Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seilc 732 Nr. Bloch's Wochenschrift. Nr 41 Was ist uns Nietzsche als ^Antizeitseist". Von Dr. Niemirower, Rabbiner der Stadt Jassy. Friedrich Nietzsche, der kühne Denker und bezaubernde Schriftsteller, ist zu Grabe getragen worden. Seine Freunde und Jünger, die gerne Uebermenschen sein möchten, schämten sich der menschlichen, allzumenschlichen Thränen, klagten nicht, sondern jubelten an der Bahre ihres Meisters. Alle, die sich gleichsam in dem von Nietzsche geschaffenen Meere, das „den schmutzigen Strommensch in sich aufnimmt, ohne unrein zu werden, gebadet, Alle, welche die Gletschergebirge Nictzsche'scher Philosophie bestiegen oder blos von unten gesehen, trugen in verschiedenen Zeitschriften zur Errichtung eines Ruhmestempels für den verblichenen Gedanken Napoleon bei. Auch der vornehme Gegner des modernen Zarathrustra, Profeffor Ludwig Stein, Ordinarius an der Berner Universität, hat dem genialsten Vertreter der Aristokratenphilosophie in der „Neuen Freien Presse" einen Altar errichtet. In den jüdischen Zeitungen wurde der Bewunderer Israels, der rücksichtslose Bekämpfer des Antisemitismus gefeiert. Die Juden, die sich leider daran gewöhnt haben, die Z-itgrößen auf Seiten ihrer Feinde zu sehen, gerathen in Extase über jedes Wort der Anerkennung aus denr Munde einer gefeierten Persönlichkeit; sie denken nicht viel darüber nach, ob es eine so hohe Ehre ist, das claffische Volk der „Sclavenmoral" zu sein, und ob nicht andererseits die Nietzsche'sche Ueberschätzung der Juden als Herrenstamm die Faseleien der Antisemiten von der Gefährlichkeit und Macht der Juden legitimirt. Ich möchte hier weniger vom Standpunkte des Mannes, der alle moralischen Werthe umwerthet hat, sondern vielmehr vom Gesichtspunkte eines gerechten Gegners ausgehend die Frage behandeln: Was ist uns und was kann uns Friedrich Nietzsche sein? Worin liegt die Zauberkraft des Nietzsche'schen Genius? Wie mir scheint, kann ich mit einem Worte eine genügende Antwort geben. „Antizeitgeist" — das ist wohl der Schlüssel zum Geheimniß seines mächtigen Wirkens. Der Gegensatz wirkt überall und aus Jedermann. Besonders in unserer Zeit, in der man eine Vorliebe für dos Umwenden aller Begriffe, Umstürze l aller Ideale, auf dem Kopfstellen aller Ideen hat (Vergleiche meinen Artikel „Das umgekehrte Haus"), muß eine den Himmel der Religion stürmende, die Erde der Moral umwälzende Lehre packend wirken. Man kann paradox behaupten, daß es im Wesen unseres Zrckg-istes liegt, daß ihn der Antizeitgeist fesselte. Eine Bedingung freilich muß erfüllt werden, wenn das Kühne, Neue, das Gewaltige, Entgegengesetzte wirken soll: die Form der neuen Offenbarungen muß uns anheimeln, berauschen, ein wenig überraschen und doch nicht ganz fremd sein. Der Stock, mit dem man den Prügelknaben Zeitgeist bearbeiten soll, muß wenigstens in mancher Beziehung den gewöhnlichen Spazirrftöcken ähnlich sein. Der Rahmen des neuen, aufsehenerregenden Bildes soll unserem Geschmacke entsprechen. Wie in manchen Individuen ein gewiffer Trieb zur „Bindung", eine Lust zum Mißhandeltwerden sich findet — was sich bis zum pathologischen Masochismus steigert, so empfindet gleichsam der Zeitgeist eine gewisse Lust darin, mit seinem Gegensätze in Reibung zu gerathen; es muß jedoch etwas sein, was diese gerne mit einander ringenden Geister verbindet. Ohne Bilder gesprochen, übt die Lehre des unlängst dahingeschiedenen Denkers auf uns einen so großen Einfluß aus, weil sie einen lebendigen Widerspruch gegen unsere Anschauungen ihrem Gehalte nach bildet, in der Form aber dem Zeitgeschmäcke zusagt. Da wir Juden nun, von manchen Eigenthümlichkeiteli abgesehen, so sehr modern sind, so daß wir als Spiegel der Neuzeit dienen könnten, findet man in gewissen jüdischen Kreisen eine beachtenswerthe Nietzscheverehrung. Es ist eine weitverbreitete Ansicht, daß bei Nietzsche besonders die Form, die Prägung der Worte, die Construction seiner Arbeiten, die Hülle seiner Gedanken gelulde eine originelle ist, was vollständig zutrifft. Allein im Großen und Ganzen huldigt man in unserer Zeit allgemein verblüffenden Ausdrücken, niederschmetternden Wortblitzen, betäubendem Styldonner. orakelhaften Redewendungen und prophetischen Superlativen. In Bezug auf Nietzsches einschmeichelnde Form, ist Folgendes zu bemerken: a) Seine Schriften sind aphoristisch, und in der Gegenwart zieht man Aphorismen ungebundenen Auseinandersetzungen, sestgebauten Systemen vor. Den Juden muß diese Art des Philosophicens anmuthen, da der Grundzug seiner Wissenschaft und Literatur, die allerdings auch architektonisch zu-, gerichtete Systeme aufweist, aphoristisch ist. b) In seinen Werken ist der philosophische Jargon überwunden, was natürlich für unsere Zeit ein bedeutsamer. Vorzug ist und auf den modernen Juden, der seit der Mendelssohn'schen Epoche sich für schöne Schreibweise immer begeistert, einen nur fangenden Eindruck machen muß. c) In Nietzsche's Schriften ist die M ischung ein hervorstechender Charakterzug, die Mischung von Philosophie und Poesie, Klarheit und Mystik, von Geistreichem und Geisterhaftem, von Naturgewalt und Kunstmeisterschaft. In unserer Zeit ist nun solche Mischung auf der Tagesordnung. Die Dramatiker, philosvphiren, die Philosophen dramatisiren. So Manches erinnert an die „bunte Kuh" bei Nietzsche und man möchte seine Worte, wenn auch nicht in seinem Sinne, ausrufen: „Mit fünfzig Kleksen bemalt an Gesicht und Gliedern, so saßet ihr da zu meinem Staunen, ihr Gegenwärtigen." Bei den neuzeitlichen Juden ist nun die „Heimat aller Farbentöpfe" die Vermengung verschiedenartigster Elemente, nicht nur iu Gedanken und im Gefühle, sondern auch im Style zu finden. Wie bezüglich der Form Nietzsche's Schriften trotz ihrer interessanten Eigenart so sehr dem in der Jetztzeit allgemeinen und. besonders bei den Juden Beliebten leicht anzupassen sind, so ist hingegen der Inhalt dieser Werke vollständig „anti" Gegensatz und Widerspruch und herausfordernder Protest. a) In unserer Zeit hat der Staatsgedanke einen großen Aufschwung genommen. Der Staat ist nicht mehr — nach dem Ausspruche Lassalle's — ein bloßer Nachtwächter, er will vielmehr die Sonne des ganzen Volkslebens sein. Nietzsche hingegen will diesen „neuen Götzen" entthronen, was die Aufmerksamkeit des Juden besonders erregt, der in früheren Jahrhunderten vom Staatswesen zurückgedrängt worden war und erst in diesem Jahrhundert zu diesem Götzen in innige Beziehung getreten und von ihm Heil und Heilung erwartet. b) Die Jetztzeit steht unter dem Zeichen des Demokratismus. Auch die aristokratischen Parteien salben sich mit ein wenig demokratischen Oel. Dem Massengeist dienen besonders gerne Inden in Folge ihrer geschichtlichen Entwicklung wie als Resultat der erzieherischen Wirksamkeit des Judenthums. Nietzsche hingegen verachtet diese „viel zu Vielen" und will den Uebermenschen zum Weltherrscher erheben. Bei den Rabbinen findet sich allerdings ein Ausspruch, daß die Welt eigentlich nur für den „Hadik" bestehe. Im Chassidismus hat man auch dem Wunderrabbi eine Rolle des Uebermenschen und Ueberjuden zugemessen, was an Nietzsche's Kühnheit erinnert. Wenn auch dieser chassidäische Uebermensch keine „blonde Bestie", kein Muskelriese, kein Gehirnheld, sondern ein heiliger Gottesmann ist. Allenfalls gelangt das Judenthum nicht in den genannten Verirrungen zum Ausdrucke, sondern ist in seinem Grnndwesen demokratisch. e) Die Frauenemancipation, allenfalls die Steigerung in der Werthschätzung des weiblichen Geschlechtes beschäftigt die öffentliche Meinung und findet in Israels Lager, das das Weib immer ernst gewürdigt, großen Anklang. Nietzsche jedoch hat sich bekanntlich über die Frauen sehr abfällig geäußert. ck) Unser Zeitalter hat den Histori c is mus zur Geltung kommen lassen. Die historische Schule triumphirt auf vielen Gebieten, was auch die jüd i s ch e G e s ch i ch t s w issensch aft besonders aufblühen ließ. Nietzsche hingegen sagt: „Nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern hinaus. Vertrieben sollt ihr sein aus allen Vater- und Urväterländern, euer Kinderland sollt ihr leben"; er möchte die Last des Geschichtlichen von sich abwälzen. e) In unserer Zeit sucht sich das Moralische durchzuringen nicht nur in den Vereinen für ethische Cultur, sondern auch unter den verschiedensten Fahnen und Namen. Freilich ist nicht Alles Herzensgold, was unter dem Namen Moral glänzt, aber in Literaturerrungenschaften und Gesellschafts-Einrichtungen tritt jetzt das Moralische oft mehr als das Religiöse und Aesthetische hervor. Bei diesem Kampfe um die Erhaltung der Moral haben' die Juden eine große Rolle, was Nietzsche besonders anerkennt; er hingegen bekämpft diese ganze „Sclavenmoral" und steht „jenseits von gut und böse". Unsere Tugend vergleicht er mit dem Schlaf und mit feiner Ironie geißelt er das Wachen, uni gut zu schlafen. Mit erschreckendem Muth hat er eine Genealogie der Moral zurechtgelegt, die Alles vereint und zum Denken aufrüttelt.