Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021373--10286-3034759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 742 Dr» Blortz's Wochrnft^rW, Nr. 4t Zu einem jüdischen Weisen sprach einst ein heidnischer König: „Euer Gott ist ein Dieb, denn er hat dem Adam eine Rippe gestohlen." Das hörte die Prinzessin, und plötzlich bat sie ihrer. Vater, einen Richter holen zu lassen. „Wozu bedarfst Du eines Richters?" fragte d^r König. „Er soll einen Dieb bestrafen, der des Nachts in meinem Palast eindrang/ „Und was stahl er Dir, meme Tochter?" „Während ich schlief", antwortete die Prinzessin, „schlich er in mein Zimmer, nahm eine silberne Schale und hinterließ anstatt ihrer eine goldene." „Da möchte ich doch viele solche Diebe sehen," rief der König erstaunt. „Und hat denn der Gott der Juden nicht ebenso gehandelt?* fragte darauf die kluge Prinzessin. „Ec nahm einem schlafenden Menschen eine Rippe, und gab ihm statt ihrer eine Frau." Oder hat vielleicht das Leben Deine Hoffnungen getäuscht, und darum, mein sonderbarer Gast, lagert Trauer auf Deiner hohen Stirn? Du bist zu stolz, mein Bruder. Gott straft den Hochmuth, und erhebt diejenigen, die demüthigen Sinnes. Höre, was in der Vorzeit sich ereignete: „Als Gott die Welt erschuf, traten die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabetes, die mit einer flammenden Feder geschrieben, in seiner Krone glänzen, vor ihn hin und Jeder bat demüthig, daß Er doch das Schöpfungswerk mit ihm beginnen solle. Der Ewige wählte den Buchstaben „SB" mit dem auch einer der schönsten Psalmen zu seinem Lobe beginnt und schrieb die Worte: „Berejschis boro". Nur der Buchstabe „äles" stand in der Entfernung und gesellte sich nicht zu den Bittenden. „Warum schweigst Du", fragte der gütige Schöpfer, „hast Du denn keinen Wunsch?" „Herr der Welt", antwortete das alef, „ich bin der Aermste unter allen Buchstaben; als Zahl gleiche ich einer Eins. Wie dürfte ich, Elender, es wagen, mich Dir zu nähern und mit Dir zu sprechen? . . . „Für Deine Bescheidenheit und Demuth", sprach Gott, „sollst Du der erste unter den Buchstaben sein. Du bedeutest: „Eins". Auch ich bin Einer, und die Lehre ist Eine." Und weißt Du, mein Freund, daß einstens Sonne und Mond in gleichem Lichte strahlten? Aber der Mond entbrannte in sündhaftem Ehrgeiz. „Herr", sprach er eines Tages, „es ist nicht gut, daß das Licht des Tagesgestirns dem weinigen gleicht. Auf diese Weise kann doch Niemand den Mond von der Sonne unterscheiden." „Gut", erwiderte der Schöpfer, „ich werde die Unterscheidung erleichtern. Zur Strafe für Deinen Stolz und Hochmuch soll Dein Licht vermindert werden." Entwölke, mein Bruder, Dein düsteres Antlitz. Zwar stürmt es draußen, und Kälte und Hunger sind bei uns zu Gaste. Was thut das jedoch? . . . Bald kommt der Frühling mit seinen lächelnden Sonnenstrahlen, mit dem saftigen Grün seines Grases, mit dem Duft von Flieder und Jasmin. Milde Lüfte werden wehen, denn er ist da, der köstliche Monat Mai, der die Welt in ein Paradies verwandelt. Glaub' mir, sie wird kommen die Zeit... Und weißt Du, mein Freund, wie die verschiedenen Völker sich das Paradies vorstellten? . . . Liebst Du die traurigen, echsäischen Felder der Griechen und Römer, mit den bleichen Schemen, die dort umherirren? . . . Oder die Walhalla der alten Germanen und Skandinavier? Mit ihrem ewigen Kampf und Waffengeklirr, rauchend von warmem, frisch vergossenem Blute, mit ihren sinnlichen Freuden, die aus Gastmälern und Umarmungen der tapferen Walküren bestanden, konnte sie nur das Ideal eines wilden, maßlos leidenschaftlichen Menschen sein. Das Paradies der arischen Völker wiederum ist vielleicht asketisch und ideal, aber die Farben, mit denen es gemalt ist, sind so blaß, wie sie eben nur die rhachitische, unter den bleichen Strahlen der nordischen Sonne entwickelte Phantasie hervorzubriugen vermochte. Laß' uns nach dem Orient gehen, dort schildert die feurige Phantasie der Araber mit flammenden Griffel das Paradies Muhamed's. Aber welch' an Wahnsinn grenzende Sinnlichkeit enthält die Beschreibung der Houris, die dort den Frommen als Belohnung erwarten. Wie ganz anders ist das jüdische Paradies, aus dem unsere Voreltern vertrieben wurden. Höre, wie sie lautet, die uralte Legende: „Im Garten Eden, der keine Grenze im Raume kennt, befinden sich zwei Thore, die aus Jasyis, Smaragden und kostbaren Juwelen bestehen und an denen sechsmalhunderttausend Engel Wache halten, strahlend in himmlischer Glorie. In der Mitte dieses Gartens wächst der Baum des Lebens, dessen weitverzweigte Aeste von einem Ende bis zum anderen sich erstrecken. Dieser ungewöhnliche Baum trägt Früchte, die fünfmalhunderttausend Arten von Gerüchen haben und deren Geschmack dieselbe Verschiedenheit aufweist. Hie und da sind Zelte und Lauben aus Gold, Topasen und Saphiren; Wände, die aus glänzenden Wolken und feurigen Blitzen bestehen, trennen diese Zelte von einander, und hinter einer jeden Wand befinden sich dreihundertundzehn wunderbare schöne, grenzenlose Welten zwischen den Bäumen fließen Ströme, mit Wellen aus Milch, Honig, duftenden Oelen und Rosenwasser. In jeder Ecke des Gartens wachsen achtmalhunderttausend wohlriechende Kräuter, und ein Chor von sechsmalhunderttausend Cherubim singt mit süßen Stimmen Lieder zum Preise Gottes. Die Sonne leuchtet bei Tag und Nacht mit achtmal verstärktem Glanze; ihre goldenen Strahlen spiegeln sich in den Juwelen wieder, und füllen den Garten mit großem, Hellem, wunderbarem Licht . . . Ueber dem Baume des Lebens segeln durchsichtige, strahlende Wolken dahin, und dem Paradies garten entströmen süße, berauschende Düfte und vertheilen sich in alle Gegenden der Welt. Stille und Sonne ..." Welch' einer mächtigen, und doch jeder Sinnlichkeit baren Phantasie entstammt diese Schilderung des jüdischen Paradieses! Weder Houris, noch Walküren, nur Glanz, Wohlgeruch, Gesang und Sonne, Sonne ohne Ende. . . Doch Du bist immer noch traurig, mein sonderbarer Gast! . . . Sprich, was bedrückt Dich, vielleicht werden wir zusammen Rath schaffen können. . . Theile Deinen Schmerz mit mir, mein Bruder! -. . . Vertrauen und gegenseitige Hilfe sind eine große Macht. In einer alten Legende wird der Nutzen der Solidarität folgendermaßen beschrieben: Als die Bäume zum erstenmale das Eisen erblickten, erschracken sie sehr, denn sie dachten: „Nun wird der Mensch kommen, eiserne Aexte schmieden und uns Alle vernichten." Das Eisen jedoch beruhigte sie: „Warum fürchtet Ihr Euch?" sprach es. „Lebt nur in Eintracht, scheuet den Verrath, und ich werde Euch keinen Schaden zufügen können; denn woher wird man Holz zu Stielen der Aexte nehmen?'. . . Aber Du bist immer noch traurig, mein jugendlicher Gast! . . . Hole die zweite Leier von der Wand hinunter. Vermittelst Erzählungen wunderbarer Legenden und weiser Parabeln kann ich die böse Sorge aus Deinem Herzen nicht bannen. So laß' uns denn zusammen ein Lied aus längstvergangenen Zeiten singen; vielleicht wird es dem Zauber der Melodie gelingen, Deine Seele von der Trauer zu befreien ... Ende. Gtngesendet WertherHerrDoctor! In der Nr. 40 Ihrer werthen Wochenschrift findet sich eine größere Notiz aus Budapest, ein Auszug aus Matleko vitz's Buch: „Das Königreich Ungarn, volkswirthschaftlich und statistisch dargestellt". Unter anderen sehr intereffanten Ziffern findet sich auch die der unehelichen Geburten bei Juden, die jene anderer Confessionen übersteigt. Alle Achtung vor dem national-ökonomischen Wissen dieses Autors, welches europäische Würdigung genießt; alle Achtung vor Allem vor seinen Ziffern. Es ist aber bekannt, wie vorsichtig man sein muß, von lobten Ziffern auf einen lebendigen Organismus zu schließen. Dies will ich an einem Beispiel demonstriren. Bei einer statistischen Arbeit kam mir auch die Ziffer der unehelichen Geburten bei den Juden in Galizien zur Hand; sie war erschreckend — ja fast unglaublich. Ich nahm dann das Werk Prof. R a u ch b e r g's zur Hand, das die Ergebnisse der letzten Volkszählung, sorgfältig gesichtet, darstellt, und fand daselbst eine interessante Erklärung, die auch eine andere Anomalie auflöst. Die Anzahl der weiblichen Dienstboten in höheren Altersstufen war nämlich auffallend hoch angegeben. Prof. Rauchberg gibt folgende Aufllärung: In Galizien heiraten noch immer viele Paare blos rituell (hauptsächlich, weil die legale Eheschließung mit ihrer Herbeischaffung der Papiere zu kostspielig ist). Ihre Frauen müssen dann als Dienstboten gemeldet, ihre Kinder als illegitim matrikulirt werden. Ein ähnlicher Zustand ist meines Wissens in Italien eingeriffen — allerdings dort bei den Katholiken.