Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sir. 41 Dr. Blocht wochenschriN. Seite 731 kk»Den, so genügt es nicht, seinen Worten keinen Glauben zu sch«Mn. sondern man muß auch seine Vertheidigung ihrem ganzen Wrien nachprüfen, und eS ist dies dann um so vorteilhafter für de» Ankläger, wenn dieser in der Lage ist, das ganze Lügengewebe 6tofj$ulegen und jede einzelne Faser desselben als morschen Zunder z» zerpflücken, wie wir es mit Cantacuzene's Bertheidigungsrede thmr wollen. Wir kennen diesen reichen, herzlosen, geizigen und ehrgeizig» Bojaren zu gut, um uns weiter mit seiner Person zu befassen. Er verdankt seine Stellung als Führer der konservativen Partei nicht etwa seinem Geiste — den er nicht besitzt — sondern dem Ansehen, das sein Reichthum ihm verschafft, weil ja in Rumänien das Geld vor Allem „geachtet" wird. Die Drahtzieher der Partei brauchen einen Popanz an der Spitze, dessen Vermögen der Menge imponirt und dessen Eitelkeit sie in die Lage versetzt, durch ihn Alles auszusühren, was sie im Sinne haben. Er ist eine Puppe in den Händen der Filipescu und Consorten und er ist so machtlos im politischen Leben, daß sein Wort nicht mehr gilt, als der Hauch werth ist. der aus seinem Munde strömt. Aber er ist nun einmal der Führer und er hat sich zum Anwalt Rumäniens vor Europa gemacht, so müssen wir uns denn mit seinen Worten beschäftigen. Gleich bei Beginn seiner Rede ist eine Unwahrheit. Er spricht von einer Sechzig-Millionen-Schuld Rumäniens, als ob diese Kleinigkeit allein dem Lande Sorgen bereiten würde. Die sechzig Millionen sind aber nicht eine Schuldsumme, sondern sie repräsentiren das Deficit, für dessen Deckung keine Mittel vorhanden sind; sie stellen die Differenz dar, die der zahlungsunfähige Schuldner declarirt, bevor er den Bankerott ansagt. Cantacuzene will die liberale Partei für dieses Deficit verantwortlich machen. Wir haben wahrlich keine Ursache, S t u r d z a und dessen Gehilfen rein zu waschen, aber war denn nicht vor S t u r d z a, dessen Regiment in der jüngsten Zeit nur etwas über zwei Jahre dauerte, Lascar C a t a r g i am Ruder, der vielgepriesene Führer und Vorgänger Cantacuzen e's, dem sie Monumente in Rumänien setzen, und ist nicht gerade unter dessen Regime der chauvinistische Wahn in die Höhe geschossen, haben nicht gerade die Conservative» ihre Gegner in wahnwitzigen Unternehmungen ebenso überboten, wie im Fremdenhaß, und hat nicht C a n t acuz ene's Regierung, in welcher ein I st r a t i sein herostratischeS Werk unter dem Schutze der Regierungsgewalt durchführen durfte, die auch kaum zwei Jahre dauerte, wesentlich dazu beigetragen, die Grundsätze zu verschärfen und Roth und Elend zu steigern? Ist nicht an der Unfähigkeit, Wandel zu schaffen, an dem Mangel an gutem Willen, den staatlichen Verpflichtungen gerecht zu werden, das conservative Regime zusammengebrochen, um dann bei dem „einzigen Europäer", bei Car p, Schutz und Rettung zu suchen? Solange die Conservativen nicht reuig an die Brust klopfen und sich begnügen, die Liberalen anzuklagen, so lange sie nicht wea euipa rufen, darf man ihren Worten nicht Vertrauen schenken, ihre Versprechungen nicht ernst nehmen. Conservative und Liberale sind in gleichem Maße die Urheber der Misöre in Rumänien. Diese Misere ist aber nicht blos eine zeitweilige, durch zwei Mißjahre verursachte, und durch eine etwaige gute Ernte zu behebende, wie man die Oeffentlichkeit glauben machen will, um pumpen zu können, sondern sie ist eine organische, aus der Unmoral, aus der Lotterwirtschaft, aus der politischen und wirthschaftlichen Decadence, aus dem seit Jahren von allen Parteien befolgten Raubsysteme hervorgegangene. Rumänien steht nicht blos vor einem finanziellen Bankerott, es ist auch politisch und moralisch zusammengebrochen und eine Erhebung ist nur möglich, wenn durch Selbsterkenntniß und Umkehr der ganze Volksgeist eine Wandlung erführe und eine Läuterung an sich vollzöge, die nur durch volle Anerkennung und Ausführung übernommenen Pflichten, durch die Befolgung der Menschenrechte ohne Ansehen der Person und des Standes, der Abstammung und des Glaubens erreicht werden kann. Die Krise, die Rumänien durchmacht, ist keine oberflächliche, vorübergehende, sie hat in einer jahrzehntelangen, absichtlich genährten Verwirrung der Bevölkerung ihren Grund, und nur volle Wandlung kann Hilfe bringen. Der politische Zusammenbruch ist dadurch klar, daß heute eigentlich gar kerne Partei mehr die Herrschaft zu führen vermag. Die liberale Partei ist ohne Führer, ohne Programm, eine Heerde von Stellenjägern und Beutemachern; die conservative Partei hat mit dem Abgang des Cabinetes Cantacuzene erwiesen, daß sie unfähig ist, die Geschäfte zu führen. Gerade während ihrer Herrschaft sind die häßlichsten Erscheinungen auf socialem und humanitärem Gebiete hervorgetreten und sie hat weder die politische noch die moralische Macht entfaltet, um dasjenige zu verhindern, was jetzt der „einzige Europäer", der keine Partei hinter sich hat, blos mit dem Prestige seines Namens verhindern soll. Moralisch und finanziell war Rumänien nie so tief gesunken, als zur Zeit der Herrschaft Cantacuzene's. Und wer regiert jetzt? Eine Partei? Nein! Ein einzelner Mann, integren Charakters, ehrlicher Gesinnung. Aber wie lange kann er sich halten? Im Momente, in welchem er die finanzielle Rettung vollzogen haben wird und man sein Ansehen nicht mehr braucht, lassen ihn die Parteien fallen und die alte Lotterwirthschaft beginnt von Neuem. Das ist's ja eben, was Rumäniens Lage zu eiuer so schwierigen macht, daß sein Volk von einer jahrzehntelangen Mißregierung aller Parteien vergiftet ist. Sie haben die Jnstincte des Volkes mißbraucht, irregeleitet, auf die Spitze getrieben, und nun soll e i n Mann Besserung bringen. Und wäre er ein Herkules, so könnte er diesen Augiasstall nicht reinigen. Die Reinigung kann eben nicht von Einem ausgehen, sie muß von Allen an sich selbst vollzogen werden. Und weil die Verderbniß der Volksseele durch Gesetze und Verordnungen vollzogen wurde, so müssen alle diese Gesetze und Verordnungen abolirt werden, damit reiner Tisch gemacht werde. Der Versicherung des Herrn Cantacuzene. daß die Männer Rumäniens keine Barbaren sind, kann nur Derjenige Glauben schenken, der die Geschichte seit dreißig und so viel Jahren verschlafen hat oder sie al leugnet. Dorohoi und Fokfchani, Jassy und Galatz, Bacau und Bukarest sind mit blutigen Lettern in die Geschichte eingetragen, und ohne alle Reserve muß das Ausland sagen, es ist eine Schmach für Europa, daß es eine l Staat als gleichberechtigten anerkennt, in welchem die Menschenrechte so mit Füßen getreten werden, wie in Rumänien. Ja. die Herren haben in Wien, Berlin und Paris studirt — aber ins Land gekommen, haben sie ihr Wissen nicht dazu benützt, um ihr Volk aufzuklären, sondern nur es auszubeuten. Sie haben, um politische Macht zu erlangen und mit dieser die Mackt über die Capitalien, dem Volke geschmeichelt, seine rohesten Triebe gehätschelt und großgezogen, seine Leidenschaften genährt, und nun sagen sie, „daß das Volk noch nicht auf der Höhe der Bildung und Vorurteilslosigkeit angelangt ist." Wenn dies der Fall ist, so tragen sie, die Gesetzesmacher, die Schuld. Sie haben die Intoleranz gesetzlich festgelegt und sie müssen sie daher auf demselben Wege ausmerzen. Das lasse sich nur „langsam" vollziehen — meint Cantacuzene! Ja, ist denn der Druck auch nur „langsam" gekommen? Hat man nicht Gesetz auf Gesetz, Verordnung auf Verordnung ergehen lassen und dadurch förmlich das „tolerante" Volk zur Intoleranz erzogen? „Langsam" will man die Menschenrechte Herstellen, die man jählings mit Füßen getreten hat? Haben nicht Conservative und Liberale förmlich gewetteifert, wer von ihnen die rohere Intoleranz einbürgern könne? Vor welchem Forum aber soll gegen diese unmenschliche Wirthschaft Klage geführt werden, wenn nicht vor Europa? Nicht blos weil ein europäischer Staat die Menschenrechte proclamirte, nicht blos weil die Menschenrechte das Credo der Gebildeten aller Nationen sind, sondern weil Europa das feierliche Versprechen in Berlin gegeben und Rumänien vor Europa die Verpflichtung übernommen hat, die Menschenrechte zu schützen, ist auch Europa der berufene Richter, und vor ihm muß die Anklage erhoben, von ihm sollte das Urtheil gesprochen werden. Appellirt denn nicht auch Rumänien an Europa — wenn es Geld braucht? Ja, aber wenn es sich um das Recht handelt und das Recht von hunderttausend gequälten Menschen, dann soll der europäische Areopag nicht sprechen? Vergeblich wird Herrn Cantacuzene's Forderung bleiben, daß man nicht an Europa sich wenden, sondern darauf Vertrauen solle, daß Rumänien aus eigener Initiative dem Menschenrechte zur Anerkennung verhelfen werde. Im Augenblicke, wo sie Europas Geldhilfe nicht nöthig haben, scheeren sie sich nicht eines Pfifferlings Werth um Recht und Pflicht und fahren in der Unterdrückung und Ausbeutung fort wie bisher. Nur wenn Europa ein Machtwort spricht, nur wenn die europäischen Groß- und Geldmächte materielle Garantien für die moralische Pflichterfüllung Rumäniens erlangen, wird dieses notgedrungen seine Pflicht thun, sonst nicht. Und deshalb muß immer wieder das europäische Urtheil gegen Rumänien angerufen werden. A. Wiener.