Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 769 Dir aber, Frühvollendeter, rufen wir in der heiligen Sprache, die du so gründlich erlernt nnd bis ans Lebensende so hoch geehrt hast, den Scheidegruß nach: npb Tn jnj 'n “J*yDÜ V Dü TP „Gott hat dich uns gegeben, Gott hat dich nun zu sich genommen, Sein geheiligter Name sei gelobt!" Correspondenzen. Protokoll über die anr 30. October 1900 im Festsaale des Wiener Kaufmännischen Vereines stattgefundene Plenarversammlung der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union. Vorsitzender: der Präsident kais. Rath Adolf NuLivka. Referent: Landtagsabgeordneter Dr. Julius Ofner. Im Beisein eines Regiernngsvertreters. Präsident kais. Rath Rn^ii-ka: Hochgeehrte Versammlung! Ich begrüße Sie ans das Herzlichste im Namen der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union und heiße die geehrten Mitglieder des Enltnsvorstandes, ebenso die Herren ans den verschiedensten Bernsszweigen, die heute als Gäste erschienen sind, um an unserem ersten Vereinsabend theilzunehmen, sowie die geehrten Damen herzlichst willkommen. In die Zeit zwischen der letzten und der heutigen Versammlung ist ein bedeutungsvoller Tag gefallen. Es ist das 70. Geburtsfest unseres allverehrten, gnädigsten Herrn und Kaisers. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen.) Die Oesterreichisch- Jsraelitische Union hat den Anlaß benützt, uni in ehrfurchtsvoller Treue die Glückwünsche ihrer Angehörigen an den Stufen des Thrones niederzulegen, die Glückwünsche, daß das Leben d's geliebten Monarchen, der das Recht in unserem Staate verkörpert, bis in die fernsten Zeiten uns erhalten bleibe, das kostbare Leben, in das ein unerbittliches Schicksal so harteund schwere Eingriffe that, und das uns Allen so theuer ist. Sie haben sich von den Sitzen erhoben und damit Ihre Zustimmung und Ihr Einverständniß bekundet. Wir werden dieser Kundgebung im Protokoll der heutigen Versammlung Ausdruck verleihen. (Beifall.) Meine hochverehrte:! Damen und Herren! Als der Vorstand der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union anläßlich der bevorstehenden letzten Generalversammlung znsaminengetreten ist, hat er sich über Veranlassung meines verehrten Vorgängers an mich gewendet, um mir die Mission zu übertragen, das Präsidium unseres Vereines zu übernehmen. So ehrenvoll dieser Ruf war, weigerte ich mich dennoch zuzustimmen. weil ich an dem Erfolg meiner Thätigkeit zweifelte, an der Möglichkeit, daß ich das erfüllen könnte, was von einem Präsidenten des größten, politischen israelitischen Vereines in Oesterreich gefordert werden muß; wir traten dieserhalb zu Verhandlungen zusammen, nnd meine geehrten nunmehrigen College« im Präsidinni nnd Vorstand, die Herren Beiräthe und schließlich die Generalversammlung traten meiner Bedingung bei, neben der Abwehrtaktik, welche in unserem Rechtsschutz-Bureau verkörpert ist, nunmehr an die Organisation der gesammten österreichischen Jndenschast heranzutreten. Im vollen Bewußtsein, eines der schwierigsten Probleme vor mir zu haben, habe ich die ehrende Stellung übernommen, weil erfahrene, tüchtige und opferwillige Männer ihre erprobte Thatkrast mit der meinen zu vereinigen erklärten — weil die ansehnliche Zahl der Vereinsmitglieder sich mit dem erweiterten Programme identificirte. So arbeitet der Vorstand einig in dieser erweiterten Richtung mit aller Emsigkeit, und der Sonimer — sonst die Ruhezeit für alle Vereinsthätigkeit — fand uns fest bei der Arbeit. Als eine der Hauptaufgaben, welche die Oesterreichisch- Jsraelitische Union sich stellte — entschuldigen Sie, wenn ich den Bericht nur in ganz allgemeinen Zügen erstatte — war nunmehr die Organisation am flachen Lande durchzusühren, wo darauf hingearbeitet wird, daß keine Gemeinde bestehe in der Juden wohnen und nicht auch in ihrer Mitte Mitglieder der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union. Dadurch haben wir draußen unsere Vertrauensmänner, welche für uns unter ihren Gemeindegenossen arbeiten, und wir übernehmen die Pflicht, für sie einzutreten, wenn ihre staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte bedroht oder verletzt erscheinen. Die Oesterreichisch-Jsraelitische Union, meine verehrten Damen nnd Herren, — Union ist ja der Inbegriff dessen, was sie sein soll, die Bereinigung aller Glaubensgenoffen, — sott in Ihnen das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit stärken. Hochverehrte Versammlung! Die Thätigkeit der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union zerfällt außerordentlich in Detailarbeiten. Wir müssen unendlich aufmerksam alle gegnerischen Zeitungen lesen, denn es vergeht selten ein Tag, an dem nicht eine Niederträchtigkeit, zumindest aber eine Lüge gegen unsere Religion oder unsere Glaubensgenossen begangen wird, an dem nicht eine Ungeheuerlichkeit gegen die Vernunft ins Treffen geführt wird, wenn es gilt, gegen das Judenthum anfzutreten, und in vielen Kreisen wird es in ebenso beklagenswerther als unvernünftiger Weise mitunter auch geglaubt. Wir müssen mit den nothwendigen Berichtigungen selbst entgegentreten, wenn sie in unsere Sphäre fallen — müssen die Rechtsbeistände stellen, wenn cs sich um Personen handelt, die sich des Angriffes nicht selbst erwehren können; wir müssen für das verletzte Recht eintreten, lueim am flachen Lande die Kanzel, wo die Religion der Liebe gepredigt werden soll, zn antisemitischen Verhetzungen der Bevölkerung mißbraucht wird — müssen um Schutz einschreiten, wenn die Kirchenthüren zur Anbringung verhetzender Schächtbilder Verwendung finden; wir müssen einschreiten. wenn einem jüdischen Gastwirth, der durch 36 Jahre eine Gastwirthschaft betreibt, plötzlich ein antisemitischer Gemeinderath wider alles Recht die Concession entzieht. Wir müssen selbst im Auslände — in München und Magdeburg — strasgerichtliche Verfolgungen einleiten, weil bestimmte Personen als Mitschuldige eines Ritnalmordes bezeichnet werden, in ungezählten Fällen müffen wir unentgeltlichen Rechtsbeistand gewähren und immer bereit sein, die Beschwerden unserer Mitglieder entgegenznnehmen, genau zu prüfen und mit allen Mitteln dem Rechte zum Durchbruch zu verhelfen. Ans solchen und ans ungezählten anderen Fällen, die Tag für Tag sich ereignen, ergeben sich die Details der Arbeitsthätigkeit der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union, welche dahin gerichtet ist, daß jeder Einzelne im Staate seinem Glanben und Berns in Ruhe nnd Frieden nachgehen kann. Hier besteht eine Corporation, die das Recht schützt und gegen den Durchbruch des Unrechtes ankämpft. Einer der ernstesten Fälle, dem wir unsere Arbeit widmen, ist der Fall Araten. Wir haben uns dem unglücklichen Vater zur Verfügung gestellt, haben ihm die Audienzen bei Sr. Excellenz dem Herrn Ministerpräsidenten und Sr. Excellenz dem Herrn Jnstizmittister und allen jenen Factoren verschafft, welche ihm Schutz und Hilfe bringen konnten. Ich übergehe alle Momente, welche es dem bedauernswerthen Vater trotz aller Interventionen unmöglich gemacht haben, zu seinein Kinde zn kommen, — ein berufenerer Mann wird Ihnen darüber Bericht erstatten. Was in dieser Sache von u n s geleistet werden konnte, haben wir gethan. (Beifall.) Was Recht und Gerechtigkeit im Leben und in der Oeffentlichkeit vertritt, die freie Presse in ganz Europa hat sich dieses Falles bemächtigt. Die Resultate kennen Sie. — Es sind keine! Und nun, meine verehrten Damen und Herren bitte ich Sie, sich mit dieser allgemeinen Schilderung unserer Thätigkeit und unseres Arbeitsprogrammes vorläufig zufrieden zu geben. Ich danke Herrn Dr. O f n e r, daß er sich heute in den Dienst der Menschheit gestellt hat. Hier gilt es. ein verletztes Menschenrecht zn schützen. Herr Dr. Ofner wird nun die Güte haben, Ihnen über den Fall Araten und ähnliche Fälle zn berichten. (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Ofner, mit Beifall begrüßt, wendet sich vorerst der Schilderung der cnlturellen und juristischen Bedeutung der Vorgänge zu. Der Vortragende erklärte, daß es sich hiebei weniger speciell um eine Judenfrage handle — denn auch unter den Mohammedanern in Bosnien seien ähnliche Fälle vorgekommen — sondern es handle sich insbesondere um den Schutz des Hauses und der Staatsmacht gegenüber den Uebergriffen der Kirche. Ans die Verhältnisse Galiziens speciell übergehend, führt der Redner ans: Die allgemeine und tiefer liegende Ursache sei die Miffionstendenz der Kirche. Dazu komme aber als ein besonders günstiger Angriffspunkt für die Missionsbestrebungen unser österreichis ch e s Gesetz, das für solche Tendenzen einen günstigen Boden schaffe. Denn durch das Gesetz vom 25. Mai 1868 werde der Religionswechsel Jedermann mit vierzehn Jahren gestattet, wäh-