Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 720 BL. Vwch"s Wochenschrift. Nr. 4o thierfreundliche Stifter der christlichen Religion, dem es also selbstverständlich war, daß man auch dem Thier beispringe. In dem schönen Gleichnißliede (Evangelium Johannis 10, 11 bis 16) wird der „gute Hirt"' gepriesen, der seine Seele eingesetzt für seine Schafe, sein Leben für sie einsetzt, und Jesus spricht von dem Miethling dagegen: „Er hat kein Herz für die Schafe". Wenn Paulus davon spricht, daß die ganze Creatur mit dem Menschen der Erlösung harre, so wendet er nur in seine Sprache, was in positiver Weise, wie wir sahen, als lebendiges Mitgefühl durch das ganze Judenthum geht. Wenn im Europäerthum ein Mangel an Thierethik bemerkbar sein sollte, so wird man weder das Judenthum noch das aus ihm erwachsene Christenthum dafür verantwortlich machen dürfen, sondern im Gegentheil der Wahrheit gemäß bezeugen müssen, daß Schopenhauer die Ursachen an einer ganz falschen Stelle gesucht hat. Steglitz. Wolfgang Kirchbach. Correspondenzen. Ei» jüdischer Veteran vor dem Kaiser. Bei der Anwesenheit des Kaisers bei den galizischen Manövern befand sich am 16. v. M. unter dem Publicum, welches vor der Residenz des Kaisers in I a s l o Aufstellung genommen hatte, ein alter Jude in langem Kaftan mit mehreren Medaillen auf der Brust. Der Kaiser hatte auf dem Wege von der Residenz zum Zelt den Alten bemerkt und ging auf ihn zu. Unter den Medaillen, die der Mann trug, befand sich die große silberne Tapferkeits-Medaille. Der Kaiser, fragte ihn, bei welcher Gelegenheit er diese Medaille erhalten habe. Der Alte antwortete, daß er die silberne Tapferkeits-Medaille als Feldwebel im Feldzuge von 1859 bei Magenta für einen Bajonnetangriff erhalten hat. Darauf fragte ihn der Kaiser woher er sei und wie er heiße. Er antwortete, daß er Abusch Weiß heiße und in Brzozow bei Sanok wohne. Mit der Bemerkung: ,Es hat Mich gefreut, Sie hier zu sehen," schloß der Kaiser die Unterredung. Abusch Weiß wurde hierauf in die Cabinetskan^lei beschieden und erhielt die mit der großen silbernen Tapferketts- Medaille verbundene Zulage, die er bis nun nicht bezogen hatte. Er» Oberlandcsgericht gegen den Geschästsantisemitismus. Eine hochinteressante Entscheidung gegen den Geschäftsantisemittsmus hat das Oberlandesgericht in Prag gefällt. Am 29. Juli d. I. wurde die „Nationale Zeitung", ein deutschnationales Anttsemitenblatt in Saaz, wegen eines auf der ersten Seite erschienenen Aufrufes, der sich gegen die jüdischen Kaufleute richtete, confiscirt. Das Blatt erhob natürlich Einspruch gegen die Confiscatton und bei der am 29. August vor dem Brüxer Kreisgerichte stattgehabten Einspruchsverhandlung wurde dem Einspruch Folge gegeben. Gegen dieses kreisgerichtliche Erkenntniß führte nun die Staatsanwaltschaft Beschwerde an das Oberlandesgericht, welches der Beschwerde Folge gab und das kreisgerichtliche Erkenntniß dahin abänderte, daß es die Confiscatton bestätigte. In den Gründen der interessanten Entscheidung heißt es: Der Beschwerde der Staatsanwaltschaft war Folge zu geben, weil der in Rede stehende Aufruf im Widerspruche mit dem jedem redlichen Geschäftsverkehre gebührenden Schutze zweifellos auf die materielle Schädigung der Gewerbetreibenden anderer Nationalität und Religion, somit auf Feindseligkeiten gegen dieselben a b z i e l t und hiemit den Thatbestand des im § 302 St.-G. bezeichnten Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung begründet. Liestng-Achgersdorf. (T e m p e l w e i h e.) Am 19. v. M. fand in Atzgersdorf die feierliche Einweihung des vom Architekten Richard EZriel erbauten schmucken Gotteshauses statt. Derselben wohnten bei: Der Herr Bezirks-Commiffär als Vertreter der k. k. politischen Behörde, der Herr Bürgermeister, die Vertreter der Cultusgemeinden Mödling und Baden, die Lehrerschaft und ein großer Theil der Bevölkerung des Ortes. Die Feier leitete Herr k. k. Postofficial Berthold Kulka durch einige kurze und gediegene Begrüßungsworte ein, indem er besonders betonte, daß dieser zierliche Bau, an dem beide Confeffionen mitgearbeitet und pecuniär zusammengeholfen haben, stets dem Frieden und der inneren Erbauung dienen möge. Hierauf begann das rituelle Ceremoniel. Herr Rabbiner Doctor Bardowicz hielt in ausgezeichneter Weise die Festrede. Herr Obercantor Kläger hatte die Freundlichkeit, in wahrhaft selbstloser Weise mit seinem gut geschulten Chor unter Leitung des Cantors P e k a r n i k aus dem 9. Bezirke Wiens sich zur Verfügung zu stellen und sang mit seiner prachtvollen Baritonstimme meisterhaft und ergreifend, wodurch sich die Feier besonders weihevoll und würdig gestaltete. Um den Bau hatten sich besonders verdient gemacht: Herr Lederfabrikant Gustav P o l l a k als Obmann des Baucomites, der die Güte hatte, einen prachtvollen Luster nebst einer großen Geldspende zu widmen, wofür ihm ver Verein den herzlichsten Dank ausspricht, ferner Herr Fabrikant Pets ch a n, Herr Jacob Papanek. Obmann des Vereines, Herr Berthold Kulka, k. k. Postofficial. Herr Adolf Fuchs, Herr Joses Grün und Herr G. Allenberg. Zum Schluffe wurde die Volkshymne gesungen. Czernotvitz. Für jüdische Handwerker und Arbeiter zwei Abendcurse zu eröffnen, das ist das Project, welches wir nunmehr nach reiflicher Durchberathung der Oeffentlichkeit übergeben. Der eine Curs, für die Analphabeten bestimmt, enthält in seinem Lehrplan Lesen, Schreiben, Rechnen und jüdische Geschichte (4 Stunden wöchentlich), auf dem Lehrplan des anderen, für die Fortgeschrittenen eingerichteten .stehen jüdische und allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften und Correspondenzstil ('benfalls 4 Stunden wöchentlich). Ein Blick auf den den Inhalt dieses Lehrprogrammes dürste uns das Zeugniß geben, bei der Auswahl der Lehrgegenstände weder die praktischen Anforderungen noch die Bildungsbedürfnisse der Arbeiterschaft, soweit das überhaupt möglich ist, vernachlässigt zu haben. Bei Normirung der Stundenzahl haben wir namentlich in Rechnung gezogen, daß der Arbeiter, den ganzen Tag mit schwerer, ermüdender körperlicher Arbeit beschäftigt, nur wenige Abendstunden für den Unterricht erübrigen kann. Beide Curse sollen alljährlich am 1. November beginnen und bis 1. April dauern. Die Lehrkräfte werden aus der Mitte unserer Verbindung gestellt werden. Das ist selbstverständlich nur die Skizze unseres Planes. Hiermit glauben wir einem dringenden Bedürfniß der jüdischen Arbeiterschaft und des jüdischen Volkes zu entsprechen. Wohin soll es denn kommen, wenn die Einen in Israel immer weiter die Höhen europäischer Bildung hinansteigen, während die Andern tief unten Zurückbleiben, baar eines jeden Wissens,, ohne die geringste ' Aussicht, ihren Brüdern je ' näherzukommen? Die Härte des Gefühls ethischen Zusammenhanges muß ja erheblich leiden, wenn zu den ohnedies genug zahlreichen Unterschieden in unserer Mitte so schreiende Differenzen am Bildungsgrade unserer Volksgenossen hinzutreten. Von diesem unhaltbaren Zustande wenigstens blieben die von düsteren Gheltomauern umschlossenen Juden des Mittelalters verschont. Jüdische Religion, jüdische Philosophie und jüdische Poesie, einem Jeden in Israel zugänglich, spannen die Fäden, die auch an den Geringsten heranreichten und ihn auf die lichten Höhen geistiger Klarheit und sittlicher Stärke hinaufführten. So wurden wir das geistige und sittliche Volk par excellence. Allein in der Neuzeit hat eine ganze Reihe unglücklicher Umstände zusammengewirkt, um einen großen Theil unseres Volkskörpers in dumpfe Verhältnisse hinabzustoßen, die ihm eine Pflege der Eultnr, eine Antheilnahme an den geistigen Errungenschaften der Jetztzeit zur Unmöglichkeit machen. Wir, die Träger des jüdischen Nationalgedankens unter der akademischen Studentenschaft, erachten es für unsere Pflicht, die wir dem jüdischen Volke schuldig sind, mit der Fackel der Aufklärung und des Lichtes in die untersten Massen hinabzusteigen, um sie zu gute Juden, zu civilisirte Europäer heranzuziehen. Wohl bestehen Abendcurse für Handwerker und Arbeiter hierorts an der Gewerbeschule, allein denk Unterrichteten ist es kein Geheimniß, daß diese Curse — aus Gründen, die wir hier nicht erörtern wollen — den Juden so gut wie verschlossen sind. Zur Realisirung unseres Planes mangelt es uns nicht an Lehrkräften aus unserer Mitte, die mit dem größten Eifer sich dieser Aufgabe widmen werden, wohl aber an materiellen Mitteln. Wir wenden uns daher an die löbliche Cultusgemeinde in der festen Ueberzeugung, daß sie uns in einer so edlen Sache hilfreich zur Seite stehen wird, uns unentgeltlich für acht Abendstunden in der Woche Lehrsaal sammt Lehrmitteln, Beleuchtung und Beheizung zur Verfügung zu stellen. Dem jeweiligen Präsidenten unserer Verbindung wird es obliegen, für die stricte Einhaltung des Lehrplanes Sorge zu tragen und die Leitung der Curse zu übernehmen. Aufrufe in den Zeitungen, öffentliche Versammlungen, die wir abhalten werden, sollen die Mittel sein, die jüdischen Handwerker und Arbeiter für unseren Plan zu interessiren. Denn das Verhalten der jüdischen Arbeiterschaft ist für das Schicksal unserer Idee entscheidend. Sollte die arbeitende Classe, der wir zunächst zu Hilfe eilen, sich für unseren Plan nicht erwärmen, oder gar in stumpfer Gleichgiltigkeit gegen ihr eigenes Interesse die entgegengestreckte, hilfsbereite Hand zurückstoßen, dann fteilich wird es bei unserem guten Willen bleiben müssen. Werden aber unsere Handwerker und Arbeiter den Bildungseifer an den Tag legen, welchen wtr bei ihnen voraussetzen, dann müssen die zwei Curse prosperiren und sich zu einer bleibenden Institution entwickeln, die nicht verfehlen kann,