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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 762 Dx.'« Vlv^s Uiochrrrschriro Nr. 43 Von Staats- und Privatobligationen, doch in der V. Curie gewählt wurde. Die christlichen Wähler glaubten ein großes Opfer zu bringen, indem sie einem Inden das Mandat übertrugen; die jüdischen Wähler wußten, daß Herr Weiser zuweilen getauft sei; sie stimmten für ihn, weil er ein intelligenter und achtbarer Mann, nachsichtig und wohlthätig für seine Arbeiter ist — ein jüdischer Abgeordneter jedoch ist es entschieden nicht. Dr. Kolischer ist ein braver Nationalökvnom, der mit der arbeitenden Classe in harmloser und unschuldiger Weise kokettirt, so weit der Anstand und die Rücksicht auf die Aristokraten des Polenclubs es gestatten; seine Mission ernst nimmt, aber für die Interessen seiner Stammes- und Religionsgenossen echanffirt er sich nicht, besonders ebenso wenig, wie sein reichbegüterter College Dr. Rosenstock. Herr Dr. Moritz Rosenstock ist für die Handels- und Gewerbekammer, die er viele Jahre vertritt, der er als Mitglied angehört, in deren Bereich seine Güter liegen und die, trotzdem daß ihr Standort Brody confkssivnslos ist, da auch Christen dort Zutritt haben, eine ganz entsprechende Vertretung; er hat ein chevalereskes Benehmen, verkehrt mit den vornehmen Polen aus dem Fnße der Gleichheit, besitzt die unschädliche Sympathie der Clubgewaltigen und wurde seinerzeit von Grocholski geaicht — aber ein jüdischer Abgeordneter ist er gerade so wenig als Herr Dr. Trachtenberg, der noch nie den Antisemiten das Wasser getrübt, niemals den Herren Lueger, Schneider oder Gregorig in schlechte Stimmung gebracht oder das hohe Haus mit jüdischen Angelegenheiten molestirt hat. Fern von jeder Opposition und Gemüthsanfregung, führte er ein friedliches und beschauliches Leben und hatte überdies, vermöge der glücklichen Lage seines Namens im Alphabet, bei namentlicher Abstimmung die Bequemlichkeit, nach den Vorgesetzten Abramotvicz, Djiednszycki und Jaworski seine Meinung abzugeben, ohne je den Polen- ^lub zu irritiren. Herr Dr. Arnold Nappaport hätte das Zeug und die unabhängige Stellung, ein wirklicher Vertreter jüdischer Interessen zu sein, wäre auch als Enkel des berühmten Prager Obercabbiners S. L. Nappaport (ohne Porada dazumal) dazu berufen und vermöge seiner persönlichen Eigenschaften dazu befähigt, schwimmt aber seit Dunajewski's Zeiten ebenfalls ganz im polnischen Fahrwasser, obschon ihm Niemand das Mandat der Krakauer Handelskammer entwinden könnte, in der er eine feste Position einnimmt. Nach dieser Revue finden wir keine prägnante Vertretung für die jüdische Einwohnerschaft Galiziens, indem alle Abgeordneten im Bannkreise der allmächtigen Jnnkerpartei stehen, welche in Lemberg und Krakau ihr Hauptquartier hat. Diese vollständige Abdication zu Gunsten einiger Matadore im Polenclub, diese Verzichtleistnng auf jede Selbstständigkeit ist durch nichts gerechtfertigt. Fürchtet man den Verlust des Mandates oder daß die Juden die Unbotmäßigkeit ihrer Abgeordneten werden büßen müssen? Eitle Furcht! Aller Servilismus, alle Selbstverleugnung, alle Unterordnung unter so gewöhnliche Sterbliche, wie die Abramowicz und Consorten sind, haben nicht verhütet, daß Herr Graf Badeni ihnen den Salzhandel und die meisten Proplnationspachtllngen genommen; daß sie durch Spolkis den Handel verloren; daß sie ans allen Fächern des öffentlichen Lebens verdrängt wurden; daß sie bei den autonomen, politischen, Finanz- und Gerichtsbehörden keine Aufnahme finden und Jene, die bereits drin sind, ans ihren untergeordneten Posten gran, alt und invalid werden, mögen sie noch so talentirt und pflichttreu sein; daß der Judenhaß selbst in den Gerichtssälen explodirt und die bessern Kreise, die früher immun waren, ergriffen! Was riskiren wir nun noch, wenn wir unfern eigenen Weg gehen? Arme Leute haben nichts zu verlieren! Durch Wohldienerei haben wir nichts erlangt, — versuche man es, Männer zu wählen, die da wißen, daß sie für einen geknechteten Menschenstamm einzutreten haben, der achtmalhnnderttausend Seelen zählt, die im irdischen Fegfeuer leben; Männer, die nicht jedes Wort unter die Zensur Jaworski's stellen und devoter Weise um die Gunst jener Herren werben, die den Club beherrschen und sich ganz unberechtigt eine Präponderanz anmaßen; Männer endlich, die mit einem Mannesmuth, der keine kleinliche Berechnung und kein . Zagen kennt, dem Abgeordnetenhanse sociale Ghettogeschichten aus Galizien erzählen, die nicht älter sind als das zwanzigste Jahrhundert! Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel. Pia desideria.*) Budapest, im October 1900. Wenn wir uns die Begeisterung und den Fanatismus der Frauen christlicher Confessivn vor Augen halten, wenn wir sehen, mit welchem Eifer dieselben im Familienkreise wie im öffentlichen Leben, Vestalinen gleich, das heilige Jener des Glaubens hüten und schüren, — wie sie selbst in der Politik ihren Einfluß zu Gunsten ihrer Religion ansznnntzen bemüht sind, so muß uns ein Gefühl schmerzlicher Beschämung beschleichen angcf?'!'!- der trau Thatsache, daß unsere jüdischen Franen pu; für ihre-' en zu erwärmen nicht vermögen, ja, daß nicht selten jic es sind, die ihren Einfluß dahin mißbrauchen, um Mann und Kinder zum Abfalle zu verleiten. Diese in jüdischen Kreisen leider nur zu oft vvrkommende Erscheinung drängt naturgemäß zur Frage, worin denn eigentlich der Grund zu suchen fei, daß gerade die Franen jeder Pietät für unseren Glauben entbehren und überhaupt jeder Religiösität fernestehen, jedes religiöse Gefühl perhorresciren, während doch in früheren Zeiten das strenge Pflichtgefühl der jüdischen Franen gleichen Schritt zu halten pflegte mit ihrer Frömmigkeit. Was kann überhaupt für die Erziehung der Kinder, für die Führung der Familie von Franen erwartet werden, die als esprits forts ihre Kraft darin zeigen wollen, daß sie dem Familienleben jede religiöse Basis entziehen?! Erwacht denn in diesen freigeistigen Franen nie die Sorge, daß dort, wo die Achtung vor dem traditionellen Glauben erschüttert, wo der Name Gottes aus dem Herzen getilgt ist, sich in solch' leeres Herz gar leicht ein löser Geist Eingang zu schaffen vermochte? Unter dem Einflüsse dieser materialistisch angehauchten Wesen muß die Ehe jeden idealen Schimmer verlieren und zur bloßen Convenienz-Ehe herabsinken. Und in der That ereignet es sich nur zu oft, daß Eltern nnr danach streben, den Töchtern in der Ehe vor Allem nur den Glanz und Genuß zu sichern kommen dann mit der Zeit die unausbleiblichen Lasten und Schattenseiten, zeigt sich düsteres Gewölk, so fehlt jede Widerstandskraft, jedes edlere Streben, welches allein geeignet ist, den anderen Ehegatten im Kampfe des Lebens zu stählen. Es kann gar nicht anders sein, wenn der moralische Einschlag fehlt, den der Glaube allein zu gewähren vermag, ohne den der Mensch nichts als ein Spielball schwankender Geschicke erscheint. Freilich darf man nicht verkennen, daß die rituellen Hebungen früherer Zeiten in ihren ehrwürdigen aber starren Formen für unser gegenwärtiges Geschlecht des Anziehenden mtb Gewinnenden nicht allzuviel besitzen. Nur darf man nicht Religion und Ritus schlechtweg miteinander identificiren. Unsere Religion ist die Grundlage aller wahren Humanität, sie hat das Licht der modernen Bildung in keinem Punkte zu scheuen. In wahrer Menschenliebe steigt sie zu den Stätten der Armnth nieder, behütet in grenzenloser Opferwilligkeit die Witwen und Waisen, sie pflegt die Kranken, tröstet die Trauernden; indem sie den Mann dazu anfrust, daß er Vater und Mutter verlasse, um dem Weibe zu folgen, legt sie den festen Grund für das allen Zeitsturmen trotzende jüdische Familienleben. Und diese Religion sollte nicht mehr znreichen, um das Herz unserer Frauen zu erwärmen? Da müssen die Ursachen wohl anderwärts zu finden sein. Wir glauben nicht irre zn gehen, wenn wir die Wurzel des Nebels im Mangel einer richtigen, religiösen *) Anmerkung: Frau Hofrüthin AmÄie N e u m a n n, die hochbegabte Gemahlin des bekannten ungarischen Abgeordneten Armin N e n in a n n, hat nrlS den vorstehenden Aufsatz freundlichst zur Verfügung gestellt. Die darin niedergelegten, bedauerlichen Wahrnehmungen, obschon den Budapester Verhältnissen entnommen, treffen leider gleicherweise anch für Wien zn. Die Red.

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