Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 792 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Nr. 44 des Tempels zu Jerusalem, also im Jahre 73 p. n. CH. aus der hinterindischen LandschaftKotschinchina auf ihrem Zuge durch Persien und Samarkand nach China gezogen sein. Diese Angabe soll eine in der Synagogen-Ruine Kaifongsus aufgefundene Inschrift einer Steintafel bestätigen, die da besagt, daß die Juden zur Zeit der Han-Dynastie unter dem Kaiser Ming-ti, also zwischen 58—75 p. n. Ch. nach China einwanderten uud daß der Kaiser ihnen gestattete, sich in Pien-li-ang, in dem heutigen Kaifongfu niederzulassen und eine Synagoge zu bauen. Infolge der Niedermetzelung aller Fremden durch die Chinesen, wurden auch die Juden und die Synagoge Opfer der Vernichtung. Ein Theil flüchtete sich nach Kin-sai, dem heutigen Hang-tschu, von wo sie, nachdem Frieden eintrat, wieder nach Kaifongfu zurückkehrten. Im XII. Jahrhundert standen sie in großem Ansehen bei der Regierung und im Lande und erbauten 1163 eine Synagoge, welche im Jahre 1421 auf Befehl des damaligen Kaisers renovirt wurde, dem sie golddurchwirkte Teppiche zum Geschenke machten. Dieses Ereigniß bezeugt eine Steinplatte aus jener Zeit. Im Jahre 1461 wurde die Synagoge durch den Hoang-ho — gelben Fluß — zerstört und kurz nachher wieder erbaut. Auch diese Thatsache verkündet eine von einem Kaiser aus der Ming-Dynastie gestifteten Votivtafel. Nach einigen Jahren zerstörte eine abermalige Ueberschwemmung die Synagoge und vernichtete zugleich auch die Thorarollen. Den Wiederaufbau im Jahre 1489 verkündet eine weitere Steinplatte aus dem Jahre 1512 *). An Stelle der vernichteten Thorarollen erwarben sie neue aus der fernen Hafenstadt Ning-po, woselbst eine kleine, erst im XV. Jahrhundert daselbst sich angesiedelte Judengemeinde bestand. Nahezu ein Jahrhundert lang blühte nun die Gemeinde in Kaifongfu, die prächtige große Synagoge war der Sammelplatz aller Judencolvnien. Zu Ende des XVI. Jahrhunderts vernichtete ein Feuer die Synagoge und alle Thorarollen. Die Juden scheuten keine Opfer, sie wieder, wenn auch mit geringerer Pracht, zu erbauen, schwerer jedoch gelang es, eine geschriebene Thorarolle zu erhalten. Nach langem Suchen erstanden sie eine von einem Muhammedaner, der diese von einem Juden in Kanton erwarb. Zu Anfang des XVII. Jahrhunderts begann der Niedergang der jüdischen Gemeinde und des jüdischen Lebens in Kaifongfu. Eine abermalige Ueberschwemmung zerstörte die Synagoge und die Eroberung der Mandschu-Dynastie zerstreute die Juden im ganzen Reiche. Nach dem Berichte des Jesuitenpaters Aleni, der 1613 die Judengemeinde Kaifongsus besuchte, fand er unter den dortigen Juden die hebräische Bibel, die wörtlich mit der hebräischen Bibel von P l a n t i n übereinstimmte. Das jüdische Gesühl und das Verständniß für die heilige Schrift war den chinesischen Juden jener Zeit abhanden gekommen; durch ihre Amalgamirungsgelüste mit den Chinesen wurden sie lässig in der Ausübung der jüdischen Gebräuche, für ihren verstorbenen religiösen Leiter erstrebten sie keinen Ersatz, die hebräische Sprache wurde ihnen fremd, die Synagoge eine Ruine, für die Thorarolle hatten sie aus Mangel an Verständniß keine Verwendung mehr. Jene in Kanton oder Ningpo geschriebene Thorarolle, aus dem Ende des 16. Jahrhundert stammend und aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Texte der Platin'schen Bibel übereinstimmend, dürfte daher der Jesuitenpater Aleni von den dortigen Juden erstanden und sie in dieHeimat mitgenommen haben, von wo sie d e n W e g z u d e m T ro c ad ßro vonParis nahm. Die Jesuiten haben nun die Siegestrophäe ihres alten Jesuitencollegen der Welt vorgeführt. Einen ähnlichen Vorgang finden wir nach den Berichten I. L. Liebermann's aus Wien und Martius, eines Mitgliedes des Tung-von-Collegiums in Peking, aus dem Jahre 1865, bei dem geringen Ueberreste der Juden Chinas im Jahre 1850, als die kleine, etwa 3- bis 400 Seelen zählende jüdische Gemeinde Kaifongsus aus Mangel an Verständniß für die heilige Schrift und deren Sprache, die von ihren Vätern in der Fremde erstandenen Thorarollen ihrer kleinen Synagoge der englischen Mission verkaufte. Das einzige Denkmal jenes einstigen frischpulsirenden jüdischen Lebens in China ist die noch jetzt sichtbare Ruine der großen, prächtigen Synagoge Kaifongsus. Malaczka. Dr. Moritz Lewin Bezirksrabbiner. *) Der Chinareisende I. Cholnoky bietet in seinem kurzgefaßten Berichte im „Pesti Naplo" 1897 den Inhalt jener Votivtafel. Ich verdanke den Einblick in diesen Bericht der Güte des Herrn Moritz Spitzer, Posz-Szälesküt. Prag, 24. Oktober. (Professor Dr. Masaryk über den Hilsner-Proceß.) Aus Anlaß des Processes gegen Leopold Hilsner veröffentlichte Professor Dr. Masaryk im Prager „Czas" einen Artikel über diese Affaire, der jedoch von der Prager Staatsanwaltschaft confiseirt wurde. Das Blatt veranstaltete eine zweite Auflage unter HiNweglaffung der beanständeten Stellen, der wir Nachstehendes entnehmen: „Wenn je, so können die Worte „die Augen ganz Europas sind auf uns gerichtet" von dem morgigen Proceß mit vollem Rechte angewendet werden. Es ist ein eigenthümlicher Proceß, ein Proceß von cultureller Bedeutung — das fühlen und wissen wir Alle. Der Polnaer Proceß wird dem künftigen Historiker ein Maßstab der Bildung und sittlichen Thätigkeit nicht nur des böhmischen Volkes, sondern der gegenwärtigen Gesellschaft überhaupt sein, denn die Affaire in Polna ist durch eine lichtscheue Agitation eineAngelegenheitderganzengebildetenWelt geworden; der Proceß in Polna ist und bleibt ein Culturdocument des absterbenden neunzehnten Jahrhunderts. Ein gesunder ehrlicher Sinn, der die Polnaer Affaire prüft, kann gewiß nicht mehr dem Ritualmordglauben unterliegen. Der Ritualmord ist bei dem Verbrechen von Polna ganz entschieden und absolut ausgeschlossen, denn das Blut, nach welchem gefragt werde, hat nicht gefehlt. Das sieht man aber auch aus allen übrigen Umständen. Einen Ritualmord könnte nur ein religiöser Fanatiker begehen — der Angeschuldigte ist aber notorisch ein Tagedieb, dem die Religion ganz gleichgiltig war. Und welch ein eigenthümlicher Zufall und welche Warnung — der Angeklagte entstammt christlichem Blute, denn sein Vater ist das uneheliche Kind eines christlichen Vaters. Ein Vertheidiger des Ritualmordes vermag seinen vermeintlichen Beweis nur dadurch zu erbringen, daß er seine Existenz auch bei Christen zu beweisen sucht, und das nicht nurin alter, sondern auch in neuer Zeit — so wendet sich der Ritualmord- Aberglaube schließlich gegen seinen geistigen Vater, den Clericalismus. Der Aberglaube muß sich selbst aufzehren. Wenn man erfährt, daß Hilsner auch wegen des Mordes an der Klima angeklagt ist, muß schon ein Jeder einsehen, daß es sich hier um etwas ganz Anderes handeln muß, als um einen Ritualmord. Ich selbst besitze einige Gutachten der größten Capacitäten Europas, die in dem Polnaer Verbrechen einen, wie sie sagen, geradezu typischen Fall geschlechtlicher Perversität sehen. Zugleich erklären diese Autoritäten, daß perverse Verbrechen in der Regel von einzelnen Thätern begangen werden; die Kuttenberger Anklage aber basirt, wie bekannt, auf der Annahme, daß Hilsner zwei Mitschuldige hatte. Meine psychiatrischen und gerichtsmedicinischen Autoritäten erklären, daß die Art des Polnaer Verbrechens auf einen psychopatischen Thäter hinweist. In dem Polnaer Processe handelt es sich um den B e w e is der Thäterschaft. Ich wiederhole, um den Beweis. Der Aberglaube macht das Herz des Menschen zu einem Stein und verwandelt das Gehirn in Stroh! Allein — und das ist das werthvolle Resultat der literarischen und anderen Kämpfe des vergangenen Jahres — der Ritualmordglaube ist in seine lichtscheuen Schlupfwinkel verjagt und der Polnaer Proceß wird bei urtheilsfähigen und ehrlichen Menschen nicht mehr den Aberglauben stützen, der in seinen unreinen Bestrebungen die Religion und Nationalität mißbraucht. Oderberg - Bahnhof. Am 28. October fand hier die Neuwahl des Vorstandes des israelitischen Bethausvereines statt. Nachdem Herr Leop. Schnitzer den Bericht über die Thätigkeit des Vorstandes seit der jüngsten Generalversammlung verlesen hatte, in welchem das besonders eifervolle Bemühen desselben um das Zustandekommen eines würdigen Gotteshauses und Gottesdienstes hervorgehoben und der vollkommen zufriedenstellenden Leistun en des neuangestellten Obercantors Herrn Jonas Goldmann Erwähnung geschah, erstattete Herr Josef Zänker den Cassabericht, aus welchem hervorging, daß der junge Verein bereits ein Baarvermögen von K 26.000 aufzuweisen hat. Beide Berichte wurden mit großem Verfalle entgegengenommen und dem Vorstande das Absolutorium ertheilt. Hierauf wurden mit Acclamation wiedergewählt die Herren: Leopold Kaßler, Victor Lustig, Josef Zänker, Leopold Schnitzer, Hermann Jmmerglück, David Spitzer, Dr. Max Beer, Heinrich Bellak, Eduard Eichenbaum. Als neue Vorstandsmitglieder wurden gewählt die Herren: Ignatz Kohn, Kulka, Magazinsvorstand der Nordbahn,