Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sir. 44 Wr. Bwch's Wochenschrift. Sette 787 und seinen eigenen sehr braven und tüchtigen Sohn Crispus tödten. Letzteren hatte seine Stiefmutter Fausta bei Konstantin verleumdet, der ohne weitere Untersuchung den Sohn hinrichten ließ. Später wurde wieder Fausta bei ihm angeklagt und er ließ auch sie ohne Untersuchung und Verhör tödten. Ein Jahrhundert vor Attila, der neulich als Muster für christliche Kriegführung aufgestellt wurde, hat Konstantin die kriegsgefangenen Franken den wilden Thieren in der Arena vorwerfen lassen. Gleichzeitig schenkte er große Geldsummen an die christlichen Kirchen in Afrika und befahl dort, Alle, die welche Christen von ihrer Religion abwendig zu machen versuchen sollten, strenge zu bestrafen?) Konstantin hatte seine drei Söhne und zwei Neffen zu Erben seines Reiches eingesetzt. Den Söhnen gefiel aber die Theilung nicht und so ließ man die zwei Neffen von den aufgehetzten Soldaten ermorden. Und, da man schon im Prinzenmorden war, wurden noch andere fünf Neffen, zwei Brüder und ein Schwager des verstorbenen Kaisers abgeschlachtet. Der Hauptanstifter dieser Mordthaten scheint dessen zweiter Sohn Konstantins gewesen zu sein; wenigstens hat es ihm der heil. Athanasius vorgeworfen?) Aber auch die Söhne Konstantins geriethen miteinander in Streit um das Erbe und endlich blieb (a. 353) dieser Konstantius Alleinherrscher. Drei Jahrhunderte später hat ein anderer Kaiser, Konstanz II., seinen Bruder Theodosius „zum Priester verurtheilt"; wiederholt hat er dann aus dessen Händen das Abendmahl genommen und endlich ließ er ihn ermorden (a. 659). Doch scheint er einige Gewissensbisse gefühlt zu haben, denn wiederholt ist ihm der Ermordete im Traume erschienen, ihm mit den Worten „trinke Bruder" einen Kelch voll Blut reichend?) Und die byzantinischen Herrscher setzten die Berwandtenmorde bis zum Untergang des Reiches fort. Alexius Ul. Comnenus stürzte (1195) seinen Bruder Jsaac vom Throne, ließ ihm die Augen ausstechen und hielt ihn bei karger Kost im Kerker. Andronikus Paläologus empörte sich gegen seinen Vater Kaiser Johann, wurde von diesem besiegt und nebst seinem fünfjährigen Söhnchen zum Tode verurtheilt. Die Henker, barmherziger als der Vater, begnügten sich, den Andronikus zu blenden. Zwei Jahre später aus dem Gefängniß befreit, überfiel er mit seinen Angehörigen den Vater (a. 1377) warf ihn nebst seinen anderen Söhnen in den Kerker und ließ sich zum Kaiser ausrufen. Dann entflohen wieder Johann und seine Söhne aus dem Kerker und stürzten mit Hilfe der Türken den Andronikus. Ein halbes Jahrhundert später, als schon die Türken fast vor den Mauern Constantinopels standen, gelang es dem Kaiser Johann II. nur mit Mühe, dem Bürgerkrieg zwischen seinen Söhnen Konstantin und Theodor Einhalt zu thun. (Schluß folgt.) L. Die Minäer des Talmud und das Gebet gegen die Minäer.*) Ich habe an anderer Stelle**) des Ausführlicheren gezeigt, daß das Christenthum schon bei seinem Entstehen einen schweren Kampf gegen die übermächtigen, weitverzweigten Secten der gnostischen Antinomisten, welche den „Judengott" und sein Gesetz verwarfen, zu führen hatte, denselben Kampf, welchen vorher die jüdischen Gesetzeslehrer gegen denselben Feind, die antinomistischen „Minäer" zu bestehen hatten. Waren doch Inhalt, Form und Methode des Kampfes hüben und drüben genau dieselben. Beide, die Ecclesia wie die Synagoge, wehrten sich wie Verzweifelte gegen das tempelschänderische Beginnen dieser Gnostiker, welches die Einheit Gottes zertrümmerte und sein Gesetz mit Füßen trat. „Sie sind weit ärger als die Heiden", riefen wie aus einer Kehle die jüdischen Gesetzeslehrer und die Säulen der Kirche. „Beim Leben meiner Kinder!" ruft in höchster Entrüstung der Gesetzeslehrer R. Tarphon (gegen Ende des ersten christlichen Jahrhunderts) aus, „wenn ich der Schriften der Minäer habhaft werde, so verbrenne ich sie mitsammt den in ihnen vorkommenden Gottesnamen. Und wenn Einer von einem Mörder oder *) Eutropius, Breviarium hist, romanae X, 4; Eusebius Hist. eccl. X, 6. 9; vita Const II 18; Gibbon cb. 14 und 18; Le Beau I 28, 29, H, 36, 37, III 52, 53, IV 48, 49. 2) Le Beau VI, 2, Z. Gibbon ch. 18. 3) Fleury L. 39 cb. 32; Le Beau LX, 25; Gibbon cb. 48. einer Schlange verfolgt wird, so flüchte er sich lieber in einen heidnischen Tempel, nur nicht in die Häuser dieser Leute: denn die Minim sind Wissende und leugnen; die Heiden aber leugnen, aus Unwissenheit u. s. w."). Ganz so der christliche Ketzerbestreiter Jrenaeus (im zweiten Viertel des 2. Jahrhunderts) gegen die antinomistischen Gnostiker: „Die Heiden", sagt er, „obwohl sie mehr als dem Schöpfer der Schöpfung dienen und denen, die keine Götter sind, weisen doch den ersten Rang der Gottheit, dem SchöPfergott, an; die ketzerischen Gnostiker aber, welche.diesen Gott psychisch nennen, behauptend, er kenne die über ihm stehende Kraft — will sagen, den höchsten Gott — nicht und er lüge, wenn er sage: „Ich bin Gott, und außer mir ist kein anderer Gott", während sie doch selbst lügen, da sie ihm jegliche Bosheit aufbürden und den, der nicht ist, als über diesem seiend erdichten — werden durch ihre eigene Meinung überführt, als Lästerer des Gottes, der ist, und als Erdichtet eines (obersten) Gottes, der nicht existirt, zu ihrer eigenen Verdammung. Und sie, die sich selbst als „Vollkommene" und als Besitzer der All-Eckenntniß bezeichnen, werden als ärger denn die Heiden befunden und als lästerlicher sogar gegen den Schöpfers. Wie die jüdischen Gesetzeslehrer des ersten und des Anfangs des zweitenchristlichen Jahrhunderts gegen die Minim — d. i. gegen die jüdisch-antinomistischen Secten — so kämpfen die Kirchenlehrer in der Mitte und gegen Ende des zweiten Jahrhunderts gegen die Gnostiker, die jetzt den Bestand des Christenthums, wie früher den des Judenthums bedrohen. Wer mit glühenderem Eifer die Einheit Gottes gegenüber diesen antinomistischen Gnostikern verfochten: die jüdischen Gesetzeslehrer oder später die Kirchenlehrer der ersten Jahrhunderte, ist schwer zu entscheiden. Die diesbezüglichen Ausführungen des Jrenaeus — dessen Ketzerbestreitungen die ältesten uns erhaltenen sind — könnten ebenso gut im Talmud stehen, wie die Wuthausbrüche des R. Tarphon und seines Zeitgenossen R. Jsmaöl gegen die „nur Haß und Zwietracht zwischen Gott und Israel stiftenden" Minim ganz vorzüglich in die Pastoralbriefe des Neuen Testaments und in die „Widerlegung der salchen Gnosis" des Jrenaeus passen würden. — „Wem sollen wir" — ruft Jrenaeus einmal aus — „in Bezug auf die Wellschöpfung mehr glauben, den Häretikern, die so thörichte und sinnlose Dinge schwatzen, oder den Jüngern des Herrn und dem treuen Diener und Propheten Moses, der auch zuerst von der Weltschöpfung erzählt hat, sprechend: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde u. s. w.; Gott, aber nicht Götter und Engel."* 2 3) — Und an einer andern Stelle sagt er von den Gnostikern: „Und weil sie das nicht glauben, daß der allerhöchste Gott in seinem Reiche Mannigfaltiges und Verschiedenes durch sein Wort erzeugt hat, so wie er wollte, da er ja der Urheber von Allem ist, als weiser Baumeister und höchster König; das aber glauben, daß Engel oder eine von ihm getrennte, von ihm nichts wissende Kraft (der Demiurgos) dieses Weltall gemacht habe, somit der Wahrheit nicht glauben, in der Lüge aber sich behaglich wälzen; haben sie das Brod des wahren Lebens verloren, versinkend in die „Leere" und die Tiefe des „Schattens", dem Aesopischen Hunde vergleichbar, der das Brot fallen ließ, indem er auf seinen eigenen Schatten lossprang und die Speise *) Anmerkung des Verfassers. Vorstehende Ausführungen sind angeregt worden durch ein soeben erschienenes, überaus fleißiges und verdienstvolles Buch, welches, ungeachtet mancher, einer voreingenommenen Kritik die offene Brust darbietenden Mängel, nach vielen Seiten hin erfrischende Anregungen geben wird. Das Buch ist betitelt: „Zur Genesis der Agada", ein Beitrag zur Entstehungs- und Entwicklungs-Geschichte des talmudischen Schriftthums von Dr. N. I. Weinstein, Frankfurt a. M., I Kaufmann (Commissionsverlag) 1901. — Die großen Vorzüge dieses Buches bestehen zunächst in dem geradezu massenhaften talmudischen Materiale, das sich hier verarbeitet findet, ein Materiale, welches der ehrliche, nach Wahrheit suchende Forscher, selbst wenn er über manche Auffassung anderer Meinung ist, mit großer Dankbarkeit begrüßen wird. Weinstein hält die „Minim" des Talmuds für „L o g o s g l ä u b i g e", und diese Auffassung beherrscht das ganze Buch, dessen rothen Faden sie bildet. Er ist damit jedenfalls der Wahrheit näher gekommen, als die meisten bisherigen Talmudausleger — Diese Auffassung aber hat unsern Widerspruch hervorgcrufen, welcher in dem vorliegenden Artikel seinen Ausdruck findet. **) In der Schrift: „Der vorchristliche jüdische Gnosticismus", Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht, 1898. ') Sabbath 116 a. u. a. St. 2) Jrenaeus haeres. II. 9, 2 3) Irenaeus haeres. II 2, 5.