Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 7S2 Dr. Bloch-s Wochenfchrifl» Str. 40 Psalmden der Veoröcer Cantor und Chor gesungen haben, bestieg Herr Dr. Kaufmann die Kanzel, von der herab er mit dem ganzen Feuer seiner Beredtsamkeit eine großangelegte Festrede über das Thema »Das Gotteshaus als eine Stätte des Lichtes und des Friedens" hielt. Mit einem Gebet für Se. Majestät, Kr das glorreiche Herrscherhaus und das Vaterland und mit der Absingung der Kaiserhymne, die die Versammlung stehend anhörte, schloß der religiöse Theil dieser schönen und erhebenden Feier. Nachmittags wurde ein Bankett gegeben, das ebenfalls einen sehr würdigen Verlauf nahm und bei dem es an geistreichen Trinksprüchen nicht gefehlt hat. Berlin, 26. September. Die in der letzten Woche mehrfach vorgekommenen Hilfegesuche von rumänischen Juden, welche die Unterstützung der Berliner Juden zwecks Rückwanderung nach Rumänien erbeten haben, sind die Veranlassung gewesen, daß das »Comits zur Unterstützung der rumänischen Juden" genöthigt war, zu dieser Frage principiell Stellung zu nehmen. Es wurde einstimmig beschlossen, die Unterstützung von rumänischen Juden, welche bereits ausgewandert sind, nur zu dem Zwecke zu gewähren, um ihnen die Möglichkeit zu geben, in den Ländern, in denen dieselben sich zur Zeit aufhalten. sich eine selbstständige Existenz zu schaffen. Eventuell wird das ComitL solchen Personen auch zur weiteren Auswanderung nach anderen Ländern behilflich sein, dagegen wird jede Hilfeleistung zur Rücklvanderung nach Rumänien principiell und unter allen Umständen abgelehnt. Das Comitö geht dabei von dem Gesichts punkte aus, daß seine Aufgabe ist, die Lage der Juden in Rumänien zu erleichtern, nicht aber durch Unterstützung der Rückwanderung noch die Zahl der Hilfsbedürftigen dort im Lande zu mehren. Die planlose Auswanderung und die planlose Rückwanderung kommen beide gleichmäßig nur den Bahnen und Schiffsgesellschaften zugute. Berlin, 3. October. (Ein Meineidsproceß in Könitz.) Bor der Sttafkammer in Könitz wird Freitag ein Aufsehen erregender Meineidsproceß beginnen. Angeklagt ist der noch sehr jugendliche Präparand Speisigcr, ein Freund des ermordeten Ernst Winter. In der Untersuchung wegen dieses Mordes hatte er eidlich bekundet, daß Winter mit dem Sohn des Konitzer Fleischermeisters Le w y befreundet war. Moriz L e w y und Andere haben eidlich ausgesagt, daß Winter mit dem Sohn des Fleischermeisters L e w y nicht einmal bekannt gewesen. Speisiger, der auch noch eines andern Meineids verdächtig ist, wurde daraufhin in Hast genommen. Er betheuert nach wie vor, daß er die Wahrheit gesagt habe. Dem Vernehmen nach hat sein Vertheidiger eine große Anzahl Zeugen geladen, die bekunden sollen, daß Moriz Lewy mit Ernst Winter näher bekannt war. Unter den Zeugen befindet sich auch ein Ober-Secundaner des Gymnasiums, Namens Mikulski. Dieser soll eingehende Bekundungen über den Verkehr des Moriz Lewy mit Ernst Winter machen können. Die Konitzer Bevölkerung sieht der Verhandlung, für die der Vorsitzende der Strafkammer zwei Tage angesetzt hat, mit größter Spannung entgegen. Bruchsal, 11. September. Am vergangenen Freitag Abend fand die feierliche Jnstallirung unseres neugewählten Bezirksrabbiners Dr. M. Doctor aus Breslau statt. Vor Beginn des Gottesdienstes versammelten sich die Herren Gemeindevorstände mit dem Herrn Rabbiner in dem an die Synagoge sich unmittelbar anschließenden Betsaal und begaben sich von hier unter Orgelklang und Chorgesang in das Gotteshaus, wo unser Gemeiudevorstand, Herr Louis Marx, den Seelenhirten seiner Gemeinde . vorstellte und sie ermahnte, chm die gebührende Hochachtung entgegenzubringen und dazu bttzütragen, das bisher so lobenswerth anerkannte friedliche Ver- Hältniß in der Gemeinde weiter zu Pflegen. Andächtig stehend vernähmen die zahlreich anwesenden Synagogenbesucher die herzlichen Worte des Redners, wie die in Form eines Gebetes vorgetragene Erwiderung des Herrn Rabbiners, die mit den Worten des Psalmisten 25, Vers 4 und 5 schloß. Anderen Tages — es war zugleich die religiöse Feier des Geburtstages des Großherzogs — hiett Herr Dr. Doctor seine Antrittsrede, deren Hauptgedanke war, Liebe und Gerechtigkeit zu pflegen, Eigenschaften, wie solche von seinem verehrten Vorgänger, dem jetzt in Berlin wirkenden Herrn Dr. Eschelbachsr, in uneigennütziger Weise ausgeübt wurden, den Frieden in der Gemeinde zu wahren, den Unterricht der Jugend zu einer seiner wichtigsten und edelsten Angelegenheiten zu machen. Mit großem Beifall wurde die vortteffliche Rede angehört. Möge es unserem Rabbiner in seiner neuen Gemeinde wohl ergehen und möge er ebensoviel Liebe und Verehrung finden, wie solche seinem Vorgänger in so reichlichem Maße zu Theil geworden. Konich. Viel besprochen wird die seitens der Staatsanwaltschaft erfolgte Einlegung der Revision gegen das freisprechende Urtheil im Proceß Jsraelsky. Auch die Findigsten wiffen den Revisionsgrund in diesem Fall nicht zu entdecken. Ueberhaupt stehen uns hier noch mancherlei neue Aufregungen bevor. Da ist zunächst die große Anzahl von Processen, die in Zusammenhang mit der Mordsache demnächst zur Verhandlung gelangen. Zuerst kommt der Proceß Speisiger am Freitag und Samstag vor die Strafkammer. Die Behörden haben über die Untersuchung gegen diesen Präparanden so strenges Geheimniß bewahrt, daß Niemand weiß, weßhalb eigentlich Speisiger verhaftet wurde, oder vielmehr welchen Meineid er geschworen hat. Alles, was hierüber die »Staatsbürger-Zeitung" bringt, beruht auf vagen Combinationen, denn nachdem die hiesigen Gerichtsbehörden eine Untersuchung darüber eingeleitet haben, durch wessen Jndiscretion die Antisemiten fortlaufend in den Besitz amtlichen Materials in Bezug auf die verschiedenen schwebenden Untersuchungen kommen konnten, ist denselben diese unlautere Quelle verstopft. Freilich sind sie dadurch nicht hum Schweigen gebracht, die »Staatsbürger-Zeitung" weiß sich durch allerhand Muthmaßnngen darüber hinwegzuhelfen, respective wenn sie gar nichts weiß, erfindet sie etwas, sie hat ja in diesen Dingen große Uebung. Ende dieses Monats kommt dann der große Memeidproceß gegen Maßloff, Frau Maßloff, deren Mutter Frau Roß und deren Schwester Frau Berg. Maßloff und Frau Roß sind bekanntlich seinerzeit verhaftet worden, als sie Aussagen machten, welche den Fleischermeister Lewy belasten sollten, aber den Stempel der Unwahrheit so deutlich trugen, daß die Gerichtsbehörden zu ihrer sofortigen Verhaftung schritten. In Tuchel hatte der Magistrat den Stadtverordneten eine Vorlage gemacht, um den jüdischen Einwohnern den bei den Crawallen entstandenen Schaden in der Höhe von 2000 Mark zu vergüten. Allein die Stadtverordneten haben diese billige Vorlage abgelehnt und die Juden auf den Klageweg gegen die Stadt verwiesen. Kiew. Einer der begabtesten und. angesehensten. .Publieisten Rußlands, D. M o d e st o w, ein vollblütiger Hochruffe, ließ in den »Nowosti" einen warmen Mahnruf an die civilisirte Welt zu Gunsten der Juden erscheinen, der vermöge des Ansehens dieses Blattes und der hohen Stellung des Autors großes Aufsehen erregte. Veranlaßt wurde di-ser edle Mann zu diesem hierzulande ungewöhnlichen und gewagten Schritte durch ein neulich in Petersburg erschienenes Werk »In der Schwüle" (n duchotie), welches auf ihn einen erschütternden Eindruck gemacbt hat. Der Verfasser M. D. Ryrkin, ein in der russisch-jüdischen Literatur rühmlichst bekannter Schriftsteller, führt dem Leser in kurzen, aber äußerst rührenden, meisterhaft skizzirten und von beißendem Humor durchwürzten Erzählungen mehrere Bilder aus dem jüdischen Leben im dumpfenschwülen, sattsam bekannten „Wohnstriche" vor. Die naive, in sich gekehrte Gestalt des Talmudgrüblers, der sich in später Abendstunde mit gefalteter Stirn in der baufälligen Klause über die Lösung des verwickelten Problems igula beribua (die Quadratur des Kreises) den Kopf zerbricht und die tröstenden Worte des »Schames", der ihm eine große Zukunft prophezeit und ihm verschiedene Größen Israels als Vorbilder anführt — die Thräne, die eine arme Jüdin beim Kneten des Osterteiges fallen läßt und dadurch den Teig sauer (chomez) macht, — ein armer Melamed mit ausgehungertem, vergrämtem Gesichte, der in einer bitterkalten Wintersnacht vor seinem Hause steht, die Augen gegen den Himmel gerichtet und (im Liäuseb Lewana) inbrünstig um die Gleichberechtigung des Mondes fleht, als ob auf dieser Welt Alles in Ordnung wäre, — diese und ähnliche ergreifende Bilder empörten die äußerst empfindliche Seele des braven Publicisten und spornten ihn zum erwähnten feuersprühenden Mahnruf an. Der Artikel schließt mit folgenden Worten: »Zu Beginn der zionistischen Bewegung hatte ich das Glück, von mehreren Rabbinern und sonstigen Männern Israels vertraulich über meine Stellung zu dieser Bewegung befragt zu werden. Ich erwiderte ungefähr Folgendes: Wenn Europa, aus Dankbarkeit dafür, daß die alten Hellenen ihm Muster ihrer Kunst und die süßesten Früchte ihrer großartigen Schöpfungen dargeboten hatten, zu Beginn des laufenden Jahrhunderts den Nachkommen dieser großen Männer zuhilfe kam und Griechenland von seiner Knechtschaft befreite, so