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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-05 · 40 (5.10.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 718 Nr. 40 Vr. Blvchs Wochrnft^rM Anerkennung des „Rechtes alles Lebendigen- und der Anerkennung beseelten Lebens selbst beruht hätte? Ja, das Judenthum hat es gethan. Jeder kennt die Geschichte von der Sintfluth und von der Arche Noah, aber Wenige werden sich ihren Sinn klar gemacht haben. Die Sage als solche findet man bei allen Völkern. Der jüdische Dichtergeist aber hat ihr eine besondere Wendung gegeben, in der grundsätzlich gerade das Lebensrecht der gesammten Thierwelt, ohne Ausnahme, anerkannt wird. Noah wird angewiesen, von jeder Thiergattung, auch von denen, die als „unreingalten, Vertreter mit in die Arche zu nehmen. Schon hierin spricht sich ein so natürlich sittliches Verhättniß zwischen Mensch und Thier aus, daß es kaum eine Sage gibt, die so viel pietätvolle Thierfreundschaft schon im Kindergemüth erzeugen kann. Aber mit dieser allgemein-thierfreundlichen Ausmalung begnügt sich das jüdische Sinngedicht von Noah (Das heißt: der „Uxbrig-Gelassene-) nicht, sondern es gipfelt in einem entschiedenen Bekenntniß für das Ebenbürtigkeitsrecht des Thieres als eines belebten Naturwesens. Nachdem die Waffer sich verlaufen haben, errichtet Gott seinen Bund mit dem Menschen nicht nur, sondern (1. Mos. Cap. 9, V. 10, 12, 15, 16, 17) er errichtet auch einen besonderen Bund mit der gesammten Thierwelt. die mit im Kasten war, „an allen Thieren auf Erden bei Euch-; und es heißt: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, daß ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Thier in allem Fleisch, das auf Erden ist.- Gewiß hat das indische Empfinden keine liebenswürdigere Thierethik hervorgebracht als diese Auschauuug, daß der Regenbogen auch ein Zeichen des Bundes ist, den der letzte Grund oller Dinge mit der gesammten beseelten Thierwelt geschlossen hat. Denn, wie wir bereits wiffen, gleichbeseelt mit dem Menschen ist diese Thierwelt, und darum gilt ihr eben der Bund im selben Sinn wie der Menschheit, wobei zu ermessen ist, daß es nicht etwa ein beschränkter jüdischer Nationalbund ist, sondern sowohl mit den Semiten wie mit Japhetiten (von denen nach Mose zum Beispiel auch die Jnselgriechen stammen) und Hamiten als geschloffen gilt. Das Interessante ist, daß hierbei eine selbstständige Anerkennung der Thierwelt als eines wesensgleichen und metaphysisch gleichgestellten Lebensstammes gegeben ist. Das Judenthum war also im höchsten Grade thierfreundlich. Dem widerspricht auch nicht, daß sowohl in der Noahgeschichte wie in der Schöpfungserzählung der Mensch zum „Herrscher über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh bestellt ist.- Diese Anschauung in ihrer Richtigkeit sollte nur das ausdrücken, was Sophokles mit seiner berühmten Dichtung sagen wollte: „Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist größer als der Mensch.- Der Mensch soll sich die ganze Natur dienstbar machen; weiter sagt auch die mosaische Urkunde nichts, er soll über die „ganze Erdeherrschen, durchaus nicht etwa ein Thiertyrann sein. Die Culturmission der Menschheit ist gemeint, der sich der moderne Mensch allmählich auch wieder bewußt wird. Wenn aber der Mensch nach dem „Bilde- Gottes geschaffen ist, so wissen wir, daß die Juden von jeher darin nicht etwa ein körperliches „Ebenbild", sondern ein „Gleichniß" sahen. Es liegt keine Herabsetzung des Thieres darin, sondern lediglich eine Jdealifirung des Menschen. Er soll ein Gleichniß werden für den höchsten Begriff. So übersetzten und verstanden es schon die siebzig jüdisch-griechischen Gelehrten zweihundert Jahre vor Jesus. Eine populäre Religionsanschanung, die so früh von dem Rechte der Schonung alles Lebens und der Thierwelt insbesondere durchdrungen war, daß ihr Gott sogar einen besonderen Bund mit den Thieren macht, kann nicht gleichgiltig gegen Leben und Leiden des Thieres gewesen sein; sie wird es geschützt haben, ja, wir dürfen daraus, daß verhältnißmäßig wenig Bibelsprüche sich mit derl^rhülimg von Grausamkeiten gegen Thicre beschäftigen, den Schluß ziehen, daß der Spruch: „Der Gerechte hat Mitleid mit d«r Seelen seiner Thierevon den Juden gerade besonders Mü gehalten wurde. Wir dürfen der Wbel des alten Bundes, wir dürfen auch Jesus von Nazar^h das Zeugniß ausstellen, daß das Mitgefühl mit der Thierwelt in ihnen das allerstärkste, ollerlebendigste ist. Die Bibel wimmelt von Aeußerungen der Thierliebe und des Thiermitleides; wir werden sehen, daß Schopenhauer vollkommen ins Blaue hinein geredet hat und daß der Satz: „Der thierfreundlichen Stellen sind recht wenigeunrichtig ist. Wer besinnt sich noch aus seiner Kinderzcit auf die Geschichte von Bileams Meli«? Nun er lese diesen wundervollen Mythos im vierten Buch Wose, Cap. 22 (21—34). Bileam macht sich auf den Weg zu BAak, der ihn eingeladen hat, seinem israelitischen Gegner zu fluchen. Die göttliche Stimme aber hatte Bileam schon davor gewarnt. Er sattelt seine Eselin und geht auf die Reise. Unterwegs begegnet ihm der Bote des Herrn mit dem Schwerte, um ihn abzuhalten. Aber er sieht diesen Engel nicht. Wohl aber erblickt die Eselin den Gottesboten. Und dreimal weicht das Thier vor dem Gottesboten, den es sieht, während der Seher selbst ihn nicht bemerkt. Schon hierin ist der Jnstinct des Thieres in liebenswürdigster Weise gekennzeichnet. Bileam schlägt aber zu dreien Malen das Thier, zuletzt im Zorn, mit dem Stab. „Da aber that der Herr der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: ,Was habe ich Dir gethan, daß Du mich geschlagen hast nun dreimal? Er antwortet, weil sie ihn gehöhnt; hätte er ein Schwert, würde er sie umbringen.- „Die Eselin sprach zu Bileam: ,Bin ich nicht Deine Eselin, darauf Du geritten hast zu Deiner Zeit, bis auf diesen Tag? Habe ich Dir auch je gepfleget also zu thun? Er sprach: Nein.- Nun erst erkennt Bileam den Engel des Herrn, vor dem die Eselin niedergefallen war, und nun stellt ihn auch der Engel darüber zur Rede, daß er das Thier geschlagen habe; und Bileam muß bekennen, daß er sündigte. In den Klagen des Thieres spricht sich in poetischer Weise ganz unmittelbar das reinste Mitgefühl mit dem Thiere aus, das auch zu unserem Herzen spricht. Auf dem feinsten Empfinden aber beruht es, daß es gerade das Thier ist, das Den, der hingehen will, seinen Mitmenschen zu fluchen, zurückhält in diesem Vorhaben, da es heller sieht als der Seher selbst. Die Geschichte endet bekanntlich damit, daß Bileam die Gegner Balak's nicht verflucht, sondern segnet. Thierethik und Menschenethik zeigen sich hier in der tiefsinnigsten wechselseitigen Bedingung; und Alles, was das Judenthum an schönen Thiersagen besitzt, kann nicht die sittliche Schönheit dieser Legende übertreffen. Es ist kein Wunder, wenn dieser principielle Standpunkt durch alle prophetischen Dichtungen klingt und eine Reihe schöner Aussprüche auch in der nachmosaischen Dichtung und Lehre zeitigt. Das lebende Mitgefühl des Patriarchalischen Hebräerthumes mit allen Thieren zeigt sich darin, daß die Thiere vor Allem auch Theil haben an dem verheißenen messianischen Reiche. Wie sie in den „Bundausgenommen sind, so werden sie auch die Freuden des verheißenen Glückseligkeitszustandes auf Erden mitgenießen. So singt der Jesaiadichter (Cap. 30, 23); „Und Dein Vieh wird sich zu der Zeit weiden in einer weiten Aue. Die Ochsen und die Füllen, die den Acker bauen, werden gemenget Futter essen, welches geworfelt ist mit der Worfschaufel und Wanne.- Nicht leicht können sich diese jüdischen Dichter Menschenglück und Menschenleid vorstellen, ohne dabei auch des Antheiles der Thiere zu gedenken; und zwar handelt es sich dabei nicht um einen egoistischen Standpunkt, der sich etwa auf die Nutzthiere beschränkt, sondern die wilden Thiere sind Gegenstand des Mitgefühles. So singt der kraftvolle Prophet Joel bei der Schilderung der Schmerzenstage (Cap. 1, 15—20): „O, wie seufzet das Vieh! Die Rinder sehen kläglich, denn sie haben keine Weide und die Schafe verschmachten!.. Es schreien auch die wilden Thiere zu Dir; denn die Wasserbäche sind ausgetrocknet!- Derselbe thierfreundliche Dichter (Cap. 2, 21—22) findet die schönen Worte: „Fürchte Dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost; denn der Herr kann auch große Dinge thun. Fürchtet Euch nicht, Ihr Thiere auf dem Felde; denn die Wohnungen in der Wüste sollen grünen und die Bäume ihre Früchte bringen. Man sieht: die jüdische Thiersympathie gilt aller Creatur; sie ist keineswegs beschränkt utilitarisch, wie man so gern gegen das Judenthum geltend machen möchte. Sie ist um so werlhvoller, steht sittlich um so höher, als ein Mann wie Joel sehr wohl den sogenannten „Kampf ums Daseinin der Natur kennt und als Ausdruck der schlimmen Tage schildert: „Was die Raupen lassen, Das fressen die Heuschrecken; was die Heuschrecken lassen, Das fressen die Käfer; und was die Käfer lassen, Das frißt das Geschmeiß.- „Jch muß auf den Bergen weinen und heulen und bei den Hürden in der Wüste klagen; denn so gar sind sie verheeret, daß Niemand da wandelt und man auch nicht ein Thier schreien hört. Es ist Beides, Vogel des Himmels und das Vieh, Alles weg-, klagt der Jeremiadichter (Cap. 9) wiederholt. Er ist es auch, der am meisten das Mitleid mit dem geopferten Thier ausspricht; ein „arm Schafist ihm das Thier, das zur Schlachtbank geführt ward. Denn die Opfer-Idee älterer Culturperioden beruht ja vor Allem auf dem lebendigen Mitleid mit den Thieren. Der Mensch thut sich und der Creatur den Schmerz an, daß er sie opfert, um die Gottheit zu versöhnen. Diese Absicht sprechen die mosaischen Opferregeln fortwährend aus; das lebendige Volksbewußtsein und Dichterbewußt-

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