Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloch's Vochenlchrist» Seite 717 Alexandrescu blutig geschlagen und sodann über die Grenze geschafft wurden, aus dem einzigen Grunde, weil sie — sich ihre Bärte nicht abnehmen lassen wollten. „Menschliche" Anwandlungen ( empfinden die Rumänen immer nur, wenn die Staatscaffen leer geworden, — und sie auf neuen Pump ausgehen. ‘ / Dem Expremier Cantacuzene ist hier ein verblüffen-; der Jrrthum unterlaufen. Nicht 60 Millionen Francs ist die / - Schuld Rumäniens, sondern 2000 Millionen Francs. 60 Milli-'E onen Francs beträgt blos die Differenz der schwebenden Schuld/. £ für welche Rumänien trotz der unter Cantacuzene ausgeschriebenen Steuern bisher keine Deckung anzuschaffen tnt Stande war, weshalb Cantacuzene auch zurücktreten mußte. Darin spiegelt sich aber auch das Resultat der gesammten rumänischen Judenpolitik der letzten Jahrzehnte. Aus der Privatcorrespondenz unseres Bukarester Gewährsmannes andererseits entnehmen wir, daß seit Bildung des Ministeriums Ca r p in Jassy und in Bukarest Naturalisa tionssyndicate entstanden, wie sie im Jahre 1879 bis 1880 florirteu, und die neue Wendung der Dinge inj) ihrem Privatinteresse auszubeuten suchen. Mangels Raum sehen wir uns genöthigt, diesem wichtigen Gegenstände einen speciellen Artikel zu widmen. S p a v t a c u s.K, Eine Seele also, eine Psyche, haben die Thiere; und weil sie eine solche haben, sind sie auch dem Spruchdichter ein Gegenstand des Mitleids für den rechten Mann. Schon hierin gewinnt der Spruch einen viel mehr ethischen Beigeschmack, als es nach Luther scheinen könnte. Wir sehen, daß das Thier, hier zunächst das Hausthier und Nntzthier des Menschen, eben mehr ist als ein „Stück Vieh", daß es ein beseeltes Wesen ist, dem unser Mitgefühl gelten soll. Dieser Satz muß uns an sich schon stutzig machen. Sollte es wirklich wahr sein, daß in der mosaischen Schöpfungsgeschichte I oder irgendwo in der eigentlichen Bibel den Thieren die Seele ' abgesprochen wird? Dann wäre allerdings Anlaß zu der Bern muthung, die Juden (und nach ihnen das Christenthum) seien die «Ursache, wenn irgendwo und irgendwann die Thiere zu tief ein- H geschätzt worden wären von der „Barbarei des Occidents". Ich stelle nun fest, daß es im ganzen Alten Testament nicht eine einzige Stelle gibt, wo den Thieren die Seele abgespcochen wird. In der mosaischen Lehre aber wird der aufmerksame Leser der Ociginalschristen sogar die überraschende Entdeckung machen, daß die Seele des Menschen und die Seele des- Thieres als solche zunächst ganz dasselbe sind. — Das Alte Testament kennt nur einen Unterschied der Intelligenz zwischen Mensch und Thier; und dieser Unterschied wird ja wohl so lange bestehen, bis die Esel das Hebräische lesen können, trotz allen buddhistisch-neumodischen Uebertreibungen des natürlichen Mitgefühls mit dem Thier. Dieser Intelligenz-Unterscheidung wird man z. B. bei Jesus Sirach begegnen, dem spätjüdischen Schriftsteller. der sich durch seinen hellen, klaren Lebensverstand so besonders auszeichnet. Die ursprünglich mosaische Anschauung aber ist die, daß Mensch und Thier eine Art Seele haben, daß hierin gar kein Unterschied gemacht wird.!Das zweite Capitel (1. Mose) erzählt bekanntlich in seinem siebenten Bers, daß Gott den Menschen aus einer Erdscholle,?l aus Ecdenstoff überhaupt bildete und ihm dann den „Hauch des L bens" (Luther: „lebendigen Odem") einblies. Es folgt das Wort: „Und so ward der Mensch zur lebendigen Seele". Ganz 'diese „lebendige Seele", dieses lebendige Wesen (Hebr.: Näphäsch Schon vorher, ehe der Mensch entstanden ist. im zwanzigsten und vierundzwanzigsten ^Bers des ersten Capitels, dringt die Erde hervor „lebendige j Seelen" und diese sind „Vierfüßler und Kriechthiere und wilde t Thiere der Erde nach Art". Was der Mensch wird, lebendige j Seele durch den Anhauch des Lebens, das sind vorher schon die i Thiere, wörtlich mit demselben Ausdruck Näphäsch chaja, der \ auch über den Menschen gebraucht wird. Die griechisch-jüdischen j Uebersetzer aber verstanden das Wort in beiden Fällen so, daß 'sie es mit „lebende Seele" (Psyche zosa) Wiedergaben. Danach kann kein Zweifel sein, daß das mosaische Judenthum noch bis ^etwa hundert Jahre vor Christus der Meinung war, das Tbrer habe genau die selbe „lebendige Seele" wie der Mensch. Das '-Judenthum ging aber noch viel weiter. Denn sollte Jemand ^glauben, der Mensch sei von den Thieren etwa dadurch unterschieden, daß Gott ihm den „lebendigen Odem", einblies, so straft ihn sofort die Noah-Erzählung im sechsten und siebenten Capitel Lügen. In dem Verse siebzehn im sechsten Capitel, inzden Versen fünfzehn und zweiundzwanzig im siebenten Capitel ist in allen Thieren, die mit Noah in die Arche gehen, und ebenso in den vernichteten der „lebendige Odem", der „Geist des Lebens" gegeben. Und er ist, wie der Bers zweiundzwanzig zeigt, im He¬ Thierschutz und Thierethik im Iudentlzuin. Von Wolfgang Kirchbach.*) In Schopenhauer's „Grundlage der Moral" findet man folgenden merkwürdigen Satz: „Die vermeinte Rechtlosigkeit der Thiere. der Wahn, daß unser Handeln gegen sie ohne moralisches Bedeutung sei oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Thiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine empörende Roheit und Barbarei des Occidents, deren Quelle im Judenthum liegt. In der Philosophie beruht sie auf der aller Evidenz zum Trotz angenommenen gänzlichen Verschiedenheit^ zwischen Mensch und Thier, welche bekanntlich am Entschiedencfjaja) bedeuten aber auch die Thiere sten von Cartesius ausgesprochen ward . . ." Diese und andere ' ~~ '' ' ' ' ' verwandte Behauptungen Schopenhauer's, die regelmäßig mit einem Seitenhieb aufdas Judenthum, auf die Gesetze, Erzählungen und Dichtungen des Alten Testamentes schließen, haben sich tief in den Vorurtheilen der Zeitgenossen festgesetzt, besonders, nachdem sich auch der politische Kampf ihrer bemächtigt hatte. Em§ geistvoller Schriftsteller unserer Tage, Richard Weltlich, sagt in seiner socialethischen Studie „Christian Wagner" über die Beziehungen des Menschen zum Thier: „Unsicher und flau möchte man auch das Verhalten des Judenthumes wie das des Christenthumes nennen. Grundsätzliche Schonung des Thierlebens lag bei dem einen wie dem anderen außerhalb des Gesichtskreises. . . . Als in „Geschöpfen Gottes" soll zwar auch in den.Thieren der Schöpfer „geehrt" werden; diese Ehrung aber schließt nicht aus, daß von dem Herrschaftrecht, das im ersten Capitel des Moses Gott dem Menschen, „über die Fische im Meere und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Thier, das auf Erden kriechet", einräumt, ein sehr gründlicher Gebrauchs gemacht wird; und wie tief in der jüdisch-christlichen Anschauung' die Thiere gestellt werden, zeigt sich am deutlichsten darin, daß der Mensch als das Ebenbild Gottes erklärt, den Thieren aber! die Seele abgesprochen wird. Der thierfreundlichen Stellen im M brätschen ganz der selbe „Anhauch" und „Geist" zugleich, der Alten Testament sind recht wenige." Unter ihnen führt Weltlich den bekannten Spruch Salomonis (Capitel 12, 10) in Luther's Uebersetzung an: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, aber das Herz des Gottlosen ist unbarmherzig." Oft spielt der Zufall eine ganz eigentümliche Rolle, wenn ein Jrrthum allzu sicher auftritt. Wer in der Lage ist, die lutherische Fassung des Satzes am hebräischen Original und an der griechischen ältesten Uebersetzung zn prüfen, die unter dem Namen der Septuaginta seit ungefähr hundertundfünfzig Jahren vor Christi Geburt die Auffassungen aufbewahrt, die die geistvollen Juden in Alexandrien und Jerusalem vom Wortlaut ihrer Nationalschriften hatten, der wird bei Salomo (12, 10) den folgenden Satz finden: „Der Gerechte hat Mitleid mit den Seelen seiner Thiere, der Unfromme aber ist ohne Mitleid". Im Griechischen^ brauchten hier die Uebersetzer das Wort: „Psyche", im Hebräischen^ steht das Wort: „Näphäsch", das genau dasselbe bedeutet,^ wie unsere Seele das griechische „Psyche". 8 *) Vorstehender hochinteressanter Aufsatz, erschienen in der Berliner Zeitschrift: „Die Zukunft", verdient allgemeine Verbreitung. dem Adam eingehaucht ward. Deshalb übersetzte man ins Grie- -chische diesen „Hauch" und „Geist" mit Pneuma und Pnoö. Den 'Thieren wird also nicht die Seele „abgesprochen^, sondern sie j erscheinen in ihrer Eigenschaft als „beseelte" und lebende Wesen vollständig auf einer Stufe mit dem Menschen. Und zwar findet jrman diese Anschauung nicht nur in der Thora, in den mosaischen Büchern. Der „Prediger" (Kohelet) sprach dieses allgemeine Bewußtsein vielmehr mit Betonung auch noch besonders scharf aus ^in einem Satze, den Luther so übersetzte: (Prediger 3, 19) „Denn .es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt Jer auch; und haben Alle einerlei Odem; und der Mensch hat 's nichts mehr als das Vieh." Diese Anschauung haben auch sonst s'Lehrer und Dichter der Hebräer ausgesprochen. Doch vielleicht galt diese Anschauung bei den Juden nur theoretisch und der schöne, echt indisch-jüdische Spruch: „Der s Gerechte hat Mitleid mit den Seelen seiner Thiere" war am Ende nur ein Gelegenheitswort, das für jüdische Art und Sitlnicht weiter in Frage kam? Hat das Judenthum grundsätzlich eine thierfreundliche Stellung eingenommen, die auf einer inneren