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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-10-05 · 40 (5.10.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Bloch's Wochenschrift» Seite 715 hältnissen das nationale Interesse doppelt nahe, ihn seiner politischen Geltung zu entkleiden und ihn nicht zum Pfahl in unserem eigenen Fleisch werden zu lassen. Was sehen wir denn bisher als einzig wahrnehmbare Wirkung? Social hat der Antisemitismus nur den Mißmuth, die Unzufriedenheit und einen recht unchristlichen Haß im Volke genährt; wirthschaftlich hat er nur dazu geführt, daß industrielles Capital nach Ungarn ausgewandert ist, um dort der österreichischen Industrie eine wirksame Concurrenz zu machen; politisch aber hat er nur dem Clericalismus die Wege gebahnt." Wenn diese Aeußerungen wahr und aufrichtig gemeint sind, wenn also als richtig zugegeben wird, was die Juden Oesterreichs in jahrzehntelangem Kampfe stets hervorgehoben und von keiner Sette — auch von der, die dies heute so hervorhebt — gebührend berücksichtigt wurde, dann wird nicht blos die Judenschaft Oesterreichs, sondern werden auch die Männer der Gesetzgebung die Lehre von dem Trautenauer Parteitage leicht ziehen können. So lange dies nicht der Fall ist, so lange uns in dem uns aufgedrungenen Kampfe entweder kein Beistand, oder nur ein schwächlicher — weil nur aus äußerer Begründung, nicht aus inneren Motiven — geleistet wird, bleibt für die Juden nur die Lehre, welche Dr. E p p i n g er den Deutschen am Parteitage empfahl: „Selbsthilfe muß unsere Losung sein". Mit mehr Recht und mehr Nöthigung als die Deutschen in Böhmen, führen die Juden den Kampf um ihre Existenz, um ihre Gleichberechtigung, um ihr ihnen oft genug tzorenthaltenes gutes Recht; auch sie können von sich sagen, was der Bürgermeister von Trautenau von den Bewohnern dieser Stadt versichert hat: „Sie haben bis heute ihre oft erprobte Reichs- und Kaisertreue sich bewahrt", und wenn wir heute die öffentlichen Angelegenheiten in Oesterreich in solcher Verwirrung sehen, wenn wir zwischen den einzelnen Nationen und Parteien den Kampf in oft widerwärtiger Weise führen sehen, so müssen die Juden Oesterreichs sich sagen, daß ja sie die ersten Opfer des wankenden Rechtsbewußtseins waren, daß aber der Staat nicht erhalten werden kann, wenn nicht die Verfassung und die Staatsgrundgesetze lebendig und wirksam werden und mit ihnen die Grundrechte, deren mangelhafte Würdigung und Geringschätzung bei der Judenfrage nicht Halt gemacht hat. Da darf es keine Schönfärberei, keine Verdunkelung, aber auch kein Zaudern geben! Damit sind die wahrenUrsachen der tro st losen staatlichen Zu st ä n de klargelegt. Mitschuld an denselben tragen aber auch die Regierungen und jene politischen Parteien, welche in willfähriger Schwäche diese Aspirationen gewähren und erstarken ließen, welche sie durch werkthätige Förderung und ihre politische Bundesgenossenschaft jahrzehntelang unter stützten. Zu lange hat man Geduld und Nachsicht diesem staatsfeindlichen Treiben schon gewährt, zu schwere Wunden wurden dadurch dem Ansehen und der Machtstellung des Staates, seinen c u l t u r e l l e n und wirthschaftlichen Interessen schon geschlagen; ein weiteres Hinziehen und Verschleppen der Entscheidung würde bei dieser klaren Erkenntniß der Sachlage zu einem unheilvollen Fehler, zum Verbrechen, welches sich in der Zukunft bitter rächen würde. Da kann, da darf nicht mehr pactirt werden, nun muß endlich klar und entschlossen gehandelt werden. In diesen Aeußerungen Dr. Pergelt's soll die Lehre für die Zukunft der Deutschfortschrittlichen liegen, aber auch die Juden sollen und müssen eine Lehre ziehen von diesen Vorgängen auf dem Parteitage zu Trautenau. A. Romanicae Res. In wenigen Tagen werden die rumänischen Kammern eröffnet. Schwerwiegende Fragen werden ihrer Lösung vorgelegt werden. In der dortigen Judenfrage tritt hiermit eine einschneidende Wendung ein. Es dürfte für Jene, welche den Gang der rumänischen Judenfrage aufmerksam beobachten, von Jntereffe sein, zwei Stimmen von unbestreitbarer Autorität anzuhören, wie fie die Prognose der Regierungsvorlagen Carp's und deren Folgen aufstellen. Die eine ist die Stimme Demeter Sturdza's. des Führers der nationalliberalen Partei in Rumänien, welcher im April 1899 von der Leitung der Geschäfte zu Gunsten der conservativen Partei zurücktreten mußte. In Form einer Bukarester Correspondenz veröffentlichte er in den „Leipziger Neuesten Nachrichten" eine herzzerreißende Klage über die bevorstehenden Verkäufe aller wirlhschaftlichen Güter an die Juden Rumäniens, und das Wiener „Deutsche Volksblatt" vom 27. September l. I. reproducirte sie unter der Aufschrift: „Die beginnende Sequestrirung Rumäniens." Aber schon am folgenden Tage, am 28. September l. I.. bringt die „Neue Freie Presse" eine von Carp inspirirte Correspondenz, die mit Zuversicht den sich gestaltenden Berhältniffen des Landls bei Eröffnung der Kammern entgegensieht. Die in dem antisemitischen Organe enthaltenen Auslaffungen S t u r d z a's lasten sich in folgender Fassung darstell' n: „Nach 22jährigem Kampfe der rumänischen Antisemiten gegen das kapitalistische Judenthum mußten sie endlich capituliren und die Regierung des Landes PeterCarp, dem einzigen Judenfreunde, abtreten. Nachdem C a r p die öffentliche Meinung des In- und Auslandes durch den von ihm provocirten und aufgebauschten Eonflict mit Bulgarien von den Schwächen und Blößen seiner Stellung abzulenken versucht hatte, mußte er nun den Schleier von seiner finanziellen Reformpolitik wegziehen, da er zur Geldbeschaffung die Zustimmung der Kammern benöthigt, welche am 8. Oktober l. I. zusammenberusen sind, in welchen er die Sequestrirung d e s L a n d e s durch dessen jüdische Gläubiger einleiten wird — Diese baben sich so lange willig gezeigt und die Regierungen zu Schuldenmacheu ermuthigt, bis Eantacuzene und I o n e s c u an die Gewalt kamen, die unfähig and leichtsinnig waren, und'statt zu sparen, den wucherischen Gläubigern ein Stück nach dem andern vom Staatshabe verkauften, bis sie, ihrer Stellung überdrüssig, Carp die Nachfolgerschaft übergaben, die dieser übernahm, um die Liqu idation des Königreiches im großen Style weiter zu führen. „Da die großen Geldleute auch Carp nicht mehr Geld borgen wollten, so entschloß sich dieser, anstatt einem geschickteren und erfahreneren politischen Fachmann (Demeter S t u r d z a) das Staatsschiff anzuvertrauen, das zu thun, was er an seinen Vorgängern getavelt. Die antisemitischen Blätter rathcn wohl in letzter Stunde zur Umkehr, ohne Aussicht auf Erfolg. Nach wenigen Jahrzehnten würde keine der alten Einrichtungen mehr rumänisch sein, außer dem grollenden Elende der Kleinbauern in der Ebene und des Hirtenvolkes im Gebirge." Diesem antisemitischen Wehklagen Sturdza's gegenüber stimmt die von Carp inspirirte Correspondenz der „Neue» Freien Presse" vom 28. September in fröhlichen Tönen den Projecten Carp's und den Aussichten des Gelingens entgegen, behauptend: Carp wird die Kammern einberufen, um Gesetzentwürfe vorzulegen, zuerst jene, welche die erschütterte Creditfähigkelt des Landes heben sollen. Bon noch größerer Wichtigkeit versprechen die Gesetze zu werden, die sich auf die Ansiedelung der Fremden und auf ihrRecht, sich daselbst anzukaufen, beziehen. Bis jetzt standen die Gesetze den Juden in den Weg, in Rumänien Besitz zu erwerben. Werden die Regierungsvorlagen Gesetzeskraft erlangen, so verbeffert sich unmittelbar die Lage der Juden im Lande. Es gilt als wahrscheinlich, (?) daß die Kammerm ajorität die Vorlagen an nehmen wird. Würde Carp keine Majorität für seine Vorlagen finden, so hat er vom Könige die Vollmacht zur Auftöiung der Kammern. Der König ist mit ganzem Herze» auf Seile feines reformfreundlichen Ministeriums. Carp dürfte, nachoem er dem Auslande durch seine Gesetzesvorlagen gezeigt hat, daß es ihm Ernst um die Hebung der Creditsähigkeit des Landes s>>, eine Reise nach Berlin und Wien unternehmen, zum Zwecke der Aufnahme einer Anleihe. Es wäre müßig, mit Stur dz a und seinen antisemitischen Trabanten im Auslande zu polemifiren, aber wir können nicht umhin, einige der von ihm angeführten Thatsachen zu berichtigen. 1. Es ist nicht wahr, daß man Rumänien zum Geldborgen verlockte. Schon seit vielen Jahren wurde den rumänischen Versuchen, Geld zu leihen, in Berlin mit großem Mißtrauen begegnet, und dieses Mißtrauen wurde am fühlbarsten den, Ministerium S t u r d z a entgegengesetzt. Bekanntlich war die vom

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