Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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©eite 753 Dr. BWAr's 2. beim Studium, 3. bei der Geburt und in den ersten Lebenstagen, 4. Verlobung, Brautstand und Hochzeit, 5. Entdeckung von Verbrechen, 6. Krankheit und deren Verhütung, 7. Schwangerschaft und Kindbett, 8. Tod, 9. Beerdigung, 10. Todtenehrung, 11. Schutz gegen Einwirkung der Gestirne und Aehnliches, 12. Speisen, 13. Bräuche an den Festen. — Weissagung. Zauber und Äehnliches, und zwar: 1. Wahrsagen, 2. Beschwörung, 3. Feuerregen. Volksmedicin. — Volkstracht, Hausbau: 1. Trachten, 2, Wohnung, 3. Gemeindeleben, 4. Synagogenbau und Aehnliches. Wenn wir noch erwähnen, daß in dem Hefte sich auch ein paar gelungene Illustrationen finden, so haben wir von dem wahrhaft reichen Inhalt des Buches ein Bild geliefert. Man hat keine Ahnung, was in so einem anspruchslosen Hefte Alles enthalten ist. Dabei ist zu bemerken, daß sämmtliche Artikel von dem Herausgeber selber herrühren; außerdem begegnen wir nur noch einen Artikel von P ofessor David Kaufmann (Zu den jüdischen Namen). Durch obige Skizze ist es genügend ersichtlich, daß die Leiter der Gesellschaft für jüdische Volkskunde ein sicheres Ziel sich gesteckt haben, das man durch die Folklore erreichen kann, und daß in dem Stoffsammeln ihrer Aufmerksamkeit Nichts entgeht, was geeignet ist, auf das Volksleben ein Licht zu werfen. Ist nun auch demgemäß das Programm als geborgen anzusehen, so kann man doch einen Einwand erheben gegen die Art und Weise, wie der Stoff von dem Herausgeber verarbeitet wird. An vielen Stellen erklärt er nicht, wo es der Leser nöthig hätte. Ferner die ungeheuerlichen Abkürzungen, die bei den ausreichend citirten Quellen in Anwendung kommen! Unseres Erachtens hat es die Folklore am meisten nothwendig, in leichter, von Jedermann verständliche» Sprache geschrieben zu sein; nur so wird sie das, was sie sein will: „Volkswissenschaft". So weit der Bericht. Mit Genugthuung verzeichnen wir die Thatsache, daß durch diesen und ähnliche Berichte auch nichtjüdische Kreise von den Aufgaben der jüdischen Volkskunde gebührend Kenntniß genommen haben. Bei der Erfüllung dieser Aufgaben sollten wir Juden eigentlich nicht auf unsere eigenen Kräfte angewiesen sein, denn die jüdischen Sagen, die jüdischen Sprüche, der jüdische Aberglaube, in welcher Form immer er sich zeigt, sind beiweitem nicht ausschließlich jüdische Producte, sondern sie haben ihr Analogon, wenn nicht gar ihren Ursprung zumeist in den ähnlichen Vorstellungen desjenigen Volkes, mir welchem die Juden längere Zeit hindurch zusammenlebten. Unsere Wirthsvölker können also einen Theil ihrer Volkskunde in jüdischem Gewände bei uns antreffen, und es wäre nur billig, wenn sie die Mühe nicht scheuten, zu uns zu kommen. Und wird der jüdisch-deutsche Jargon mit Recht als ein Theil der jüdischen Volkskunde angesehen, so wäre es ja in erster Reihe Pflicht der nationalen, deutschen Wissenschaft, dieses neue Feld zu ihrer eigenen Domäne zu schlage». Aber auch jene kernigen, so sehr von jüdischem Geiste getragenen Sprichwörter könnten sehr oft auf ihre deutschen Muster zurückgeführt werden, wobei wir abermals bemerken wollen, daß wir nur darum von deutschen Verhältnissen sprechen, weil uns diese am besten bekannt sind und weil auch die „Mittheilungen" der Hamburger Gesellschaft sich zumeist auf deutschen Boden bewegen. Es mögen nämlich in jenen Sprichwörtern noch so sehr jüdische, sagen wir hebräische Sprachelemente vorhanden sein, so waltet in ihnen dennoch in den meisten Fällen ein allgemein menschlicher Geist, an dem man den jüdischen Ursprung nicht merkt. So hörte ich neulich aus dem Munde eines schlichten Juden, dessen Partner ebenfalls ein schlichter Jude war, den kernigen Spruch, der da verdient, ein geflügeltes Wort zu werden: „Far lauter Dales jeden Tug weiß Brojt" (vor lauter Armuth jeden Tag weißes Brot), ein in unseren Tagen für das großstädtische Elend wirklich zutreffendes Wort, das aber, wie man sieht, außer dem Ausdrucke nichts speciell Jüdisches hat. Vollends aber ist es das große Gebiet des Aberglaubens und des Zauberwesens, das wir ohneweiters an seine rechtmäßigen Besitzer abtreten könnten. Denn nicht herrscht Wahrsagerei in Jacob, noch Zauberei in Israel — sagt die Schrift, was sich also von diesen Dingen bei uns findet, kann getrost als Entlehnung angesehen werden. Heft V. der „Mittheilungen" enthält, natürlich wieder nur von M. Grunwald geschrieben, einen Aufsatz „Aus Hausapotheke und Hexenküche", der außer allgemeinen Ausführungen über das Wesen des Zaubers und nebst dem Formular von jüdischen Amuletten nicht weniger als 240 Nummern des Zaubers umfaßt. Welche Mannigfaltigkeit, aber auch welche Abhängigkeit von anderen Culturen! Der Wochenschrift- Herausgeber, der in den bisher erschienenen sechs Heften der „Mittheilungen" einen seltenen Fleiß und eine ungeheuere Belesenheit bekundet, zeigt sich erst in der „Hausapotheke" und in der „Hexenküche" wahrhaft zu Hause, und liest man seine zu den einzelnen Punkten gegebenen Nachweise und Parallelen, dann wird man es recht gewahr, daß wir es hier nur der Form, nicht dem Wesen nach mit jüdischen Elementen zu thun haben. Doch möchte ich mir hier eine Bemerkung gestatten. -Obzwar die Volkskunde in erster Reihe aus der lebendigen Volksseele schöpfen muß, so ist bei einem schreiblustigen Volke, wie es die Juden sind und waren, doch auch die Literatur als eine ergiebige Quelle der jüdischen Volkskunde mehr auszubeuten, als es in den „Mittheilungen" beabsichtigt zu werden scheint. Freilich wird es dann schwer zu sagen sein, wo die Folklore beginnt und die Philologie aufhört, aber unseres Erachtens ist die Kenntniß des Volkslebens auch dann nicht zu verachten, wenn sie auf philologischem Wege gewonnen wird. Einige Werke, wie L. L ö w's „Lebensalter" und I. Abrahams' „Jewish Life", zeigen zur Genüge, wie viel sich hier aus Büchern gewinnen läßt. Sodann möchte ich auch noch einen anderen Wunsch ausgesprochen haben. In dem oben gegebenen Resumä haben wir gesehen, wie der Herausgeber, den wir ob seiner zum Frommen des Judenthums bekundeten rastlosen Arbeit nur hoch verehren können, auch v o n den exotischen Juden zu sprechen verspricht. Nun, in den späteren Heften der „Mittheilungen" vermissen wir ein Zurückgreifen auf dieses Thema. Es liegt mir natürlich ferne. Alles von dem Herausgeber zu verlangen, aber gehandelt sollte von der Sache werden; dann erst hätten wir auch eine Art jüdischer Ethnographie. Dabei wollen wir nicht vergessen, daß eine stete Fürsorge für die zersprengten Theile Israels liebevoll wirklich nur von einem jüdischen Vereine geleistet werden kann, während die gewöhnlichen Kundgebungen des jüdischen Lebens» da sie, wie bereits gesagt, auch für die allgemeine Wissenschaft von Bedeutung sind, auch in anderem Rahmen vorgeführt werden können. So bildete das jüdische Volksleben eine stete Rubrik auch in dem „Urquell", einer Zeitschrift, die von dem verdienstvollen Secretär der Wiener Allianz, Friedrich S. Krauß herausgegeben wurde. Eine Behandlung der exotischen Juden, nebst dem, daß sie interessant wäre, würde auch unser Einheitsgefühl festigen und unser Selbstbewußtsein erhöhen. Doch geben wir es zu, daß unsere englischen Brüder in dem Meere beherrschenden England die Kunde von den zersprengten Theilen Israelbesser vermitteln könnten, als es in Deutschland möglich ist. Unter den Versuchen, das jüdische Volksleben zu fixiren, ist die Methode G r u n w a l d's diejenige, die am sichersten zum Ziele führt. Culturschilderungen, Ghettobilder, Kompert'sche Erzählungen, die stets sich häufenden Bändchen der jüdischen Universal-Bibliothek — sie alle haben ja neben der Tendenz, zu erbauen und zu unterrichten, gewiß auch den Zweck, die Sitten und Gebräuche, die dem Leben entschwinden, für die Wissenschaft zu conserviren. Aber ein reich entfaltete- Leben, wie es das jüdische ist, läßt sich mit ein paar, wenn auch noch so gelungenen Strichen nicht markten; hiezu bedarf es des auf das Minutiöse gerichteten Blickes des Forschers, oder besser gesagt einer ganzen Schaar von Forschern. M. Grunwald, den wir den Begründer der jüdischen Volkskunde nennen können, steht, was eigentliche Forschung anbelangt, bis nun auch allein da, denn die von anderwärts gekommenen Beiträge, wenn auch werthvoll, gehen über gelegentliche Aufzeichnungen nicht hinaus. Und dennoch will es uns scheinen, daß wir Juden auch in der Folk.ore-Wissenschaft unser Contingent stellen; diese unsere Koryphäen, die Gelehrten von Fach, wären für die junge Wissenschaft der jüdischen Volkskunde erst zu gewinnen. Möge es dieser Wissenschaft an tüchtigen Arbeitern nie fehlen; möge eS ihr besser gehen als den Schwester-Diseiplinen innerhalb des Judenthums, die nur von dem engen Kreise der a d hoc- Berufenen in Pflege genommen werden. Mehr noch als die philologische Wissenschaft ist die Volkskunde im Stande, die schönen Züge des jüdischen Lebens aufzudecken; sie thut das unmittelbar, ander frischen Natur heraus, sie demonstrirt ad oculos, und lebendig, in tausenderlei Gestaltungen, wirken ihre Gesetz-. Budapest. Dr. Samuel K r au ß.