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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 44 Vx. Hoch's W^chensrlrrif^ Seite 791 Sohin beschäftigt sich der Vorstand in längerer, Debatte mit einer Angelegenheit des Simmeringer Tempelvereines. Eine endgiltige Beschlußfassang wird von dem Ergebnisse einer unter Intervention des Präsidenten der Cultusgemeinde abzuhaltenden Conferenz abhängig gemacht. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung geschlossen und die Tagesordnung Sonntag den 4. November 1900 fortgesetzt. Wien. (Plenarversammlung der Oest erreich i s ch - I s r a e l i t i s ch e n U n i o n. — Samstag den 27. October 1900.) Der Präsident Herr kais. Rath R u z i e f q begrüßte die Anwesenden mit einer herzlichen Ansprache. Der heutige Abend sei einem Vortrage über ein wissenschaftliches Thema gewidmet, die Stellung nämlich, die das Judenthum gegenüber dem neuerdings von Hackel gepredigten Monismus einzunehmen habe. Die Person des Vortragenden, die sich seit vielen Jahren mit philosophischen Studien befasse, bürge dafür, daß das spröde Thema der Versammlung interessant gemacht werde. Mit Rücksicht auf den wissenschaftlichen Charakter des Vortrages verschob der Vorsitzende die gewöhnlichen geschäftlichen Mittheilungen iüc den nächsten Abend. An demselben werden die bevorstehenden Wahlen in den Reichsrath, sowie die Neuwahlen in den Cultusvorstand das Thema der Discussion liefern. Dabei werde sich Gelegenheit bieten, zu dem neuen Statut Stellung zu nehmen. Von jetzt ab werden die Versammlungen der Union möglichst allsamstäglich staltfinden. Der Vorsitzende machte hierauf Mittheilung davon, daß der bisherige Secretär des Vereines, Herr Josef Fuchs, durch berufliche Ueberbürdung, seine Stelle niederlegte. Der Vorstand habe beschlossen, Herrn Fuchs in Anerkennung seiner langjährigen, uneigennützig geleisteten Dienste zum Beirath zu wählen, in welcher Eigenschaft seine Mitwirkung uns weiter zugesichert ist. (Beifall.) Hierauf hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. M. L. Stern aus Tri e sch seinen angekündigten Vortrag über „Häckel's Welträthsel und das Judenthum", dessen Inhalt wir in einer der nächsten Nummern reproduciren. Nach Beendigung -des Vortrages dankte kais. Rath RuLii-ka dem Redner für seine geistvollen und mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommenen Ausführungen. In einer kleinen Gemeinde mit seinem Hellen Geiste thätig, vertieft in sein Studium, sammelte er den Stoff und kam zu uns, um das Resultat seiner Studien uns zu vermitteln. Die Versammlung wisse dem Vortragenden besonderen Dank dafür, daß er die Mühe einer Reise nicht scheute, um uns die schützenswerthe Arbeit aus der stillen Gelehrtenstube in faßlicher und feffelnder Weise darzubieten. (Lebhafter Beifall.) Hierauf lud der Präsident die Versammlung ein, an dem gemeinsamen Abendessen theilzunehmen. Bei demselben ergriff Vicevräsident Professor Ehrmann als Erster das Wort, um dem Vortragenden für seine geistvolle Rede zu danken. Als Schüler Häckel's, der zu des Meisters Füßen gesessen, möchte er eine Parallele zwischen Häckel und Dr. Stern ziehen. In diesen beiden Männern verkörpere sich der Gegensatz des arischen und des jüdischen Geistes, welch letzterer, sei es aus ursprünglicher Anlage, sei es durch die Lebensverhältnisse der Juden gedrängt, öfter dazu komme, auch die äußeren Consequenzen seiner Gedanken zu ziehen. Der italienische Socialphilosoph F e r r e r o warf einmal die Frage auf, was aus Marx geworden wäre, wenn er nicht als Jude geboren worden wäre, sondern als norddeutscher Christ — und Ferrero antwortete: Er hätte dieselben. Sachen geschrieben und wäre dennoch Geheimrath von Marx geworden! Hegel und G ö t h e hatten freie Gedanken, und sie brachten es doch zustande, der eine, Minister und Geheimrath, der andere Universitätsprofessor zu werden. Bon ihnen sagte deshalb Börne mit einem scharfen Worte: Hegel war ein ungereimter Knecht, Göthe ein gereimter. So habe auch Häckel, als ihm ein Sohn geboren wurde, die Taufe durch ein symbolisches Fest ersetzt, bei welchem die Sonne als Spenderin alles Lebens gepriesen wurde. Eben dieser Sohn sei aber heute — wohlbestallter Universitätsprofessor. — Was die Lehre Häckel's, den Monismus, anbelangt, der nur emen Stoff kenne, so erinnert der Redner daran, daß in der Schöpfungsgeschichte das großartige Bild vorkomme: Und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern. Und diesen einen Geist hauchte er jedem Menschen ein. Auch dies ist Monismus. Ehrwürden Rabbiner Dr. T a g l e i ch t erinnert daran, daß Häckel selbst in der Vorrede zu einem seiner Werke einen Unterschied zwischen moralischem und wissenschaftlichem Materialismus machte. Der letztere sei wiffenschaftlicher Realismus, mit dem die Religionen sich auseinandersetzen könnten. Anknüpfend an einen Passus des Vortrages setzte sich der Redner für die Eindeitsbestrebungen innerhalb der Judenheit Oesterreichs ein, welche ein Hauptziel der Oesterreichisch - Israelitischen Union seien. Die große Wiener Gemeinde müffe sich mit den kleinen Gemeinden, die reich an Begeisterung fürs Judenthum seien, verbünden, jenen Leuten aus unserer Mitte zum Trotze, die diese Einheit gerne stören möchten. Kais. Rath Ru 2 iöka dankte dem Vorredner für seine Anerkennung der Bestrebungen der Union und berichtet über die bisherigen Erfolge der für den Verein thätigen Kräfte. Dankenswerth sei, daß die Rabbiner das Werk der Einigung mit seltener Einmüthigkeit fördern. Vom flachen Lande kommen dringende Wünsche zum Ausdruck, vor Allem das Anstreben einer Conststorialvrrfassung und eine Vertretung im CultuZMinisterium. Prediger Dr. L ö w y theilt mit, daß Dr. I e l l i n e k anläßlich des Erscheinens von Dr. Stern's „Monismus" sich mit höchster Anerkennung über diese Leistung eines Rabbiners in einer mittleren mährischen Gemeinde ausgesprochen habe. Herr Dr. Philipp Meitner, der sich als Weltkind vorstellt, bemerkt, er habe darüber gestaunt, daß sich ein Rabbiner an ein solches Thema heranwage. Die Assimilation, die der Vortragende verdammt habe, sei wirklich etwas, was das Judenthum nicht brauchen könne. Das Judenthum muß vielmehr vorangehen und dorthin führen, wo die höchste Einsicht und Vernunft das Ziel angeben. Nachdem Herr Hofbauer sich gegen eine Consistorialverfassung ausgesprochen, gab Herr S. Brod dem Wunsche Ausdruck, daß die Verwaltung der Union im Geiste wahrhafter Volksthümlichkeit geführt werde, sowie der Ueberzeugung Raum, daß Präsident Ru^wka geeignet sei, hierin Ersprießliches zu leisten. Es sprach noch Herr B i e l i tz, der die Bethätigung jüdischen Muthes auch im täglichen Leben verlangte, worauf der officielle Theil des Abends geschloffen wurde. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Der Pariser Correfpondent der „Oesterreichischen Wochenschrift" berichtet in Nr. 42 dieses Blattes von einem „kostbaren jüdischen Schatze", der sich auf dem Trocadero zu Paris in dem Pavillon der Jesuiten befindet. Dieser Schatz besteht aus aus einer alten Thorarolle, welche nach dem danebenliegenden, in französischer Sprache geschriebenen Buche einst Elgenthum der jüdischen Gemeinde in K a i f o n g f u gewesen und daselbst geschrieben worden sei. Der Correfpondent knüpft an diesen Bericht die Fragen: Ob der Schreiber dieser Thorarolle bereits den Text der Massora gekannthabe? und wie die Rolle in den Besitz der Jesuiten gekommen sein konnte? Ich erlaube mir nun auf Grund der vielseitigen und zahlreichen Berichte der Chinaforscher diese Fragen der Beantwortung zuzusühren. Ich will hier in Kürze nur das auf den Gegenstand Bezughabende skizziren; der Erste, welcher uns über das Vorhandensein größerer jüdischer Gemeinden in China berichtet, ist der arabische Reisende Abu-Said-Al-Hassau im IX. Jahrhundert, ihm folgen 1345 I b n B a t u t a, 1613 der I e f u i t e n p a t e r A l e n i, als erster Europäer, 1720 Kogler, 1867 L i e b e r m a n n, 1897 C h o l n o k y. Wir kennen weitere Berichte von Marco Polo, Jowet, W i t s e n. M a n a s s e - b e n - I s r o e l'), P e t e r G oz a n i, Martin u. A. Diese Berichte stimmen darin überein, daß K a i f o n g f u in der Provinz Honau die älteste und größte Judencolonie gewesen?) Die Juden sollen im zweiten JahrHnach der Zerstörung ') Er ist nur Interpret jener bis zu ihm gelangten Berichte, die er glaubwürdig findet, weil die Prophetie des Jesaia — 49, XII. — darauf Bezug habe: „Siehe, sie kommen von Ferne u. s. w. und diese vom Lande S r n n i m." Er faßt Sinnim für China. Siehe auch Herzog, Realencykl. s. v, Sin, S. 940, III. In der That wurde China vorerst unter dem Namen S i n bekannt. Der Name China ist nicht chinesischen Ursprungs, sondern wurde so von den Portugiesen benannt. Unter Sinnim des Jesaia ist jedoch nicht China, sondern die südliche Gegend Palästinas zu verstehen und auf di se hat die jes. Prophetie Bezug. Vgl Genes, r. Absch. 52, idi<l. Absch 94. ') Einige nennen auch Ningpo, Nighia und Hangtschen. Siche auch Jost, Gesch. d. Jsrl. 2, 337.

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