Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Str. 44 Dr» Womenlüzci;;. Seite 785 einer Commissionsbemerkung im Protokoll habe das Gericht die Ueberzeugung gewonnen, daß es sich in vollkommen verfügungsfähigem Zustande befinde, und es könne deshalb nicht als flüchtiges Kind im Sinne des Gesetzes betrachtet werden." Wenn dies der Fall war, wenn das 18jährige Mädchen in der Lage war, seinen Lebenserwerb zu finden und das Gericht sich überzeugt hat, daß es seine Erklärung frei und bewußt abgegeben hat. so stand nichts entgegen, das Mädchen sich selbst zu überlassen. Ob letzteres aber wirklich der Fall war, bleibe dahingestellt. Wenn die Vernehmung so wie in Galizien, d. h. im Kloster und in Gegenwart der Nonnen stattfand, dann ist die Erklärung nicht als freiwillig auzusehen. Wenn der Richter das Kind nicht allein im Gerichtshause vernommen und sich durch besonnene Fragestellung von seinem eigenen freien Entschluß überzeugt hat, hatte das ganze Verfahren keinen Werth. Es ist für beide Urtheile nicht ohne Bedeutung, daß sie aus der Zeit stammen, in welcher Graf Taaffe seinen Frieden mit der clericaleu Partei geschlossen hattet Der Ministerialerlaß vom 6. November 1867 verhält sich zu ihnen, wie das Schulgesetz vom Jahre 1869 zur Novelle von 1883. Bleiben wir bei den Jahren 1899—1900, so sehen wir, daß die Entführungen in Galizien fast immer denselben Weg nehmen. Fast immer ist es das Kloster der Felicianerinnen in Krakau, das die Mädchen aufnimmt. Das ist gewiß kein bloßer Zufall. Wir sind vielmehr gedrängt, eine Organisation mit diesem Kloster als Mittelpunkt anzunehmen. Wir können aus der Duldung eines solchen Missionsherdes den sicheren Schluß ziehen, der dann auch durch andere Thatsachen unterstützt wird, daß die clericale Macht in diesen Jahren einen besonders hohen Aufschwung genommen hat. Kennen wir als hauptsächliche Ursachen der Fälle Äraren und Leidensgenossen Uncultur und Clericalismus, so wissen wir auch das Mittel zur Abhilfe: Moderuisirung der Verhältnisse in Galizien und in ganz Oesterreich. Nur ein Reich, welches von modernem frecheitlichem Geiste getragen ist, kann einer gesicherten Zukunft entgegensehen, der Staat muß der Träger der Cnltnr sein. Nur ein starkes und freies Oesterreich kann uns helfen, sowohl in Fällen Araten, wie in vielen, vielen anderen. (Beifall.) Aber auch betreffs der Juden möchte ich mir eine Bemerkung gestatten. Vor einigen Jahren entstand die zionistische Bewegung, deren Absicht darauf hinansgeht, aus der Religionsgenossenschaft eine nationale zu machen. (Vereinzelte Bravo-Rufe). Ich verstehe dieses Ziel nicht. (Eine Stimme: Oho-!)- Das Judenthum hat seit Jahrhunderten eine rein religiöse Grundlage. Wer den Glauben annimmt, ist Jude, das Volksthum ist gleichgiltig. Ich verstehe allerdings und billige es, daß sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit weckt, die Auswanderung organisirt und dadurch vielen armen jüdischen Auswanderern zugute kommt. Aber hier ist Gelegenheit, zu kämpfen für die jüdische und die menschliche Sache. Im Kampfe gegen die Uncultur und den Servilismus ist das Ziel zu suchen. Muth und Ausdauer werden nöthig sein. Der Kampf ist nicht ohne Gefahr; ein uncivilisirtes Volk ist leicht erregbar und fanatisch. Aber der endliche Sieg ist unausbleiblich, und es wird ein schöner Sieg sein. Vergessen wir jedoch über dem Allgemeinen das Besondere nicht. Durch die Gründe, welche uns die Fälle erklärt haben, werden sie nicht entschuldigt. Das Unrecht in ihnen bleibt unrecht, die Gesetzwidrigkeit gesetzwidrig. Cilia Araten hat sich an alle Väter und Mütter gewendet, ich glaube, sie konnte sich an alle Menschen wenden. Ich hoffe, daß Sie Ihre Bestrebungen nicht unterbrechen und alle Kräfte anstrengen werden, um den unglücklichen Eltern zu helfen. Es ist ein guter Kampfe, ein Kampf um das Recht; wir wollen in ihm nicht erlahmen. 'Nur der ist verloren, der sich selbst aufgibt. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Gin arisch-christlicher Mustrrflaat. III. Der Willkür und dem Uebermuth der katholischen Europäer setzten die Griechen List und Betrug entgegen oder riefen Türken und Heiden zu Hilfe, denn mehr als die „Ungläubigen" haßten sie die abendländischen „Ketzer". Schon Kaiser Leo VI. (886—912) hatte die noch heidnischen Magyaren gegen die christlichen Bulgaren zu Hilfe gerufen und dabei heuchlerisch erklärt: Die Vorsehung sendete die Magyaren, damit die christlichen Griechen nicht genöthigt seien, ihre Hände in das Blut der christlichen Bulgaren zu tauchen". Kaiser Alexius suchte im Kriege mit dem Normannenprinzen und Kreuzfahrer Bohemund (a. 1108) durch gefälschte Briefe ihn mit seinen vertrautesten Freunden und Generalen zu entzweien, und dies erzählt ganz ungenirt seine eigene Tochter und Lobpreiserin. Ungefähr vierzig Jahre später, als die Kreuzfahrer unter Kaiser Konrad und König Ludwig von Frankreich durch das byzantinische Reich zogen, wobei sie freilich mehr Zerstörungslust und Plünderungssucht als, wie es sich für Streiter Gottes geziemt hätte, Mannszucht und Frömmigkeit zeigten, wurden sie wiederholt von den in Diensten des Kaiser Manuel stehenden Petschene und Kumanen überfallen. Die Städte wurden vor den Kreuzfahrern geschlossen, und wenn sie dort Lebensmittel kaufen wollten, mußten sie im voraus in von den Mauern herabgelassene Körbe das Geld legen. Die Griechen zogen die Körbe hinauf und lieferten was ihnen beliebte, mitunter aber auch gar nichts. Das gelieferte Meist war mit Kalk gemischt, aut» wenn die Griechen etwas von den Deutschen oder Franzosen kauften, zahlten sie mit schlechtem Gelde, das eigens zu diesem Zwecke geprägt worden sein soll.') In seinen späteren Regierungsjahren begünstigte Kaiser Manuel die in Constantinopel lebenden „lateinischen Ketzer", was den großen Unwillen der frommen Griechen erregte. Als nach dem Tode Manuels der bereits erwähnte Andromkus sich (a. H82) der Regierung bemächtigte, überfielen seine Soldaten und der Pöbel die Lateiner und tödteten alle Männer, die sich vertheidigten. Auch der Cardinal Johann, der sich als päpstlicher Gesandter in Constantinopel befand, wurde ermordet, sein abgeschuittener Kopf einem Hunde an den Schweif gebunden und durch die Straßen geschleppt. Frauen, Kinder, Greise und Kranke wurden mit den Häusern verbrannt. Am eifrigsten hetzten die griechischen Priester und Mönche gegen die Lateiner, die sie in den verborgensten Schlupfwinkeln aufspürten. Manche Griechen nahmen die geflüchteten Lateiner in ihre Häuser auf, versprachen ihnen Schutz und Sicherheit und — verkauften sie dann den Türken als Sklaven.'-) Mit Sklaven wurde überhaupt ein sehr lebhafter Handel in Constantinopel getrieben. Griechen, Benetianer und Neapolitaner (also keine Juden) lieferten den Mohammedanern in Afrika, Egypten und Syrien christliche Sklaven. Während eines Bürgerkrieges in Byzanz, im Jahre 1345, bei dem beide Parteien die Hilfe der Türken in Anspruch nahmen, gab die Regentin Kaiserin Anna (freilich keine geborene Griechin) dem Sultan Urchan die Erlaubniß, die Unterthanen ihres Gegners, Kantakuzen, als Sklaven nach dem Orient zu schleppen. Aber auch Kantakuzen wurde beschuldigt, die Türkeu zu einem Einfall in Bulgarien bewogen zu haben, von wo sie viele Einwohner in die Sklaverei schleppten?) Der größten Perfidie machten sich die byzantinischen Machthaber gegen die catalonischen (spanischen) Soldtruppen schuldig die ihnen im Kriege gegen die Türken unbezahlbare Dienste geleistet hatten. Daß sich vor sechshundert Jahren Soldaten während des Krieges manche Ausschreitungen erlaubten, ist leicht begreiflich; solches soll noch jetzt Vorkommen — in China. Das gab der griechischen Bevölkerung zu Klagen Anlaß. Die Catalonier beklagten sich dagegen über die schlechten Lebensmittel, die man ihnen lieferte, daß man ihnen nur einen Theil des ihnen kommenden Soldes und diesen in schlechter Münze auszahle. Dem beschloß nun der byzantinische Hof in seiner Manier abzuhelfen: Zuerst wurde das catalonische Corps getheilt, ein Theil davon wurde von dem türkischen Kriegsschauplätze abberufen und beordert, gegen die Bulgaren zu Felde zu ziehen. Dann wurde der Anführer der Catalonier, Roger de Flor, an den Hof geladen, unter dem Vorgeben, wegen seiner Beförderung und wegen des rückständigen Soldes zu verhandeln. Roger, welcher die Griechen kannte, leistete der Einladung erst Folge, nachdem der Kaiser Andronikus ihm bei einem wunderthätigen Bilde der Jungfrau Maria geschworen hatte, es werde ihm kein Leid geschehen. Er wurde (a. 1307) mit großen Ehrenbezeigungen empfangen und dann bei einem Besuche des Kronprinzen Michael von diesem und seiner Leibwache überfallen und nebst seinem Gefolge erschlagen. Gleichzeitig wurden die Garnisonen der Catalonier auf Befehl des Kronprinzen überfallen und viele von ihnen getödtet. Der Kaiser hat den wahrscheinlich mit seinem Wissen geschehenen Mord y Fr. Wilken, Geschichte der Kreuzzüge, Buch HI, Cap. 6 Fleury L. t>9, ch. 28. -) Fleury L. 73 ch. 42; Le Beau L. 91 ch. 13, wo auch erzählt wird, wie grausam die Lateiner sich dann gerächt haben. Gregorovius, Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter, Stuttgart 1889 I S. 217. 3) Hertzberg a. a. O. 204, 477: Fleury L. 112 an vielen Stellen.