Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 7(j6 Vr. BlvUVs Woche ‘JtT 43 Verfolgungen sagt Sozomenns (IV, 25), sie seien ärger und schimpflicher, wenn auch minder grausam als die der Christen durch die heidnischen Kaiser gewesen. Bald aber wurden die Nerv, Decins und Diocletian von den christlichen Kaisern auch in dieser Beziehung übertrosfen. Aus Befehl der Kaiserin Theodora, Vormünderin Michaels III., sollen um die Mitte des neunten Jahrhunderts bei hunderttausend Paulicianer getödtet worden sein. Um den einen Buchstaben I — ob man im Glanbensbekenntniß das griechische Wort homousios oder liomoiusios gebrauchen solle — wurden die erbittertsten Kämpfe geführt. Am heftigsten und langdauerndsten waren die gegenseitigen Verfolgungen und Kämpfe zwischen Arianern und Katholiken, Bilderverehrern und Bilderverwerfern, welche Jahrhunderte lang fortgesetzt wurden. Ich sage gegenseitige Verfolgungen; denn diese hatten im byzantinischen Reiche das Eigenthümliche, daß nicht, wie im Abendlande seit der Begründung der Papstherrschast bis zur Reformation, stets eine herrschende Confessio» alle anderen abweichenden Glanbensparteien verketzerte und verfolgte. In Byzanz gelangte, je nach religiöser Meinung oder Laune des Kaisers, der Kaiserin oder der Hofbeamten, bald die eine, bald die andere Confession zur Herrschaft. Diejenigen, welche gestern Ketzer und Verfolgte waren, wurden heute als Rechtgläubige anerkannt, erließen Gesetze gegen die Rechtgläubigen von gestern und verfolgten sie. Nnr dauerte ein solches Gestern oder Heute mitunter Jahre und Jahrzehnte lang. Nicht immer herrschte aber der von Constantin eingeführte Cäsaropapismus. Wegen seines Einflusses ans das leicht erregbare bigotte Volk ward der Klerus manchmal zum nützlichen Verbündeten oder gefährlichen Gegner des Kaisers. Die Anschuldigung der Ketzerei oder nicht genügender Rechtglänbigkeit war ein beliebtes Mittel zur Bedrohung oder zum Sturze eines Monarchen. Fast nie aber fehlte es an Hofbischösen und verbannten oder eingekerkerten Bischöfen und Biönchen, an Märtyrern und Renegaten. Und innerhalb der siegreichen Partei kam es oft wieder zu Streitigkeiten um den Vorrang, um Bischofssitze oder Patriarchenthrone; der principielle Streit artete in persönlichen aus, war manchmal nur Maske für diesen. Ueberhaupt waren der religiöse Eifer, das hartnäckige Festhalten am eigenen Glauben durchaus nicht mit Tugend, Sittlichkeit und reiner Moral verbunden. Vielmehr ließ der Clerus in dem Maße, als sein Einfluß znnahm, „neben seiner stets gesteigerten dogmatischen Streitsucht mehr und mehr die alten Sünden der Simonie und der Habsucht unter sich aufwuchern." ') Und es waren nicht diese Sünden allein, deren sich der Klerus schuldig machte. Aber wir müssen uns hier begnügen, einige der eclatantesten Fälle hervorzuheben. Schon die Art, wie manche hohe kirchliche Würdenträger zu ihrem Amte gelangten, ist charakteristisch: Der Bischof Agapius von Aleppo erbot sich dem Kaiser Basilius II., ihm Antiochia zu verschaffen, wenn er ihn zum Patriarchen dieser Stadt machen würde. Der Kaiser ging (a. 976) den Vertrag mit ihm ein, Agapius schlich sich als Mönch verkleidet in Antiochia ein, verführte den Gouverneur Abdallah und bewog ihn, die Stadt dem Kaiser auszuliefern, der den Agapius dafür zum Patriarchen ernannte. Kaiserin Zoe ließ ihren Gatten, den Kaiser Romanus III. (a. 1034) im Einverständniß mit ihrem Liebhaber Michael ermorden, in der Nacht vor Charfreitag! und ließ, noch bevor der Leichnam ihres Gatten kalt geworden, den Patriarchen von Constantinopel rufen, damit er sie mit dem von ihr zum Kaiser ernannten Michael trauen solle. Der Patriarch zögerte eine Weile, aber fünfzig Pfund Gold, die man ihm einhändigte, zerstreuten seine Scrupel und er beeilte sich, das edle Paar zu trauen. Am andern Morgen wurde der Kaiser Roman begraben und Michael zum Kaiser ausgerufen.') Als sich Manuel Comnenns im Jahre 1143 des seinem älteren Bruder Jsaac gebührenden Thrones bemächtigen wollte, war es für ihn von großer Wichtigkeit, die Zustimmung der Geistlichkeit'der Sophienkirche zu gewinnen. Er beauftragte seinen Haushofmeister Axuch. sie mit 20Ö Pfund Silber und, wenn es nöthig sein sollte, mit der doppelten Summe zu erkaufen. Die bescheidenen frommen Priester gaben sich mit den 200 Pfund zufrieden, müssen sich aber furchtbar geärgert haben, als sie ') Dr. G. F. Hertzberg, „Geschichte der Byzantiner und des Osmanischen Reiches bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts, Berlin 1883. S. 28 und 446. -) Le Beau L. 26 ch. 1, L. 27 ch. 22 erfuhren, daß sie bei einigem Sträuben 400 Pfund bekommen hätten.') Andronikns Comnenns hatte seinem Cousin, dem Kaiser Alexius in der Sophienkirche vor dem Altar auf der Hostie Treue geschworen (1183). Bald darauf setzte er ihn ab, ließ ihn ermorden und blieb alleiniger Kaiser. Billiger als Manuel, der Vater dieses Alexius, erkaufte er vom Patriarchen und dem heiligen Synod die Absolution von Eidbrnch und Kaisermord mit einigen geringfügigen Concessionen, von denen die bedeutendste das stecht mar, bei feierlichen Versammlungen unmittelbar neben dem Kaiser zu sitzen. Es ist derselbe Andronikns, der eine Schrift gegen die Juden verfaßt hat, um sie von der Wahrheit der christlichen Religion zu überzeugen. — Zwei Jahre später ereilte ihn, wie wir später hören werden, die Strafe für alle seine Missethaten.-) Die oft versuchte, aber nie ernstlich gemeinte oder wirklich vollzogene Aussöhnung und Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche galt den orthodoxen Griechen als Abfall vom wahren Glauben, als Häresie und Verunreinigung. Wer sich solcher Sünde schuldig machte, mußte Buße thun. bis er wieder in den Schoß der byzantinischen Kirche ausgenommen wurde. Im Jahre 1283 wurde dafür ein besonderer Tarif festgesetzt. Die Wohlhabenden, welche sich begnügten, in der Kirche dem Psalmengesang znzuhören, mußten eine bestimmte Summe zahlen, wer aber auch commnniciren wollte, mußte mehr zahlen.* * 3) Was aber am meisten zur Herabwürdigung des geistlichen Standes beitrug, war, daß man ihn gewissermaßen als Strafanstalt betrachtere. Wie man jetzt zu Kerker oder Zuchthaus verurtheilt, so verurtheilte man in Byzanz znm — Priester oder Mönch. Schon Kaiser Jnstinian hat (541) den Präfecten von Constantinopel, der an einem Complott gegen ihn theilgenommen haben soll, zwangsweise zum Priester ordiniren lassen. In späteren Zeiten hat man ans diese Weise auch gefährlich gewordene Personen oder Kronprätendenten unschädlich gemacht, wenn man es nicht vorzog, ihnen die Augen anszustechen oder sie zu ermorden. So wurden mitunter die lasterhaftesten und schändlichsten Menschen gegen ihren Willen zu Aebten, Bischöfen oder Mönchen gemacht. Daß überdies wüster Aberglauben und manchmal bis zum Fetischismus ansgeartete Verehrung heiliger Bilder vorkam, ist fast selbstverständlich. Letztere führte wieder die Reaction der sogenannten bilderstürmenden Kaiser mit ihrer grausamen Verfolgung der Bilderverehrer herbei. Aber nach vieljährigen, den Staat zerrüttenden Kämpfen haben die Bilderdiener gesiegt. Und bei all dieser Bigotterie fehlte es nicht an Renegaten, sowie nur die Türken Constantinopel erobert hatten. Sultan Mohammed II. hat die Christen nicht verfolgt, er lockte sie nur mit pecuniären Bortheilen und sonstigen Begünstigungen zum Abfall und es waren gerade Mitglieder der vornehmsten Familien, die sich ans Eigennutz zum Islam bekehrten. Aber schon viel früher hatte der Haß der Griechen gegen die „Lateiner" oder „Franken" (römisch-katholische Abendländer) zur Begünstigung der Muselmänner, ja selbst der Heiden, und zu Bündnissen mit ihnen geführt. Freilich trieben es die Kreuzfahrer, diese christlichen Helden, gar arg im byzantinischen Reiche, das sie un'er dem Vorwände, das heilige Land von den Ungläubigen zu befreien, beim Durchzuge mißhandelten. Schließlich fanden sie es einträglicher und vortheilhafter, Constantinopel zn erobern und anszuplundern, als sich mit den „Ungläubigen" in Syrien und Palästina hernmzuschlagen. Es ging damals (a 1204) ungefähr so wie jetzt in China zu, wo man Habsucht und Erobernngsgier unter der Maske von Christenthnm und Civilisativn verbirgt. Die Griechen waren zwar keine „Heiden" wie die Chinesen, sondern Christen. Aber sie wichen in manchen Glaubenssätzen und Gebräuchen von den Westeuropäern ab und wollten den Papst nicht als Stellvertreter Gottes anerkennen, mit einem Worte, sie waren Schismatiker, die man mit Güte oder Gewalt zu römischen . Katholiken machen mußte, denen man katholische Bischöfe und Patriarchen aufdrängte. Schließlich haben die Kreuzfahrer das Reich unter sich getheilt und in Constantinopel einen französischen katholischen Kaiser eingesetzt, wobei man den Kaiser Jsaac Comnenu ungefähr die Rolle spielen ließ, die man jetzt dem Kaiser Kwangsn zugedacht zu haben scheint. Aber dieses lateinischkatholische Kaiserthum in Constantinopel hat sich nur ein halbes Jahrhundert halten können und ist an der Unfähigkeit und Uneinigkeit seiner Beherrscher zn Grunde gegangen. L. ') Le Beau L. 37 ch. 1 Gibbon ch, 48. *) Le Beau L. 54 ch. 22 - 25. 3) Ebenda L. 102 ch. 8,