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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 780 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 44 Männer und Frauen, die ein Herz für die jüdidische Jugend haben, auf, ihre Ansichten auszusprecyen! Sie alle wollen die Jugend in gut jüdischem Geiste erziehen, wollen, daß das religiöse Gefühl ihnen in jetziger, der Decadence zuneigender Zeit einen moralischen Halt gebe, aber die Schule bietet ihnen keine Hilfe, der Religionsunterricht, wie er jetzt in der Mehrzahl der Schulen ertheilt wird, vermag in den jungen Seelen nicht zu zünden. Also Reform auf diesem Gebiete! Und auch auf einem andern! Unser Gottesdienst trägt dem modernen Zeitgeist wenig Rechnung. — Wer will einer jungen Frau zumuthen, vier Stunden lang an Feiertagen die hebräischen Gebete mit anzuhören, die sie nicht versteht? Kann man so lange in Andacht, in gottgeweihter Stimmung verharren? Wohl kaum. In der Berliner Reformgemeinde ist beispielsweise ein.kurzer Gottesdienst eingeführt mit Gesang, Orgel, Predigt, deutschen Gebeten; da findet man stets eine andächtige Gemeinde; den deutschen Gesängen zu lauschen, ist ein Hochgenuß; erste Kräfte wirken mit, Alles stimmt zur Andacht; die Gebete sind im modernen Geiste gehalten, weihevoll, poesiedurchweht, gedankenvoll. „Warum," fragte ich mich oft, „hat man in Wien nie versucht, einen modernen Gottesdienst abzuhalten? Haben wir nicht Alle, die wir die hebräischen Gebete nicht verstehen, den Wunsch nach einem reformirten Gottesdienst? Wie Viele, die jetzt vollständig indifferent dem Judenthume gegenüberstehen, würden wieder tteue Anhänger der alten Religion werden, wenn man sie zu einem Gottesdienst laden wollte, der herzerhebend wirkt? Wie schön ist beispielsweise das in Leipzig vom Gesangschor stets vor Beginn der Seelenfeier vorgetragene Lied: „Seele, was bettübst Du Dich? Was ist da so bang in mir? Fühlst Du nicht des Vaters Nähe?" rc. — Welches Auge blieb da thränenleer, wenn der Sopran-Solo klagend ansetzte und die Orgel volltönend einfiel? Da war schon durch den Gesang eine echte Weihesttmmung gegeben, die durch Cyöre vor und nach der Predigt und den Hauptgebeten gesteigert wurde. — Im Chor wirkten Söhne und Töchter der Gemeinde mit, gediegene Sangeskräfte, deren Leistungen begeistert ausgenommen wurden. Auf Flügeln des Gesanges stieg die Seele zu Gott empor! Unser Gottesdienst ermangelt dieser in ihrer Wichtigkeit nicht genügend gewürdigten Anregung. — Man gebe den modernen Menschen, was sie fesselt, vor Allem Prediger, die der Gabe, schön zu sprechen, jene Idealität beigesellen, die in den Herzen zündet. Dann wird auch die jetzt indifferente Jugend sich wieder dem Gotteshaus zuwenden, allda Einkehr bei sich selbst halten. Des Predigers Pflicht ist es, in seinen Zuhörern Begeisterung zu wecken, der Decadence unserer Zeit entgegenzuarbeiten. Aber der Prediger muß ein moderner, ein aus der Höhe der Zeit stehender Mann sein, kein einseitiger Schriftgelehrter, kein Bibelfreund der alten Schule. Vielleicht geben diese Zeilen, die mir nach der Lectüre des Aufsatzes der Frau Neumann aus der Feder schlüpften, Anregung zu einem Gedankenaustausch bezüglich Reform des Gottesdienstes und der Jugendbildung. Wer hier mithilft, Stein auf Stein zu jenem Neubau Zusammentragen, der jetzt ein dringendes Bedürfniß ge. worden, wird sich den Dank all Derer erwerben, welche, nie Gegner, noch wahre Juden, aber den bestehenden Formen abhold, sich nach den Reformen sehnen, die es ihnen ermöglichen, selbst der Religion der Väter treu zu bleiben und ihre Kinder dem Judenthum nicht nur nominell, sondern als tteue Anhänger erhalten zu sehen. Jda Barber. Zu „Pia desideria". Jeder nur einigermaßen warmfühlende Jude wird freudig die aufrichtigen und vom Herzen kommenden Worte begrüßen müssen, mit denen Frau Hofräthin Amslie Neumann den Niedergang der religiösen Gefühle unter einem großen Theile der jüdischen Mädchen- Und Frauenwelt beklagt. Und sicherlich verdienen auch die Heilmittel, die gleichzeitig vorgeschlagen werden, eine nähere Beachtung und Würdigung. Ob jedoch all' das, was da von nothwendigen „Zugeständnissen an den Zeitgeist" vorgebracht wird, von solch' durchgreifender, heilsamer Wirkung sein dürfte, darüber mag ein leiser Zweifel gestattet sein. Der Gottesdienst möge, meint Frau Neumann gekürzt, hingegen jene Partien, die auf das Grmüth wirken, vermehrt werden, wie Seelengedächtniß und Predigt. Wer da weiß, um wieviel das Publicum in den Gotteshäusern trotz aller Kürzung und Streichung von Gebetstücken gegen frühere Zeiten abgenommen, wird gegen dieses Heilmittel seine begründeten Bedenken erheben dürfen. Und was den andern Vorschlag der Verlängerung der Predigten betrifft, so spricht mehr als alles Andere die Thatsache dagegen, daß nichts so sehr die Wirkung einer Predigt beeinträchtigt, als wenn die Geduld der „andächtigen" Zuhörer auf eine allzuharte Probe gestellt wird. Freilich gilt dies nur von den Durchschnittspredigern, für die nun einmal, insolange es keinen reicyeren Nachwuchs von Predigern, wie Mannheimer und Jellinek rc., gibt, jenes variirte Wort Jellinek's maßgebend sein muß: „Gott ist mit den Kürzenden." Auch die Forderung, die Predigt nicht wie bisher, „auf dem Wochenabschnitte auszubauen", dürfte wenig Wünschenswerthes für sich haben. Gerade weil Frau Neumann es von besonderer Wichtigkeit hält, daß die jüdischen Mädchen und Frauen mit dem so unvergleichlich hohen Ideengehalt unserer Bibel verttaut gemacht werden sollen, muß es für angezeigt erscheinen, von der Kanzel herab, in allerdings formvollendeter und fesselnder Weise, den Inhalt des jeweiligen Wochenabschnittes zu besprechen. Daß sich dabei unzählige Berührungspunkte auch mit den socialen Zuständen der Gegenwart finden lassen, wird Niemand bestreiten können, der nur einigermaßen unsere Bibel kennt. Ebensowenig dürfte es thunlich sein, die „störenden" hebräischen Citate in den Predigten wegzulassen. Für den aufmerksamen, selbst des Hebräischen unkundigen Zuhörer bedeuten diese keineswegs eine solche Störung, daß sie ihn darüber den gedanklichen Faden der Rede verlieren lassen; und dann ist der moderne Rabbiner ohnedies sparsam genug mit dem Einstreuen von Citaten, so daß eine diesbezügliche Einschränkung eigentlich wenig am Platze wäre. Dies in Kurzem auf die ebenso trefflichen, wie beherzigenswerthen Ausführungen der Frau Hofräthin Neumann, was mir als jüdisches Mädchen aus dem Hause eines Rabbiners und als aufmerksame Beobachterin gerade in diesen Punkten gewiß nicht für übel genommen werden wird. L y a Steif, Brünn. Mnderrsub in Galizien. Rede des Landtagsabgeordneten Dr. Ofner. Bon den Fällen, über welche ich Ihnen Bericht erstatte — sämmtlich aus den Jahren 1899 und 1900 — betreffen die meisten galizische Judenmädchen. Nicht alle; zur selben Zeit, als sich die Bekehrungsagitation in Galizien auf Judenmädchen wandte, hat eine ähnliche Thätigkeit in Bosnien gegen Mohammedaner stattgefunden. Immerhin treten die ersteren in den Vordergrund des Interesse. Trotzdem ist die Frage, welche ich besprechen will, keine Judenfrage, und es ist ein schlimmes Zeichen unserer Zeit, daß man sie als solche auffaßt. Wenn ein Judenmädchen zum Christenthum Übertritt, so besteht für die Oesterreichisch-Jsraelitische Union kein Anlaß, darüber zu verhandeln, und für mich kein Anlaß, darüber zu referiren. Das Staatsgrundgesetz schützt die freie Ueberzeugung und wir haben sie zu achten, wollen sie achten. Der Uebertritt einzelner Personen hat auch auf die Stärke oder Schwäche der Religionsgenossenschaft geringen Einfluß. Die katholische Religion hat in den letzten Jahren in Oesterreich eben soviel Hunderte von Angehörigen an den Protestantismus verloren, als sie einzelne gewonnen hat und dennoch ist ihre Macht nicht gesunken, sondern hat sich verhängnisvoll verstärkt. In den Fällen des Israel Araten und seiner Leidens genossen kommt Höheres in Betracht: der Friede des Hauses, die Achtung vor dem Gesetz, die Macht des Staates in seinem Gebiet. Alle diese Fälle haben ein typisches Gepräge. Ein Mädchen wird zur Flucht aus dem Elternhause verleitet und in ein Kloster gebracht; mit diesem Moment ist sein Schicksal entschieden. Den Eltern wird der Zutritt versagt, dieBehörden unterstützen ihr Begehren entweder gar nicht oder höchst lässig, auf das Verlangen der Uebergabe antwortet das Kloster unter einer beliebigen Ausrede, > es fühle sich nicht veranlaßt, das Mädchen herauszugeben. Bei einiger Gefahr wird das Mädchen an einen anderen Ort gebracht und dieser verheimlicht. Damit gibt sich das Amtsorgan zufrieden und der Minister erklärt, an den Mauern des Klosters höre die Macht des Staates auf. Das ist kbie ungefähre Situation. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen den

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