Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 42 SeÜe 756 Schneidemühl, 5. October. Der hiesige christliche Barbier P. hatte vor einigen Monaten mit dem jüdischen Glasermeister L. Streit gehabt, weshalb ihn Letzterer wegen Beleidigung verklagte. Der Herr Barbier glaubte sich hiesür am besten dadurch zu rächen, daß er die ihm zugestellte Terminvorlage mit einigen antisemitischen Bilderbogen vom sogenannten Blutmärchen ins Schaufenster hängte. Aber nur kurz war seine Augenweide, denn bald darauf ersuchte ihn im Namen des Gesetzes der hiesige Polizeicommissär, der auf Veranlassung der Herren Berliner und Edel hingeschickt wurde, sein Schaufenster von solchem Unfug zu säubern. Da der Barbier durch das Aushängen obengenannter Bilderbogen eme große Menschenmenge herbeigelockt hatte, verurtheilte ihn der Bürgermeister zu 20 Mark O.dnungs strafe. Hiergegen legte er beim Schöffengericht Berufung ein. Das Schöffengericht erkannte ihn der Aufreizung zum Classenhaß für schuldig und verurtheilte ihn zu einer Geldstrafe von 30 Mark. Auch mit diesem lUtheil begnügte er sich nicht und appellirte an die Strafkammer. Diese hob des Uriheil der Vorinstanz auf und erkannte auf eine Geldstrafe von 60 Mark. Hoffentlich wird der Herr Friseur mit diesem Urtheil zufi jeden sein und keine Lust mehr verspüren, seine antisemitische Gesinnung durch Aus hängen derartiger Bilderbogen zum Ausdruck zu bringen. — Zwei Söhne des hiesigen Fleisch er meisters Hoffman n klebten an die Pforte des jüdischen Gastwirthes I. Hierselbst einige der bekannten Siegelmarkeu: „Kauft nicht bei Juden!" Obgleich sie die That eingestanden und sich des groben Unfugs schuldig gemacht hatten, wurden sie freigesprochen! Paris. (Ein ko st barer jüdischer Schatz) befindet sich, fast von Niemandem beachtet, auf der Pariser Weltausstellung. Auf dem Trocadöro, in dem von den Jesuiten errichteten Pavillon der katholischen Missionen, befindet sich auf der Galerie des ersten Stockes mitten unter Reliquien, Crucifixen und andern keineswegs dazu passenden Gegenständen, sorgfältig hinter einer Vitrine geschützt, eine Thorarolle. Ein daneben liegendes, in französischer Sprache geschriebenes, aber in China gedrucktes Buch bekundet, daß diese heilige Rolle für die jüdische Synagogengemeinde von Kai-föng-fu der chinesischen Provinz Honan geschrieben worden ist. Vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet, gehört diese Rolle wohl zu den seltensten Schätzen dieser an Seltenheiten so reichen Ausstellung, und selbst im Kopfe eines jüdischen Laien taucht beim Anblick derselben eine ganze Reche von Fragen auf. Zn dem hohen Alter dieser Thorarolle tritt noch die Thatsache hinzu, daß sie von einem chinesischen Juden geschrieben worden ist. Hat nun der Schreiber dieser Thorarolle die Mafferothen, welche im 7. Jahrhundert den jetzigen Text der Bibel festgesetzt haben, gekannt? Und wenn nicht, welche Abweichungen mag wohl der Text der Thorarolle von Kai-föng-fu von dem unseligen aufweisen? Solche und ähnliche Fragen ließen sich ziemlich genau beantworten, wenn der Schatz von Kai-föng-fu von einem Sachverständigen eingehend besichtigt werden könnte. Wie die Thorarolle von Kai-föng-fu in die Gefangenschaft der Jesuiten gerathen sein mag, ist uns unbekannt, wir wiffen nur, daß für dieselbe ein ziemlich hohes Lösegeld, 30.000 Frcs., gefordert wird. Ob sich wohl ein jüdischer Mäcen finden wird, der diese Summe zahlt? Odessa. (Die jüngsten Judenkrawalle) dürsten unseren griechischen Antisemiten doch noch theuerer zu stehen kommen, als diese nach den Erfahrungen früherer Jahre wohl vermuthet haben.. Nachdem die kleinen Raufbolde von der Polizei summarisch zu mehrmonatlicher Haft, die schwereren Jungens von dem Einzelrichter zu 3 bis 6 Monaten Kerkers verurtheilt worden sind, sollen demnächst 40 Anstifter und Rädelsführer an die Reihe kommen, die vor den Geschwornen erscheinen sollen. Man vermuthet hier nicht mit Unrecht, daß diese ungewohnte Strenge auf einen directen Eingriff des Zaren zurückzuführen sei, der über die Heldenthaten unserer Boxer sehr ungehalten gewesen sein soll. Zu dem bevorstehenden Processe werden zahlreiche Inden als Nebenkläger zugelassen werden, da diese an die Angeklagten Schadenersatz-Ansprüche stellen. Den Privatklägern werden gefeierte Advocaten zur Seite stehen, so daß der Proceß im hohen Grade interesiant zu werden verspricht. Odessa. Der jüdische Grundbesitz ist im Odessaer Kreise bedauerlicherweise seit vielen Jahren im ständigen Rückgänge begriffen. Noch im Jahre 1883 waren von 440.000 Ha. im Privateigentum sich befindenden Boden 60.000 Ha. im jüdischen Besitz, 1890 betrug der jüdische Besitz nur noch 40.000 Ha., um 1898 eine weitere Abnahme von 3700 Ha. zu erfahren, so daß der jüdische Grundbesitz in den letzten 17 Jahren im Ganzen um 20.000 Ha. zurückgegangen ist. Zugleich mit dem der Juden ist auch der Grundbesitz des Adels wesentlich zurückgegangen. der seit 1883 eine Abnahme von 10 Percent erfahren hat. An Stelle der Juden und des Adels sind Ausländer, sowie in Rußland naturalisirte Deutsche getreten. Letztere haben es in 17 Jahren verstanden, ihren Grundbesitz von 74.000 Ha. auf 105.000 Ha. zu bringen. Kiew. (Das Haus Brodski) erfreut sich nicht gerade der besonderen Gunst unserer Antisemiten. Da sie den Brüdern Brodski sonst nichts vorwerfen können, so schimpfen sie auf das jüdische Capital und machen dem Hause Brodski das zum Vorwurf, was sie bei einem andern christlichen Haufe als hohe Tugend preisen würden. Das Haus gibt Zehntausenden von christlichen Arbeitern Beschäftigung und Brot. Die Brüder Leo und Lazarus Brodski besitzen in den verschiedensten Gegenden Rußlands 16 Zuckerfabriken, in denen aus 8 Millionen Ctr. Rüben 1,500.000 Ctr. Zucker und andere Products im Gesammtwerthe von 42.000.000 Rubel hergestellt werden. Um die dazu erforderliche Menge von Rüben zu erzeugen, besitzt das Haus 20.000 Hectar eigenes und 35.000 Hectar gepachtetes Land. 27.000 Arbeiter und Angestellte erhalten an Lohn und Gehälter 1'/, Millionen Rubel. An Wohlfahrtseinrichtungen unterhält das Hans 10 Sparcassen mit einer Einlage von 226.000 Rubel, sowie 16 Krankenhäuser mit 160 Betten, außerdem 4 Schulen mit 600 Kindern, sowie eine Anzahl Volksküchen, Thee- und Wärmehallen nebst 20 Arbeitercolonien mit Wohnungen für 8000 Arbeiter. Bukarest Die Auswanderung aus Rumänien dürste spätestens mit dem Beginn des nächsten Frühjahrs von Neuem einen größeren Umfang annehmen. Langsam und allmählich beginnt nämlich auch den Juden in England, Frankreich und Deutschland einzuleuchten, daß ihre auf das Ministerium Carp gesetzten Hoffnungen trügerisch waren und daß die Judenhetzen im Lande der Bojaren sofort im verstärkten Maaße wieder ausgenommen werden dürften, sobald Rumäniens acute Geldnoth mit Hilfe Carp's und der Berliner Disconto-Gesellschaft einigermaßen beseitigt sein wird. Daher weigert sich das Berliner Comitö, rumänische Juden in ihre frühere, Heimat znrückzusenden, und auch die Pariser Alliance soll im Verein mit gleichstrebenden Corporationen in England, Oesterreich und namentlich in Amerika beabsichtigen, eine langsame und vorsichtige Emigration wieder in die Wege zu leiten. Bevorzugt sollen alleinstehende junge Männer werden, welche auf kürzestem Wege nach ihrem überseeischen Bestimmungsorte befördert werden sollen; daneben werden auch Familienväter, welche gewisse Chancen besitzen, in der neuen Heimat eine erträgliche Existenz zu erlangen, aus Rumänien befördert werden; nur sollen diese ihre Angehörigen einstweilen zu Hause lassen, wo sie von der Alliance genügend unterstützt werden würden. Sehr gefördert wurden diese Pläne von Mr. Watchon, dem Generalcommissionär der Vereinigten Staaten für Auswanderungsangelegenheiten, der im Aufträge seiner Regierung Rumänien bereist hat, um über die Lage der Juden daselbst Informationen zu sammeln. Mr. Watchon, welcher von dem Vertreter der amerikanischen Alliance Mr. D. Blaustein aus New-Aork begleitet war, hat durch eigene Anschauung die Ueberzeugung gewonnen, daß die rumänischen Juden strebsam, fähig und fleißig sind. Mr. Blaustein ist der Ansicht, daß an eine Besserung der Lage der Juden in Rumänien nicht zu denken ist und hält eine allmähliche Auswanderung des größten Theilcs der rumänischen Juden^für unvermeidlich; da nach der ganzen Lage der Dinge die Emigration vorzugsweise oder gar ausschließlich nach den Ländern englischer Zunge erfolgen muß, so rieth er, in allen jüdischen Schulen Rumäniens den englischen Unterricht einzuführeu, um dem Heranwachsenden Geschlecht die Auswanderung aus Rumänien zu erleichtern. Constantinopel. Der Constantinopeler Korrespondent des „Woschod" theilt über die Juden in der Türkei Folgendes mit: „Die Juden werden jetzt in der Türkei in den Staatsdienst sehr gern ausgenommen, und viele von ihnen bekleiden hohe Posten. Sultan Abdul-Hamid sprach sich sogar principiell in dieser Frage in einem Gespräche mit dem Chacham-Bafchi folgendermaßen aus: „Sagen Sie Ihren Glaubensgenossen," so sagte er in der Audienz, „daß ich mit ihnen sehr zufrieden bin und daß es mich sehr freuen wird, wenn sie sich mehr als früher dem Staatsdienste widmen werden." Die Türken hatten bis jetzt blos mit den absterbenden orientalischen Juden zu thun, die