Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021376--10336-3034812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-er. 44 Seite 789 Schon in den einleitenden Worten der ältesten auf uns gekommenen „Widerlegungen der falschen Gnosis" erkennen wir in den hier behandelten Gnostikern die Minim des Talmud wieder. „Mit Verachtung der Wahrheit" — so heißt es hier — „bringen Einige falsche Lehren . . . und mißleiten durch eine fein angewandte Ueberredung den Verstand der Unerfahrenen, nehmen fielV gefangen, verdrehen die Worte des Herrn, das Richtige falsch» i auslegend, und verführen Viele, indem sie dieselben unter demHt Vorwände der Gnosis von dem Schöpfer und Ordner des Welt-» l alls ablenken, als könnten sie etwas Größeres und Erhabeneres^ aufweisen, als den Gott, der Himmel und Erde und Alles, was ) '■ darin ist, gemacht hat; indem sie mit Scheingründen durch Rede-1 gewandtheit die Arglosen zur Untersuchungslust anreizen und sie dadurch verderben, daß sie ihre Gesi nnung gegen den l Weltschöpfec (Demiurgos) frevelhaft und gottlos . machen, da dieselben die Lüge von der Wahrheit nicht zu unterscheiden vermögen. Denn die Lüge zeigt sich nicht als solche, damit sie nicht in ihrer Nacktheit überführt werde, sondern tritt in täuschender Umhüllung, schlau geschmückt, auf und zeigt sich so, daß sie vermöge ihres äußern Ansehens den weniger Erfahrenen wahrer scheint als die Wahrheit selbst. . ."*) Nun, sehe man sich die ältesten talmudischen Controversen mit den Minim ein wenig näher an. Man lese dort die Bekämpfung der Zweigottheit der Minim, die Warnung vor den berückenden Verführungskünsten der minäischen Lehren, von ihrer Gesetzesfeindlichkeit, ihrer Leugnung der Auferstehung, und behaupte dann noch ferner, daß unter Minim Judenchristen zu verstehen seien. Am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts sagt R. Tarphon von den Schriften der Minim: „Beim Leben meiner Kinder, wo diese Schritten mir unter die Hände kommen, so verbrenne ich sie mitsammt den in ihnen enthaltenen Gottesnamen. Und so Jemand von einem Mörder oder einer Schlange verfolgt wird, so flüchte er sich in einen heidnischen Tempel, nur nicht in die Häuser der Minim, denn diese sind Wissende und leugnen gleichwohl, die Heiden aber leugnen aus Unwissenheit, und von diesen Minim gilt das Wort des Propheten: „Hinter Thür und Pfosten stellst Du Dein Gedächtniß auf, denn von meiner Seite buhltest Du hinweg." — Und dieser Aufschrei der Empörung sollte den Christen oder Judenchristen des ersten Jahrhunderts gegolten haben! Diese sollten die Wissenden und gleichwohl Leugnenden gewesen sein, sollten von der Seite Gottes hinweggebuhlt haben! R. Jsmael, der berühmte College R. Tarphon's, klagt bei derselben Gelegenheit die Minim an: daß sie nur Haß, Neid und Zwietracht zwischen Gott und Israel säer?) und daß auf sie das Wort des Psalmisten sich beziehe: „Sollte ich deine Hasser, o Gott, nicht hassen, und die g e g e n Dich sich empören, nicht verabscheuen! Fürwahr mit tiefstem Hasse hasse ich sie, zu Feinden sind sie mir geworden...." Und damit sollten die Judenchristen der damaligen Zeit gemeint sein! Diese sollten Gott gehaßt, gegen Gott sich empört haben! Diejenigen, die Solches behaupten, scheinen — wie unglaublich es auch klingen mag — in dem Urchristenthum schon jenes Christenthum zu sehen, welches nach Jahrhunderte langem Ringen mit dem Gnosticismus aus demselben siegreich — allerdings auch mit seinen Ideen getränkt — hervorgegangen. Lange noch bevor es einen christlichen Gnosticismus zu bekämpfen gab, ließ der Patriarch R. Gamaliel II. in das Schmone-Esre-Gebet eine Verwünschungsformel gegen die schon damals mächtige, verheerend wirkende und mit ihrer höheren Erkenntniß prahlende Partei der Minim einschalten. Dieselbe lautet: „Und den Minim sei keine Hoffnung, und Alle, die Frevel üben, mögen schnell zu Grunde gehen, und sie Alle baldigst ausgerottet werden; und lähme und zerschmettere und stürze und demüthige die frechen Hochmüthigen, bald, in Eile, in unseren Tagen. Gelobt seist Du, Herr, der Du zerschmetterst die Feinde und demüthigst die frechen Hochmüthigen." Und diese fürchterliche Verwünschungsformel sollte gegen die, zu Moses und den Propheten unverbrüchlich haltenden Christen des ersten Jahrhunderts gerichtet gewesen sein! Diese ') Irenaeus adv. haer. praefat. 1. 2. 2) Vgl. den ersten Timotheusbrief 6, 3 ff, wo vor den Gnostikern gewarnt wird, „die nichts wissen, sondern flüchtig in Fragen und Wortkriegen sind, aus welchen Neid, Hader, Lasterung, böser Argwohn entspringen Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe: Thue dich von solchen." sollten die „Sedim" *), die frechen Hochmüthigen, gewesen sein, die „gelähmt, zerschmettert, gestürzt und gedemüthigt werden müssen!" Das ist die widersinnigste Vermuthung, die man sich nur denken kann. Es waren vielmehr jene antinomistischen gnostischen Secten der Kainiten, welche schon Philo — also in noch vorchristlicher Zeit — als dem Bestände des Judenthums höchst gefährlich und verderblich bezeichnete, die als „Nachbeter kainitischer Verkehrtheiten", wie er wörtlich klagt, „in ihrem verruchten Frevel und Dünkel soweit gingen, daß sie sich anstrengten, Lehrshsteme hervorzurufen und sogar die rech tgläubige Menge Israels bezwangen, indem sie ihr Führer und Lehrer in den bösen Werken aufdrängten.* 2) — Es waren Juden, von denen es in der Johanneischen Apokalypse heißt: „Siehe, ich werde geben aus Satans Schule, die da sagen, sie sind Juden und sind es nicht, sondern lügen.3) Die aus „Satans Süule" sind antinomistische Juden, die den Demiurgos und sein Gesetz schmähen. Das würden wir, wenn wir es auch sonst nicht wüßten, daraus ersehen, daß unmittelbar vorher und auch nachher von gnostischen Nicolaiten die Rede ist; wir würden es von Jrenaeus erfahren, der uns hierüber folgendermaßen belehrt: „Alle fälschlich sogenannten Gnostiker (welche nämlich den Demiurgos lästern und einen andern Vater ersinnen) sollen von den Gottesverehrern als Werkzeuge des Satans erklärt werden, durch welchen der Satan jetzt ..offen mit Lästerungen gegen Gott hervorgetreten ist." 4) Es waren dies die jüdischen „fälschlich sogenannten Gnostiker", wie sie in den Pastoralbriefen des Neuen Testaments charakterisirt werden, welche später, als das Judenthum, nach Zerstörung des Tempels weltvergessen nur in den „vier Ellen der Halacha" lebendig lebte, in dem aufstrebenden Christenthum ihr Unwesen trieben; Menschen, von denen es im zweiten Timotheus-Brief heißt: „daß sie von sich selbst halten, ruhmredig, hoffärthig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, ungeistlich, störrig, unversöhnlich.aufgeblasen, die mehr lieben Wollust denn Gott, die haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie. Und solche meide.Lernen immerdar und können nimmer zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Gleichwie aber Jannes und Jambres Most widerstanden, also widerstehen sie der Wahrheit; es sind Menschen von zerrütteten Sinnen, untüchtig zum Klauben. Aber sie werden es die Länge nicht treiben, denn ihre Thorheit wird offenbar Jedermann gleich wie auch jener war." 5) — Von diesen selben Leuten heißt es I Timoth. 1, 7, 8: „daß sie der Schrift Meister sein wollen, dabei aber nicht verstehen, was sie sagen oder setzen. „Wir aber" — wird hier hinzugefügt — „wissen, daß das Gesetz gut ist, so sein Jemand recht braucht". Trefflich zeichnet Jrenaeus, sich auf einen Ausspruch des Apostels Paulus beziehend, die Gefahr, welche die Gnosis in ') lieber die „Sedim" und deren Vorhandensein schon in der vorchristlichen Zeit bringt Weinstein (Genesis der Agada, S. 208) wichtige Aufklärung, welche meine vor zwei Jahren aufgestellte und zumeist von jüdischer Seite angefochtene Behauptung, nach welcher unter den zu Ende des ersten und Beginn des zweiten Jahrhunderts so grimmig bekämpften Minim des Talmud antinomistische, aus vorchristlicher Zeit stammende Juden zu verstehen seien, neuerdings erhärtet. Nach dem Vorgang des Commentators des Schulchan Aruch, Tore Sahab. weist Weinstein auf V. öl des in der Maccabäer, zeit verfaßten Psalms 119 hin, wo „Sedim" und „Thora" Gegensätze bilden, die Sedim als Antagonisten der „mit der Thora sich Befassenden" angeführt werden, und wo der Psalmist sagt, „daß erobwohl die Sedim (die Hochmüthigen) ihn verspotten, dennoch nicht von der Thora abgewichen sei." Derselbe Gegensatz zwischen den Sedim und den Anhängern des „Gesetzes" betone — was besonders charakteristisch — das die Maccabäersiege feiernde Chanukagebet." — Man lese die weiteren diesbezüglichen Ausführungen Weinstein's nach, und man wird mit ihm die Ueberzeugung gewinnen, daß „diejenigen Juden, welche der mosaischen Lehre den Rücken wandten und sich muthwillig gegen sie auflehnten, „Sedim" (die Hochmüthigen), also Minim genannt wurden." 2) De posterit I, 235, *) Apokal. 3, 9. 2, 9. 4) Iren. V, 26, 2. Von diesem heißt es im Neuen Test. Tit. 1, 10 ff: „Denn es sind viele freche und unnütze Schwätzer und Verführer, sonderlich aus der Beschnei dung; welchen man muß das Maul st o p f e n, die da ganze Häuser verkehren und lehren» das nicht taugt. . . Sie sagen, sie erkennen Gott, aber mit den Werken verleugnen sie es, sintemalen sie sind es, an welchen Gott Gräuel hat". y H Tim. 3, 1 ff.