Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 770 Dr. Blnch-s Wochenschrift. Nr. 43 rend für die geringste wirtschaftliche Veränderung die Großjährigkeit gefordert wird. Ein anderer Factor seien die galizischen Zustände; auf der einen Seite die Stanczyken, die Dr. Ofner als eine „Reincnltur des clericalen Feudalismus" bezeichnet, dann eine Beamtenschaft, die seit 1868 an Stelle der altösterreichischen Beamten getreten und von diesen Stanczyken gänzlich abhängig sei; weiters ein Volk, das zwei Dritttheilen nach aus Analphabeten bestehe, und auf der anderen Seite die jüdische Einwohnerschaft selbst, die, wenn auch durch ihr Elend entschuldigt, dennoch in Bezug auf Bildung und Lebensweise rückständig sei. Schuld an dem Elend der Juden und der Bauern sei allerdings die jahrhundertelange Unterdrückung von Seite des Feudal - Adels, dazu komme, daß wegen Mangels an Schulen jüdische Mädchen oft in rein christliche Schulen kommen und dort eine Umgebung vorfinden, die ihr oft Abscheu gegen eine Zukunft innerhalb ihres Stammes einzullößen vermöge, da ihr die neuen Verhältnisse gefallen. Eine Hauptursache aber, die solche Fälle bei uns jetzt überhaupt erst möglich mache, sei die gegenwärtige Strömung zu Gunsten des Clericalismns, der sich auch in der Erläuterung und den Entscheidungen zu § 145 a. b. G. zeige: denn während 1867 auf Anregung des Parlamentes den Behörden von der Justizverwaltung eingeschärft wurde, die ihren Angehörigen entlaufenen Mädchen und Frauen in Klöster nicht festhalten zn lassen, erfloß nach dem Umschwung schon 1883 und 1885 eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, die den Eltern das Recht, ihre Kinder aus dem Kloster zu uehnieu, versagte. Die Hilfsmittel, die man in Anbetracht dieser Ursachen gegen diese Vorfälle anwenden müsse, gehen, meint der Redner, in erster Linie darauf hinaus, Oesterreich doch wieder in die Reihe der modernen Staaten hinüber zu leiten und das Seinige zur Bekämpfung des Geistes zu thun, der solchen Strömungen zn Grunde liege. Weiters wäre aber auch eine Modernisirnng der betroffenen Bevölkerungsschichte selbst, der galizischen Inden, anzustreben. Hier sei eine große wirthschaftliche und culturelle Aufgabe zu leisten. Was aber den Fall Araten und ähnliche Vorfälle selbst betreffe — so schließt der Redner — müßten alle Anstrengungen gemacht und wiederholt werden, um dem Rechte gegenüber der Gewalt zum Siege zu verhelfen. Denn nur derjenige sei wirklich verloren, der sich selber aufgibt. (Stürmischer Beifall.) (Wir werden den Wortlaut des Vortrages in unserer nächsten Nummer nachtragen.) Der Präsident: Meine geehrten Damen und Herren' Sie haben in dem Beifalle den Dank der Versammlung für die lichtvollen Darstellungen des verehrten Herrn Referenten zum Ausdrucke gebracht, und rückhaltslos schließe ich mich diesem Danke an; das heutige Referat soll den Beginn einer öffentlichen Erörterung auch anderer Angelegenheiten bilden, — Angelegenheiten, welche die kleine Gruppe derer, die durch den Antisemitismus zu Größen geworden, in die Menge geworfen und dort zahlreiche gläubige Anhänger gefunden hat. Die erste dieser Besprechungen wird sich mit dem R i t u a l m o r d befassen; dieser Hohn und Spott auf den gesunden Menschenverstand soll im November auf die Tagesordnung gelangen und Gegenstand weitester Verbreitung werden. Damit erkläre ich die Plenarversammlung für geschloffen. Wien. Herr Nedacteur! Große Summen werden alljährlich von reichen Juden der Gemeinde Wien zur Vertheilung an Arme übergeben. Ich bitte, meinem Vorschläge in Ihrem geschätzten Blatte Ranm zu geben, welcher darin gipfelt: die Wohlthäter und Erblasser aufmerksam zu machen, daß sie in ihren Zuwendungen anstatt „ohne Unterschied der Confessio»" ausdrücklich erklären: die Hälfte oder ein Dritttheil der Spende sei an die von der israelitischen Cultusgemeinde bezeichneten armen, in Wien lebenden Juden oder jüdischen Humanitären Institutionen zu vertheilen. (Jivis. Krakau, 21. October. Folgende Begebenheit hat in unseren antisemitischen Kreisen nicht wenig Unbehagen hervorgerufen Der katholische Seelsorger Canonicus Franciszek Condolewicz in Raba—wyzna bei Chabowka hatte einen jüdischen Busenfreund Namens Naftali Stern, mit dem er oft über religiöse Fragen , M.disputiren Pflegte. Am 14. September d. I. erkrankte der? 48jährige Geistliche. Er schickte um seinen Freund Stern und« übergab ihm, da er nicht viel sprechen konnte, einen Zettel. I dessen polnischer Inhalt deutsch wie folgt lautete: „Sobald es! nnt mir schlecht wird, was ich für übermorgen erwarte, nehmen Sie beizeiten eine der besten Kühe ans ineinem Stalle". Der Jude fragte, was er für die Kuh zahlen solle, da antwortete der Geistliche: „Nichts — nichts — Andenken aus guter Freunschaft". Canonicus Condolewicz starb am 23. September. Stern zeigte den besagten Zettel dem Geistlichen der Nachbargemeinde, welcher die Schrift sofort erkannte, und dem Juden wird nach Beendignng der Berlassenschaftsverhandlungen, trotz mancher erhobenen Einwendung, die Kuh ausgefolgt werden. Mißlitz. (Ehrung eines v e r st o r b e n e n Schulm a n n e s.) In unserer an Idealen so armen Zeit ist es umso erfreulicher, von einer wahrhaft erhebenden Feier berichten zu können, die den Manen eines um seine Gemeinde verdienten Lehrers galt. Dieselbe fand Sonntag den 14. October in Mißlih statt, wo Joief Schülle r, ein Mann von seltenen Gaben des Herzens und Geistes, von 1853 — 1868 als Oberlehrer an der von der dortigen israelitischen Cultusgemeinde erhaltenen Volksschule gewirkt hat. Das Andenken dieses vortrefflichen Mannes, der vor etwa zwei Jahren in Wien gestorben ist, zu ehren, war Zweck und Ausgabe eines ActionscomitSs, dem folgende Herren, die sämmtlich Schüler des Verewigten waren, angehörten: Josef Ehrnreich, Fabrikant in Brünn; Josef Hauser, Fabrikant in Mißlitz; Hermann König, Fabrikant in Wien, und Gottlieb Winkler, k. k. Professor in Salzburg. Das Comit6 beschloß, zum Andenken an den geliebten Lehrer an der Stätte seines langjährigen, für die Gemeinde segensreichen Wirkens eine Gedenktafel anbringen zu lassen, und zwar an der Front des israelitischen Schulgebäudes in Mißlitz. Von allen Seiten flössen Beiträge für die Gedenktafel zusammen, so daß in der kürzesten Zeit annähernd die Summe von 2000 Kr. erreicht wurde. In den Untersberger Marmorbrüchen wurde in künstlich vollendeter Weise eine Tafel mit folgender Inschrift hergestellt: „Dem unvergeßlichen Lehrer Herrn Josef Schüller. Oberlehrer in Mißlitz 1853—1868, in Liebe und Dankbarkeit gewidmet von seinen Schülern und Schülerinnen." Die Enthüllung dieser Tafel fand nun Sonntag den 14. October in Mißlitz statt. Nicht nur die ganze Familie des Verewigten fand sich hiezu eiu, sonder» auch eine große Zahl von ehemaligen Schülern aus Nah und Fern. Ein wahrer Festtag war dieser Tag für Mißlitz. Im israelitischen Schulgebäude versammelten sich um 1 Uhr Nachmittags die Festgäste, zu denen auch die Herren Vertreter der Volksschule der Marktgemeinde Mißlitz gehörten, und die studierende Jugend. Hier machte Herr Oberlehrer Löwy der Jugend in einer schlichten, zu Herzen gehenden Rede die Bedeutung des Tages klar, worauf im israelitischen Tempel ein Festgottesdienst stattfand. Bei diesem hielt der Rabbiner der Gemeinde, Se. Ehrwürden Herr Dr. Bauer die Festpredigt, die sich über die Bedeutung und Stellung des Lehrstandes im Allgemeinen und über die ideale Persönlichkeit Schüller's im Besonderen verbreitete. Hierauf wurde die Gedenktafel enthüllt, wobei Herr Josef Ehrenreich ans Brünn eine Gedenkrede hielt, die, meisterhaft gesprochen, allenthalben Thränen der Rührung erweckte. Schließlich dankte Professor Winkler aus Salzburg im Namen des Comit^s allen Spendern und Festgästen für ihr Erscheinen, womit die öffentliche Feier beendet war. In einer daran sich schließenden Versammlung im „Hotel Bader" legte das Comitä Rechnung und machte die erfreuliche Mittheilung, daß der restirende Betrag der Sammlung für eine demnächst zu activirende Josef Schüller'sche Stipendien-Stiftung verwendet wird, deren Erträgniß alljährlich einem armen und würdigen Studenten ans Mißlitz verliehen werden soll. Nachdem dem Activnscvmitü die Indemnität ertheilt wurde und die Functivnäre der israelitischen Gemeinde Mißlitz erklärt hatten, daß sie die Gedenktafel und die Stipendien-Stiftung in ihre Obhut übernehmen, sprach der älteste Sohn des Verewigten, Herr Fabrikant Ernst Schüller aus Wien, namens der ganzen Familie seinen innigsten Dank ans für die schöne und si urige Art, in der dem verstorbenen Oberhanpte der Familie so reicher Dank und Anerkennung erwiesen worden sei. Sei doch Mißlitz stets das Ehrenkiud seiires Vaters gewesen, für das er bis an die letzten Lebenstage eine nie versiegende Liebe empfunden habe. Damit schloß dieser schöne Tag, der allen Erschienenen lange in angenehmster Erinnerung bleiben wird.;> Mährisch-Ostrau. Am 16. October beging die hiesige | Cultusgemeinde die Erinnerung ihres 25jährigen Bestehens durch reinen Festgottesdienst, welchem der gesammte Ausschuß und die 1 Gemeindemitglieder in Festkleidung beiwohnten. Das Jubiläum Jttmr gleichzeitig mit einer Ehrung für den seit 25 Jahren un-