Mittlerweile war der Jude schon eine Strecke weit gegangen, und seine Gestalt glich nur mehr einen lächerlichen, schwarzen, mit fieberhafter Hast sich bewegenden Punkt. Bis zur Stadt waren es nämlich zwei Meilen und Jankiel sollte heute noch zurückkommen. Im Palast unterhielt man sich indeffen und machte philosophische Bemerkungen, die trotz des Standesunterschiedes der Sprechenden ungefähr denjenigen von Walek und Matthäus glichen. Die gnädige Frau nämlich war eine zartbesaitete Natur und litt an gelegentlichen Gesühlsausbrüchen. „Was treibst Du nur immer mit diesem Juden?" sagte sie zu ihrem Gatten. „Diese Geschichten mit dem Hunde wiederholen sich unzählige Male, und es ist doch keineswegs anzunehmen, daß sie dem armen Manne Vergnügen bereiten sollten". Der Gutsherr lachte laut auf. „Aber mein Herz", sagte er. „wie man doch gleich erkem t, daß Du ein Stadtkind bist! Wer macht sich etwas aus solchen Dingen . . . Dieser Jankiel, siehst Du, gehört zum Gutsinventar, ich habe ihn mitsammt dem Erbe übernommen, und niemals hat man ihn anders behandelt. Seit undenklichen Zeiten war immer ein Jankiel bei uns; in der Küche, im Vorzimmer, oder in der Scheune. Seine Hauptbeschäftigung ist die Kreuzerjagd. Um eines Kreuzers halber wird er noch ganz andere Dinge machen. Glaubst Du wirklich, daß diese Leute Nerven, Ehrgefühl, Ideale haben?" Erstaunt blickte die gnädige Frau ihren Gatten an. Nein, Gott behüte! Solch' ein Gedanke war ihr nie gekommen! Nie hätte sie diese erhabenen Begriffe entweiht, indem sie dieselben mit derartigen ... in Verbindung brachte. Immerhin jedoch ist ein solcher Anblick. . . nicht angenehm.

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