Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 42 Dis BlotmPs im Crnkralorgsn für die grsammtrn Interessen des Iudenthums. -k--—- » TR. ft. Pofisparcaffrn-Amr "ClrarinsvrrKehr Ar. 810.976. I Lrdartion und Administration:! »ir« n., Untere Auaarkenflr. la. Telephon - Nr. f 4,S47 K -=^-.7- -- « Wien, 19. Ortober 1900. Erscheint jeöen Freitag. -o»—-n. —- Brief-Uoresse. Wreu, II., Untere Nugartenstraße 1 a« Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Bejuaaprsi* für SeKerretch: , Halbjährig s Kronen.! II Einzelexemplare 50 Heller I jj Jür’B Bualand: | Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene I Pelitzeile 24 Heller. Inhalt. Leitartikel: Aus Böhmen. — Ein arisch-christlicher Musterstaat. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die interconfessionellen Verhältnisse in Oesterreich. Das Ghetto in der Volksschule. Tie Europäer und Asiater. Beim Grafen Pückler. — Dr. Ludwig Ritter von Gutmann. — Jüdische Volkskunde. — Eorresvondenzen: Wien, Pisek, Lemberg, Budapest, Berlin, Schneidemühl, Paris, Odessa, Kiew, Bukarest, Constantinopel, Philadelphia. — Vermischtes: Wien. Brünn, Olmütz, Lemberg, Meran, Czernowitz, Reichenberg, Teplitz, Troppau, Prag, Karlsruhe — Feuilleton: Das Kälbchen. — Literatur. — Briefkästen. — Inserate. Sus Böhmen. Niemals waren unsere Glaubensbrüder in Böhmen in einer schwierigeren Lage, als gegenwärtig angesichts der bevorstehenden Neuwahlen in den Reichsrath. Das gilt von dem czechifchen Sprachengebiet ebenso wie vom deutschen. Hier wie dort hat. der Radicalismus die Judenhetze^zum wirksamen Hebel gemacht, um die gemäßigten Parteien aus dem Sattel zu heben. Ja, seit das Czechenthum von dem verhaßten Deutschthum ohne die geringsten nationalen Scrupel das germanische Giftgewächs des Antisemitismus übernommen hat, hat dasselbe auf den fruchtbaren Gefilden, über die einst Libussa's Scepter herrschte, mächtige Wurzeln geschlagen und die Nachkommen der streitbaren antipapistischen Hussiten in das Joch des Clericalismus zurückgeführt. In Deutschböhmen besorgen die Schönerer und Wolf in merkwürdiger Verblendung die Geschäfte der Jesuiten, im czechifchen Böhmen besorgen dies die Feudalen in trautem Vereine mit Herrn Baxa. Und die Deütschfortschrittler haben so wenig wie die Jungczechen den Muth, der nichtswürdigen Heuchelei, die in dieser Verquickung der confessionellen Hetze mit den nationalen Schlagworten liegt, entgegenzutreten. Seit Jahrzehnten waren die Juden im deutschen Böhmen die treuesten Anhänger der deutschfortschrittlichen Partei, während jene im czechifchen Gebiete sich redlich bemüht haben, ihre deutsche Vergangenheit zu verleugnen und sich dem czechifchen „Wirthsvolke" zu assimiliren. Diese Selbstverleugnung ging so weit, daß der Stolz und Ruhm der böhmischen Judenschaft, die jüdischen Schulen, fast in allen Cultusgemeinden aufgelassen wurden, weil die deutsche Unterrichtssprache derselben den Czechen ein Dorn im Auge war. Den Dank dafür hat man den Juden durch die Plünderungen in Prag, Holleschau und Nachod und durch die Wiederbelebung des Blutmärchens in Polna und die daraus erwachsene tolle Hetze im ganzen Lande abgestattet. Es ist begreiflich, daß unter solchen Umständen unsere böhmischen Glaubensbrüder beider Landessprachen auf das Tiefste empört sind und auch von den kommenden Wahlen sich keine Besserung ihrer Lage erhoffen. Die Entrüstung wendet sich nicht gegen die Herren Wolf und Baxa, die ja stets als offene Gegner aufgetreten sind, sondern gegen die sogenannten Deutschliberalen und die einst so demokratischen Jungczechen, die keinen Finger gerührt haben, um ihren bedrängten jüdischen Anhang gegen den Ansturm der Extremen zu vertheidigen, und die namentlich in der Polnaer Affaire nicht den leisesten Versuch gemacht haben, um der Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit Gehör zu verschaffen. Wohl hat auf dem Trautenauer Parteitage Herr Fournier ein Verdammungsurtheil über den Antisemitismus gesprochen, das wie die aufgethauten Töne des Münchhausenschen Posthornes klang, aber man weiß nur zu genau, daß diese verspätete Tirade weniger der Sorge um die Juden, als der Sorge um die eigenen Mandate, für deren Sicherung man noch immer der jüdischen Stimmen bedarf, entsprang. fSo stehen denn die deutschen wie die czechifchen Jude» Böhmens vor einer keineswegs beneidenswerthen Wahl. Vor die Entscheidung gestellt zwischen muthlosen Freunden und kühnen Feinden, scheinen sie der Parole eines geistvollen Wiener Publicisten, den längst schon die kühle Erde deckt, folgen zu wollen, daß mau von zwei Nebeln gar keines wählen solle. Und thatsächlich wird vielseitig der Entschluß ausgesprochen, sich diesmal der Wahl zu enthaltemMir verstehen die Gefühle unserer böhmischen Glaubensbrüder, wir empfinden mit ihnen — aber Politik wird nicht mit Sentiments gemacht. Die bevorstehenden Wahlen unterscheiden sich dadurch von allen vorangegangenen, daß sie nicht blos einen Wettstreit der Parteien, sondern auch ein Ringen der Staatsgewalt mit den staatsfeindlichen Elementen bedeuten. Und in einem solchen Kampfe müssen die Juden Partei nehmen und ihre politischen Rechte ausüben. Sie waren und sind zu allen Zeiten die treuesten, die opferfähigsten und hingehendsten Staatsbürger. Der Groll ob erlittener Unbill, ob des unterbliebenen Schutzes von Seiten Derer, denen sie jahrzehntelang die uneigennützigsten Dienste geleistet haben,