Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 764 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 43 gebenden Factoren die heiligste Pflicht, dem religiösen Verfalle unserer Frauenwelt entgegenzuarbeiten. Liegt doch in der Hand der Frauen das Schicksal der Heranwachsenden Generation! A m e 11 e N eu m a n n. Jüdische Gewerbetreibende. Von Dr. Arnold Ascher. Viel ist von judenseindlicher Seite über die angebliche Arbeitsfaulheit und Scheu der Inden vor körperlichen Anstrengungen gesprochen und geschrieben worden, lind immer vergeblich haben nicht nur Inden, sondern Alle, die unparteiisch die Geschichte des jüdischen Volkes und seine Entwicklungsstadien speciell in den letzten 100 Jahren beobachtet haben, darauf hingewiesen, daß sie nicht freiwillig, sondern nur gezwungen durch die Verhältnisse sich dem Handel einst ausschließlich und gegenwärtig zum großen Theile zugewendet haben. Sind es doch kaum mehr als 50 Jahre, daß den Inden die Ausübung des Handwerks in Oesterreich gestattet wurde, und der seit dieser Zeit wirkende „Verein zur Förderung des Handwerks unter den inländischen Israeliten" läßt in seinen Jahresberichten erkennen, mit welchem Eifer und welcher Liebe jüdische Knaben ans allen Ländern sich darum bewarben, bei Handwerkern untergebracht zu werden. Es ist sehr bedauerlich, daß die so oft ausgesprochene Absicht der Einführung einer Vernfsstatistik unter den Juden bisher nicht ansgeführt wurde, daß somit in unwiderlegbarer Weise der Nachweis geführt werden könnte, wie ungerecht und unzutreffend der Vorwurf der Arbeitsscheu den Juden gemacht wird. Allein schon aus den Ziffern, welche nns für ein verhältnißmäßig kleines Gebiet, nämlich Wien, zur Verfügung stehen, können wir mit Fug und Recht einen Schluß auf die Verhältnisse in ganz Oesterreich ziehen. So können wir constatiren, daß z. B. im Jahre 1897 unter den Lehrlingen, welche die fachlichen Fortbildungsschulen in Wien besuchten, sich jüdische in nachfolgender Anzahl befanden: Bäckerlehrlinge.4 Buchdrucker, Schriftgießer.8 Drechsler.0 Fleischhauer.13 Gastwirthe.5 Juweliere.14 Kleidermacher.12 Korbflechter.1 Optiker.1 Orgelmacher.1 Pfaidler.11 Posamentierer.18 Schlosser.3 Spängler.8 Tapezierer.21 Tischler.6 Uhrmacher.30 Weber.Jf> Wirker.2 Zimmer- und Dekorationsmaler.1 Zuckerbäcker.. . . . . 3 Zusammen 184 Außer diesen Schülern war noch in den fachlichen allgemeinen und gewerblichen Fortbildungs- und Vorbereitungsschulen unter den 22.425 Lehrlingen und Gehilfen naturgemäß eine sehr große Anzahl Juden, doch sind hierüber genaue Daten nicht erhoben worden. Bei diesen allerdings nur geringen Ziffern darf nicht übersehen werden, daß die meisten Wiener Genossenschaften, allen voran die Mechaniker, au deren Spitze Ernst Schneider steht, einen antisemitischen Vorstand haben und daß die Unterbringung jüdischer Lehrlinge zu den schwierigsten Aufgaben gehört. Daß nicht einmal gegenüber den Zöglingen des israelitischen Blindeninstitutes, welchen seitens der Genossenschaft der Korbflechter absolut das Anfdingen verweigert wird, eine Ausnahme gemacht wird, ist gewiß eine bedauerliche Erscheinung. Umso höher muß die Thätigkeit des genannten Vereines angeschlagen werden, welcher beispielsweise im Jahre 1895 756 Lehrlinge mit einem Betrage von 33.991 fl. 53 kr. unterstützte und überdies 123 Lehrlinge unentgeltlich verpflegte, 70 beherbergte. Wenn diese Ziffern nicht überall jene Ausdehnung gefunden haben, welche percentnell der jüdischen Bevölkerung entspricht, so darf neben den bereits angeführten Umständen auch nicht übersehen werden, daß ungeachtet der von gesetzeswegen den Inden eingeräumten Gleichberechtigung doch Hindernisse genug zu beseitigen sind. Wir verweisen nur auf die vor wenigen Wochen gemeldeten Berichte ans Galizien, denen zu entnehmen war, daß die Inden mit geringer Aussicht sich dem Ackerbau znwenden könnten, wir verweisen ans die den Inden gänzlich verschlossene Lansbahn im administrativen Dienste und die unverhältnißmüßig geringe Carriüre im Justizdienste nnd schließlich auf die Anfeindungen und den wirthschaftlichen Boykott, der in zahlreichen Gegenden gegen die liberalen Berufe, Aerzte, Advocatcn re., verhängt wird. Wenn alle diese Momente in Rücksicht gezogen werden, dann wird es begreiflich, woher es kommt, oaß in verhältnißmäßig großer Anzahl sich bie. Inden dem Kanfmannsstande zuwenden, bei dem ja doch trotz aller gegen sie mit Energie anfgewendelen Propaganda Fleiß, Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit sich behaupten können. Die Juden aber haben immer die körperliche Arbeit geachtet und sie zu verrichten sich jederzeit bereit gefunden. Man hat gegen sie trotzdem stets den Vorwurf erhoben, daß sie von einer heißen Begierde nach Geld erfüllt seien. Niemals ist die Ungerechtigkeit, welcher dieser Vorwurf entspringt, mit so beredten Worten dargelegt worden, als es Macanlay in der Debatte des englischen Parlamentes über die Emaneipation der Inden gethan hat: „Erst erzeugt Ihr Laster," sagte der berühmte Geschichtsschreiber „mtb dann macht Jyr daraus einen Grund für Euere Verfolgungen; nur zu einer halben Heimat macht Ihr England für die Inden und wundert Euch, daß sie nnr halben Patriotismus haben; Ihr behandelt sie als Fremdlinge nnd wundert Euch, daß sie nicht alle Gefühle der Landeskinder theile»; Ihr ziehet eine Trennungslinie und drücket Euer Erstaunen darüber ans, daß sie sich von Euch fernhalten; Ihr wollt nicht, daß sie einen Morgen Landes besitzen sollen und wundert Euch, daß sie sich ausschließlich ans den Handel legen; Ihr macht ihnen den Beweis eines achtungswerthen Ehrgeizes unmöglich nnd beklagt Euch dann, daß sie nnr in den Künsten der Habsucht ihre Rechnung finden; kurz Ihr habt sie jahrhundertelang jegliche Art von Ungerechtigkeiten erdulden lassen und wollt sie nun verdammen, daß sie zu dem, was die natürliche Zuflucht der Schwachen gegenüber mächtiger Gewalt ist, zu List und Schlauheit, ihre Zuflucht nehmen — diese Gebrechen und Unvollkommenheiten sind dem jüdischen Charakter nicht angeboren." Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit dieser Rede Maeaulay's vergangen, aber noch heute müssen diese Argumente herangezogen werden, wenn man in gerechter, objektiver Weise sich ein Urtheil darüber machen will, warum die Anzahl der jüdischen Gewerbetreibenden nicht so groß ist, als die Inden selbst es wünschen würden.