Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 746 Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift. muß zurücktreten vor der Sorge um den bedrängten Staat, um den gefährdeten Parlamentarismus. Gewiß, die Deutschfortschrittlichen und die Jungczechen haben unsere Liebe nicht verdient. Aber die Vernunft und die Staatstreue zwingt uns den Stimmzettel gegen die Radicalen in beiden nationalen Lagern in die Hand. Nicht für den Sieg Jener, sondern für die Niederlage Dieser müssen wir uns an dem Wahlkampfe betheiligen und an allen Orten jene Candidaten unterstützen, die bereit sind, das Parlament zu erhalten und dem Staate zu geben, was des Staates ist. Jede Empfindlichkeit, mag sie noch so berechtigt sein, muß vor diesem höheren Gebote zurücktreten. Der Augenblick, in welchem die wichtigsten staatlichen Existenzen in Frage kommen, ist nicht geeignet zur Abrechnung mit falschen oder mattherzigen Freunden. Auch die Zeit für diese Abrechnung wird einmal kommen, wenn wir uns in Geduld zu fassen verstehen. Jetzt aber heißt es, die Grundpfeiler des Hauses zu stützen, das uns noch immer Schutz gewällrt und dessen Zusammenbruch uns Alle mitbegraben würde. Mir können deshalb an unsere Glaubensbrüder in Böhmen nur den ernsten Mahnruf richten, trotz aller wohlbegründeten Entrüstung, trotz alles begreiflichen Widerwillens zur Urne zu gehen und ihre Stimmen für jene Candidaten abzugeben, die in dem nationalen Radicalismus eine Gefahr für den Bestand des Staates erblicken und bereit sind, denselben zu bekämpfen./ Gill arisch-christlicher Musterflaat. L In verschiedener Weise, je nach ihrem politischen Standpunkt und persönlichem Jntereffe, suchen die Antisemiten ihren Judenhaß, ihre Verfolgung, Verleumdung und Verspottung der Juden zu begründen: Die frommen (?) Klerikalen, die sich mit dem Munde zur Religion der Liebe bekennen, hassen im Juden den Andersgläubigen; sie können es den in Europa lebenden Juden noch immer nicht verzeihen, daß ein römischer Statthalter in Judäa vor beinahe 19 Jahrhunderten den Heiland der Christen verurtheilte und von römischen Soldaten kreuzigen ließ. Die Nationalen, die Deutschvolklichen, Deutschvölkischen, Schönerianer u. dergl. (wer zählt die Namen der Parteien und Parteichen?), welche die sogenannte arische Race und in dieser vorzüglich die Germanen für die von der Natur begünstigte, edelste Blüthe der Menschheit halten, bestimmt, die ganze Welt zu beherrschen und die anderen Völker für das „Herrenvolk" arbeiten zu laffen, diese Racenfanatiker wollen in den Semiten nur die Angehörigen einer niedern, zum Dienen bestimmten Race sehen. Mit lebhafter, von keinem historischen und nationalökonomischen Wißen getrübter Phantasie schildern antisemitische Journalisten, wie mächtig und angesehen der Staat, wie reich, glücklich und zufrieden die Bürger nach Austreibung der Juden in dem rein christlichen oder rein arischen Lande sein werden. Dann wird der Handwerker, von aller Concurrenz frei, mir wenigen Stunden täglicher Arbeit (Sonntagsruhe von Samstag Nachmittag bis Montag Früh) doppelt so viel als letzt verdienen und der Consument Alles um den halben Preis bekommen, der Bauer wird sein Getreide dreimal so theuer als jetzt verkaufen und das Brot nur ein Drittel des jetzigen Preises kosten, Polizei und Gerichte wird man nicht brauchen, denn wann hat je ein christlicher Arier einen Diebstahl oder Mord begangen? Der Sprachenstrett wird aufhören, denn „man wird überall nur deutsch sprechen", sagt Herr Schönerer, „nein, nur czechisch," schreit Dr. Baxa, „nur römisch," brüllt ein Hetzpfaffe. Doch mir, als nüchternem Juden, steht nicht die von reichlichem Alkoholgenuß befeuerte Phantasie der antisemitischen Schmocks zu Gebote, und wenn ich mir ein Bild von dem judenreinen arisch-christlichen Zukunstsstaat machen will, rufe ich die Lchrmeisterin Geschichte zu Hilfe und frage sie, ob nicht schon einmal ein solcher Staat existirte und wie es in ihm ausgesehen hat? Manche steilich meinen, man brauche gar nicht in die Vergangenheit zurückzugehen, man könne, wenn nicht einen Staat doch eine Stadl nach dem anttsemttischen Ideal in der Gegenwart, in allernächster Nähe beobachten. Aber erstens ist Wien noch nicht „judenrein", die darin lebenden hunderttausend Juden bilden doch ein heilsames Gegengewicht gegen die antisemitischen Demagogen, und zweitensist die Commune noch nicht der Staat. Selbst eine Regierung, die-vor den Klosterpforten Halt macht und die sich nur (Siehe „Wiener Zeitung" vom 8. September d. I.) ihrer „consequent dargethänen politischen Unparteilichkeit und nationalen Unbefangenheit" rühmt, aber ehrlicher Weise nicht der Unparteilichkeit in confeffionellen Angelegenheiten, ja selbst eine durchaus klerikal-feudale Regierung wird schandenhalber den christlich-socialen Communisten einige Schranken setzen müssen, ihnen den Staat nicht ganz ausliefern. Aber wir brauchen doch unsere Phantasie nicht anzustrengen. Ein arisch-christlicher Staat hat schon einmal existirt, ja, länger als ein ganzes Jahrtausend existirt. Und seine Bewohner waren nicht etwa christlicher Religion und von arischer Abstammung, ohne darauf besonderes Gewicht zu legen, sondern waren sich dieser ihrer Vorzüge (?) voll bewußt, waren stolz auf ihre Religion und Abstammung. Freilich von Raceverwandtschast wußte man im Mittelalter sehr wenig und von „Ariern" schon gar nichts, aber umso mehr war jedes Volk von der Vorzüglichkeit seiner besonderen Nationalität und seines besonderen Christenthums überzeugt. Die anderen Völker waren Barbaren, die anderen Christen Ketzer. Hielten sich die Römer für das mächtigste, von den Göttern geliebteste, zur Weltherrschaft bestimmte Volk und nannten sie alle anderen Völker Barbaren, so sahen die Griechen, selbst als sie von den Römern besiegt und unterworfen waren, mit Verachtung auf diese herab. Selbst als sie ganz heruntergekommen waren, behielten sie diesen Stolz. Wie Petrarca erzählt, betrachteten sie noch zu seiner Zeit die Italiener als unrein und nannten sie Hunde, „wenn sie es ungestraft thun konnten". Und dieser Vorzug wird den Griechen noch jetzt zugestanden. Selbst der enragirteste Deutschnationale gibt zu, daß das Volk des Plato und Aristoteles, des Homer und Sophokles an Adel und Geistesgröße nur den Deutschen — nachstehe. Freilich gilt dies nur von den Griechen des Alterthums, die ja Heiden waren. Aber wenn die des Mittelalters nicht mehr von ganz reiner Race waren und eine starke Beimischung von Bulgaren, Serben und anderen mehr oder minder barbarischen Völkern hatten, so waren sie dagegen Christen geworden, ja, hielten sich für die wahrsten, besten Christen. Kaiser Konstantin, welcher der Große genannt wird, hat das Christenthum zur herrschenden Religion ° in seinem Reiche und Byzanz zur Hauptstadt gemacht. So war das oströmische Reich schon bei seiner Entstehung zum christlichen Staat kat exochen bestimmt. „In der byzantinischen Staatsidee", sagt Fallmerayer,*) „waren Christus und der Imperator in Eins verschmolzen, das sichtbare Haupt eines Weltreiches, eines himmlischen, eines goldenen Reiches der Mitte, dessen Feldherren nicht mit irdischen Waffen und Söldnern fochten, sondern mit Hilfe des kaiserlichen Segens, kaiserlicher Mirakel und Glaubensdefinitionen gegen die in skythischen und sarazenischen Leibern heranziehenden Geister der Hölle zu Felde zogen." Für die Erben römischer Macht und Heldengröße, griechische Kunst und Wissenschaft, für die Kämpfer Christi gegen Perser, Araber, Türken und andere „Heiden", gegen Juden und K«tz?r hielten sich die „allein rechtgläubigen-" Griechen des byzantinischen Reiches. Wahrlich, es lohnt sich der Mühe, zu untersuchen, wie dieser christlich-arische Musterstaat beschaffen war, wie seine Herrscher für Wohlstand und Sicherheit der Unterthanen sorgten, wie diese ihre Bürgerpflichten erfüllten, wie es da um Moral und Sittlichkeit, um Staatsverwaltung und Rechtspflege bestellt war. Und für uns Juden hat diese Untersuchung, die uns gewissermaßen wie in einem Zauberspiegel das Bild des judenreinen, arisch-christlichen Zukunftstaates zeigen soll, noch besonderes Interesse. Denn wie die heidnischen Griechen Egyptens die ersten Judenfeinde und Judenverleumder waren, so nahmen von dem christlich gewordenen Byzanz die antijüdische Gesetzgebung, die systematische Judenverfolgung ihren Ausgang. Fast drei Jahrhunderte lang, als die Christen noch eine kleine Minorität im römischen Reiche bildeten, hatten sie Gleichberechtigung aller Religionen und Toleranz gepredigt. „Nach dem natürlichen Rechte müsse es jedem Menschen freistehen, in der *) Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters, zweiter Theil, elftes Capitel, S. 317.