Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-19 · 42 (19.10.1900) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021374--10304-3034778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sir. 42 Dr. Blvch'k WoUrenschrift» Seite 759 schwister umringten mich und theilten mir die Ankunft des neuen Gastes mit. „Wenn Du es sehen möchtest" erzählten sie Alle zugleich, „wie reizend es ist! Wenn Du seine breite Stirn sehen möchtest, seine großen Nüstern, die lange Zunge, die rothen vollen Lippen. . ." Länger konnte ich es nicht aushalten; athemlos stürzte ich in den Stall. Ich kniete vor dem Kälbchen nieder, streichelte es zärtlich, dann nahm ich es auf dem Arm und trug es in die Küche, um es genauer betrachten zu können. Ich gab ihm einige Stückchen Brot, die ich zuvörderst mit Salz bestreut. Das Kälbchen verzehrte dieselben mit Appetit und sanft und freundlich blickte es mich an. In diesem Augenblicke fühlte ich, daß es mich lieber hatte als meine Geschwister, denn seine Augen waren nur auf mich gerichtet. Und ich beschloß, ihm seine Liebe mit gleicher Liebe zu vergelten. „Unsere Kuh hat ein Kalb gehabt" erzählte die Mutter des Abends dem Vater, der von einer Reise hermkehrte. „Nächste Woche wollen wir es schlachten lassen. Am Samstag wirst Du dein Lieblingsgericht haben." „Kann das sein, Mama? Du willst das reizende Kälbchen wirklich schlachten lassen?" rief ich mit bebender Stimme. „Du bist ein Kind, mein Sohn, ein dummes Kind? Wenn Du solche Bemerkungen in Gegenwart von Fremden machst, wird man Dich auslachen." Beschämt ging ich zurück in die Küche zu meinem vielgeliebten Kälbchen, und in seinen Augen glaubte ich die Bitte um Mitleid und Erbarmen zu lesen. In lautes Weinen ausbrechend umarmte ich das arme Thier und drückte es innig an mein hochklopfendes Herz. Heiße Thränen benetzten den Hals des Kälbchens. Ich küßte es und weinte ohne Unterlaß. Die darauffolgende Nacht — ich erinnere mich dessen ganz genau — konnte ich lange nicht einschlafen. Ich hatte die Empfindung, als habe sich ein Vöglein in mein Hirn eingenistet; es bohrte mit seinem scharfen Schnabel und sprach zu mir: „Chofei! Wozu ist dieses Kalb geboren worden? Zum Schlachten?! Und warum soll es geschlachtet werden? Dieses reizende Kalb, warum? Und wenn es nur zur Welt kam, um gelobtet zu werden, warum ist es so schön? Und warum will meine Mama es tödten lassen? Wer hat ihr das Recht dazu verliehen?" Ich nahm mir vor, achtzehn Kreuzer in die Büchse des „Rabbi Meir bal nes" zu werfen und ihn zu bitten, daß er die Aenderung von Mama's Absicht bewirke. Dann erst schlief ich endlich ein. Und ich hatte ich einen Traum. . . Ich sah das Kälbchen gebunden und neben ihm stand der „Schochet" mit dem großen Messer in der Hand. . . Und er schlachtet. . . Der Körper des Kälbchens wirft sich convulsivisch in alle Richtungen. . . Das Blut fließt. . . Am anderen Morgen war mein erster Gang in den Stall. Zu meiner großen Freude sah ich das Kälbchen gesund und munter neben seiner Mutter liegen, die es zärtlich beleckte. Heute, da ich diese Worte schreibe, bin ich bereits zur Erkenntniß gekommen, daß das so innig von mir geliebte Kälbchen keinesweg den Mittelpunkt der Welt bildete. Beweis dessen, daß es geschlachtet wurde und die Welt nichtsdestoweniger nicht unterging. Damals jedoch war das Kälbchen für mich der Inbegriff der ganzen Welt, die ich in ihm verkörpert sah. Tags darauf erblickte ich, nach Hause kommend, den Schlächter, der mit meiner Mutter um den Preis des Kalbfelles feilschte. Ich schwieg. Da die Mutter schon gestern gesagt hatte, ich sei dumm, fürchtete ich mich, meine Ansicht zu äußern, aber mein Herz hämmerte förmlich. Ist es wahr, — dachte ich, — daß ich dumm bin? Und warum? Wer sagt, daß man sogar mit einem Kalbe kein Mitleid haben darf? Die Mama? Aber lehrt die Mama nicht immer, man dürfe Niemanden quälen, man müsse mit allen Lebewesen Mitleid haben? Nicht quälen und schlachten? Bemitleiden und schlachten? So sagt die Mama! Bah, da müßte man mich doch erst überzeugen, daß Mama Recht haA.. Wie ist es möglich, daß sie sich irren sollte? Können auch Mütter sich irren. O, allmächtiger Gott, meine Mutter und das Kalb find Beide in Deiner Hand, warum schenktest Du dem Kalbe das Ledcu und gabst meiner Mutter den Gedanken ein, dein Geschöpf tödten zu lassen? O Gott! Dieses Kalb, das Du geschaffen, dem Du alle Bedingungen zum Leben gewährtest, warum soll es geschlachtet werden? Allmächtiger Gott! Warum soll ein Wesen, dem Du Leben und Vermehrung bestimmt hast, vorzeitig getödtet werden? Warum sollen Andere wider Deinen Willen handeln? Und mein kleiner Bruder, der an seinem achten Lebenstage starb? Damals sagte Mama, noch vor seiner Geburt sei die Stunde seines Todes im Himmel bestimmt worden. Aber warum kam er dann so schön, so reizend zur Welt? Wozu hatte er die niedlichen Füßchen, wenn er niemals gehen, wozu die allerliebsten Händchen, wenn er sie nie gebrauchen sollte? Und das herzige Mündchen, wozu? Und was wäre gewesen, wenn ihn die Amme nicht erdrückt hätte? Ist es die Schuld der Amme, daß der „Todesengel" das Kind tödtete? . . . Damals sagte die Mama, der „Todesengel" habe das Kind getödtet. Warum aber that er das, nachdem die Amme es ohnedies erdrückt hatte? Aber ist es möglich, daß ein Mensch, und wäre er im zartesten Kinde-- alter, ohne Beisein des „Todesengels" von der Welt scheide? „Mama, kann ein Mensch sterben, wenn der Todesengel nicht dabei ist?" „Bist Du verrückt geworden, Chofei?" rief meine Mutter. Sie schämte sich vor dem Schlächter, der in laut schallendes Lachen ausbrach. „Was gehen Dich solche Dinge an? Kannst schon die ganze Gemara und nur das Eine fehlt Dir noch?" Ich war beschämt und erbittert. Als die Nacht kam, konnte ich kein Auge schließen. Schreckliche Gedanken quälten mich. Ich versteckte mich unter die Decke, denn ich hatte Furcht; Furcht vor meinen eigenen ketzerischen Gedanken. Ich fühlte, daß etwas in meinem Innern eingestürzt, etwas entwurzelt worden war. ... Ich fühlte, daß ich Krieg führe. . . . Krieg mit mir selber. Es war ein Kampf zwischen Kopf und Herz. Letzteres will entschlüpfen, flüchtet vor dem Kopf. . . Noch einmal will es den Kampf mit dem Hirn aufnehmen. . . Vergeblich. . . Es wird geschlagen und die Wunde, die es davonträgt, ist sehr tief. . . Wiederum gelobte ich, achtzehn Kreuzer in die Büchse des „Rabbi Möir baal nes" zu werfen. Gebrochenen Herzens rief ich: „Herr, in Deine Hände befehle ich meine Seele" und . . . schlief ein. Die Zeit ^ist flüchtig. Fünf Tage waren seit der Geburt des Kälbchens bereits verflossen, am achten soll mein Liebling sein Leben beschließen. Und was wird aus mir werden?! Mittlerweile wächst das Kälbchen zusehends. Es springt, hüpft und wenn es mich erblickt, kommt es herbeigerannt. Ich umarme es zärtlich und weine und lache zugleich. Und der schreckliche, der achte Tag, er kam heran. . . Der fürchterliche Augenblick nähert sich. Die Zeit eilt so rasch. . . Die Sonne ist aufgegangen. . . Die Sonne neigt sich zum Untergang . . schaurig.. . . Ich bin überzeugt, daß man das Kälbchen nicht schlachten wird; sicherlich nicht. . . Es ist unmöglich. . . Und doch hämmert mein Herz. Ich weiß, daß der Himmel ihm zu Hilfe kommen wird. . . Die Engel werden es fetten. . . Das Meffer wird zerbrechen oder der Hals des Kälbchens zu Stein werden. . . Auf natürlichem Wege gibt es keine Rettung; Mutter ist eigensinnig. Aber ein Wunder muß geschehen; anders kann es nicht sein. . . Das Kälbchen ist so schön und ich habe so viel Geld in die Büchse des „Rabbi Meir baal nes" geworfen; jedes folgende Mal mehr als das vorangegangene. . . Und doch, — wer weiß. . . Mein Herz klopft, meinen Augen entströmen Thränen, mein Gefühl bäumt sichauf, meine Gedanken drehen sich im Kreise. . Ich finde keine Antwort auf meine Fragen. . . Vielleicht weiß der „Rebbe" etwas? Soll ich mich an ihn wenden? Nein! Auch er wird mich auslachen und sagen, daß ich dumm bin. . . Und das Kälbchen wurde geschlachtet. . . Ende.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.