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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 776 Dr. Bloch's Wochenschrift-. Nr. 43 ihn allgemein, und es hieß, er müsse schwer krank oder gar schon gestorben sein. Lipp sagte, wenn er auch diese Woche nicht käme, so wandre er nach seinem Heimatsdorfe. Am ersten Sonntag nach Neujahr kam aber der Leder-Herz und schleppte sich mühsam mit seinem Pack bis zum Hause seines Gastfreundes. Keuchend sagte er: „Ich hätte daheim bleiben sollen. Aber Gottlob, daß ich bei Dir bin, Lipp!" Der Leder-Herz sah noch abgehärmter aus als sonst, und auf der linken Seite war die Batte seines Nockes gewaltsam zerrissen. Lipp wußte, daß das ein Tranerzeichen sei, und Leder- Herz berichtete, daß seine Mutter gestorben sei und er deswegen so lange nicht gekommen war. „Und jetzt, bin ich selber schwer krank", klagte er. „Das war mein letzter Gang. Nun denn, in Gottes Namen, wenn ich draußen sterben soll und nicht daheim, sterbe ich am liebsten bei Dir. Ich fürchte, ich höre Morgen Deinen Hahn nicht mehr krähen. Schick sogleich einen Boten nach meinem Dorfe: Mein Bruder und wer sonst noch will und kann, soll zu mir komnren und bei mir sein, wenn ich sterbe. Der Schuster Lipp suchte ihm seine Aengstlichkeit anszureden und scherzte darüber, that aber doch schnell Alles, um es dem Gastfreunde so behaglich als möglich zu machen. Das einzige Bett, das in der Wärme stand, das Himmelbett in der Stube für die Großmutter, wurde ihm eingeräumt, und bald schnatterte Leder-Herz, vom Fieber geschüttelt. Der Arzt kam glücklicher Weise gerade ins Dorf; er besuchte den Kranken, und beim Weggehen, als Lipp kummervoll fragte, zuckte er die Achseln. Lipp wnrde leichenblaß, ober zum Kranken zurückgekehrt, that er sorglos und suchte ihn auszumuntern. „Ich habe heute noch nicht gebetet", klagte der Kranke. „Du weißt, wie ich meine Gebetriemen anlege; hilf mir, ich kann mich nicht regen." Lipp half dem Kranken, die Gebetriemen um die Stirne und den linken Arm legen, und sagte endlich lächelnd: „So, jetzt kannst Du besser kutschiren." Mit schwacher Stimme wehrte der Kranke ab: „Mach' jetzt keinen Spaß, thu' das nicht, Du versündigst Dich! Ich nehme Dir's aber nicht übel. Da, gib mir die Hand, und ich bitte Dich, verzeih mir auch Alles, was ich Dir je zu Leide gethan oder geredet; und wenn mich mein Bruder und die Andern nicht mehr am Leben treffen, sag' Ihnen Allen, daß ich Allen verziehen habe .... wenn sie mir' wissentlich oder unwissentlich etwas Böses gethan .... sie sollen mir auch verzeihen." Er murmelte leise Gebete vor sich hin, dann rief er, wie irre redend, seinen Bruder: „Gib mir das Gebetbuch und sag' mir das Schemah! Das Schemah will ich hören! Das Schema!)!" Dem Lipp wurde angst und bange, als der Leder-Herz immer heftiger schrie: „Warum sagst Du.nichts? Sag' das Schemah! Ist denn Keiner, der mir die Liebe anthnn will? Seid Ihr alle stumm und blind?" Angstvoll kam der Lipp zu mir ins Pfarrhaus und erzählte mir Alles. „Und was will er denn nur mit dem Schemah?" fragte er zitternd. Ich erklärte ihm, daß das die Berse 4 bis 8 im fünften Buch Moses, Cap. 6 bedeutet. Diese Worte enthalte» das Glaubensbekenntniß der Juden, und mit diesen Worten auf den Lippen hauchen sie gläubig ihren letzten Athem ans. „Was sollen wir thun?" fragte Lipp. „Was wir thun können," antwortete ich, nahm meine hebräische Bibel, suchte die Stelle und begleitete Lipp nach Hause. Als ich eintrat, ries der Kranke: „Kommt Ihr? Ich bin bereit!" Ich begann nun in hebräischer Sprache die Worte: „Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott!" Als ich dies in hebräischer Sprache laut las, sah mich der Leder-Herz groß an, mit jenem wunderbar strahlenden Blicke, in dem das Menschenauge nur in der Todesstunde erglänzt. Ich weiß nicht, ob er mich erkannte, aber kaum hatte ich die ersten Worte gesprochen, als er einfiel und mit erschütternder Stimme die Worte nachsprach, und wenn ich innehielt, winkte er, daß ich fortfahren solle und ich wiederholte es fort und fort. — Mit dem Worte Adon ... (Gott) hauchte er seinen letzten Athem aus und ich drückte ihm die Augen zu.... Ich glaube, daß ich nie getreuer ein Diener am Worte und im Geiste der Liebe gewesen bin, als jetzt, da ich, der christliche Geistliche, einem Juden sein Gebet in der letzten Lebensstunde verrichten half. Spät in der Nacht kamen der Bruder und eine Schwester des Verstorbenen und mit ihnen noch zwei Männer aus seinem Dorfe. Lipp erzählte ihnen, wie der Leder-Herz gestorben sei, Herausgeber und verantwortlicher Nedacteur: Dr. Jos und sie kamen zu nur und dankten mir unter heftigem Weinen. Als sie mit der Leiche davon fuhren, gab ich in Gemeinschaft mit dem Lipp dem Verstorbenen das Geleite bis an die Grenze unserer Gemarkung. Dies nun ist eine der Erinneruugen, die mir das Herz am tiefsten beivegen. Eine besondere Erhebung ist es mir, daß das ganze Dorf — nicht ein Einziger ausgenommen — es in Wahrheit erkannte, wie ich an Leder-Herz im Geiste der wahren Religion der Liebe gehandelt. Was ich gethan, wurde damit zum inneren Segen für Alle. Briefkasten. Dr. .H. Nendeck. Die „Mittheilnngeu der Gesellschaft für jüdische Volkskunde" erhalten die Mitglieder jener Gesellschaft gratis. Beitrittserklärungen nimmt entgegen Rabbiner Dr. Max Grunwald, Hamburg, Bornstraße ft. I. in Wien. Es existiren absolut keine religiösen Vorschriften über den betreffenden Brauch, welcher in verschiedenen Orten auch verschieden geübt wird. a. Die Wahrheitsliebe Dr. L u e g e r's ist durch seine zwei Briefe, betreffend die Kandidatur D i p a u l r's, von denen der eine das stricte Gegentheil dessen enthielt, was er in dem anderen sagte, ins richtige Licht gerückt worden, lleberrascht hat diese unkluge Doppelzüngigkeit aber Alle, die L n e g e r's Parole kennen: Lieber feig als — dumm i. fl. Der ">(). Geburtstag des Mechanikers Schneider ist von den a n st ä n d i g e x c n Antiscmile» ignorirt worden. Natürlich erhielt er da genug Gratillationen. Von diesem Jubilar gilt bekanntlich das Wort: „Auch wer den B e st i e u seiner Zeit genug gethan, lebt für alle Zeiten." L. W. Der Vortrag dürste wohl im Druck erscheinen. Anton W. Daß die „böswilligen Absichten" des Mechanikers Schneider wieder einmal gebrandiuarkt wurden, ist wohl nicht überraschend. Neu ist nur, daß diese treffende Charakteristik von — christlich-socialen Arbeitern a u s g i n g. GesetzeStren. Die Zählcommissäre, die sich nach der Coufessiou der Parteien erkundigen, verrathen dadurch, welche — Partecstellung sie Hal en. E s w ü r d e s i ch e m p f e h l e n, d a ß A l l e, die solche Wahrnehmungen zu machen Gelegenheit hatten, sich genaue Aufzeichimiigen hierüber machen, die seinerzeit von Werth sein dürfte». Justus. V e r g a n i sowohl als W ä h n e r fühlen sich mit stecht durch den Antisemitismus — erbaut. Beide bauen sich in Wien Häuser. AotuS. Baron D i p a u l i hat zwar den Christlich-Socialen nie etwas ernstlich in den Weg gelegt, aber es genügt heute, wenn Einer nicht mit ihnen durch Dick und Dünn geht, um in den Ruf eines — „Jndcnknechtes" zu gelangen. Notiz. Ein altes, bewährtes Kleiderreeept. Alte Recepte werde» mit Vorliebe befolgt, sowohl in der Küche, im Hause, wie in der Wirtschaft Und ein solches altes Recept, sich ans bequemen und billigen Weg gute, moderne Kleider zu verschaffen, ist die bewährte, auf der uralten, einfachen Grundlage des Tausches beruhende Methode, die seit Jahren beim Hoflieferanten Rothberger auf dem Stefansplatze eingeführt ist. Mau gibt die getragenen Kleider daselbst ab, sie werden gewissenhaft geschätzt, und gegen eine zumeist kleine Aufzahlung erhält man dann moderne und gute Kleider, wie sie eben die Saison erfordert. In der Kleiderschwemme, dieser volksthümlichen Abtheilung des Hauses, findet sodann der Anspruchslosere Kleider zu den denkbar billigsten Preisen. Jetzt, zu Beginn des Herbstes, sei das alte, bewährte Kleiderrecept unseren Lesern ins Gedächtniß'gerufen. Zur gefälligen Beachtung! Wir ersuchen diejenigen unserer Abonnenten, welche noch mit der Abonnemrntsgebützr im Rückstände find, dir zur Eintzebnng derselben von uns versendeten Alostairfträge grMligst hvnorirrn ju wollen. Die Administration. S. Bloch. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VD3.

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