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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 Seite 765 Vr. Lloch's Wochenschrift Ein arisch-christlicher Musterstaat. II. Christliche Märtyrerlegenden berichten von standhaften Christen, welche in der Arena den wilden Thieren vorgeworsen wurden, aber auch die Heiden hatten unter christlichen Kaisern ihre Märtyrer. In Antiochia wurden im Jahre 560 ein höherer Beamter, namens Anatolius, und noch einige Personen beschuldigt, daß sie Heiden seien und im Geheimen den Göttern opfern. Sie wurden auf Befehl des Kaisers Tiberius nach Constantinopel gebracht, verhört und gefoltert; aber weil sie nichts gestanden, nur zur Landesverweisung vernrtheilt. Das fanatische Bolk der Hauptstadt beschuldigte die Richter, ja den Kaiser selbst der Connivenz, erstürmte das Gefängniß, bemächtigte sich der Angeklagten, von denen einige lebendig verbrannt wurden. Anatolius wurde in die Arena geschleppt, dort den wilden Thieren vorgeworfen und zerrissen.l) Die heidnische Religion hatte man wohl abgeschafft, aber nicht die grausamen Thier- und Menschenhetzeu. Doch wir haben hier keine Geschichte der Heidenversolgnngen zu schreiben. Wir wollen nur zeigen, welchen Antheil Zwang und Verfolgung an der Ausbreitung des Christenthums hatten und wie es Jahrhunderte dauerte, bis die Religion des Kaisers auch die des ganzen Volkes ward. Von der Bekehrung der Heiden suchten aber die byzantinischen Monarchen, wie der sehr katholische Historiker Gsrörer sagt, nur politischen Gewinn, „um die Sittlichkeit der Getauften bekümmerten sich der Kaiser und sein Patriarch nicht."") Uebrigens haben sich Reste des Heidenthums und heidnische Bräuche unter christlicher Maske auch in manchen anderen Staaten bis in die Gegenwart erhalten. — So wurde das öffentliche Heidenthnm nach und nach ansgerottet, das Judenthum konnte aber nicht gänzlich vernichtet werden. Und wenn auch die Zahl der Inden im byzantinischen Reiche nicht sehr groß war, judenrein ist es nie geworden. Man half sich, indem man die Juden immer mehr bedrückte, stets neue Gesetze gegen sie erließ, und sie fast aller Rechte beraubte. Schon Konstantin's Söhne und nächste Nachfolger verboten ihnen das Halten nichtjüdischer Sklaven; das Bekehren eines solchen Sklaven zum Judenthum wurde mit dem Tode und Vermögensconfiscation bestraft. Deutlich sagt es Svzomenns (Ul 16) heraus, daß man die Coiicmrenz der Juden im Bekehren der Heiden beseitigen wollte. Kaiser Honorins schloß (a. 418) die Inden von allen Hof- und Staatsämtern ans, Theodosins II. beschützte sie zwar einigermaßen, indem er (a. 421) befahl, sie nicht zu verfolgen, wenn sie sich ruhig verhielten, und die Synagogen nicht zu zerstören, schloß sie aber auch von allen niedern Aemtern ans und verbot den Bau neuer Synagogen (a. 439). Auch wurden die Ehen zwischen Christen und Juden und die Feier des Pnrimfestes verboten, angeblich weil die Juden dabei das Christenthum verspotteten. Das Patriarchat wurde aufgehoben und die zu dessen Unterhaltung bis dahin von den Juden entrichtete Steuer fortan für beit Staat eingehoben. Als die Christen in Antiochia sich einer Synagoge bemächtigten, befahl Theodosins zwar (um 424), sie den Inden zurückzugeben, hob aber den Befehl auf Ansuchen des „Säuleuheiligen" Simon wieder auf. Kaiser Balentinian III. schloß die Jitden von der Advocatur und vom Militärdienste aus.3) Judenverfolgungen und gewaltsame Taufen fanden in verschiedenen Theilen des Reiches unter den Kaisern Phokas, Heraklius und Leo II!. im siebenten und achten Jahrhundert statt. Dagegen begnügte sich der lüderliche Andronikus Comnenus (1183—1185), einen Dialog gegen die Inden zn schreiben, um sie von der Wahrheit des Christenthums zu überzeugen. Nicht lange vorher hatte Benjamin von Tudela seine Reisen gemacht, und ans seinen Berichten ersieht man, daß die Juden trotz aller Plackereien und Bedrückungen sich auf den Inseln, in Thessalien, Hellas und Peloponnes, sowie in Constantinvpel und Smyrna zu erhalten gewußt hatten, vorzüglich als Gewerbetreibende und Bauern. In Theben lebten ihrer 2000, die als die besten Seidenweber und Purpurfärber in ganz Griechenland galten. Man sollte glauben, daß nach Bekehrung aller Heiden, nach gänzlicher Entrechtung und Niederdrückung der Juden im byzantinischen Reiche der Glaubenseinheit der ungetrübteste reli- ') Evagrius Kirchengeschichte Buch V, Cap. 18. ) A. F. Gsrörer, Byzantinische Geschichten, Graz1872, II 157. ) Be Beau, Histoire du Bas-Empire Uvre 26 eh. 64, 1. 28 giöse Frieden herrschte. Aber ganz das Gegentheil war der Fall. Ein Diogenes hätte mit seiner Laterne vielleicht Menschen, aber sicher keine christliche Liebe und Duldung oder gar allgemeine Menschenliebe in diesem christlichen Musterstaate gefunden. Bon den bereits erwähnten zahlreichen Secten gehörten die meisten dem oströmischen, byzantinischen Reiche an. Seine ganze innere Geschichte geht in dem Kampfe der Secten auf, bei dem der Staat, das heißt der Kaiser und der Hof stets Partei nahmen. Es wurde um Alles, das nur irgendwie mit der Religion zusammenhängt, disputirt und gekämpft. Und wenn ich sage gekämpft, so meine ich nicht blos Streitschriften» Predigten und Disputationen, an denen es ja auch nicht fehlte, sondern wirkliche Kämpfe mit materiellen Waffen, auf den Straßen und in den . Kirchen, mit Folterungen und Hinrichtungen, mit Verbannungen, Vermögensconfiscationen und dergleichen. Eine Art Waffenstillstand herrschte während der kurzen Regierung Kaiser Julians, der, selbst ein Heide, den Kämpfen innerhalb des Christenthums unparteiisch gegenüberstand. Fast komisch klingt die Klage des Svzomenns (Kirchengeschichte V. 5), Julian habe den von seinem christlichen Borgänger auf dem Throne verbannten Bischöfen und Priestern nur deshalb die Rückkehr ans dem Exil gestattet, damit die christlichen Geistlichen sich im innern Kampfe aufreiben sollten. Ein anderer Kirchenhistoriker (Sokrates Scholastikus) sagt in der Einleitung znm fünften Buche: „Er habe in seiner Kirchengeschichte nur deshalb auch die auswärtigen Kriege geschildert. damit den Lesern die Erzählung von den endlosen Streitigkeiten und gegenseitigen Verfolgungen der Bischöfe nicht am Ende langweilig werde." Und über was wurde nicht alles gekämpft? Die unbedeutendsten kirchlichen Ceremonien gaben ebenso gut Gelegenheit und Stoff zn Kampf und Streit, wie die höchsten Probleme der Metaphysik, zu deren Lösung die utenschliche Vernunft nicht ansreicht. Man strikt über das unerschaffene Licht vom Berge Tabor, über gesäuertes und ungesäuertes Brot und über den Ausgang des heiligen Geistes, über das Datum der Osterfeier und über die Dreieinigkeit, ob Christus einen oder zwei Willen, eine oder zwei Naturen hatte. Ueber die Frage, ob der Kaiser Andronikus in einem Briefe an den Silltan ihm den Titel Bruder geben sollte, kam es zwischen dem Bischof von Philadelphia und dem von Dnrazzo in Gegenwart des Kaisers zu einer Schlägerei.2) Höchst tmnultuarisch ging es (a. 451) auf dem Concil von Chalcedvn zu, wo man sich gegenseitig verfluchte. Bischöfe schrieen, man solle den von ihnen angeklagten Barsumas den wilden Thieren im Amphitheater vorwersen. Auch das Concil von Constantinopel im Jahre 1351 artete in eine Schlägerei aus.2) Antisemiten würden sagen: es ging zu, wir in einer Judenschnle; passender wäre der Vergleich mit dem polnischen Reichstag, der ja auch ganz judenrein war, — wie der niederösterreichische Landtag. Ueber einett Zusatz zu dent in den Kirchen gesungenen „Heilig, heilig, heilig ist der Gott der Heerschaaren" kam es unter Kaiser Anastasiits (a. 512) zu einem Aufstande in Constantinopel, wobei Tausende von Menschen getödtet wurden und das Leben des Kaisers selbst bedroht wurde. Und das geschah, während ein zahlloses Heer von Bulgaren und Hunnen die Provinzen Mösien und Thracien verwüstete.3) Im siebenten Jahrhundert, während die Mohammedaner Palästina und Egypten eroberten, disputirte und stritt man in Constantinopel über die Zahl der Willen und Naturen Christi. Um den ewigen Zänkereien ein Ende zu machen, verbot Kaiser Constantius II. jeden weiteren Disput darüber. Das war aber den eigensinnigen Fanatikern nicht recht. „Wie," schrien sie, „nm der Eittigkeit und des Friedetts willen sollen beide Parteien nicht auf ihren Glauben beharren, da könnten ja am Ende die Juden sagen: gebt Ihr die Taufe auf, so geben wir die Beschneidung auf, dann werden wir eines Glaubens sein." Nun verlor der ohnehin nicht milde Kaiser die Geduld und ließ auspeitschen, Zungen ausreißen, Hände abhauen u. s. w. Aber das sind Kleinigkeiten gegenüber den Mafsenverfolgungen von Ketzern, welche, unter den Söhnen Constantins im vierten Jahrhlmdert begonnen, fast ein Jahrtausend bis znm Untergang des byzantinischen Reiches fortdauerten. Bon solche» ') I-o Lean 1. 103 ob. 2. 2) Le Beau 1. 113 ch. 31. Fleury, Hist eceles. L. 28 eh. 18. 3) Le Beau 1. 39 ch. 23, Gibbon eh. 47 Fallmerayer, Cap. III, I S. 162.

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