Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-19 · 42 (19.10.1900) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021374--10292-3034766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 42 Dr. Blvch's WvÄMfchrist» Seite 747 Religion zu leben, die ihm beliebe", lehrte der Kirchenvater Tertullian im zweiten Jahrhundert. Irgend eine Theilnahme an der Regierung des römischen Reiches, das den Christen des ersten Jahrhunderts als zum baldigen Untergang bestimmtes Teufelswerk erschien, verlangten sie nicht, wie sie sich auch dem Dienst im römischen Heere möglichst zu entziehen suchten. Selbst im vierten Jahrhundert, als das Christenthum die herrschende Religion geworden war, perhorrescirte der Bischof von Poitiers, der heilige Hilarius, jede Verfolgung Andersgläubiger. „Recht beklagenswerth", schrieb er in einer Petition an den Kaiser Valentinian, „sind die Jrrthümer und das Elend unserer Zeit, da man glaubt, daß Gott die Hilfe der Menschen brauche, da man die weltliche Macht zum Schutze der christlichen Kirche anruft. Haben etwa, frage ich euch, die ihr euch Bischöfe nennt, die Apostel sich menschlicher Hilfe bedient, um das Evangelium zu verbinden? Haben sie sich etwa der weltlichen Macht bedient, um die Heiden zu bekehren? Hat eiwa der heil ge Paulus die christliche Kirche auf kaiserliche Edicte gegründet. So ist der sonst recht unduldsame katholische Bischof ganz tolerant geworden und predigt den arianischen Bischöfen Toleranz, weil ihre Secte damals von der Regierung begünstigt, die Katholiken aber bedrängt wurden. Als Kaiser Konstantin im Jahre 313 sein Toleranzedict erließ, den Christen freie und ungestörte Religionsübung gestattete, die Rückgabe der ihnen weggenommenen Kirchen und sonstigen Besitzungen verfügte, da wurde die Toleranz und Gleichberechtigung von den dankbaren Christen mit Jubel begrüßt. Als er mehrere Jahre später, mehr aus politischen als aus religiösen Beweggründen selbst zum Christenthum übertrat — taufen ließ er sich erst kurz vor seinem Tode — da begann auch schon die staatliche Propaganda für die neue Religion des Kaisers. Das Christenthum ward hoffähig, es ward Staatsreligion und damit zugleich herrschende, Andersgläubige verfolgende Religion. Bon Toleranz wollte man nichts mehr hören. Und vorzüglich durch staatliche Hilfe ist die Confession einer kleinen Minorität zur Religion der Majorität im römischen Reiche geworden?) Die Parteinahme des Staates für das Christenthum äußerte sich unter Konstantin anfangs nur in Form der Begünstigung seiner Anhänger: die Convertiten genossen die Hofgunst, wurden unterstützt und befördert, Kirchen wurden in noch ganz heidnischen Gegenden errichtet und aus Staatsmitteln reich dotirt, so daß sie den Neubekehrten Unterstützungen gewähren konnten. Biele christliche Bischöfe genossen Vertrauen und Gunst des Kaisers; neben diesen nur der einzige heidnische Philosoph Sopater, und diesen ließ Konstantin am Ende seiner Regierung hinrichten, „weil er durch Zaubermittel Windstille verursacht hatte, so daß die Getreideschiffe nicht von Egypten nach Constantinopel gelangen konnten". Suidas sagt in seinem Lexikon (s. v. Sopater), Konstantin habe ihn tödten lassen, um seinen völligen Bruch mit dem Heidenthum zu beweisen, aber „er habe unrecht gehandelt, denn man solle die Menschen nicht mit Gewalt, sondern mit Güte zur Religion des wahren Gottes bekehren". Von Güte ist aber bei Konstantin und seinen Nachfolgern auf dem Throne von Byzanz wenig zu spüren. Die oft recht harten und grausamen Religionsverfolgungen trafen Heiden, Juden und Ketzer. Denn die Ketzerei innerhalb des Christenthums ist beinahe so alt wie dieses selbst. Freilich traten diese Spaltungen erst, nachdem dieses Staatsreligion geworden war, deutlicher hervor und führten zu gegenseitigen Anklagen und Verleumdungen, zur Verfolgung aller abweichenden Meinungen und Secten durch die jeweilig im Besitze der Staatsmacht befindliche Religionspartei. Der Kirchenhistoriker Sokrates sagt, (Buch II. 32) er habe sich in dem Labyrinth der verschiedenen christlichen Glaubensbekenntniffe kaum zurechtfinden können und führt deren zehn an. Papst Damasus (gest. 384) verdammt in einem Briefe an den Bischof von Thessalonika die Bekenner von ungefähr zwanzig von ') Gibbon schätzt die Zahl der Christen im römischen Reich zur Zeit der Bekehrung Konstantins auf ein Zwanzigstel der Gesammtbevölkerung. (The history of the decline and fall of the roman empire, by Edward Gibbon eh. 15) Die Schätzung mag vielleicht zu niedrig sein, aber jedenfalls ist das Zahlenverhältniß für dle Christen nicht günstiger gewesen als jetzt das der Juden in Wien. Außerhalb des römischen Reiches war die Zahl der Christen eine verschwindend geringe. Aber sie bildeten neben der großen, meist indifferenten heidnischen Majorität eine eifrig Propaganda machende, fest zusammenhaltende, sehr gut organisirte Partei, ungefähr wie in der Gegenwart die Socialdemokraten. der seinigen abweichenden Glaubensformeln'), und am Anfänge des fünften Jahrhunderts konnte der heilige Augustinus schon einen Katalog von ihm bekannten 88 Ketzersecten verfaffen, die Bemerkung hinzufügend, es seien ihm noch manche unbekannt geblieben. Kaiser Konstantin begnügte fich aber nicht lange mit der bloßen Begünstigung des Christenthums und begann bald offenen Krieg gegen das Heidenthum. Wo er es nicht direct mit der kaiserlichen Macht bekämpfte, ließ er fanatischen Christen freie Hand. Mit großem Behagen schildert der Bischof Eusebius in seiner Biographie Konstantins (Buch II Cap. 43. 44, Buch HI Cap. 52—54), wie auf dessen Befehl die heidnischen Tempel und Götterbilder entweiht und zerstört, ihre Priester dem Spotte ausgesetzt wurden. In dem noch überwiegend heidnischen Alexandria verbot der Bischof Georg die Feier der heidnischen Feste und die Opfer in den. Tempeln, ließ durch Soldaten die Tempel ihres Schmuckes und aller Statuen berauben?) Die dankbare christliche Geschichtsschreibung hat Konstantin den Beinamen des Großen verliehen. Dagegen sagt der berühmte italienische Rechtsgelehrte Filangieri, er sei ein grausamer Tyrann gewesen und würde auch diesen Namen bei der Nachwelt führen, wenn er nicht an Stelle der römischen Adler das Kreuz zum Feldzeichen gewählt hätte, wenn er nicht eine Religion begünstigt hätte, welche, obwohl seine Verbrechen verdammend, fich doch für seine Gunst dankbar erwies?) Aber wir können noch mehr sagen: Abgesehen von den Sünden und Verbrechen dieses ersten christlichen Kaisers, worauf wir noch zurückkommen werden, würde ein Monarch, der jetzt seine Kirchenpolitik befolgen würde, von den Klerikalen am meisten beschimpft und bekämpft werden. Denn weder die „freie Kirche im freien Staat", noch die Herrschaft der Kirche über den Staat wollte er dulden. Er fühlte und benahm sich wie der Herr der Kirche und des Glaubens; er allein berief das allgemeine Concilium, und wenn er auch den Bischöfen alle Ehren erwies, so verlangte er von ihnen Gehorsam. Was er einführte, war der Cäsaropapismus, wie er ungefähr jetzt in Rußland waltet. Bei alledem war die Bevölkerung seines Reiches, besonders in Rom und im eigentlichen Griechenland, noch in ler Mehrzahl heidnisch, blieb es noch länger als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode. Seine Nachfolger erließen immerfort Gesetze gegen die Heiden''), verfolgten sie oder ließen den Ausschreitungen fanatischer Christen freien Lauf, aber wie der Druck nachließ, lebte das Heidenthum wieder auf. In Griechenland wurde es erst durch den Einfall der zum Christenthum bekehrten barbarischen Gothen unter Alarich (a. 395) gänzlich ausgerottet. Die Christen unter den Nachkommen der Helden von Platäa und Salamis verleugneten den altgriechischen Patriotismus, wie ja auch die Christen in Palästina nicht an den Freiheitskämpfen der Juden gegen die Römer theilgenommen hatten und öffneten den Barbaren die Thore von Athen, Korinth und Sparta. Ja, wie Eunapius (in Vita Philosophorum) erzählt, schloffen fich einheimische Christen den einfallenden Barbaren an und Mönche verriethen ihnen die geheimen Pfade, halfen ihnen die natürlichen Hemmnisse besiegen. Derselbe Alarich war es, der fünfzehn Jahre später mit seinen wilden Hunnen und Gothen die Zerstörung Jerusalems an dem heidnisch-christlichen Rom rächte. Hungersnoth, so arg wie 340 Jahre früher in der Hauptstadt Judäas, herrschte in der Stadt der Cäsaren, und ärger als die Hungersnoth wüthete die Pest. Leichen bedeckten die Gaffen, und da man sie aus der belagerten Stadt nicht entfernen konnte, verpesteten sie Rom, das einem Kirchhofe glich, noch mehr. Nach der Einnahme der Stadt wurde sie aus geplündert und zum Theile verbrannt. Durch grausame Qualen wurden die Einwohner gezwungen, ihre verborgenen Kostbarkeiten auszuliesern, Frauen und Jungfrauen wurden geschändet. Der christliche Eroberer bekundete sein Christenthum nur dadurch, daß er die Kirchen nicht ausplünderte. Wie nach der Zerstörung Jerusalems die Juden in alle Welt zerstreut und als Sclaven verkauft wurden, so flüchteten jetzt die Römer vor Beginn der Belagerung und nach Einnahme der Stadt in alle Weltgegenden. Selbst nach dem besiegten heiligen Lande kamen bettelnde Flüchtlinge aus der weltbeherrschenden ') Theodoretus (Bischof von Cyrene) Kirchengeschichte B. IV. 10 2) Sozomenus, Kirchengeschichte Buch IV, Cap. 39; Buch II, 4; Sokrates Kirchengeschichte I, 12. 3) Scienza della legislazione 1. III eap. 50. 4) Besonders Theodosius I. im Jahre 392 im Edict äs Pagania.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.