Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 734 Dr, Moch^s Wochrnfchrist. Nr. »1 folgte, so muß man füglich über den Widerspruch staunen, der darin liegt, daß er trotzdem die Oesterreichisch-ungarische Bank judenrein wißen wollte. Dabei darf man nicht vergessen, daß viele Bankdirectoren und sogar Vieegouverneure, demnach die Vorgesetzten Lukam's, Juden waren. Warum wir den Hingang des Herrn von Lukam zum Thema eines Artikels wählen, ist zu erfahren nicht ohne Interesse. Lukam ist schon seit nahezu 20 Jahren in Pension und in der letzten Zeit ganz einflußlos gewesen, er theilte das Schicksal aller guten Öesterreicher und Patrioten. Nachdem er dem Staate durch die Reorganisation des Zettel-Institutes unvergängliche Dienste geleistet hatte, wurde er kaltgestellt, allein fein Geist lebte in der Oesterreichisch-ungarischen Bank weiter fort, zumindest was Oesterreich betrifft. In Oesterreich wird nach wie vor weder in der Hauptanstalt noch in den Filialen ein Jude angestellt; in Ungarn freilich, wo man mit dem Altliberalismus, der sich von dem Antisemitismus nur dem Namen nach unterscheidet, kurzen Proceß gemacht hat, wo einzig und allein der wahre, echte, unverfälschte Liberalismus Geltung besitzt, sind sowohl bei der Pester Hauptanstalt, als auch bei den Filialen jüdische Beamte, einige sogar in höheren Stellen, thätig. Ritter v. Lukam brachte sich der jetzt lebenden Generation in Erinnerung durch die Veröffentlichung seines Testamentes. In diesem Testamente verfügte Lukam unter Anderem auch die Errichtung von zwei Stiftungen, mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß die Verleihung „ohne Unterschied der Confession" zu erfolgen habe, demnach das platonische Verhältnis gegenüber den Juden auch testamentarisch festgelegt erscheint. Ad vocem, „ohne Unterschied derConfession". Diese Clausel wird in letzter Zeit vielfach angewendet, bei Schenkungen, Widmungen, Vermächtnissen, Errichtung von Stipendien u. s. w. Es ift wohl zweifellos, daß die betreffenden Mäcenaten bona iides'handeln und tatsächlich den Willen haben, daß von ihrer Großmuth auch Juden ein bescheidener Antheil zukomme. Wie anders ist dies aber in der Praxis! Es ist ja kein Geheimniß, daß Juden als Competenten derartig interco ifessioneller Beneficien unberücksichtigt bleiben; wenn Juden von dem Genüsse von Stipendien, die von Ariern errichtet worden sind, trotz der Clausel „ohne Unterschied der Confession" ausgeschloffen werden, so ist dies nicht edel gehandelt, tiefbetrübend aber ist es, wenn ihnen, wie dies in der Aera des Antisemitismus so häufig geschieht, die Thüre gewiesen, auch in Fällen gewiesen wird, wo es sich um von Jude» errichtete Widmungen handelt. Es muß daher immer wieder darauf hingewiesen werden, daß es nothwenbig ist, eine reinliche Scheidung zu machen und genau den Percentsotz zu fixiren, mit welchem man Juden bei Verleihung von Stipendien-Genüssen berheilt wissen will, wenn man überhaupt die Absicht hat, daß sie von dem Genüsse nicht ausgeschlossen werden. Es wird daher allen Glaubensgenossen, die in der glücklichen Lage sind, Geschenke zu machen und letztwillig humanitäre Acte zu bestimmen, ans Herz gelegt, klipp, und klar die Beträge oder den Percents, tz namhaft zu machen, welche man Juden zuzuwenden die Absicht hat, denn groß ist die Noth und tief das Elend der Juden. Das Bewußtsein, die trostlose Lage einzelner Glaubensgenoffen oder ganzer Familien gemildert zu haben, dürfte wohl als Entschuldigung für die Härte dienen, die darin liegt, die Wohlthätigkeit zu quotiren. Eduard Beer. Vom Jahrmarkt des Lebens Goethe über die Gedichte eines polnischen Inden. In den Recensionen in den Frankfurter gelehrten Anzeigen (gr. Cotta'sche Ausgabe 1868, XXVII, S. 25 ff.) besprach Goethe „Die Gedichte von einem polnischen Juden, Mietau und Leipzig 1772, 8° 96 S.", ein jetzt sehr selten gewordenes Buch. Goethe spricht sich ziemlich abfällig über die Poesien aus; er hatte viel erwartet und fand nach seiner Ansicht Mittelmäßigkeit. „Es ist recht löblich, ein polnischer Jude sein, seiner Handelschaft entsagen, sich den Musen weihen, deutsch lernen Liederchen ründen; wenn man aber in allem zusammen nicht mehr leistet als ein christlicher dtudiant en belles lettres auch, so ist es, däucht uns, übel gethan, mit seiner Judenschaft ein Auffehen zu machen." Aber des polnischen Juden Mittelmäßigkeit ist die gleiche wie die seiner Vorbilder: er steht nicht unter Gleim, Ramler und Uz. Das hat auch Matthison anerkannt und sechs Gedichte von ihm in seine lyrische Anthologie ausgenommen. Es ist daher anerkennenswerth, daß Daniel Jacoby in Berlin das geringe biographische und literarhistorische Material über Jsaschar Falkensohn Behr zusammengetragen und in einem sehr lesenswerthen Aufsatze im jetzt erschienenen „Euphorion" veröffentlicht hat. Der deutsche Dichter jüdischen Stammes war 1746 zu Saltin in Samogitien geboren und widmete sich dem Handel, der ihn nach Königsberg führte. Dort wurde ihm ein Stück Sammet gestohlen, sein ganzer Reichthum, ein Ereigniß, das ihn belehrte, „Wandelnd Erz sey kein Quell steter Zufriedenheit". Er fürchtete sich heimznkehren, und lernte deutsch in bitterster Armuth, aus der ihn Moses Mendelssohn, zu dem er 1768 oder 1769 nach Berlin empfohlen kam, herausriß. Karl Lessing, des großen Lessing Bruder, erzählt, wie er Anfangs kaum mit ihm wegen seiner mangelnden Sprachkenntnisse verkehren konnte. Aber bald schrieb Behr gut Deutsch und verstand genug Lateinisch, Französisch, Mathematik, Philosophie und Medicin. Er trat Ramler näher, den er besang als den Barden an der Spree, Teutoniens Stolz: Auch mir gab Melpomenens Hand die Laute; Doch auf Lithuaniens kalten Höhen Wild erwachsen, rühr' ich sie roher, als der Nordwind erbraust. Lehre mich, o Meister der deutschen Leyer, Lehre mich ein Lied dir nachhallen! Sing' ich Je ein Lied der Ewigkeit, so ist cs dir ein Ewiges Danklied. Behr studirte in Berlin und Leipzig Medicin und erhielt 1772 in Halle die Doctorwürde. Voll Anhänglichkeit an die Eltern und die Heimat kehrte der polnische Jude nach Curland zurück, er wirkte in Hasenpoth bei Libau, kam 1779 nach Mohilew und St. Petersburg, sonst weiß man nichts von seinen Verhältnissen; er soll schon Frau und Kinder gehabt haben, als er nach Königsberg kam; ob er 1781 in Hasenpoth gestorben ist, ist auch nicht bezeugt. Unter anderem hat Behr eine Candate gedichtet, „Andromeda", die Matthison als lyrisches Melodrama mit Chören 1805 in seiner Anthologie mit veröffentlicht hat und die vielleicht componirenswerth ist. Wir fügen noch Jsaschar Falkensvhn Behr's „Sehnsucht nach dem Frühling" bei, in seiner Fassung; Ramler sowohl wie Matthison haben daran ver—bessert l. Holder Frühling! kehre wieder Und belebe die Natur! Gib der Nachtigall die Lieder, Und die Blumen gib der Flur! 5. Gib das Grün dem Thal und Hügel Und den Wäldern schenk' ihr Haar, Gib den Zephyrn ihre Flügel Und die Freude ruf' ins Jahr. 9. Daß Hirtinnen dann und Hirten, Um den Schlaf den Blumenkranz, In dem Schatten dunkler Myrthen, Froh sich dreh'n im Reihentanz. — 13. Ach! vielleicht — liest Rosalinde Mir im Aug' dann meinen Schmerz; Billigt, was ich still empfinde. Schenkt zum Lohne mir ihr Herz. Vielleicht hat der junge Goethe doch zu stürmisch-drängerisch geurtheilt, und schade, daß ihm der polnische Jude, wie Goethe selbst wünschte, „auf dem Wege, wo wir unsere Ideale suchen, nicht einmal wieder und geistiger" begegnet ist. Behr's Gedichte hatten den sonst nicht leicht bestechlichen Knebel zu der Aeußerung veranlaßt, daß die jüdische Natwn sehr viel verspreche, wenn sie einmal erwache. (Nachlaß 2, 111.) Heine möchte keinen Geschmack an Behr gefunden haben. Die jüdische Bauchfellentzündung. Aus Berlin schreibt der „Fr. Zeit." ein dortiger Arzt: In einer der letzten Nummern irgend einer medicinischen Wochenschrift (Weshalb die Geheimnißthuerei? Es ist die Deutsche Medicinische Wochenschrift. D. Red.) wird in einer Abhandlung über die tuberculöse Bauchfellentzündung von einem ordentlichen — natürlich von einem ordentlichen — Professor, den wir nicht