Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ittt. 44 Dr. Blvür's MoäreniÄrrifi» Seite 779 die Rechte verschaffen werden, welche ihnen durch die Verfassung zukommen. Bei Eröffnung der außerordentlichen Session wurde viel von einer Abänderung des Artikels 7 der Verfassung gesprochen, die indeß nicht ft attfin den wird. Minister Carp soll sich bei Besprechung dieser Frage in intimen Kreisen geäußert haben, für ihn existire keine Judenfrage, diese sei seinerzeit geregelt worden, und sei er dafür, Fremden hier so wenig Schwierigkeiten zu bereiten, als es nur in der Macht der Regierung liege. Sollte sich der neue rumänische Ministerpräsident Carp wirklich in diesem Sinne geäußert haben, dann stände die Sache der rumänischen Israeliten genau so verzweifelt wie vordem. Denn dieser unselige „Fremden" begriff, den die früheren Minister in der wilden Rabulistik ihrer Versaffungserklärnng in das rumänische Staatsrecht einführten, ist ja die sogenannte — „Rechtsquelle", aus welcher alle jene ungeheuerlichen Schandthaten hergeleitet werden, welche die Minister König Carols an den rumänischen Israeliten unausgesktzt verüben dürfen. Das ist ja die verruchte Bosheit jener rumänischen Machthaber, daß sie mit einer Stirn von Bronce die Behauptung in die Welt schleudern, es gäbe für sie gar keine rumänische Judenfrage, diese sei längst gesetzlich geregelt. Mit den „Fremden" in Rumänien, da sei es freilich anders bestellt. Und nun werden, aller Thatsächlichkeit zum Spott, Hunderttausende von Landeskindern vermittelst einer chicanösen Verwaltungspraxis für „Fremde" ausgegeben, denen naturgemäß politische Rechte und staatsbürgerliche Befugnisse nicht eingeräumt werden können. Daß diese „Fremden" in Rumänien ausschließlich rumänische Juden sind, dafür kann doch die rumänische Verwaltung nichts! Das ist eben — der reine Zufall. Und so wird denn in jenem südöstlichen Königreiche an der Donauniederung unter dem Scheine eines Rechtes dem Rechte in einer Weise Hohn gesprochen, wie das in ähnlicher methodischer Bosheit zum Glück nur äußerst selten in der Geschichte zu verzeichnen gewesen ist. Außer diesem Proteste der rumänischen Juden beim dortigen Parlamente haben diese tiesbeklagenswerthen Menschen sich auch an die französische Liga zur Vertheidigung der Menschen- und Bürgerrechte mit der Bitte gewandt, sie möchte ihre Stimme zu Gunsten der Unterdrückten und ihrer Menschenrechte Beraubten in Rumänien erheben. Dieser Bitte ist die genannte Liga nachgekommen. Der ehemalige französische I u st i z m i n i st e r T r arieux, Senator und Vorsitzender der französischen Liga zur Vertheidigung der Menschen- und Bürgerrechte, versendet soeben einen Aufruf an die einzelnen Sectionen, in welchem er sie dazu auffordert, gegen die Verfolgungen der rumänischen Israeliten im Namen der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und der Freiheit Einspruch zu erheben. Dort in Rumänien, so führt Herr Trarieux sehr zutreffend aus, handelt es sich bei den verabscheuenswerthen Verfolgungen vieler Tausender friedliebender Landeskinder nicht um Metzeleien wie in Armenien, sondern um Leiden und langsam tödtende Martern, die unseres gebildeten Zeitalters nicht weniger unwürdig sind als jene Grausamkeiten. Trarieux weist in seinem Aufruf auch auf die betrübenden Erscheinungen hin, welche auch in Frankreich die antisemitische Unduldsamkeit hervorgerufen und die Gründung der obengenannten Vereinigung herbeigeführt haben. Getreu ihren Grundsätzen glaubt die Vereinigung sich der Verpflichtung nicht entziehen zu dürfen, im Namen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit für die bedrängten rumänischen Israeliten, so viel an ihr ist, einzutreten und an die „lateinischen Brüder" in Rumänien die ernsteste Aufforderung zu richten, der antisemitischen Strömung Einhalt zu thun, welche ihr Vaterland zugleich auseinanderreißt und entehrt. Wenngleich die Vereinigung sich dessen wohl bewußt bleibt, daß sie keinerlei Recht besitzt, sich an die rumänischen Behörden zu wenden, so vertraut sie anderseits der Macht der öffentlichen Meinung, die stark genug sein wird, um schließlich doch die Gewissen aufzurütteln und die Leiden der unterdrückten rumänischen Israeliten zu beseitigen, zum Mindesten zu lindern. Der gute Wille des Herrn Trarieux verdient alle Anerkennung. Nützen wird dieser Appell einer machtlosen Gesellschaft französischer Staatsangehöriger ebenso wenig wie andere ähnliche Kundgebungen. Nur die Garantiemächte des Berliner Friedens wären allenfalls im Stande, den fortgesetzt unter der Regierung König Carols den rumänischen Israeliten zugefügten barbarischen Mißhandlungen, die gegen jedes göttliche und jedes menschliche Gesetz verstoßen, ein Ende zu machen und einen geordneten Zustand herbeizuführen. So lange der den rumänischen Israeliten durch den Berliner Frieden gewährleistete Rechtsstandpunkt nicht zur Wirklichkeit geworden, ist jede Mühe vergeblich, die rumänischen Machthaber von der Fortsetzung ihrer gegen die landeseingeborenen Israeliten gerichteten Schandthaten abzuhalten. „Pia desideria.“ Zweite Folge. *) Goldene Worte sind es, die uns Frau Amelie Neumann in ihrem in Nr. 43 erschienenen Artikel zugerufen; sie werden sicher ein volltönendes Echo in den Herzen all derer finden, die schmerzbewegt ihre Söhne und Töchter glaubenslos, indifferent, jeder idealen Regung bar dahinleben sehen. In Tausenden jüdischer Mütter und Väter regt sich die Frage:Wie kann da Wandel geschafft werden? Neun Zehntel unserer Söhne und Töchter besuchen an den hohen Feiertagen kein Gotteshaus; sie öffnen kein Gebetbuch, wollen es nicht verstehen, daß die Eltern im Tempel Erbauung und Andacht finden können. Die Gebete sind ihnen veraltet, die Predigten langweilig, nicht dem Zeitgeiste entsprechend; der Gott, zu dem wir in unserer Jugend mit Andacht aufschauten, dem wir unseres Herzen geheimstes Fühlen und Sehnen anvertrauten und von iym Erhörung unserer Bitten erflehten, ist ihnen weltenfern, er existirt einfach nicht für sie. „Weshalb also", sagen sie, „zu ihm beten? Weshalb ihn anrufen? Er hört uns nicht! Verschont uns mit Euerem frommen Selbstbetrug!" So lange die jungen Leute auf der Sonnenhöhe des Lebens stehen, fehlt ihnen thatsächlich der alte Gott nicht, der uns so oft in ernsten Lebenstagen Kraft gab, dem Schicksal unentwegt die Stirne zu bieten. Wie aber, wenn auch sie dereinst, auf schwankendem Schiffe stehend, ohne Anker in Gott geworfen zu haben, in der Lebens Brandung unterzugehen fürchten? Wird ihnen dann ihre freireligiöse Richtung Trost bieten? Wird sich nicht doch der millionenmal gehörte Ruf: „Gott hilf!" dem gepreßten Herzen entringen? Wohl denen, die dann gelernt haben, zu beten! Sie werden einsehen, daß im Gebet Trost, Stärkung, eine Kraftfülle liegt, die zu allem Gutem befähigt. Also warum kann unsere Jugend nicht beten? Die Gebete sind veraltet, in einer Sprache gehalten, an der die moderne Jugend keinen Gefallen findet. Die Lehrer haben es leider Gottes nicht verstanden, in ihnen das Verständniß für die poetischen Schönheiten, die Symbolik, den Jdeenreichthum der alten Gebete zu wecken; das Hebräische ist ihnen — obgleich es in den Schulen 4 bis 5 Jahre lang gelehrt wurde — fremd, dre Uebersetzung der Gebete eine mangelhafte. Wo sind die Lehrer, die gottbegeistert wie erste Propheten die Herzen der Jugend für die Ideale echter Religion erschlossen? Ich entsinne mich aus meiner Kindheit, daß wir gebannt an den Lippen unserer Religionslehrer hingen, ihrem Vortrage mit einer Andacht lauschten, die die heutige Jugend nie gekannt, daß, wenn die Religionsstunde zu Ende, stets der Wunsch rege war, der Lehrer möge noch weiter sprechen, belehren, anregen. Geist, Herz, Gemüth waren im Banne seiner Worte dem Idealen zugewendet, allem Materiellen entrückt. Unsere nur zu sehr materiell gesinnte Jugend hat leider keine gottbegeisterten Lehrer. Der so uninteressant wie möglich docirte Lehrstoff wird eingepaukt und dadurch noch uninteressanter gemacht. Wie viele Schüler, die im Hebräischen nicht genügen und dadurch am Aufsteigen in eine höhere Claffe gehindert werden, erklären sich mit Einwilligung der Eltern — confessionslos? Man frage nur in den Gymnasien nach, wie viele solcher sich dem Judenthum abwendenden jungen Leute auf Conto gewisser Jugendbildner kommen, die zu Allem eher paffen, als zu Interpreten des göttlichen Wortes! Der Jugendunterricht bedarf entschieden einer Reform. Wie diese anbahnen? Vielleicht wird von berufener Seite eine Enqußte veranstaltet? Man fordere jüdische *) Anmerkung der Redaction: Wiewohl wir grundsätzlich Manches in den vorstehenden Ausführungen nicht billigen, gewähren wir aus Rücksicht für die bedeutende Schriftstellerin denselben vollständig Rauni in unserem Blatte. Tie geehrte Verfasserin irrt sich aber vollständig über die Resultate des Berluier Reformtempels. Frau Jda Barber möchte blos dre Güte haben, sich hierüber in Berlin Auskunft zu holen und sie wird erfahren, daß alle künstlichen Surrogate den religiösen Sinn, welcher im Elternhause anerzogen werden muß, nicht zu ersetzen vermögen.