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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Vlvch's Wochen schrifr «eite 763 Erziehung unserer Mädchen suchen. Daß diese so erschreckend glaubenslos geworden sind, ist die Schuld sowohl der Schule als des Hauses. Beide haben die heilige Pflicht verabsäumt, im Kinde den Gefühlsglauben wenigstens so lange zu hegen und zu pflegen, bis derselbe durch den heranreifenden Verstandesglanben ersetzt werden kann. Aber ganz ohne Glauben - wie dies leider in den meisten Häusern geschieht — Kinder zu erziehen, sie ohne Religion zu guten Menschen zu bilden, muß Jedem, der die Kindesseele zu verstehen vermag, als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen. Und heutzutage, wo von so vielen Seiten die Parole ausgegeben wird, einander zu hassen, wo Nationalität gegen Nationalität, Nace gegen Race gehetzt wird, wo speeiell unserem Glauben und seinen Bekennern von allen Seiten Schaaren von Feinden und Hassern erstehen, wo das Carriöremachen den Glaubenswechsel geradezu bedingt, und das sociale Streberthum der Frauen in der Taufe das alleinige Heil erblickt, ist es dringender als je, die religiöse E rz i e h n n g der Frau i n t e n s i v e r und n a chd r i'i ck li ch er zu gestalten. Diese religiöse Erziehung darf keine oberflächliche und keine künstliche fein, sie muß geeignet sein, im weiblichen Herzen kräftig Wurzel zu fassen und Glanbenstrene und Glaubensliebe zu erwecken, durch welche allein unsere Mädchen gegen die Verlockungen moderner Schlagworte gefeit werden können. Wer sich der einstmals in Wien wirkenden bedeutenden Lehrkräfte erinnert, eines Dr. Wolf, eines Jösef Szanto, wer sich am Zauber Jellinek'scher Vorträge begeistern durfte, der wird es zu beurtheilen. vermögen, daß es auf die Persönlichkeit des Lehrers ebenso ankvmmt, wie ans die richtige Unterrichtsmethode, und wie nothwendig es vor Allem ist, den Religionsunterricht derart zu gestalten, daß er die Liebe und das Interesse der Kinder erwecke. Eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit hierbei liegt in der Erlernung des Hebräischen, — bekanntlich für manche Familie ein Borwand, den Religionsunterricht als solchen anzufeinden. Wir anerkennen die Wichtigkeit des Hebräischen als Gebetsprache und denken nicht daran, der Eliminirnng des Hebräischen das Wort zu reden; speeiell beim Unterricht der Mädchen jedoch darf keineswegs das Hauptgewicht darauf gelegt werden; es soll ein Hilfsmittel, aber nicht die Basis des Religionsunterrichtes bilden. Wohl aber müssen die Lehrer bemüht bleiben, unsere Mädchen vor Allem mit dem Geiste unserer Religion, mit jenen Grundsätzen erhabener Sittlichkeit bekannt zu machen, die unsere Religion in so prägnanter Weise anszeichnen. Welche Erhabenheit, welche Fülle von Weisheit sind nicht in der Bibel niedergelegt und wie leicht wird es dem Lehrer, von diesem Standpunkt aus auf das jugendlich empfindsame und empfängliche Gemüth nachhaltig zu wirken. Auch die nachbiblische Geschichte der Inden, deren Glaubenstreue und Märthrcrthum bieten Anknüpfungen genug, um die Jugend für die Religion ihres Stammes zn interessiren. Ihr Kampf um das geschichtliche Dasein war so conseqnent, so imponirend und so heldenhaft, daß sie selbst ihren Gegnern Anerkennung abtrotzten. Wie immer auch die Juden gehaßt werden, noch hat sich kein Gegner gefunden, der den hehren Ideen des Judenthnms den ihnen gebührenden Tribut der Werthschätznng 51t versagen gewagt Hütte. And dieser Glaube an den einen Gott, der es vermochte, Diejenigen, die von seinem Geiste erfüllt waren, trotz tausendjähriger Verfolgung bis auf den heutigen Tag zu erhalten, er sollte mit einemmale so altersschwach geworden sein, daß er auf ein weibliches Gemüth keine Attraction mehr ausüben kann? «... .^in, das ist nicht anzunehmen! Wenn auch unsere Reugion nicht den Reizmitteln modernster Ideen entspricht, wenn ihr Ritus nicht ködert und nicht lockt, nicht durch Bilder und Weihrauch verherrlicht wird, so bleibt sie doch immer noch die ursprünglichste unversiegbare Quelle reinen Gvttesglanbens, ans der die vielfältigen Abzweigungen der anderen Religionen entsprungen sind. Haben manche der letzteren den Weg gefunden, sich den neuen Menschen und den geänderten Verhältnissen anznpassen, so ist es fraglich, ob das religiöse Leben durch die^e weltklnge Auffassung viel gewonnen hat. Man kann nicht sagen, daß sich das Inden- Ihnm dem Geist der Zeiten vollständig verschlossen hätte. Allein unabweisbar wird es zn erwägen sein, ob'nicht angesichts der unaufhaltsamen Umwälzungen weitergehende Cvncessionen erforderlich seien, um den Verwüstungen im eigenen Lager einigermaßen zn begegnen. Gewiß wird es über kurz oder lang unausweichlich sein, den Forderungen unserer Zeit mehr als bisher Rechnung zn tragen, weil der Jndisferentismns, ja nenestens sogar die Feindseligkeit der eigenen Glaubensgenossen unwiderstehlich dahin drängen; das verlorene Terrain kann aber nur auf dem Wege der Erziehung wieder erobert werden. Dazn bedarf es vor Allem tüchtiger, feinfühliger und zielbewnßter Religionsl eh rer, die es verstehen, auf das Herz und die Phantasie unserer Mädchen zn wirken; dazn bedarf es edler Seelsorger, die, voll von ihrem hohen Berus, den Ansprüchen unserer Zeit gerecht zil werden verstehen. Nur solche werden den Weg finden, ihren veredelnden Einfluß auf das Leben in die Familie zu erstrecken. Höchste Zeit wäre es, daß dies geschehe angesichts der umsichgreifenden Tendenz, ans der Familie den Gottesglanben schon darum zu verbannen, damit den einzelnen Mitgliedern der beabsichtigte Sprung in eine sich besser fructifieircndc Glanbensgemeinschaft minder empfindlich gemacht werde. Neben einer intensiven Pflege des Religionsunterrichtes wäre eine theilweise Neubildung des Gottesdienstes und speeiell der Predigten dringend geboten. Nur dadurch könnte der Besuch der Bethäuser auch bei uns wieder in Aufschwung gebracht werden. Kürzere Dauer des Gottesdienstes, aber Vermehrung jener Partien, die speeiell ans das Gemüth wirken, wie das Seelengedächtniß und die Predigt. Die Letztere sollte weniger gelehrt und mehr actncll sein. Die traditionelle Uebung, jede Predigt ans dem Wochen ab - schnitte aufznbanen, sollte verlassen werden. Selten vermag eine solche auf die weiblichen Zuhörer Eindruck zu machen. Es wäre weit angezeigter, in die socialen Wunden unserer Zeit die Sonde zu legen, die Schwächen und Gebrechen unseres Stammes offen zn kennzeichnen und die Postnlate des modernen Lebens zum Ziele der Besvrechnng zu wählen. Nur der lebhafteste Rapport zwischen Kanzel nnd Gemeinde kann wohlthütigen Einfluß auf die Letztere üben, ihre Liebe wecken, ihre Anhänglichkeit gewinnen, sie für die Fahne begeistern, um die es uns Allen doch eigentlich zn thnn ist. Darum trete an die Stelle moral-philosophischer Abhandlungen und der die Rede zerreißenden, störenden Eitate, die erst noch v e r beut s ch t werden müssen, das warme natürliche, zum Herzen dringende Wort der Sprache jenes Landes,, dessen treueste Bürger trotz Allem wir Jllden sind nnd au dessen Scholle wir mit fanatischer Liebe hängen, all der Demüthignugen und Verfolgungen ungeachtet, an denen die herrschende Strömung nicht Mangel leiden läßt. Liegt doch gerade hierin der eelatante Beweis, daß wir vor Allem Patrioten und dann erst Juden sind. In beiden Lagern, in dem der Verfolger nnd Verfolgten, sehen wir die Frau, die sonst als der Inbegriff des Guten und Schönen galt, am Werke. Es ist die Frau, die im gegnerischen Lager zum Raren- und Classenhasse aufstachelt. Es ist auch bei uns die Frml, die zur feigen Fahnenflucht dräng?, anstatt wie in früheren Tagen zur Treue und Glaubens - stärke aufzumuntern. Es erwächst demnach allen maß-

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