Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 752 DL» Bloches Wochenschrift, Sir. 42 können wir uns unseres Racenthums nicht rühmen. Doch haben wir Eigenart genug, uns diejenige Einheit zu bilden, die man jüdisches Volksthum nennen kann. Es wäre zu wenig gedacht von der jüdischen Religion, wollte man ihr ein mächtiges erziehliches Moment absprechen. Unter diesem erziehlich-religiösen Einflüsse stehen nun alle Juden ohne Ausnahme, und darin haben wir den Factor zu suchen, der die auseinandergesprengten Volkstheile Israels zu einem einheitlichen Volksthum vereinigt. Das Volksthum so aufgefaßt, kann zwischen abendländischen und morgenländischen Juden in der Hauptsache kein großer Unterschied bestehen; die allenfalls sich dennoch zeigenden Unterschiede sind wenigstens nicht derart, daß dadurch die Einheitlichkeit des Volksthums, als deren Hauptmoment wir die religiöse Einheit erkannt haben, aufhören würde. Es liegt ja auf der Hand, daß eine durch die Religion bedingte eigenartige Weltansicht, die gleichen Gebete, die gleichen Feste, das nämliche Studium, ja sogar dieselbe Norm für Speisen und für Kleidung, wie nicht minder sonstige Lebenskundgebungen des jüdischen Volkes,, zur Begründung und zur Erhaltung eines jüdischen Volksthums führen müssen. Eine Wissenschaft, die sich mit dem jüdischen Volksthum befassen würde, gab es bis jetzt nicht. Wozu auch theoretische Beobachtungen anstellen, wo der alltägliche Augenschein in Millionen von Fällen uns den Sachverhalt zeigte? Noch vor hundert Jahren konnte man das jüdische Volksthum an jedem beliebigen Juden statuiren. Dies ist ja in vielen Landtheilen und im Allgemeinen, auf dem platten Lande noch heute der Fall. Man wolle nur den erstbesten, von der Cultur, wie man zu sagen Pflegt, nicht, beleckten Juden ins Auge fassen, und man wird an ihm alle Merkmale des jüdischen . Volksthums in der faßlichsten Weise beobachten können. Sein Handeln und Wandeln, sein Thun und Lasten, seine Geschäfte und die Art des Erwerbes, die Sprache, die er im Munde führt, das Wort, das er in immer wohldurchdachter Weise bald an seine Hausgenossen, bald an die Glaubensgenoffen, bald wieder an Kunden und Verkäufer richtet, seine Speise und sein Trank, sein religiöses Betragen, seine Aufführung innerhalb der Gemeinde, dies Alles und vieles Andere geben ihm ein eigenartiges Gepräge, und wir können sicher sein, daß er dieses Gepräge mit Tausenden seiner Glaubensgenosten theilt, daß tt also sozusagen.ein -Durchschuittsjude ist, an dem nvir alle anderen Individuen dieser Species mesten können. Wer hätte in früherer Zeit an diesen endlos sich wiederholenden Erscheinungen Interesse gefunden? Zumal die jüdische Wissenschaft, die doch seit hundert Jahren so gewaltig viel zu thun hatte, konnte sich den Luxus eines neuen Wiffenszweiges, wie es die Volkskunde wäre, nicht gönnen. So blieb denn die Fülle des Interessante», was das jüdische Volksleben bietet, unbeachtet, unerforscht, allmälig dem Verfalle preisgegeben. Mit der Zeit ist es nämlich um das jüdische Volksleben anders geworden.' Unser Volksthum ist von der Alles nivellirenden Cultur nicht nur beleckt, sondern fast völlig verschlungen worden. Wo fände man jetzt hierzulande einen Juden, der z. B. in seiner Kleidung etwas specifisch Jüdisches an sich hätte? Und auch die Sprache, dieses Object der Kurzweil und des Spottes unserer Gegner, welcher Jude führt sie anders im Munde als seine Mitmenschen? In anderen Ländern, in Polen, in Rußland, besonders im Orient, mag's vielleicht anders sein; aber wir fasten hier hauptsächlich die Verhältnisse von Mitteleuropa, speciell die von Deutschland, ins Auge. In den Ländern der deutschen Cultur verwischt sich offenbar jede Eigenart des jüdischen Lebens; jüdische Gebräuche, jüdische Sitten nehmen zusehends ab und balo wird es nur ein Schemen ohne Stoff und Körper sein, wenn wir in Büchern ein Gemälde des einstigen jüdischen Lebens sehen werden. Wir sagen das nicht im klagenden Tone, denn Dinge, die für unsere Zeit nicht paffen, sollen und müssen dem Untergange geweiht sein. Dem Juden muß die Betätigung seiner Religion vollauf genügen — möchte man ihm nur diese eine Sonderheit nicht verübeln! — in allen sonstigen Lebenskundgebungen nurg er sich seiner Umgebung anpasten. Es wäre auch vergebens, andere Ansichten darüber aufzustellen; die Zeit ist stärker als jede Theorie, der Pcoceß, den sie einmal in Fluß gebracht, ist unaufhaltsam. So braucht denn der Gedanke, daß die bisherigen Merkmale unseres Volksthums allmählich schwinden, uns nicht zu betrüben; andere hervorragende Eigentümlichkeiten des Jndenthums werden an ihre Stelle treten, und es beginnen sich bereits solche zu zeigen. Dagegen soll es unsere Aufgabe sein, die Ueberreste unseres Volksthums, die bereits der Vergangenheit angehören, der Vergessenheit zu entreißen; so manch schöner Zug des jüdischen Bolkscharakters wird uns dadurch erhalten bleiben, für so manche Erscheinung der Vergangenheit wird uns dadurch ein Verständniß gesichert, das. uns sonst gefehlt hätte und in dessen Mangel aus dem dunklen Grunde vergangener Zeiten gespensterhaft Räthsel uns anstarren würden. Die Volkskunde, die Folklore, die Ethnographie, die Ethnologie, oder wie man diese Wissenschaft sonst nennen mag, ist auch bei anderen Völkern erst eine junge Wissenschaft, aber eben darum wird sie sehr eifrig betrieben und schon hat sie wichtige Erfolge aufzuweisen. Die meisten Culturvölker, die ihre ländlichen schlichten Sitten auflassen, haben allen Grund, die Reste des alterthümlichen Lebens, sollen sie anders der Erinnerung aufbewahrt sein, schleunigst zu sammeln und zu ordnen. Das Judenthum in den westlichen Ländern ist noch beiweitem mehr dem ausgesetzt, daß unter seinen Anhängern, die sich zumeist in großen Städten anhäufen, die schlichte ländliche Sitte gänzlich ausstirbt. So war es denn eine glückliche Idee eines jungen jüdischen Gelehrten, des Herrn M. G r u n w a l d, Rabbiners in Hamburg, die jüdische Volkskunde zu begründen und für deren Pflege die „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" ins Leben zu rufen. M. G r u n w a l d, der Verfasser der preisgekrönten Schriften „Spinoza in Deutschland" und „Die Eigennamen des Alten Testaments" und anderer Schriften und Aufsätze, beschränkt sich nicht, wie es die meisten Gelehrten thun, auf die stille Wirksamkeit im Studirzimmer, sondern ist bestrebt, praktische Erfolge zu erzielen. Er stand ganz allein auf dem Plane, als am 1. Jänner 1898 die Gesellschaft für jüdische Volkskunde, mit dem Sitze in Hamburg, ins Leben trat, und heute ist bereits eine Schaar von gelehrten Männern von den gleichen Bestrebungen beseelt. Als ein werthvolles Ergebniß der solchermaßen gegebenen Anregung darf auch für weitere Kreise verzeichnet werden, daß seit einem Jahre auch im Schooße der israelitisch-ungarischen literarischen Gesellschaft eine Folklore-Commission besteht. So hat denn eine glückliche Idee nicht blos für sich allein einen Bestand, sondern sie regt auch zu neuen Schöpfungen an. Gleich nach den ersten Kundgebungen der Hamburger Gesellschaft war es dem Schreiber dieses gegönnt, in der ungarischen Zeitschrift „Ethnographia" (IX, 326) folgenden Bericht zu erstatten:; ^Bon der erfreulichen Ausbreitung der Folklore zeugt dör Umstand, daß sich nunmehr die Wissenschaft auch mit dem Leben der Juden, als einer eigenartigen Bolksschichte, befaßt. Am 1. Jänner 1898 wurde in Hamburg eine Gesellschaft gegründet, zu dem Zwecke, daß die Eckenntniß des inneren Lebens der Juden gefördert werde. Schon hat die Gesellschaft auch in Oesterreich und Ungarn eine stattliche Zahl von Mitgliedern. Ihre Aufgabe ist eine weit ausgedehnte, denn außer dem Leben der eigentlichen Juden — und wie sind doch auch diese in viele Länder getheilt! — zieht sie in den Kreis ihrer Forschung auch solche exotische Elemente des jüdischen Volkes, als da sind die schwarzen Juden in Jndiem, die Falaschas in Abessynien, die Neger-Juden auf dem Loango-Gebiet und die Juden auf Madagaskar. In den westlichen Staaten Europas stirbt das eigenartige jüdische Leben rasch aus, aber um so zäher hält es sich in Polen und Rußland, und ebenso im Orient. Die Gesellschaft gründet zugleich ein ethnographisches Museum aus Objecten, die auf das Judenthum Bezug haben. Das erste Zeichen ihrer Wirksamkeit gibt die Gesellschaft in ihrer reichhaltigen Publikation: Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, von M. G r u n w a l d. Das erste Heft im Umfange von 120 Seiten hat einen abwechselnden und sehr lehrreichen Inhalt; wir überblicken nun das ganze riesige Feld, welches von der Gesellschaft angebaut werden soll. Zu den speciellen jüdischen Zügen gehört natürlich auch der sogenannte jüdisch-deutsche Jargon... Von dem reichen Inhalt der ersten Publikation erhalten wir ein Bild durch nachfolgende Gruppirung: Die Sprache der Juden. Aussprache des Hebräischen. Charakteristische Ausdrücke. Namen und zwar a) Familiennamen, b) Vornamen, c) Spitznamen. Sprichwörter (nicht weniger als 187), Grüße, Flüche und Aehnliches (157 Stück). Der Entwurf eines Sprichwörterlexikons, Bauernkalender, (Wetterprophezeiung, glückliche und unglückliche Tage rc.) Redensarten (105 Stück). Dichtung, und zwar: 1. Kindeslieder und Aehnliches, 2. Scherzfragen und Aehnliches, 3. Begrüßungsreden, 4. Volkslieder, 5. Spottlieder. 6. Abderiten-Sagen und Aehnliches, 7. Vermischtes. (Einige der Lieder zugleich in Noten.) Glaube und Sage, und zwar: 1. Thierglaube, 2. Geisterglaube, 3. Sagen und Märchen, 4. Localsagen. Sitte und Brauch, und zwar: 1. im Alltagsleben,