Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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tzsetle 786 Dr. Bloch's WochL.^Ärrtsr» Nr. 44 und Ueberfall nicht getadelt, von den Catäloniern sind aber noch genug am Leben geblieben, um sich an den Griechen furchtbar zu rächen?) Glücklicher als Roger de Flor ist der Bulgarenfürst Krum gewesen, der von Kaiser Leo V. zu einer Unterredung eingeladen (a. 813), auf dessen Befehl von Soldaten überfallen wurde, dem es aber gelang, verwundet zu entfliehen. Nur zwei von seinen Begleitern wurden getödtet. Der griechische Historiker Theophanes, den die griechische Kirche zu den Märtyrern und Heiligen zählt und dessen Andenken sie am 12. März feiert, erzählt und lobt diesen von Kaiser Leo versuchten Meuchelmord und erklärt, er sei nur wegen der Sünden der Griechen mißlungen. Theophanes wurde einige Jahre später von demselben Kaiser Leo, weil er desien Ansichten über die Bilderverehrung nicht theilte, ins Gefängniß geworfen und mit einigen hundert Peitschenhieben bestraft.-) Diesmal scheinen die Sünden der Griechen die Ausführung des kaiserlichen Befehls nicht verhindert zu haben. Aber nicht blos gegen äußere Feinde und fremde Nationen machten die Byzantiner von Lug und Betrug Gebrauch. Beides gehörte gewisiermaßen zu ihrem Regierungssystem. So sehen wir denn auch in der inneren Politik, in den Beziehungen zwischen Monarchen, Beamten und Volk Unehrlichkeit und List mit Ausbrüchen wilder Mordlust und bestialischer Grausamkeit abwechseln. So wurde dem Kaiser Michael III. denuncirt, sein Onkel Bardas, der eines der höchsten Aemter im Staate bekleidete, stelle seinem Leben nach. Anstatt ihn vor Gericht zu stellen und eine Untersuchung einleiten zu lassen, beschloß der Kaiser mit Hilfe seines Günstlings Basilius, den er mir seiner Maitresse verheiratet hatte, ihn im Geheimen aus dem Wege zu räumen, und da dies in Constantinopel nicht gut geschehen konnte, lud er (a 866) den Onkel ein, ihn und Basilius auf einer Reise zu begleiten. Dem Bardas war aber wieder etwas von dem Anschlag verrathen worden und er weigerte sich, der Einladung Folge zu leisten. Da begaben sich beide an einem Feiertage mit ihm in die Kirche; nach der Messe trat der Patriarch mit dem Kreuze in der Hand vor sie hin, reichte ihnen eine in den Abendmahlwein getauchte Feder, mit der Kaiser und Günstling ihre eidliche Versicherung, daß sie nichts Böses gegen Bardas im Schilde führen, Unterzeichneten. Dann traten die Drei die Reise an. Aus einer Station wurde Bardas beim Betreten des kaiserlichen Zeltes aus ein Zeichen des Basilius von den dazu bestimmten Leuten überfallen und in Gegenwart des Kaisers, den er vergeblich um Gnade bat, getödtet. Und dieselben griechischen Geschichtsschreiber, die dies erzählen, können die Frömmigkeit und Weisheit des Basilius nicht genug loben!* 2 3) Eidbrecher und Meuchelmörder wurden nicht selten für ihre Thaten belohnt, so Eustathius, der Gouverneur von Ochrida, und der General Diogenes von Kaiser Constantin VIll. 4). Die ärgsten Unthaten wurden aber in den Kämpfen um den Thron und innerhalb der regierenden Familien begangen. Man gebraucht jetzt oft den Ausdruck Byzantinismus um ein steifes Hofceremoniell, ein sklavisch demüthiges Benehmen vor dem Monarchen, eine fast abgöttische Verehrung desselben zu bezeichnen. In der That ließen es auch die byzantinischen Herrscher an feierlicher Grandezza, peinlichem Ceremoniell und verschwenderischem Prunk nicht fehlen. Eine lange Stufenleiter von Hofämtern und Titeln führte vom Monarchen bis zum gewöhnlichen Bürger herab. Da gab es Despoten, Sebastokratoren, Protosebasten, Cäsaren, Proconsulen, Protovestiaren, Kuropalaten, Nobilissimi, Patricier u. s. w. Mit großer Zähigkeit hielten die Kaiser an gewissen Privilegien im Staatscostüme, wie z. B. rothe Schuhe, Purpurdinte u. dgl. fest, und mit furchtbarer Strenge bestraften sie jede Auflehnung, jede Verletzung ihrer Würde, jeden Widerstand gegen ihre Launen — wenn sie die Macht dazu hatten. Als der Rebell Prokopius durch Verrath in die Hände des Kaisers Valens fiel (a. 366), ließ er ihn mit den Beinen an zwei herabgebogene Aeste anbinden, die dann losgelassen emporschuellten und ihn zerrissen. Die beiden Verräther, die ihn ausgeliefert hatten, ließ er zur Belohnung — zu Tode sägen; eine zu ihm gekommene Deputation von achtzig Geistlichen, die sich wegen Bedrückungen beklagte — sie gehörten eben nicht zu der Religions- ') Le Beau L. 105 eh. 1; Fallmerayer a. a. O. II 170 ff. *) Le Beau L. 68 ch. 2, Fleury L. 45 ch. 60; Petin Dictionuaire hagiograph. II 1130. 3) Le Beau L. 70 ch. 54—56. “) ib L. 76 ch. 62, 64. secte, zu der sich der Kaiser bekannte — ließ er auf ein Schiff bringen, das mitten im Meere angezündet wurdet) Am Anfang des fünften Jahrhunderts erließ der sehr fromme, christliche Kaiser Arkadius ein furchtbares Gesetz gegen Hochverräter (Cod. Theod. IX. 14), nach welchem auch nur die Theilnahme an einer nicht zur Ausführung gelangten Verschwörung gegen den Kaiser, die Minister, Senatoren, selbst gegen den niedrigsten Beamten mit dem Tode und Confiscation des Vermögens bestraft wurde. Den ganz unschuldigen Söhnen solcher Verbrecher schenkte er „mit seiner kaiserlichen Milde" das Leben, denn „eigentlich sollten mit der Strafe des Vaters auch diejenigen untergehen, in denen das väterliche Beispiel des Verbrechens zu befürchten wäre". Sie behielten aber nichts als das nackte Leben, durften nichts erben, selbst nicht von ihrer Mutter: „Ewig seien sie arm und nothleidend; immer begleite sie die väterliche Schmach; nie sollen sie zu irgend welchen Ehren, irgend einem Staatsdienste zugelassen werden; sie solle t mit einem Worte so dastehen, daß ihnen im Elend ewiger Dürftigkeit der Tod ein Trost und das Leben eine Strafe sei. Endlich sollen auch diejenigen, welche für solche Leute bei uns Fürsprache einzulegen versuchen, ohne Gnade der Infamie verfallen." Ein sehr frommer Mann war auch der Kaiser Heraklius 610—41), der durch die Rebellion gegen Kaiser Phokas zur Herrschaft gelangte. Er hat von den Persern das geraubte Kreuz Christi wieder erworben und in Jerusalem wieder aufgerichtet. Die Juden verfolgte er nicht blos in seinem eigenen Lande, sondern bewog auch die Könige von Spanien und Frankreich zu ihrer Verfolgung. Dem von ihm gestürzten Kaiser Phokas ließ er zuerst Hände, Füße und andere Körperteile und dann erst den Kops abhauen. Als beim Leichenbegängniß seiner Frau eine Dienerin aus dem Fenster spuckte und zufällig das Bahrtuch traf, ließ er sie sofort verbrennen. Ihre ganz unbeteiligte Herrin entging nur durch die Flucht dem gleichen Tode.'-) Man sollte nun glauben, daß angesichts solcher Gesetze und solcher Ausübung kaiserlicher Macht die Unterthanen sich stets ruhig und demüthig, „echt byzantinisch" verhielten, der Thron in engem Bündniß mit dem Altar unerschütterlich fest stand. Aber ganz das Gegentheil war der Fall. In keinem Lande sind Rebellionen so häufig gewesen, in keinem Lande sind so viele Kaiser und Prinzen ermordet worden wie in dem christlich-griechischen Byzanz. Ein Franzose hat das russische Regierungssystem 1e despotisme tempere par le regicide genannt; aber noch besser paßt dies auf Byzanz. In Rußland wurden solche Dinge gewöhnlich en famille abgemacht und dieselbe Dynastie regiert dort seit beinahe drei Jahrhunderten. In Byzanz haben aber im Laufe eines Jahrtausends Dutzende von Dynastien geherrscht und nur äußerst wenige sind durch drei oder vier Generationen im Besitze des Thrones geblieben. Nur die jetzt regierende osmanische, weder arische noch christliche Dynastie hat ein Alter von sechs Jahrhunderten erreicht und zeigt sich noch ganz lebenskräftig. Einen wesentlichen Theil des byzantinischen Regierungssystems hat der Verwandtenmord gebildet. Die Sitte, wenn hier dieser Ausdruck erlaubt ist, die Sitte, Prinzen zu ermorden, die dem Herrscher gefährlich werden konnten oder dessen Verdacht erregten, ist nicht, wie oft gesagt wurde, erst von den mohammedanischen Herrschern in Constantinopel eingeführt worden; sie ist viel älter als Islam und Christenthum. Schon der sicilische Tyrann Dionysius der Jüngere, König Mithridatas von Pontus, Ptolemäus Physkon, König von Aegypten, Grypus, König von Syrien, und seine Frau Tryphaena haben Kinder, Geschwister und andere nahe Verwandte ermorden lassen. Unter den Königsfamilien, welche sich in das Erbe Alexander des Großen theilten, war, wie Plutarch.sagt, der Verwandtenmord zur Regel, zum allgemein anerkannten Regierungsgrundsatz geworden. 3) Und dieser heidnisch-griechische Brauch ist von den christlichen Beherrschern des oströmischen Reichs treu befolgt worden. Schon Konstantin I., durch den das Christenthum Staatsreligion geworden ist, hat den von ihm besiegten Kaiser Licinius, seinen eigenen Schwager, der sich ihm gegen eidliche Zusicherung der Schonung seines Lebens ergeben hatte, erdrosseln lassen. Einige Jahre später ließ er auch dessen zwölfjährigen Sohn 0 Sozomenus, Kirchengeschichte VI, 8, 14. 2) Le Beau L. 55. ch. 24; L. 56 ch. 4, 7. 3) Justiuus, Historia Philippica 1. XXI. 1, XXXVIII, 1, 8. XXXIX 1, 2, 3; Plutarch in der Biographie des Demetrius.