Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Bloch's WochrnfchrM Sette 733 Aus den gegebenen Beispielen ersieht man leicht, wie sich in Nietzsche's Lehren ein contratictorischer Gegensatz zu den herrschenden Anschauungen offenbart. In einem Bilde läßt sich seine Wirkung verständlich machen. Er pocht mit dem Hammer seiner Kraftausdrücke an unsere Pforten; wir öffnen ihm und werden von seiner etwas extravaganten, aber doch nicht ganz ungewöhnlichen Kleidung angenehm berührt, unterhalten uns mit ihm und finden, daß in ihm etwas Besonderes, Unzeitgemäß e s, A n t i m o d e r n e s ist, was uns zur Verwunderung und Bewunderung hinreißt. Nietzsche's Wort „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Uebermensch, ein Seil über einem Abgrunde" fällt mir ein und ich möchte ihm als einen kraftvollen Tänzer auf diesem Seile bezeichnen, den wir angaffen, ohne daß wir ihn nachahmen könnten. Wir hören seine Spottwörter über die Einbildung der „letzten Menschen", die das Glück erfunden zu haben glauben und blinzelnd sprechen: „ehemals war alle Welt irre"; wir bemerken seine Verachtung unseres schwächlichen Zeitalters; allein uns scheint dieser letzte Mensch noch menschlicher zu sein als der erste Uebermensch. Wenn wir N i e tz s ch e r e i s sind, wissen wir, daß der Zukunftsmensch, den er predigt, ein Ideal ist, das nicht ganz verwirklicht werden kann und eigentlich auch soll. Wenn wir auf der Höhe der Cultur stehen, um Nietzsche in unserem Geiste zu empfangen, so wissen wir, daß er bei uns nicht dauernden bleibenden Aufenthalt nehmen darf, sondern nach feierlicher Begrüßung weiter ziehen soll. Nietzsche ist ein großartiger Tunnel, den man durchziehen soll, um schnell in die lichte luftige Heimat zu gelangen. Er kann wohl Bahn, aber nicht Ziel, Lehrer, aber nicht Meister und Muster sein. Er bedient sich der Symbole von Adler und Schlange und in seinen Lehren sind thatsächlich beide vorhanden. Vor Allem sind es bei ihm einzelne Ausspüche, in welchen sich große anziehende Lehren bergen. Ich will hier einige nennen, die sich gerade in mein Bewußtsein drängen. „Ihr habt den Weg vom Wurm zum Menschen gemacht und Vieles ist in euch noch Wurm." „Ich überspringe oft die Stufen, wenn ich steige, das verzeiht mir keine Stufe". „Immer Einmal Eins, das gibt auf die Dauer Zwei." „Der Freund, der beste Feind." „Nicht Nächstenliebe, sondern Fernstenliebe." „Es gibt Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf." „Die größten Ereignisse,- das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden." „Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man." „Die Nächstenliebe als Liebe zum Nachbar des Nächsten." Diese Aussprüche, die den verschiedensten Gebieten angehören und hier bunt durcheinander wiedergegeben sind, zeigen, daß Nietzsche's Worte mystisch wie die Poesie, vieldeutig wie das Leben, tief wie die Philosophie, anregend und aufregend wie revolutionäre Schriften sind. Die Hauptkraft seiner Wirksamkeit liegt jedoch in seinem Grundcharakter der G e g e n s ätz l i chk e i t zur Weltanschauung, die gegenwärtig das Scepter führt. Die Antwort auf die Frage, was ist uns Nietzsche, umfaßt schon die Erklärung, was uns Nietzsche sein kann. — Es gibt keine absoluten Wahrheiten und keine Lehre erklärt vollständig das Innenleben und das Weltgetriebe. Man muß auch etwas von der Weltanschauung des Gegners zu Hilfe nehmen, um sich das Weltbild voll und ganz erklären zu können. Auch der Schatten hat seinen Werth und darf nicht veräußert werden. Durch die entgegengesetzte Ansicht wird die unserige geläutert und ergänzt. Die größte Errungenschaft der Neuzeit, die Lehre von der Toleranz kann auch nur in dieser Erkenntniß ihre Grundlage finden — was ich hier nicht näher ausführen darf. Nietzsche kann somit der unzeitgemäße Geist sein, der gleichsam den herrschenden Zeitgenius bändigt dadurch, daß er uns zeigt, wie all das, was wir für fest und sicher halten, auch umgestürzt werden kann, das man nach dem jüdischen Volksausdruck auch „umgekehrt fahren, leben und denken kann". Der Staatsgedanke ist jetzt für Viele ein Gott, für so manche Juden ein Messias; nach Nietzsche ist er ein Götze, woraus wir lernen können, daß er uns Viel, aber nicht Alles sein soll. Bei der Maffe ist die Wahrheit und des Volkes Wille soll herrschen, verkündet der Demokratismus unserer Tage, sprechen laut und schreiben feurig manche Juden und Judenstämmlinge, Nietzsche hingegen will die Autorität des Uebermenschen triumphiren lassen über die Majorität der Alltagsgeschöpfe, was uns veranlaffen soll, „ein Volk von Priestern", eine „aristokratische Demokratie" heranzuziehen. In der Gegenwart wird der Frau die Fähigkeit zu Allem zugeschrieben und das Recht auf Alles zugesprochen, während Nietzsche dem Weibe auch die Fähigkeit zur Freundschaft und Kindlichkeit abspricht, was uns das Ideal der Frauenemancipation mit Besonnenheit fassen lehrt. Die ethische Bewegung macht in unserer Zeit in den verschiedensten Formen von sich reden und Israeliten sind oft als ethische Apostel zu verzeichnen, während Nietzsche unsere ganze Moral verneint. Wir dürfen ihm nicht folgen, aber sein Auftreten kann uns vor S ittenrichterei und conventioneller Moral bewahren, seine Lehre als Salz dienen, das unsere Ethik vor Fäulniß bewahrt. Die wahre oder erdichtete Vergangenheit der Völker bestimmt jetzt oft in unnatürlicher Weise ihren Entwicklungsgang, und auch bei Juden wird das vergängliche Moment in der Geschichte der Vergangenheit zu wenig berücksichtigt, während Nietzsche hingegen der Geschichte den Krieg erklärt. In Wirklichkeit sollte man dem Zarathrustraspruche huldigen: „Ich bin von heute und ehedem aber etwas ist in mir von morgen und Uebermorgen — und einstmals." Unsere Betrachtung hat ergeben, daß für uns Nietzsche eigentlich kein „Erfinder von Werthen", sondern von „Lärm" ist, aber von einem Lärm, der einen großen erzieherischen Werth haben kann. Die Lehre von Thesis, Antithefis und Synthesis können wir auch hier anwenden. Die Thesis vertritt die Zeitanschauung, die Antithesis die Nietzsche'sche Philosophie und zu einer gewiffen Synthesis kann Jeder nach der Tiefe seines Denkens und der Höhe seines Charakters gelangen. Ein Nietzschewort lautet: „Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Der- Philister glaubt, in seinem Innenleben, in seiner Weltanschauung einen Kosmos zu besitzen; Nietzsche verwandelt diesen Kosmos in ein Chaos, aus dem ein Stern geboren werden kann, der in dem angedeuteten Sinne leuchtet. „Ohne Unterschied der Conseflion.^ Wien, den 11. Oktober 1900. Wieder haben sie einen Liberalen aus der alten Schule zu Grabe getragen. Im Ritter v. Lu kam, der vorige Woche auf dem Hietzinger Friedhofe zur ewigen Ruhe gebettet worden, ist wohl einer der letzten aus der altliberalen Schule aus dem Leben geschieden. Gleich Schmerling und Laffer war er der Urtypus des Altliberalismus, dessen Charakteristikon bekanntlich darin bestand, daß man in Principe dem doctrinärsten Freisinne huldigte, in der Praxis aber gegenüber den Juden eine Ausnahme gelten ließ. Schmerling, der Vater unserer Verfassung, war den Juden gegenüber wohlgesinnt, er verkehrte vielfach mit ihnen und wußte ihre Verdienste um die 48er Bewegung vollständig zu schätzen, allein er stellte das Axiom auf, daß ein Jude sich der Beamtenlaufbahn nicht zuwenden dürfe, namentlich wollte er die Juden aus der richterlichen Praxis ausgeschlossen wissen, und es kostete ihm große Ueberwindung, daß er den Juden die Advocatenpraxis freizugeben bemüffigt war. Lasser war von den gleichen Grundsätzen beseelt und decretirte, daß Juden im Verwaltungsdienst nichts zu suchen haben, dagegen ist er sehr freigebig mit Nobilitirungen von Juden gewesen. Mit baronisirten Juden mochte er verkehren, allein er duldete nicht, daß ein Jude auch die allerfimpelste Stellung im Verwaltungsdienste einnehme. Lu kam war allerdings kein Minister, aber als Generalsecretär der Oesterreichisch-ungarischen Bank hatte er eine hervorragende Stellung inne, die in mancher Richtung an Einfluß und Bedeutung die eines Ministerpräsidenten überwog. Namentlich in Personalfragen, beziehentlich die Anstellung von Beamten in den ersten und bedeutendsten Bankinstituten der Monarchie war einzig und allein er maßgebend. Aber auch Lukam's Credo war, in die Oesterreichisch-ungarische Bank dürfe als Angestellter kein Jude hinein. Wenn man bedenkt, daß es in dem Berufe Lukam's gelegen war, mit der haute finance zu verkehren, die doch sich nahezu ausschließlich aus der Judenschaft recrutirt und daß er auch thatsächlich mit den nobilisirten und nicht nobilisirten Finanzbaronen einen freundschaftlichen Contact unterhielt, daß er deren Rathschläge in wichtigen Angelegenheiten einholte und auch öe