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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 43 Sette 775 3H*„ B^vch's Wori^enst^rift. in der man sie gestern begraben hat. Dann hätte sie werter gesprochen, wie sie Braut wurde, wie es ihr in den ersten Jahren ihrer Ehe erging und wie dann nach all den schönen Tagen trübere Zeiten kamen und wie zuletzt Alles noch besser geworden, als sie gedacht. Denn so war sie; am Ende aller ihrer Erzählungen versicherte sie immer wieder: „Ich und mein Kind, wir leben glücklich und zufrieden." Es gab eine Zeit, wo mich das Glücksgesicht dieser Frau befremdete. Aber später habe ich erkannt, daß ihr wirklich das Geschick wenig anhaben konnte, denn wenn es noch so finster und drohend daher kam, von ihrer Güte wurde es erhellt und durchleuchtet. Als ich noch ein Kind war und Kindertränme ersann, da machte ich mich selbst zur Prinzessin und Jeder bekam Rang und Platz in meinem Hofstaate. Nur Malchen ließ meine Phantasie unangetastet. Sie war immer dieselbe gleiche gütige Großmutter, und wie sie das für mich war, so ist sie es später für meine Kinder geworden, denen Malchen das Allerbeste und Allerliebste ihrer jungen Lebens bedeutete. Sonnabend, wenn Malchen mit dem Gebetbuch am Fenster saß und Sabbathfriede das Zimmer erfüllte, habe ich sie oft aufmerksam betrachtet und sie erschien mir stets als die schönste Großmutter der Welt. Sie trug, so lange ich mir denken kann, stets die gleichen sorgfältig gemachten Bogenscheiteln und mir waren diese Scheiteln die vornehmste und feinste aller Haartrachten. Und an Festtagen zog sie das schwarze Moiräekleid an, dessen Name mein Kinderherz schon mit feierlicher Festtagsfreude erfüllte. Malchen hatte viele schöne Kleider, aber an das schwarze Moiräekleid reichte doch keines heran. Und sicherlich wird niemals wieder ein Kleid solchen Eindruck auf mich machen, und wenn es einer Fürstin oder einer Kaiserin gehören würde. Ja, Malchen war gut, und nun ist sie von uns gegangen und unser Herz ist traurig und kummervoll. Aber später werden wir beinahe vergessen, daß sie gestorben und wir werden nur noch daran denken, daß sie gelebt hat. Und das wird immer unser bester Gedanke sein, einer der tröstlichsten und schönsten. Äm Abend, wenn wir tagesmüde beisammen sitzen, werden wir von Malchen sprechen," als ob sie noch bei uns weilte und alles Häßliche und Traurige, das uns begegnet, wird verblassen und verschwinden vor diesem Gedanken. Und dann werden wir von stiller Freude erfüllt sein, daß Malchen bei uns war, daß sie uns liebte, und endlich werden wir dasselbe sagen, was das kleine Mädchen mit den blonden Haaren und den dunklen Augen sagte: „Malchen war gut." Und wir werden wissen, daß Güte das Höchste und Seltenste ist und ewig lebendig, und daß nichts ihr zu vergleichen ist. Aber jetzt weinen wir noch und es wird lange dauern, ehe unsere Thränen versiegen. L. Y. Lqderher;. Au s den Erinnerungen des evangelischen Pfarrers Rudolf Kansler*). Wahre Menschenfreundlichkeit zeigt sich darin, daß wir jedem Mitlebenden, der uns ungekannt und flüchtig begegnet, die gemeinsam gegebenen Augenblicke mit Gutem zu erfüllen trachten. Die wahre Menschenliebe bethätigt sich darin, daß wir den Gedanken der Zusammengehörigkeit festhalten, auch da, wo wir den Widerspruch und Gegensatz vor Augen haben. Nur wenn wir uns liebevoll gegen Menschen anderen Glaubens, anderer Ueberzengnng bewähren, nur dann haben wirdas Recht, uns Bekenner der Religion der Liebe zu nennen. Menschenfreundlichkeit, die sich nur auf Bekannte, Menschenliebe, die sich nur auf Glaubensgenossen beschränkt, verdienen diesen Namen nicht. Gewiß hat sich hierin Jeder Unterlassungssünden vorzuwerfen. Auch ich, aber erinnere mich gern, daß es mir einmal beschieden war, mit freiem Gemüthe und in ganzer Liebe einem Andersgläubigen hilfreich zu sein. *) Wir entnehmen diese Erzählung dem vortrefflichen Kalender "Der gute Kamerad", welcher iu dem um die Bekämpfung des Antisemitismus so überaus verdienten Verlag von A. W. K a f e m a n n m-Danzig erschienen ist. Der Kalender kostet nur 10 Pfg. und eignet sich ganz vorzüglich zur Verbreitung in Stadt und Land. Die Hausirer und Trödler sterben iu unseren Tagen aus. Seitdem wir Eiseubahuen haben, holt sich Jeder, was er bedari, aus den stehenden großen Magazinen. Ehedem aber war solch ein Hausirer, bei dem Alles zu haben und Alles anznbringen war, eine eigenthümliche Figur im Dorfe. Jedermann kannte ihn und er blieb doch immer ein Fremder. Als ich in Waldhausen Pfarrer war, hatten wir solch einen Hausirer,' der fünf Tage in der Woche im Dorfe daheim war, ohne sich je ansässig zu machen. Sein Heimatsort war acht Stunden von uns entfernt und i l der Rege! war er schon Sonntag in der Frühe bei uns; er wunderte die Nacht hindurch ,! seinem schweren Quersack den weiten Weg. Er hatte nichts Zuoringliches und ich erinnerte mich bei ihm gern eines Wortes, das einst bei unseren Landständen ausgesprochen wurde. Es war da viel davon die Rede, wie gefährlich die Hausirer seien, wie sie die Menschen zum Ankauf von Dingen verleiten, deren sie nicht bedürfen, und da sagte ein alter, trocken witziger Professor : „Jawohl, ich kenne die Gefährlichkeit dieser Wegelagerer auch Ich gehe einmal vom Collegium nach Hanse, und da hält mich am hellen Tage auf offener SIraße solch' ein Wegelagerer von Hausirer an und fragt mich: „Nichts zn handeln?" Ich sage „Nein" ... da war die Gefahr vorbei." Unser Hausirer war ein Jude mit Namen Herz oder Hirz, was eigentlich Hirsch heißt; Jedermann aber kannte ihn unter den Namen Leder-Herz. In meinem Dorfe war es nämlich der Brauch, daß die Bauern sich große Spangen Sohlleder kauften, um benöthigteu Falls beim Schuster zur frischen Sohlnng Stücke ans der Spange ausschneiden zu lassen Der Leder-Herz lieferte den Vorrath, und dazu trug er noch ein Schild mit sich herum; denn die Ellenbogen seines Nockes waren mit Lederstücken besetzt, in Herzform ansgeschilitten. Ich war bald ein Jahr im Dorfe, und der Leder-Herz hatte nie versucht, irgend ein Geschäft mit mir zn machen. Meiner Frau kaufte er indessen die Federn von unseren Gänsen ab, und sie machte auch zuweilen einen Tauschhandel mit ihm, wobei sie mir oftmals seine Redlichkeit und Klugheit rühmte und mir auch von seinen Lebensverhältnissen erzählte. Er war der Aelteste von vier Geschwistern und hatte, wie er sagte, „das Heiraten versäumt"; denn er mußte für die Anderen sorgen, denen er ans seinem Erwerbe zur Begründung eines Hausstandes verhalf. Jetzt, sagte er, habe er's leicht, denn er habe nur noch seine alte, bald achtzigjährige Mutter zu ernähren. Erst im zweiten Winter wurde ich selbst mit ihm bekannt. Er war auf die Bedürfnisse aller Menschen bedacht, und so brachte er mir hohe Pelzstiefel, die ich noch jetzt habe. Er erklärte mir mit klugem und gutherzigem Lächeln, daß ich die Stiefel haben müsse, wenn ich im strengen Winter nach meinem Filial oder nach den entfernten Bauernhöfen zn Krankenbesuchen fahre. Ec trank bei uns eine Tasse Kaffee — eine andere Speise nahm er nicht — und ich gewährte es ihm gern, daß er dabei sein schwarzes Sammetkäppchen aufsetzte. Ich bezahlte ihm den Kaufpreis für die Stiefel sogleich baar; er sagte, das habe ja nicht solche Eile, aber ein eigener Glanz trat in sein großes, dunkles Auge, als ich ihm das Geld darreichte und dabei in hebräischer Sprache den Vers 14 und 15 ans 5. Buch Mose, Cap. 24 sprach: „Du sollst dem Dürftigen und Armen seinen Lohn nicht vorenthalten, er sei von Deinen Brüdern oder von den Fremdlingen, die in Deinen Thoren sind. An demselben Tage sollst Du ihm seinen Lohn geben, und es soll die Sonne nicht darüber untergehen." Der Leder-Herz war eine lange, knochenstarke Gestalt; man sah es ihm aber an, daß er sich schlecht nährte. Denn sechs Tage in der Woche lebte er fast nur von Kaffee und Kartoffeln; nllr selten gönnte er sich eine Eier- oder Mehlspeise, die er bet seinem Gastfreunde, dem Schuster Lipp, iu eigenem Geschirr selbst bereitete. Mit dem Schnster Lipp lebte er in inniger Freundschaft, die sich aber fast nur in beständigen Neckereien und Religionsstreitigkeiten kundgab. Der Schuster Lipp war ein Schriftgrübler und suchte seinen Freund zu unserem Glauben zu bekehren; aber der Leder-Herz hielt ihm tapfer Stand, und seine gewöhnliche Entgegnung war: „Eines wenigstens könnt Ihr uns nicht vorwerfen. Wir suchen nie einen Andersgläubigen zu bekehren." Es war in meinem letzten Winter in Waldhausen. Wir hatten fast drei Monate ohne Unterbrechung steife Kälte; der Leder-Herz kam seit zwei Wochen nicht ins Dorf, man vermißte D. N.

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