Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43 De. VImh's Mrcniensmcift. Seite 767 Vom Jahrmarkt des Lebens. - „Gute Nathfchläge". £ Es ist wahrlich rührend, zu sehen, mit welcher Sorgfalt uns unsere „Freunde", die Antisemiten und Clericaleu, guten Nath ertheilen wollen, wie sie sich bemühen, uns von unüberlegten Schritten abznhalten, uns ins Gewissen reden, ja doch ihren Worten Folge zn leisten. Wir bekennen, das; wir gar nicht so hartnäckig und eigensinnig sind, wie es von unseren Vorfahren heis;t, und das; wir auch gar nicht so eingebildet sind, selber Alles besser wissen zu wollen. Wir hören gern auf guten Nath und wollen ihm auch folgen. Aber mar; wird es uns doch nicht verübeln, das; wir auch den Lehren der Geschichte und der Menschheit Nutzen ziehen und die Psychologie zu Nathe nehmen, die uns anweisen, nicht blos den Nath sondern auch den Nathgeber zn prüfen, und wenn wir Grund haben. Letzterem zn mißtrauen, das; wir dann seinen Nath ans die wahren Beweggründe ins Auge fassen und handeln, wie es unser Vortheil erheischt, jedoch nicht nach seinem Nutzen sehen. Wir lernen gern vom Freunde, aber auch vom Feinde müssen wir lernen. Lehrt uns der Erste, was wir können, so zeigt uns der Letztere, was wir sollen, allerdings zumeist per ne^utiuitem. Von vorneherein können wir ja doch nicht annehmen, das; Antisemiten und Clericale darauf erpicht sein werden, uns Nathfchläge zu unserem Nutzen zu ertheilen. Vielmehr ist die Annahme sehr begründet, das; sie uns von wichtigen Schritten abhalten, oder gar zu verfehlten Schritten verleiten wollen. Man muß sich also vom Beginne an hüten, ihren Nath zu befolgen. Aber ernst nehmen mns; man ihn doch; zun, mindesten verräth er ja, welche unserer Schritte ihnen unangenehm sein würden. Wir müssen diese Schritte nicht thnn. wenn wir sie selbst nicht für vortheilhaft für uns erachten — aber auf die Nathschlägc unserer Feinde hin dürfen wir uns nicht abhalten lassen, das zn thnn, ivas uns znni Nutzen gereicht Darum wollen wir die von Dr. P h i l i p p f o n aufgeworfene Frage der Einbernfttng eines I n d e n t a g e s znm Schutze der bedrohten Rechte der Inden vorerst nicht von unserem Standpunkte, sondern von denjenigen unserer Gegner in Erlvägnng ziehen. Wir hätten noch Zeit genug, zur Frage Stellung zn nehmen, aber unsere Gegner haben, wie es scheint, keine Zeit, uns davon abznrathen. Angesichts der Einstimmigkeit, mit der Antisemiten, Nationale und Clericale es den Inden ans Herz legen, nur ja keinen Judcntag einznberufen. fühlt sich wohl jeder Jude n priori veranlasst,! gerade wegen dieser einstimmigen Negation der Institution eine gewisse Bedeutung zu geben, wenn er sie nicht schon an und für sich für eine nützliche erkannt hätte. Kann das. was unsere Gegner uns abrathen, uns schädlich sein? Würden sie es anempfehlen, wenn es zu unserem Stutzen wäre? Ist nicht der Verdacht berechtigt, das; sie nur deshalb sich negativ verhalten, weil sie in diesem Aräopag, dem keine Bajonette und keine Beichtstühle zur Verfügung stehen, einen mächtigen gegen sie gerichteten moralischen Factor erkennen? Hütet Euch, Inden, vor diesen Nathgebern und seht Euch einmal ihre Gründe an. Es ist ein sauberes Kleeblatt, das sich zusammengefunden hat, den Judentag als den Inden schädlich hinznstellen: die antisemitische „Tägliche Rundschau" in Berlin, die Münchener „Allgemeine Zeitung", die schon aus allen Krippen gefressen hat und jetzt bismärckisch-national schillert und endlich das clericale „Vaterland" in Wien. Ein Humorist hätte sie nicht besser zusammen stellen können, und wenn man ihre Argumente unter die Lupe nimmt, dann kann man sich erst recht des Lachens nicht erwehren. Die komischeste Fignr macht natürlich das antisemitische Blatt. Die Kränkungen, lvelche den Juden zngefügt werden, will es mit Racennnd Neligionsgegensätzen rechtfertigen und warnt die Inden, ihre Organisation auf politische Zwecke anszudehnen, weil sonst die Ablehnung ihrer Bestrebungen noch stärker werden würde. Dieser Clown merkt gar nicht, das; in seinen Worten die stärkste Rechtfertigung, der von den Chinesen gegen die „fremde Nasse" und die „fremde Religion" unternommenen feindseligen Acte ist, und wir meinen, es stünde gerade einem deutschen Blatte am allerschlechtesten an, diese Seite straff zu spannen. Die Deutschen haben den Chinesen so viel Vorwände geliefert, das; sie wohl sehr bescheiden sein und diejenigen Elemente am wenigsten betonen sollten, die mit vollem Stecht gegen sie angewendet werden müssen. Wie aber ein Antisemit doch nie ehrlich die Handlung eines Gegners auch mir anziifnhren vermag, so unterschiebt das Berliner Antisemitenblatt den Proponenten des Jndcntages die durch nichts begründete Absicht, als ob sie „über die jetzige Gesetzgebung hinaus Berücksichtigung im politischen Leben erzwingen wollten", woraus der verlogene Antisemit den Beweis ableitet, daß cs den Inden nicht um Gleichberechtigung, sondern um Herrschaft zn thnn sei. Die Logik ist echt antisemitisch, das heisst, verlogen und es bedarf wohl keiner weiteren Versicherung, das; es Niemandem unter den Juden um Herrschaft zn thnn ist und das; Alle froh wären, nur so viel Rechte unangefochten zn besitzen, als die Deutschen in China begehren. Die „Allgemeine Zeitung" will die Inden mit der Versicheinng emlullen, daß die antisemitischen Bäunie nicht in den Himmel wachsen, daß der Antisemitismus in sich zerfallen wird, wenn man ihn nicht zwingt, tonjours en vedette zu sein, daß er die verfassungsmäßigen Siechte der stldischen Mitbürger niemals werde verkümmern können. Wer sich von diesem Lced in den Schlaf will singen lassen, der thue es auf seine Gefahr, aber die Münchnerin mag es sich gesagt sein lassen; daß die Antisemiten lange nicht so ungefährliche Elemente sind, als sie sie hinstellen möchte. Wären sie es gewesen, so hätte sie Bismarck nicht so rasch \ als möglich von sich abgeschüttelt. Er erkannte aber ihre wahre Natur und die Gefahr, in die sie jedes Staatstvesen stürzen und sagte sich ' bei Zeiten von ihnen los, ob sie nun protestantische oder katholische ÜDiucferci als Aushängeschild anwendeu, um sich hoffähig zu machen. Das Wiener „Vaterland" spielt aber in diesem Trio eine absonderliche Rolle. Man fühlt sofort seine Dennnciantennatilr heraus. Ihr erscheint der Jndentag nur deshalb als ein „Mißgriff", weil sie die Forderung nach seiner Einberufung dazu benützt, um die Verdächtigung ailsznsprechen, „die Jndeuschaft sei auch für ihre politischen Zwecke so gut organisirt, daß sie eigentlich gar nicht mehr ein Uebriges thnn kann." Unseren Lesern zu versichern, daß eine solche Organisation nicht besteht, wäre eine überflüssige Arbeit, um so nothwendiger aber ist cs der Dennnciation des „Vaterland" die Larve vom Gesicht zu reißen. Mit heuchlerischem Wohlwollen meint das „Vaterland", der Jndentag „würde diese weitverzweigte, unter den mannigfaltigsten Formen beinahe in alle Parteilager und viele leitende Kreise eingreifende Organisation nnr schädigen". Es zeigt sich also scheinbar sehr besorgt, diese Organisation zu erhalten, in Wahrheit will es aber nichts anderes, als die lügenhafte Meinung verbreiten, als ob eine solche Organisation bestünde, gegen die es dann bei ihm passender Gelegenheit so recht von Herzen zn hetzen vermöchte. Wie gesagt, wir wollen vorerst noch kein Urtheil über den „Allgemeinen deutschen Jndentag" abgeven; aber wir haben uns verpflichtet gesehen, die Stimmen seiner Gegner den Inden vor Augen zu führen, damit sie das Wahre vom Falschen unterscheiden und sich ein richtiges Urtheil bilden. A. Wiener. Wer hat die Unwahrheit gesagt, Prinz Liechtenstein oder der geistliche Professor Dr. Schöpfer'? Die Christlich-Socialen in Tirol haben gegen ben ehemaligen Handelsininister und Führer der katholischen Vvlkspartei Baron Dipauli einen Kampf unternommen, welcher ganz Tirol durchzieht. Bon den Gegnern Dipanli's wird Dr. Schöpfer in den Landgemeinden Brixen-Lienz. Franz R o h r a ch e r, der in ihm seinen Führer sieht, im Städtebezirk Brixen-Lienz-Brnnnerk candidiren. Die Partei Dipanli's spricht vom Anhang Schöpfer's als von „Christlich-Socialen", und ihr Hauptorgan will ihm mit dieser Classificirung durchaus nicht schmeicheln. Es ist — ein wenig verspätet — sehr entrüstet, daß eine Partei, aus deren Mitte „in ebenso roher als nnchristlicher Weise ein Schnßgeld ans die Juden verlangt wurde" oder deren Anhänger in öffentlicher Landtagssitzniig Päpste als von den Juden bestochen erklärten, nach Tirol impvrtirt wird. Auch außerhalb Tirols wird diesem Kampfe große Aufmerksamkeit zngeweudet, welcher in der letzten Wählerversammlnng zn Brixen eine interessante Enthüllung brachte. Baron Dipauli, gegen den die von vielen Seiten offen und geheim unterstützte Caplanokratie seit Langem schon ein beispielloses Kesseltreiben unterhält, schleuderte unter Anderem dem Dr. Schöpfer auch die Behauptung ins Gesicht, daß die Wiener Führer der Christlich-Socialen es gar nicht wünschten, daß ein Gegencandidat gegen ihn ausgestellt werde. Herr Dr. Schöpfer erhob sich und erklärte feierlich: „Dr. Lueger hat mich ermächtigt, das als nicht wahr zu bezeichnen." Sofort greift Baron Dipauli in die Brnsttasche, zieht einen Brief des Prinzen Alois Liechtenstein vom 8. September aus derselben und bringt ihn zur Berlesnng. In diesem Schriftstück heißt es: „Der Wiederausbruch des Streites zwischen den beiden christlichen Parteien solle thnnlichst und gründlichst beseitigt werden; er habe mit Dr. Lueger wiederholt eingehend darüber gesprochen. Letzterer denke gar nicht all einen Einbruch nach Tirol und habe ihn ermächtigt, zu versichern, daß. falls gegeli Excellenz Dipauli ein christlich-socialer G gencandidat ausgestellt werde, er (Dr. Lueger) die geplante Reise nach Tirol selbstverständlich anfgebel« werde." Ans diesem Alilaß wird gegen den Wiener Bürgermeister Dr. Carl Lueger die schwere Anschttldigung erhoben, daß er jeder der beiden Parteien ein entgegengesetztes Versprechen ertheilt hat. — eine Anklage, die gewiß grundlos ist. — Herr Dr. Schöpfer hat sich im politischen Leben noch zu wenig herumgetnmmelt, um es mit der Wahrheit so leicht zn nehmen. Dagegen weiß man vom Prinzen Alois Liechtenstein, wie gering Se. Durchlaucht selbst nach höchsteigenen Geständnissen ein den Hartberger Bauern gegebenes Versprechen taxirte, und erinnert sich auch daran, wie der Prinz einst einen Interviewer mit den Worten entließ: „Wenn Sie ein Wort von dem mittheilen, was ich Ihnen sagte, erkläre ich morgen, daß kein Wort von dem Allen wahr ist." Nun priblicirten die antisemitische „Neichspost" und die „Deutsche Zeitung" vom 24. October folgendes gleichlautendes Commnniqnö: „Die Leitung der christlichsocialen Partei in Wien hat nachstehenden Beschluß gefaßt: