Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 754 Dr. Bloch's Wvcheuschrifl. Nr. 42 Correspondenzen. Wien, am 12. Oktober 1900. Geehrter Herr Redacteur! Ich muß, so leid es mir auch thut, dennoch in Ihrem geschätzten Journale Klage über einen Theil unserer Glaubensgenoffen führen, und zwar nach der Richtung hin, wie sie es leicht nehmen, Großmuth zu spielen, aber dabei nicht einmal eine ehrliche Pflicht erfüllen. Meine Klage geht dahin, daß ich im beurigen Frühjahre, von dem Elende der gehetzten Hausirer ergriffen, es in Gemeinschaft mit dem Herrn Hofrath Kareis, Herren Doctoren Scharfmeffer und Ascher unternommen habe, mich per Circular bittlich an sämmtliche Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde mit der Aufforderung zu wenden, dem. Rechtsschutzvereine der Hausirer als unterstützende Mitglieder mit dem Jahresbeiträge von drei Kronen beizutreten. Der Erfolg dieser Werbung war unbedeutend; da jedoch die Hausirer daran gewöhnt sind, schlecht behandelt zu werden, so müssen sie es auch hrnnehmen, wenn sie aus den Kreisen ihrer Glaubensgenoffen nicht so bedacht werden, wie sie es benöthigen und wünschen. Nachdem sich dem Werke ungefähr 600 Mitglieder im Ganzen angeschloffen hatten, bin ich als Fondsverwalter der Hausirer an diese Herren mit der Bitte um die gefälligste Einzahlung der Mitgliedsbeiträge heran getreten, und da machte ich nun jene Erfahrungen, über welche ich Klage zu führen Anlaß habe. Ein Theil setzte mich durch seine Einzahlungen sofort in den Stand, die Hausirer unaufgehalten unterstützen zu können, ein weiterer mußte wiederholt angegangen werden, aber ein letzter Theil von etwa 40 Rückständigen läßt sich wedcr durch meine wiederholten Aufforderungen, noch durch solche des Vereinsanwaltes Herrn Dr. Scharfmeffer zu seiner Pflichterfüllung bestimmen! Ich bin berechtigt, von einer Pflicht zu sprechen, denn sämmtliche Angeworbene haben damals mittels vorgedrncktem Text einer Correspondenzkarte ihren Beitritt mit der Zchlungsübernahme von drei Kronen per Jahr erklärt, demgemäß ihnen die Schuldigkeit der Zahlung erwachsen ist. Da mir mit der Ehre der Beitrittserklärung von Herrn de oder I allein wenig gedient ist. und die Hausirer nur aus dem daraus fließenden Gelde in Wirklichkeit unterstützt werden können, so ist dies Vorgehen zu tadeln, und bestätigt den im Eingänge gemachten Ausspruch, Großmuth zu spielen! Unter den renitenten Geldverweigerern schrieb mir Einer auf die zweite und dringliche Aufforderung: „Der Ton paßt mir nicht. So schreibt man nicht für Wohlthun". Deshalb zahle er nichts! Er hielt offenbar schon die Fertigung der Correspondenzkarte für eine Wohlthat, die ihn dessen enthebe, wirkliche Wohlthaten zu leisten, und bis heute noch weigert sich derselbe, den Mitgliedsbeitrag zu zahlen! Was soll ich nun thun? Soll ich Ihnen die Namensliste dieser Herren zur Veröffentlichung übersenden, oder abwarten, ob diese zarte Andeutung, wenn sie zu ihrer Kenntniß gelangt, es bewirkt, daß sie sich gnädiglich eines Besseren besinnen und endlich doch bezahlen? Soll ich jeden Einzelnen wegen drei Kronen vor das Bagatellgericht citireu und in den Stempel.- und Bertreterkosten den Ausstand aufwenden? Mit dem Betrage, um den es sich handelt, kann ich nämlich für arme Hausirer die Steuer bezahlen und ihre kümmerliche Existenz auf ein weiteres Jahr sicherstellen, aber vierzig noble Herren wollen von ihrem Eigensinne und ihrer Nachlässigkeit nicht abgehen, und da müssen es fünf arme Familien büßen! Sie würden nun mich, geehrter Herr Redacteur. sehr verpflichten, wenn Sie diese Klagen veröffentlichten, um den letzten Versuch gemacht zu haben, die Beiträge auf coulante Art hereinzubekommen, und in dieser Erwartung zeichne ich mit aller Hochachtung Ergebenster Jg. Zucker, k. k. Commercialrath. Pisek, 15. October. (Der zweite Proceß Hilsner.) Die vierte und zugleich letzte Schwurgerichts-Session dieses Jahres hat heute vor dem hiesigen Kreisgerichte Pisek ihren Anfang genommen; im Ganzen werden bis zum 25. October sieben Criminalfälle verhandelt werden, worauf der letzte — Proceß Hilsner — zur Verhandlung gelangt. Die Verhandlungsdauer für den letztgenannten Proceß konnte nicht festgesetzt werden, da sie von dem Gange der Verhandlung und der Stellungnahme der Vertheidiger zur Beweisführung abhängig ist, doch werden von maßgebender Stelle beim normalen Verlauf des Processes vierzehn Tage in Anschlag gebracht. Die Verhandlung wird der Kreisgerichts-Präsident Ottokar Winter leiten, die Anklage erhebt Staatsanwalt Anton Malijovsky. Der Zutritt des Publikums, das sich in sehr starker Zahl einfinden dürfte, wird mittelst Karten erfolgen und streng geregelt sein; eine Karte wurde auch dem ansuchenden Fürsten Karl Schwarzenberg zur Verfügung gestellt. Für die Berichterstatter sind drei lange Tische mit numerirten Sitzen reservirt. Außerdem erhalten die angemeldeten Berichterstatter kleinerer Provinzblätter und Wochenblätter Sitze im Zuschauerraum. Unter den angemeldeten Journalisten befindet sich Professor M a s ar y k vom „Czas", dessen publicistisches Eingreifen in die Hilsner- Affaire bekannt ist. Der Berichterstatterdienst wird ein äußerst schwieriger sein, und läßt sich selbst mit dem gewiß gleichfalls schwierigen Dienste beim letzten Proeesse in Kuttenberg nicht vergleichen. Die Kreisstadt Pisek besitzt kein Telephon; der Plan der Telephonanlage ist vollständig ausgearbeitet, doch konnte in Folge der parlamentarischen Stagnation die Ausführung des Projektes nicht in Angriff genommen werden. Die nächsten Telephon-Stationen befinden sich in Budweis und Tabor. Der Postamtsvorstand Nowak von Pisek hat alle Maßnahmen zur möglichst glatten Abwicklung des enormen Verkehrs getroffen, der aus Anlaß der Verhandlung zu erwarten ist. Allerdings werden die Telegramme für Wien während des Tages nur nach Prag laufen und dort erst für Wien umgesetzt werden. Um die Depeschirung theilweise zu erleichtern, treten in Pisek von 6 Uhr Abends an die Hughes-Apparate in Thätigkeit, wozu Telegraphen- Beamte aus Prag hieher kommen werden. Der Hughes- Telegraphendienst kann wegen seiner directen Uebermittlung erst von 6 Uhr Abends an in Action treten, weil die Zwischenstationen nach Prag erst um diese Stunde geschlossen werden und sie beim Tag. nicht ausgeschaltet sind. Den Sicherheitsdienst während des Processes wird theils die Gendarmerie, theils die Wache versehen, doch sind bis zur Stunde keine besonderen Vorkehrungen getroffen worden, da Ausschreitungen und Ordnungswidrigkeiten keineswegs befürchtet werden. Aus Pisek wird uns telegraphirt: Dr. Zdenko A u r e d n i c e k, der Vertheidiger Leopold Hilsner's, hat heute denk Kreisgericht Pisek, vor dem bekanntlich nächste Woche die neuerliche Verhandlung gegen Hilsner stattfindet, eine Reihe von Anträgen auf Vorladung von Zeugen überreicht. Diese Beweisanträge, welche keinesfalls eine Vertagung des Processes im Gefolge haben können, werden morgen der Rathskammer zur Beurtheilung vorgelegt werden. Lemberg. (Wo ist der Staatsanwalt?) Nr. 127 des in Lemberg erscheinenden Witzblattes „Humorista" bringt unter der Ueberschrift „Reflexionen eines Chronisten" nachstehendes mit S. M. gezeichnetes Feuilleton: „Für Galizien ist also der jüngste Tag herangebrochen. Die Stätte der nationalen Kunst, das auf Kosten so großer Opfer erbaute Theater, konnte an dem früher festgesetzten Termine nicht eröffnet werden, da es sich später herausgestellt hat, daß an diesem Tage das jüdische Versöhnungsfest fällt. Der wahre jüngste Tag. Wir sind also so weit gekommen, daß die jüdischen Feiertage zu Festen des Landes und der Städte geworden, daß wir nebst dem heiligen Michael auch noch einen zweiten Schutzheiligen den heiligen „Eybuch" *) haben. Schön haben wir uns emporgearbeitet. Von nun an werden wir das Neujahrs- und Laubhüttenfest den Ostern gleich hoch halten. Purim wird unser National-Carneval weiden. Fürwahr blinde Wuth erfaßt auch den sanftesten, durchschnittlichen Galizianer. Das schmutzige Bücklein spricht im Namen des polnischen Volkes vor dem Kaiser und im Stadtrathe machen sich im Kontusz**) die arroganten Jonas und andere Beschnittene breit. Ach, Du mein lieber Gott, wenn einer unserer Ahnen einen Juden im Kontusz erblickt hätte, der hätte ihm eines geschmiert, daß aus dem Juden die ganze Räude herausgesprungen wäre. Die Enkel schauen mit stoischer Ruhe auf solche Jonas im Kontusz und verschieben die Eröffnung des National-Theaters wegen des jüdischen Versöhnungstages. Auf den Hund sind wir gekommen, ärger noch denn auf den Juden. Wir sind alle verjudet und räudig geworden, zu Lumpenkerlen sind wir *) Cybuch wörtlich übersetzt Pfeifenrohr, ein den Juden gegenüber gebräuchliches Schimpfwort. **) Ein kurzer altpolnischer Oberrock mit aufgeschlitzten Aermeln.